Armenien und die Freie Klasse Film

Die Freie Klasse Film der Muthesius Kunsthochschule Kiel zeigte am 15. Januar einen Einblick in die Ergebnisse einer Exkursion nach Armenien und Georgien. Die Werke zeigen Eindrücke, Inspirationen und Zwischenergebnisse. So lag der Fokus nicht auf fertigen Filmen, sondern auf einem Einblick in die Arbeitsweisen und Prozesse, in denen sich das aufgenommene Material noch befindet. Die Arbeiten geben auf unterschiedliche Art und Weise die Kultur, Architektur und Geschichte Armeniens und Georgiens wieder und zeigen auch, dass jeder Studierende der Filmklasse in der Entwicklung eines eigenen Stils ist.

Bericht Dorian Bøyesen

Vivian Sprung – „Տպավորություններ“ (Kurz-Dokumentarfilm)

Der erste Kurzfilm zeigt die Arbeit von Vivian Sprung, die im dritten Semester zu den jüngsten Mitgliedern der Filmklasse gehört. Man bemerkt, dass die dokumentarischen Bilder noch am Suchen und Ausprobieren sind. Der Film zeigt die Kultur Armeniens sowie Dialoge der reisenden Filmschaffenden mit einer beeindruckenden Sound-Kulisse. Das Besondere für die Filmemacherin ist, dass sie ohne Thema an die Produktion herangegangen ist und so sehr spontane Impressionen der Reise entstanden sind.

Marlene Johanna Bruhn – Unschuld

Der zweite Film von Marlene Johanna Bruhn „Unschuld“ ist ein Experimental-Film im Schwarzlicht gehalten. Der Film ist zwar nicht direkt in Armenien gedreht worden, doch inspirierten Marlene Folklore und ein Granatapfel zu den Bildern. Der Granatapfel steht für Fruchtbarkeit und Weiblichkeit.

In kaleidoskopischen Eindrücken unter Technobeats erinnert der Film an einen Trip, auf dem die Eindrücke auf den Zuschauer einprasseln. Es entsteht eine Atmosphäre der erotischen Düsternis, die etwas ganz Neues erkennen lässt, auch wenn sie teilweise an die Ästhetik eines Musikvideos angelehnt ist.
„Mein Ziel war es, auf Marienbildnisse abzuzielen und die formierte Unschuldsweiblichkeit in Frage zu stellen”, erklärt sie im anschließenden Interview.

Daria Kovalenko – „Khachkars Göttliche Siegel“

Der dritte Film beschäftigt sich mit einem Steinmetz, der Kreuzsteine herstellt, eine Eigenheit der armenischen Kultur. Der ehemalige Modedesigner leitet eine offene Werkstatt, in der Menschen zu Gott finden können, in freier Entfaltung des Handwerks. Es ist eine Ode an den Minimalismus, mit einer Steinmetzkunst als taoistische-meditative Lebenseinstellung. Damit repräsentieren die Kreuzsteine die starke Religiosität des Landes. Wenn auch nicht materiell wohlhabend, dann doch im Spirituellen reich.

So führt der Film ein: „Durch die verschiedenen Kriege hat das Land viel Fläche verloren und dadurch keinen Zugang zum Meer. Dort lebt ein großer Glaube und ein spiritueller Geist in den Menschen und dies ist das größte Gut dieses Landes. Ich hatte das Glück, dort mit einer Person zu sprechen, die aus einem gewöhnlichen Tuffstein ein Objekt von spiritueller Bedeutung macht. Sein Name ist Vazawdad, aber die Leute um ihn herum nennen ihn einfach Meister.”

Die Steinkreuze sind ein Symbol, der Meister ist bescheiden, kein Bildhauer, ein Handwerker, der die Arbeit von Generationen fortsetzt, schon lange bevor das Kreuz ein Symbol des Christentums war.

So regt der Film zum Nachdenken darüber an, inwieweit diese eher monoton anmutende Arbeit Menschen mit tiefer Bedeutung erfüllt und uns lehrt, dass Freiheit und Erfüllung in den einfachen Dingen liegen können.

Laura Carlotta Cordt – Gor

Als dokumentarischer Kurzfilm überzeugte auch der Film von Laura Cordt. Er ist der Beginn eines dokumentarischen Langfilms, der als Masterarbeit angefertigt wird. Eher durch Zufall geriet Laura Cordt mit ihrem Protagonisten in eine Demonstration, die in den darauffolgenden Tagen den Rücktritt des Ministerpräsidenten zur Folge hatte. Gor Margaryan selbst ist Armenier, der inzwischen in Kiel lebt und die Videowerkstatt der Muthesius leitet.

Politische Gegebenheiten werden dokumentarisch durch Gor festgehalten, der authentisch und eindrucksvoll die Kamera als Moderator und Übersetzer leitet und die protestierenden Landsleute über ihre Beweggründe und Wünsche befragt. Die Kamera immer dicht bei ihm, während ein Hauch von Revolution durch die Straßen fegt, die sehr friedlich bleibt. Man spürt den Wunsch nach Veränderung bei jedem der Interviewten. Es geht um Korruption und den Wunsch nach freien Wahlen.

Arturo Sayan – #Maestro95

Maestro95 ist eine Hommage an den Regisseur Paradschanow und ebenfalls noch im Prozess. Das Spiel mit den unterschiedlichen Stilmitteln (Theater, 16mm, Digitalfilm, Making-Of), die als Metaebenen daherkommen machen diesen Film so interessant.

Hier wird das Filmgenre deutlich in Richtung Theater oder Mise en Scène gerückt und die Zuschauenden in eine Metaperspektive auf die Produktion des Films verlagert. Ausdruck und Mimik ergeben dadurch ein Gesamtkunstwerk. Es ist oder wird wie Arturo anmerkt „ein halb Dokumentar, halb Spielfilm. Ich zeige als Filmemacher meine Ansicht bzw. wie ich den Regisseur Paradschanow sehe.“

Da sieht man z.B. die Super-8-Kamera und die mit ihren Gesichtszügen an eine Theater Diva anmutende Schauspielerin Lusine, die zusammen mit ihren Schauspieler-Kollegen Eren und Hamid eine Atmosphäre von Lust und Sinnlichkeit kreieren, alles festgehalten durch den Granatapfel, der wollüstig verspeist wird. Ein Tribut an die Sinnlichkeit, die Liebe und den Prozess des Filmemachens. Der Ausdruck scheint hier in etwas Sphärisches überzugehen, transzendiert quasi die Leinwand, wird Dichtung in Bewegtbildern, wird zeitlos.

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Bilder: Marlene Bruhn

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