Anderswo. Allein in Afrika

Anderswo. Allein in Afrika – Rezension

Anderswo. Allein in Afrika ist ein faszinierender Film über Anselm Pahnke, den Geopysiker, der die Grenzen des Machbaren erforscht. Auf der Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit, Perspektivwechsel und Einheit mit der Menschheit durch Grenzerfahrung; ein philosophischer Ansatz tatsächlich im Moment zu leben; ein filmatisierter Bildungsroman eines jungen Erwachsenen mit 26 Jahren, der mit zwei Freunden nach Afrika aufbricht, um mit dem Fahrrad den Kontinent zu durchqueren.

Ein Bericht von Dorian Bøyesen

Uganda, Zimbabwe, Sudan, Äthiopien: Die Route ist wagemutig…

Die drei Freunde brechen auf, die Stimmung ist gut, inklusive Frisbeewerfen auf dem Rad. Doch es kommt anders als erwartet, die beiden Freunde teilen eines Abends mit, dass sie die Reise beenden wollen.

Dies führt Anselm zu der Gabelung, entweder  alleine weiter oder aufgeben. Und hier zeigt sich auch die Stärke des Protagonisten und des Films: Rückkehr oder Aufgeben scheint er zwar zu erwägen, aber der Reiz doch noch weiter vorwärts dem Willen auf dem Rad freien Lauf zu lassen, macht diese Doku so beeindruckend. Es ist der Kampf eines Athleten mit sich selbst, immer weiter die Grenze des Möglichen zu erkundschaften. Um ihm bei der Entscheidung zu helfen, bittet er seinen Vater, ihn eine Strecke lang zu begleiten. Hier bekommt man auch eindrucksvoll den Hintergrund, die Erziehung des Protagonisten zu spüren: die Natur zu schätzen, und dass man seine Träume und Visionen stets verfolgen sollte.

Nachdem der Vater wieder abreist, ist es wieder die Einsamkeit, die den Tag bestimmt, doch aufgetankt und guten Mutes macht er weiter. Durch Dörfer sieht man ihn radeln, mit Cholera und Typhus kämpfend. Es ist in gewisser Weise ein Roadmovie, das mich an das Buch “Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten” erinnert, bloß ist es eben das Fahrrad. Es beschreibt meditativ auch die Hindernisse: Versorgung, einen Platten, die verschiedene Witterung auf der Strecke. Wer fünf Meter in Schlamm oder Sand mit Fahrrad mal gefahren ist, kann sich ungefähr vorstellen, welche körperlichen Anstrengungen hier dokumentiert werden.

Und doch bekommt man Einblick in die Gastfreundschaft der Leute, die Neugierde, die Kreativität, mit der Kinder Spielzeugmobile bauen, aus scheinbar nix als Schrott und damit ein faszinierendes Universum erschaffen.

Erst gibt es einen Native African, der mit seinem Rad eine Strecke mit ihm fährt. Da ist dann auch ein Kollege aus Europa, der mit Solarenergie arbeiten, der ihn einige Tage begleitet. Meistens aber ist der Anselm tatsächlich alleine.

Am Suezkanal wird er dann auch von Grenzpolizisten vom Fahrrad gestoßen und nach der Vorstellung erfahren wir auch, dass die Festplatte nur “überlebt” hat, weil sie unter dem Sattel eingenäht war und somit versteckt war, sonst wäre kein Filmmaterial von der Reise da. Der Grund für die rabiate Verhaftung: Verdacht auf Spionage.

Die andere Situation ist ebenso brenzlig. Weil er auf sein Visum nach Äthiopien wartet und einige Fotos macht, bekommt er Ärger mit zwei Sheriffs/Rangern, der eine findet dann Gefallen an seiner Uhr, und somit wird das statt des Bußgeldes einbehalten. So lernt man in der Doku, dass Afrika sowohl mit Fröhlichkeit und Lebendigkeit glänzt, jedoch auch Armut sichtbar ist, die Menschen auf der Reise aber durchweg herzlich erscheinen, Musik und Bewegung und Neugier für den Fremden auf dem Rad prägen das Bild von Afrika.

So meinte ein Kinobesucher in Kiel nach der Vorstellung, es würde nicht “sein” Bild von Afrika widergeben, von seinem Heimatland, worauf Anselm antwortet, es wäre aber das, was er von Afrika sah, absolut authentisch. Nun ist Afrika ja auch so vielfältig, dass es schwierig ist, alles in einer Doku festzuhalten. Ein Markt und eine Stadt sind zwar zu sehen, jedoch besticht der Film eher durch Straßen und Feldwege, wo tatsächlich nur die Landschaft sich ändert, durch mitlaufende, und radelnde Einwohner, und durch ein Panorama an Bildmaterial, das ein sehr farbenreiches Afrika und sehr viele Kinder und Jugendliche, die unter ganz anderen Umständen aufwachsen, abbildet: stets neugierig, stets in Bewegung, im hier und jetzt, in der Gegenwart.

Der Film wirkt auch sehr Do-it-yourself-artig, sicherlich weil die Reise ursprünglich mit drei Leuten geplant war: “Ich habe die Reise selbst gefilmt. Ich habe meine Kamera immer wieder aufgestellt, um an ihr vorbeizufahren. Um besondere Aufnahmen zu kreieren, musste ich kreativ und erfinderisch werden. Neben meinem Stativ waren Bäume, LKWs und Eselskarren meine Helfer. Bei einigen Gelegenheiten habe ich die Kamera auch Menschen auf der Straße in die Hand gedrückt, die ebenso Freude daran hatten.”

Anderswo allein in Afrika

Eine Spannungskurve oder einen Plot gibt es demnach nicht wirklich. Es gibt Täler, und manche wirken länger, aber danach ist auch ein Horizont, und so beschreibt Anselm seine Erfahrung und auch seine Motivation der Reise, als Sinnbild für das Leben.

Es hat schon etwas sehr nahbares, wenn man aus dem Kino geht, und während man draußen steht, um frische Luft zu schnappen, kommt plötzlich der Anselm so agil und leicht daher mit seinem Fahrrad, als wäre er direkt aus der Leinwand gesprungen, und eilt die Treppe hoch zum auf ihn wartenden Kinopublikum. So bekommt man durch die Präsentation nach dem Film auch die Gelegenheit Fragen zu stellen und besondere Anekdoten zu erfahren, z.B.

… dass er Lesoto besonders spannend und gut fand

… mehrere Ladungen gebrauchte Fahrräder von Hamburg aus nach Afrika schickte

… dass der Elmshorner seine Wohnung in Hamburg auflöste und sich ein Fahrrad kaufte

Anselm fährt so mit wiederaufladbarem Akku. Es ist ein Film für Fahrradliebhaber, und der Kontakt mit den Communities kommt manchmal zu kurz im Film. Dennoch sind es faszinierende Bilder und ein “On The Road Movie”, das nix versteckt, inklusive die Lösung für Verstopfung unterwegs oder wie man einen Reifen zusammennäht. Ob bei Cholera oder anderen Sorgen: Anselm wird aufgenommen und erfährt Gastfreundschaft, von Menschen, die kaum etwas Materielles besitzen. Ich glaube, dass uns die Doku das auch lehrt, Glücklichsein bedarf nicht viel, und Gemeinschaft ist wichtig.

Tatsächlich hatte Anselm danach kein Bedürfnis mehr seine Erfahrungen filmisch festzuhalten und die Reise ging weiter, über Asien nach Australien, drei Jahre war er insgesamt unterwegs. Das Fahrrad, mit dem er zum Studiokino kam, nachdem die Deutsche Bahn Verspätung hatte, misst über 55.000 km auf dem Tacho. Und es ist immernoch dasselbe Fahrrad, das er damals gekauft hat.

Damit ist der Film eigentlich eine Lebenseinstellung, eine Ode an den Minimalismus, eine Philosophie, und ein beispiellose Verwirklichung des Sprichwortes: “Der Weg ist das Ziel”.

Mehr Infos und Tour mit Anselm: https://www.anderswoinafrika.de/

Andere Rezensionen: http://www.kn-online.de/Nachrichten/Schleswig-Holstein/Neuer-Kino-Film-mit-Anselm-Pahnke-Ein-Schleswig-Holsteiner-in-Afrika

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