MEINE LIEBEN ZUHAUSE (D 2014, Urte Alfs)

Alles begann mit 80 Postkarten, die die Filmemacherin Urte Alfs in einem Berliner Trödelladen fand. Sie machte sich auf die Reise und sammelte Bilder von den Ferienorten, in denen sich die Absender aufgehalten hatten. Die Zuschauer auf dem Filmfest Schleswig-Holstein erwartete eine überraschende Interpretation des Materials.

 

Bericht von Jessica Dahlke

Inhalt von MEINE LIEBEN ZUHAUSE

Auf den Spuren der Familie Matzat reiste die Filmemacherin Urte Alfs im Sommer 2013 durch die Ferien- und Kurorte der ehemaligen DDR. Geleitet von 80 Postkarten, geschrieben von vier Generationen in der Zeit von 1953 bis 1990. Aus den Fragmenten entstand das Portrait einer Reise, einer Familie und eines Landes im Verschwinden.

Die Kunst der Banalität

Was tut man, wenn man die Postkarten einer linientreuen DDR-Familie findet? Richtig, man macht einen Film daraus. Oder besser nicht? Es würde Sinn machen, wenn das Leben dieser Familie ihre Höhen und Tiefen hätte. Oder die Reihe der Nachrichten ein überraschendes Ende. Wenn es etwas gäbe, was die Zuschauer aus dem Film mitnehmen würden. Wenn es Witz hätte.

Widerspricht der Filmemacher gängigen Konventionen des Geschichtenerzählens, dann ist das für gewöhnlich avantgardistisch. Das gilt natürlich nur dann, wenn die Regeln der Dramaturgie bekannt sind und der Künstler sie gewitzt umspielen kann. Der Grad ist schmal zum peinlichen Dilettantismus. Und so strotzt der Film „Meine lieben Zuhause“ so voller Banalität, dass er für den Zuschauer spätestens nach 10 Minuten zur Folter wird. Aber immerhin hatte die Filmemacherin ja schon in ihrem Kurztext davor gewarnt: „Der Film ‘Meine Lieben zu Hause’ erzählt nicht. Er zeigt die Orte, von denen sich eine Familie Ansichtskarten schrieb … Er lässt Raum zum Abschweifen – und Zeit zum…“ Wegträumen. Äh, nein „Träumen.“ Und so wartet man vergeblich auf die Pointe, den Höhepunkt, ein Geheimnis, irgendwas. Doch da ist absolut nix.

40 Minuten Durchhalten

Der Film „Meine lieben Zuhause“ funktioniert wie ein Ausstellungsfilm, den man teilweise noch heute in den Museen finden kann. Der einzige Unterschied ist nur, dass man eben nicht mit einem wissenden Nicken auf die Stopptaste drücken kann, wenn man davon genug hat. Man ist gefesselt von seinem Anstand oder von zu vielen Sitznachbarn, die man nicht um Entschuldigung fürs Vorbeidrängeln bitten will.

Wie dieser Film es auf das Filmfest Schleswig-Holstein geschafft hat und am Ende auch noch einen Preis gewinnt, bleibt schleierhaft und hat bei vielen Zuschauern für Unverständnis gesorgt. Vielleicht ist es der bleiernden Schwere des Films geschuldet, die die Jury in einen traumartigen Zustand versetzt hat, der dann mit einem Film verwechselt wurde. Man weiß es nicht. Filmfeste mit Skandalen sind gut … ja eigentlich … aber muss es ein Postkartenfilm sein?

Die DDR war nur romantisch und schön?

Interessant ist zudem die Naivität, mit der Urte Alfs dieses geschichtsvergessene Machwerk geschaffen hat. Auch im Interview kann sie sich eine gewisse Geschichtsromantik über den Unrechtsstaat DDR nicht verkneifen. Immerhin sei, sagt sie, die Wiedervereinigung „eine merkwürdige Annektion durch den Westen“ gewesen. So wundert es auch nicht, dass jegliche politische Distanzierung oder sogar Kritik an der Familie, die immerhin das Unrecht an Andersdenkenden geduldet hat, fehlt.

So versuchen die Zuschauer vergeblich auf einer der Postkarten, auf der der Verfasser eine Lücke im Text mit drei Punkten markiert hat, so etwas wie eine Rebellion, eine Geheimbotschaft zu finden. Einen Sinn hinter diesem Film, der nichts tut, als einfach nur zu existieren. Dafür sollte das Filmfest SH keine Plattform sein.

MEINE LIEBEN ZUHAUSE
Urte Alfs
Deutschland 2014
40 Minuten

Dennis Albrecht: Mit Indieserien alte Strukturen aufbrechen

Eine tolle Idee, aber bei Sendern und Produktionsfirmen gibt es nur ein müdes Lächeln dafür, weil das Drehbuch nicht ins Schema passt. In Deutschland können Serienautoren von himmlischen Zuständen wie in Dänemark (Borgen) oder den USA (Breaking Bad) nur träumen. Denn in diesen Ländern haben die Macher größtenteils freie Hand bei der Produktion ihrer Serie. Hierzulande bleibt das weiter eine Utopie. Doch mit den Möglichkeiten des Internets ändern sich auch die Bedingungen für Filmemacher wie Dennis Albrecht, der seine eigene Indieserie „Filmstadt“ produziert. Wie man ohne Sender eine Serie dreht und wie ihr innovative Formate unterstützen könnt, lest ihr in diesem Interview.

Bericht von Jessica Dahlke

 

Zunächst die Frage: Warum eine Independent-Serie machen, mit der man nichts verdient?

Weil das die einzige Chance ist, seine Träume zu erfüllen. In Deutschland gibt es kaum eine Gelegenheit, in gute Serien hineinzukommen. Es gibt einfach zu wenige. Da rafft man irgendwann lieber sein Geld zusammen und versucht es selbst. Mit kleiner Technik, vielen Helfern und viel Kraft gelingt das vielleicht auch. Aber dann hat man wenigstens etwas gegen die Misere getan und heult nicht irgendwo in der Ecke, wie schlecht doch alles ist.

 

 

Wie ist die Idee zu Filmstadt entstanden und warum ist es euch wichtig, diese Serie zu machen?

Die erste Folge entstand aus der Tatsache heraus, dass sich 2011 mein halber Freundeskreis nach Berlin verabschiedete. Viele haben in den Medien gearbeitet und ich habe mich gefragt, was an der Filmstadt Hamburg nicht stimmt. Dadurch habe ich erste Biographien und Anekdoten aus der Branche unterhaltsam und fiktiv nacherzählt. Die Serie „Filmstadt“ ist dadurch ein Sprachrohr für die Branche geworden und geht nach Außen, wie auch nach Innen. Außen sollen Menschen mitbekommen, was wir für ihre Unterhaltung alles durch machen, nach Innen wollen wir selbstkritisch unsere Arbeit hinterfragen und auch über uns lachen können. Die letzten Punkte funktionieren zur Zeit sehr gut.

 

 

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Offenen Kanälen wie TIDE und Alex und warum sendet ihr nicht einfach nur auf Youtube?

Wir nehmen jedes Angebot an, um bekannter zu werden. Denn wir haben mit der „Filmstadt“ ein kleines anspruchsvolles Format geschaffen, das eher zu Arte Creativ gehören könnte. Da kommt es vielleicht auch irgendwann hin, aber dort wird es vielleicht auch nicht so einfach entdeckt. Wir haben keine youtube-Stars, die das sofort automatisch durch alle Netze jagen. Wir haben TV-Schauspieler, die mal anders spielen möchten. Das gilt es zu entdecken. Wir „verschenken“ die Serie an jeden Sender und an jede Plattform, die sich dafür interessiert. So sind wir bis nach Österreich gekommen, mit OktoTV und demnächst auf Oeins in Oldenburg, sowie netfall.tv und CiNENET im Internet.

Denkst du, dass Filmemacher in Zukunft auch ohne feste Produktionsverträge von Independent-Serien leben können?

In näherer Zukunft sehe ich das leider nicht. Wir müssen noch eine Zeit lang idealistische Kraft dafür aufbringen, um überhaupt ein „cooles“ Image für WebSerien und IndependetSerien aufzubauen. Daran arbeiten wir jeden Tag. Es wird bald Festivals geben, wie DIE SERIALE in Gießen (Hessen) vom 12. bis 13. Juni, die sich z.B. nur auf deutsche, unabhängig produzierte Serien konzentriert und das innovativste Format auszeichnen wird. Es muss attraktiv werden, das Internet nach unseren Serien zu durchstöbern, dann können wir vielleicht irgendwann etwas Geld damit zurückholen.

 

 

Welche Rolle spielt Crowdfunding dabei? Wie kann man euch unterstützen?

Crowdfunding könnte eine Säule dafür sein. Auch Product Placement wird diskutiert, obwohl man Gefahr läuft, sich zu verkaufen. Die Freiheit könnte eingeschränkt werden. Ich würde gerne in Zukunft einen Förderverein für IndieSerien gründen. Dort könnte ein Gremium innovative Serienformate unterstützen. Denn selbst die Filmförderanstalten denken teilweise noch in so alten Mustern, dass sie einfach keine oder sehr wenige Fördertöpfe für uns haben. Dabei bricht gerade eine Welle los. Es gibt so viele Projekte und tolle Ideen. Deshalb mein Tipp. Geht einfach mal auf die Crowdfunding-Plattformen und schaut euch dort um. Und wenn ihr keine Serie findet, die euch zusagt, dann unterstützt etwas anderes. Kämpft für den Erhalt von Kultur – das „normale“ Fernsehen kann das leider kaum liefern.

„Zeile für Zeile“ | Interview mit den Filmemachern

Viola Rusche und Hauke Harder stellten auf dem Filmfest Schleswig-Hostein ein faszinierendes Portrait des Komponisten Ernstalbrecht Stiebler vor. Das Interview mit Felix Zimmer und die Rezension könnt ihr hier nachlesen.

Felix Zimmer
Das Stück, das wir gehört haben: War das 12-Ton-Musik, 4-Ton-Musik oder 2-Ton-Musik?

Hauke Harder
Gezählt habe ich die Tonhöhen nicht, aber im Wesentlichen geht es im Film um Tonintervalle und das Prinzip der Reduktion und der Wiederholung. Hier handelt es sich um reduziertes Material, das umspielt wird. In diesem Fall Quaten, die viel umspielt werden.

Zimmer
Das Spiel ist für nur ein Cello geschrieben worden? Nein, oder?

Harder
Das Stück ist eigentlich für drei Celli geschrieben, aber es wird meistens mit einem Cello und einem Zuspielband gespielt. Hier kommen zwei Cellostimmen vom Band.

Viola Rusche

Viola Rusche
Ja, die Cellistin hat alle Spuren selbst eingespielt und sie spielt sozusagen mit sich selbst.

Zimmer
Das ist also so ein Loopgerät.

Harder
Nein, das ist kein Loopgerät. Solche Stücke macht er auch, aber in diesem Fall sind die zwei Stimmen schon vorproduziert und sie spielt die dritte Stimme live.

Zimmer
Der Komponist heißt Ernstalbrecht Stiebler. Kann man sagen, dass er für neue Musik steht?

Zeile für Zeile

Rusche
Ja, auch. Musik ist ja ein riesiger Begriff, auch die neue Musik unterteilt sich nochmal in verschiedene Bereiche. Er macht Musik wie wir sie heute im Film gehört haben.

Zimmer
Wie kam es zu der Idee über ihn einen Film zu machen?

Harder
Ich bin mit Ernstalbrecht seit 1988 befreundet und wir beide vertreten einen ähnlichen musikalischen Stil. Damit sind wir in Deutschland mit unserer Musik eher abseitig. Da fand ich es zu seinem 80sten Geburtstag lohnenswert, einen Film über ihn zu machen.

Zimmer
Also hat er sich zum 80sten Geburtstag eine Kahnfahrt gewünscht?

Rusche
Nein, die hat er schon zum 70sten bekommen. Das ist auch nicht direkt ein Geburtstagsfilm. Wir machen gerade eine Reihe von Komponisten-Portraits. Zum Beispiel haben wir auch einen über einen amerikanischen Komponisten gedreht.

Zimmer
Wie heißt der?

Rusche
Alvin Lucier. Der Film wurde hier auch aufgeführt, vor zwei Jahren. Und jetzt dieser und dann gibt es noch einen dritten Film über einen japanischen Komponisten. Wir wollen die Zuschauer in Welten eintauchen lassen, die man sonst nicht sieht oder hört. Für das Fernsehen ist es meist zu speziell und deshalb ist es super, dass die Filmförderung so etwas fördert, denn das sind Geschichten, die eher am Rand stehen und besonders sind. Genau dafür ist Filmförderung da.

Zimmer
Und wo wird solche Musik aufgeführt? Eher in einem großen Konzertsaal mit einer Philharmonie oder als Kammerkonzert?

Harder
Das hängt vom Veranstalter ab. Ich hab auch selbst zehn Jahre eine Konzertreihe gemacht, zum Beispiel in der Stadtgalerie. Natürlich wird so etwas eher nicht in großen Sälen aufgeführt, das sind eher kleine Sälen. Aber auch das ist grundsätzlich denkbar.

Hier geht es zur Rezension von „Zeile für Zeile“ auf infomedia-sh.org

Der Fährmann und seine Frau (D 2015, Johanna Huth)

Von Hobbits und Generation Maybe

Zwei Hähne krähen um die Wette, erst der eine, dann der andere, dann wieder… ach, ein schier endloses Hin und Her. Gut, es sind zwei Hähne und nicht Hahn und Henne, aber dennoch versinnbildlichen sie in dieser Szene aus Johanna Huths Dokumentarfilm „Der Fährmann und seine Frau“, der auf dem Filmfest Schleswig-Holstein seine Premiere feierte, ganz wunderbar die Protagonisten des Films. Denn ja, auch der Fährmann Günther und seine Frau, beide Ende 70 und rund 40 Jahre verheiratet, zanken sich gern und oft. Na, zumindest oft, geradezu fortwährend, tagein, tagaus. Und doch bilden sie eine liebevolle Einheit, die nichts auseinanderbringt.

Ein minimalistisches Leben

Irgendwie abseits von allem leben die beiden in ihrem kleinen Häuschen am Ufer der Elde (nein, nicht der „Elbe“) inmitten der Felder und Wälder des südwestlichen Mecklenburg-Vorpommerns. Bis zur anderen Seite des Flusses ist es kaum mehr als ein Steinwurf. Seit 70 Jahren bringt Günther mit einem kleinen Boot seine „Reisegäste“ hinüber, wie zuvor sein Großvater. Das ist es, was er tut, schlicht und einfach. Seine Frau kümmert sich um den Haushalt. Ansonsten gibt es für die beiden noch den sehr überschaubaren Hof zu bewirtschaften. Mahlzeiten vorbereiten, das Schwein und die Hühner und Katzen versorgen – ihr Alltag ist von gnadenloser Beschaulichkeit. Ein für uns extremer Minimalismus, eine Lebensführung, auf die das Leben da draußen – das Leben, wie wir es kennen – keinerlei Einfluss zu haben scheint. Die Kamera ist bei all dem im Grunde einfach dabei, fängt dieses Leben ein – kommentarlos, was gut funktioniert. Denn was wir sehen, spricht wunderbar für sich.

 

 

Eine fremde Welt – und Tommy das Schwein

Apropos „das Schwein“. Im Stall der beiden haust das Schwein Tommy, von der Frau geliebt, als wäre es ihr Kind. Tommy ist gleichermaßen überaus niedlich und überaus hässlich. Er macht die sonderbarsten Grunzgeräusche. Die Kamera muss nur draufhalten, und wir lachen uns bezaubert kaputt, nach dem Motto: Wie cool ist das denn?!

Voller solcher kleiner, skurriler Wunder scheint hier alles. Irgendwie haben wir eine andere Welt als unsere eigene vor uns, eine andere Interpretation des Lebens. Und doch wissen wir, natürlich ist diese Welt irgendwie doch Teil unserer Welt. Nur fehlt hier vieles, ist alles so anders, so reduziert. Ursprünglich? Nun, zumindest finden wir hier viel Schönheit in einfachen Dingen. Wir können abgleichen – oder einfach nur genießen. Denn zurückkehren in unsere Welt werden wir ja ohnehin. So schön hier vieles auch ist, diese Reduzierung und extreme Entschleunigung ist eben doch nicht ganz die Welt, die wir als die unsrige kennen und uns auf Dauer wünschen. In der Welt des Fährmanns und seiner Frau sind wir – wie das Filmteam – in der Tat nur zu Besuch.

 

 

Ein Gegenpol zu Generation Maybe

Hier am Flussufer ist alles und bleibt alles, wie es ist, seit Jahrzehnten. Günther und seine Frau bilden eine untrennbare und unwandelbare Einheit. Der absolute Gegenentwurf zu Generation Maybe. Entsprechend regt die Konfrontation mit dieser kleinen Welt der totalen Beständigkeit zum Hinterfragen des Lebens in unserer sich stetig wandelnden Welt der tausend Möglichkeiten an. Sicher, wir sehen hier einen Extremfall, ein Leben, das nur eine einzige Möglichkeit kennt. Aber gerade darin findet sich wiederum ein anregender Gegenpol.

Wie Hobbits im Auenland

Ein großes Plus dieser Dokumentation ist der Humor, der sich automatisch aus ihren Protagonisten ergibt. Allein schon der Umgang der beiden mit Günthers Schwerhörigkeit führt immer und immer wieder zu herrlich kauzigen Wortgefechten, die kein Drehbuchautor hätte besser niederschreiben können, als dieses Paar sie einfach automatisch „produziert“. Die beiden lustigen Streithähne sind einfach, wie sie sind, kennen es nicht anders. Vor allem kennen sie eben nicht „unsere“ Welt, aus ihrer Sicht die Welt da draußen. Sie leben wie zwei Hobbits in ihrem kleinen Auenland am Flussufer, ohne sich um andere Dinge als ihre immer gleichen, schlichten Alltäglichkeiten zu kümmern.

 

 

Winterschatten

Der Film begleitet sie durch alle Jahreszeiten und schließt im Winter – wehmütig. Symbolisiert wird hier nicht nur der Winter des Lebens des Fährmanns und seiner Frau, sondern darüber hinaus auch der Winter, das nahende Ende, einer eigenen kleinen Welt und Lebensweise an diesem kleinen Fleckchen Erde in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Sinnbild auch für das nahende Ende aller Beständigkeit in unserer Vielleicht-Welt? Passt sie einfach nicht in unsere Welt und muss daher vergehen? „Maybe“?

Fazit

Johanna Huth und ihre Mitstreiterinnen nehmen uns mit auf eine höchst amüsante Reise in eine fremde Welt der Schlichtheit und unwandelbaren Beständigkeit kurz vor ihrem Untergang – und sie lassen uns über unsere eigene Welt nachdenken.

DER FÄHRMANN UND SEINE FRAU
Deutschland 2015
Buch und Regie: Johanna Huth
Produktion: Johanna Huth, Julia Gechter
Ton: Julia Gechter
Kamera: Miriam Tröscher, Julia Gechter
37 Min.

Bericht: Benjamin Bräuer

Die letzten Wikinger – Fischer in Norwegen

Inspiriert von Johan Bojers Roman über Fischer, die seit Jahrhunderten im Winter zu den Lofoten-Inseln fahren, um dort Kabeljau zu fangen, macht Polarforscher Arved Fuchs sich auf, die letzten Wikinger im hohen Norden aufzuspüren. Regisseur und Kameramann Tim Frank aus Hamburg begleitete für seinem ersten großen Dokumentarfilm den Polarforscher und seine Crew an Bord des Expeditionsseglers Dagmar Aaen mehrere Monate lang, um die letzten Wikinger zu porträtieren.

Bericht von Benjamin Bräuer

Eine gefahrvolle Vergangenheit

Mit Arvid Fuchs und der Crew begeben wir uns auf die Spuren der frühen Fischer und ihres gefahrvollen Kampfs mit den Elementen. Wir begegnen dem Bootsbauer Gunnar, der Boote auf traditionelle Weise fertigt und einiges über das beschwerliche Leben der früheren Fischergenerationen zu berichten weiß, für die der Tod auf See noch allgegenwärtig war. Der Fischer Roy klärt uns über das Gold des Meeres auf. Denn Norwegen hat die größte Stockfischproduktion der Welt.

 

 

Politische Herausforderungen

Auch geht der Film en Detail auf politische Herausforderungen hinsichtlich der Fischerei in Norwegen ein. Wir erfahren etwas über die Hintergründe zum Senknetzverbot in Norwegen und zur dortigen Pflicht, allen Beifang zu verwerten. Wir finden heraus, warum heute immer weniger norwegische Fischer immer mehr Fische fangen müssen und was für Auswirkungen auf die Fischpreise und die Zukunftsperspektiven der Fischer damit verbunden sind.

 

 

Voller Einsatz beim Dreh auf der Dagmar Aaen

„Die letzten Wikinger“ ist in jeder Hinsicht professionell gemacht, ganz im Stile einer hochwertigen TV-Dokumentation. Dabei waren die Drehbedingungen alles andere als einfach. Kälte, Dunkelheit, Wind und hohe Luftfeuchtigkeit sorgten für einen überaus fordernden Cocktail. So fand Arvid Fuchs im Anschluss an die Vorführung beim Filmfest Schleswig-Holstein besondere lobende Worte für Kameramann und Regisseur Tim Frank: „Es ist wirklich keine Selbstverständlichkeit, jemanden zu finden, der unter diesen Gegebenheiten … auch noch wirklich so arbeiten kann, und wenn man … sieht, wenn jemand dann bei diesem Wetter und Eis da oben in der Takelage rumturnt, um da irgendwo kleine Kameras, GoPros, irgendwie zu positionieren, dann guckt man schon hoch und sagt: ‚Hoffentlich geht das alles gut.‘ Aber auch irgendwo so dieser Respekt: ‚Donnerwetter! Der hat’s einfach drauf!‘“

 

 

Planung und Spontanität: eine Symbiose

Tim Frank erläuterte dem Publikum im prall gefüllten Saal, dass es zwar einen roten Faden gab, was man abfilmen und erzählen wollte, dass sich aber im Laufe der Reise vieles auch spontan ergeben habe und sich so beides, Planung und Spontanität, als elementar wichtig erweisen sollte.

 

Fazit

Wer gut gemachte Dokumentationen mag und vielleicht sogar noch eine Vorliebe für den rauen Charme Nordskandinaviens mitbringt, kommt bei den letzten Wikingern voll auf seine Kosten.

DIE LETZTEN WIKINGER – FISCHER IN NORWEGEN
Deutschland 2014
Kamera, Buch und Regie: Tim B. Frank
43 Min.

Kurzfilm Prinz Willy

Der Dokumentarfilm gibt einen Einblick in das Leben von Willy, der mit seinem Laden „Prinz Willy“ ein Stück Musikkultur in der Stadt Kiel wahren will. Der Kurzfilm ist im Rahmen eines Semesterprojektes des Studienganges Multimedia Production der Fachhochschule Kiel entstanden.

PRINZ WILLY
Johanna Jannsen & Rika Bergmann
Dokumentarfilm
2015
13 Minuten

„A strange place called earth“ | Interview mit den Filmemacherinnen

Im Sommer 2014 drehte Jackie Gillies mit ihrem Team den Kurzfilm „A strange place called earth“ im Kieler Anscharpark. Der SciFi-Film ist eine zweite Version des einige Wochen zuvor entstandenen Kurzfilms „Aground: Terra 9629“. Auf dem Filmfest Schleswig-Holstein standen Gillies und Mitautorin Kristin Danger dem Moderator Felix Zimmer Rede und Antwort.

Felix Zimmer
Kommt dir die Welt manchmal so strange vor, als würdest du sie aus den Augen eines Astronauten sehen?

Jackie Gillies
Ja, manchmal durchaus. Ich hab mir abgewöhnt die Nachrichten zu gucken, weil die mich immer ein bisschen traurig machen.

Zimmer
Weil gerade so viel Schreckliches in der Welt passiert?

Gillies
Nicht nur jetzt, eigentlich immer.

Zimmer
Und jetzt gerade besonders. Wann ist der Film entstanden?

Gillies
Im Sommer 2014 haben wir im Anscharpark gedreht. In Kiel Wik. Der ganze Prozess ging etwa von Mai bis November.

Zimmer
Die Shopping-Queens mutieren langsam zu Shopping-Zombies. Ist das Konsumkritik? Das Ende des Wachstums?

Gillies
Ja genau. Im Grunde hat jede dieser Szenen viel Gesellschaftskritisches an sich. Wie man gesehen hat, sind die Tüten leer.

Kristin Danger
Ja, sie versuchen diesen Hüllen herzujagen. Es geht darum, dass das Glücksversprechen heute an den Konsum gekoppelt ist und das ist einer der Aspekte, an dem man sehen kann, dass unsere Gesellschaft gerade im Zerfall ist. Bei manchen Sachen ist es wichtig umzudenken und sich diesen Problematiken bewusst zu werden.

Zimmer
Und deshalb auch der traurige McDonalds-Clown?

Danger
Ja genau. Die Frage ist die nach Nachhaltigkeit und der Beeinflussung von Global-Playern. Wie wirkt sich das zum Beispiel auf unser Essverhalten aus und unsere Gesundheit. Oder wenn man sich die erste Szene mit der Putzfrau anschaut, die Ausbeutung von Niedriglohn-Verdienern und der Verlust von zwischenmenschlichen Bindungen. Wir haben versucht alles aufzuzeigen, wo wir glauben, woran unsere Gesellschaft gerade krankt und man mal darüber nachdenken sollte.

Zimmer
Kennt ihr den Film von Tarkowski STALKER? Der spielt auch in so einem Setting. Denn für euren Film war das Setting sehr wichtig. Der Anscharpark hat eine sehr bedrückende Atmosphäre. Wie seid ihr da reingekommen bzw. draufgekommen?

Gillies
Ich hatte über meine Arbeit Dirk Scheelje kennengelernt und der ist in den Initiativen rund um den Anscharpark aktiv. Er hatte mir den Platz gezeigt und meinte er sei auf jeden Fall offen dafür, dass man da verschiedene künstlerische Projekte umsetzt. Da haben wir die Chance natürlich gleich genutzt.

Danger
Manche von den Gebäuden werden jetzt im Frühjahr abgerissen. Das war also die letzte Chance, etwas künstlerisch dort zu machen.

Zimmer
Kein Denkmalschutz?

Danger
Nee, ich glaube nur teilweise. Das ist ja ein ehemaliges Marine-Lazarett und man kann nicht mehr alles retten, leider.

Zimmer
Wie seid ihr zum Filmemachen gekommen?

Danger
Wir haben damit eigentlich gar nichts zu tun.

Zimmer
Also einfach einen Film gemacht?

Danger
Genau. Jackie hat schon vorher bei mehreren Filmprojekten mitgearbeitet und das ist jetzt ihr Regie-Debüt, aber wir kommen eigentlich nicht aus der Filmbranche.

Zimmer
Das Lied, das die Dame singt. Hält das die ganzen agierenden Figuren gefangen? Kann man das so interpretieren? Und ist das die Lösung, als plötzlich diese Stille da ist? Sie sind ja nicht wirklich glücklich.

Danger
Also vorher war das Leben der Figuren schon nicht gut, das kann man ja sehen in den einzelnen Räumen und dann verlieren sie auch noch die Musik, von der sie nicht wussten, dass sie eine Bedeutung für sie hat. Danach ist eigentlich jegliche Hoffnung verloren und es weicht das letzte Schöne aus der Welt.

Gillies
Naja, es ist durchaus so, dass offen gelassen wird, was dann passiert. Gerade dieser Konflikt, was ist gut und was ist schlecht. Das wird ganz bewusst offen gelassen. Natürlich gehen wir im ersten Moment davon aus, dass dieses junge, unschuldige Mädchen das Schöne in der Welt personifiziert, aber andererseits genau die Frage, ob sie die Leute gefangen hält. Man könnte im Bezug auf Religion fragen. Ist Religion Erlösung oder hält sie uns gewissermaßen gefangen in Konzepten, aus denen wir dann nicht ausbrechen können. Das sind auch viele Fragen, die wir bewusst aufwerfen wollten.

Zimmer
Vielen Dank

Interview mit Editor Dietmar Kraus „Familie Haben“

In seiner Dokumentation „Familie Haben“ begibt sich Jonas Rothlaender auf die Suche nach den Ursprüngen der vielen menschlichen Tragödien in seiner Familie. Dietmar Kraus hat ihn als Editor begleitet und stand beim Filmfest Schleswig-Holstein Arne Sommer Rede und Antwort.

Arne Sommer
Wie bist du zu dem Projekt gekommen und wann bist du eingestiegen?

Dietmar Kraus
Sehr früh. Ich bin mit Jonas schon vor dem Film befreundet gewesen und hatte einen seiner Kurzfilme geschnitten. Die Freundschaft hat sich durch dieses Werk noch einmal sehr verdichtet. Der Film ging mir auch gerade eben wieder ziemlich nah. Ich spüre, was noch alles unter dem Eisberg ist. Er hat mich von Anfang an in die Planung einbezogen. Jonas wusste nicht, was für einen Film er machen wollte. Er hatte aber dieses riesige Bedürfnisse dem Vermächtnis seiner Großmutter nachzugehen und daraus etwas zu machen. Die Kamera hatte er beim ersten Besuch bei seinem Großvaters mitgenommen, noch nicht wirklich wissend, ob daraus ein Film wird und schon gar nicht was für einer. Als die ersten Aufnahmen aus Zürich kamen, haben wir sie zusammen angesehen, darüber gesprochen und sie geschnitten. Erst da haben wir überlegt, wie es weitergehen soll. Schon in Zürich hatte Jonas gespürt, dass es auch um seine Mutter gehen muss. Denn das Interessante ist dieser Kreislauf zwischen den Generationen, weil sich immer wieder diese Muster wiederholen.

Sommer
Was ich interessant finde ist, dass Jonas quasi sein eigener Hauptdarsteller ist und damit sehr dicht dran ist. Andererseits hatte er noch Zeit Schnittbilder zu drehen. Entweder ihr habt sehr gut geschnitten oder er war streckenweise durch die Kamera sehr distanziert. Ist das so eine Art Distanzmittel zur eigenen Familie?

Kraus
Total. Vor allem in Zürich, wo ich dann auch nicht wirklich Schnittbilder hatte, ist die Kamera geradezu ein Hilfsmittel für ihn gewesen, um die Objektivität gegenüber dem Großvater zu behalten, eine Distanz zu ihm zu schaffen. Ich dagegen habe bei der Montage den Jumpcut lieben gelernt (lacht).

Sommer
Ja, die sind mir gerade am Ende im Krankenhaus aufgefallen. Da waren verschiedene Einstellungsgrößen, zwischen denen hin und her gesprungen wurde.

Kraus
Ja, das war auch bedingt durch die Situation. Jonas hat gefühlt: Jetzt muss ich mich zu meiner Mutter und den Großvater setzen. Da hat er die Kamera einfach hingestellt und sie laufen lassen. Das sind 15 Minuten, aus denen ich dann bestimmte Stellen rausgeholt habe. Da gibt es auch die Stelle, wo er und seine Mutter das Gefühl hatten, da käme nix mehr. Er stellt die Kamera aus, aber der Ton läuft noch und dann kommt doch noch das Bisschen, was Günther (der Großvater, Anm. der Red.) in der Lage ist zu geben. Und das ist mehr, als die beiden anderen erwartet hätten. Das Rohmaterial hat den Stil des Films und die Montage mitgestaltet, ja geradezu darum gebeten, so geschnitten zu werden.

Sommer
Konntet ihr nach Passagen, die ihr schon gedreht und geschnitten hattet, besser planen oder ist Jonas immer wieder reingegangen und wusste nicht, was auf ihn zukommt?

Kraus
Bei der ersten Reise wusste er überhaupt nicht, was auf ihn zukommt. Aber danach war es natürlich strukturierter. Es war klar, dass Bettina (seine Mutter, Anm. der. Red.) wichtig werden würde. Das war mir spätestens klar, als ich diese Situation mit Bettina im Hotelzimmer in Zürich das erste Mal gesehen hatte, wo sie auf die eher banal klingende Frage, was sie sich wünschen würde, wie das Gespräch mit ihrem Vater verlaufen solle, sie alles sofort herunterrattert, als hätte sie sich das schon lange überlegt. Und dann sitzt sie da und macht diese Pause, weil er das nicht sagen wird. Das war für mich so eindringlich, dass ich dachte, sie muss mindestens so wichtig werden wie der Großvater. Jonas dachte genauso. Und dann war da immer noch die Frage, wie wichtig Jonas für den Film ist. Du hast gesagt, dass er auch ein Hauptdarsteller in seinen Film ist, aber das will er nicht sein. In den Spiegelungen spürt man ihn jedoch deutlich. Man sieht die Drehsituation und wie winzige Kamera ist, die er mitgenommen hat.

Sommer
Woraus speist sich das Voice-over? Sind das auch Notizen oder ist es im Laufe der Arbeit entstanden?

Kraus
Sein Voice-over? Nein, das ist nicht ganz am Ende entstanden. Wir haben nach dem Schnitt noch ein Jahr am Film gesessen. Insgesamt hat sich unsere Zusammenarbeit über zwei Jahre hingezogen, mit Pausen natürlich, weil man ja auch Geld verdienen muss, trotz eurer Förderung. Aber diese Pausen waren auch wichtig, damit wir den Film wieder spüren konnten. Die Voice-overs haben wir immer wieder neu aufgenommen und überlegt, wie wir sie brauchen. Ein anderes wichtiges Element ist auch das Voice-over der Großmutter. Das will ich deshalb erwähnen, weil das für mich auch eine Art Ausgangspunkt war. Ich habe die Notizen und Tagebucheinträge durchgelesen und war unglaublich fasziniert. Das war der erste Ruck. Die dritte Generation musste auch mit rein, weil die ganze Geschichte auch Jonas, seinen Bruder und die anderen Geschwister betrifft. Der Film ist ja zwei Stunden lang. Und da wird immer mal wieder gefragt: Muss man denn den Bruder noch drin haben? Ja, der ist ganz wichtig, damit Jonas nicht als Behauptung seiner selbst diese Generation vertritt, sondern auch sein Bruder.

Sommer
Das ist nicht der erste Film, der über die beiden Eltern gedreht worden ist. Wir haben auch einen anderen Film über sie gefördert. Der heißt „Erklär mir Liebe“ von Florian Aigner und da sind sie eines der Paare, die über ihre Trennung spricht.

Kraus
Ich fand das auch ganz witzig und dachte, vielleicht finde ich da auch was für unseren Film. Aber der war ganz anders aufgebaut. Da ging es um das Thema Scheidung. Da ist außerdem nie diese Nähe von „Familie Haben“ erreicht worden. Jonas hat natürlich eine ganz andere Beziehung zu den beiden Personen.

Sommer
Vielen Dank für das Gespräch.

DIE KLANGSAMMLER (D 2014, Luis Krummenacher)

Welche Bedeutung haben Klänge in unserem Leben und in unserer Kommunikation? Welche Funktionen erfüllen sie? Diesen Fragen gehen Autor und Regisseur Luis Krummenacher und sein Co-Autor Christopher Albrodt in ihrem Kurzfilm „Die Klangsammler“ nach. Oder etwa nicht? Zumindest behandeln sie das Thema „Klänge“.

Bericht von Benjamin Bräuer

Drei Männer und ein Raum unter der Erde – und viele Marmeladengläser

In einem Raum unter der Erde leben Walter, Franz und Emil. Über eine Vielzahl von Rohren hören sie die Geräusche der Außenwelt, die sie in Marmeladengläser auffangen und archivieren. Doch eines Tages bleibt ein Rohr stumm. Und dann ein zweites…

 

 

Verwendungsweisen von Ton im Film

Der Film ist Teil einer Bachelor-Arbeit an der Fachhochschule Potsdam, bei der der konkrete „Einsatz akustischer Mittel sowie die gegenseitige Beeinflussung und innige Beziehung von Ton und Bild“ im Mittelpunkt stand.
In technischer Hinsicht gehen die jungen Filmemacher gekonnt mit Geräuschen und Stille um, wählen mit den Rohren und den Gläsern anschauliche Motive. Insgesamt hat der Film einen professionellen Look – und Klang. Geschickt wird dem Zuschauer ins Bewusstsein gerufen, dass Klänge und Geräusche in unseren Köpfen Bilder erzeugen. Hervorzuheben ist auch das sehr gelungene Szenenbild.

 

Film vs. Theater

Nun besteht ein Film ja aus mehr als nur Bild und Ton. Eine besondere Stärke des Mediums Film ist Emotion, die durch Nähe entsteht. Die Kamera kann an Figuren ganz nah herankommen, so dass ihre Physiognomie, insbesondere die Mimik, in jeder Nuance zum Tragen kommt und Emotionen in jedem Detail sichtbar und fühlbar werden. Überzeichnungen, wie sie im Theater Gang und Gebe sind, da dort ja auch die letzte Reihe von dem ausgedrückten Gefühl erfasst werden soll, machen Emotionen im Film in aller Regel mechanisch, unnatürlich, unecht, und es entsteht ein Nichtmensch, jemand oder etwas, den/das wir nicht als echten Menschen wahrnehmen.

Genau dieses Theaterhafte findet sich nun in Gestik, Mimik, Sprechweise und Spielrhythmus der drei Klangsammler. Man erkennt, dass es sich um erfahrene und versierte Schauspieler handelt, die ihr Handwerk verstehen, nur erinnert es uns eben vor allem an das Handwerk von Bühnenschauspielern, was letztlich dem Zusammenwirken von Regie und Darstellern geschuldet sein dürfte. So kann man den Film wohl nur dann vollends als solchen genießen, wenn man ein gewisses Faible für Derartiges mitbringt.

 

 

Viel Lärm um…

Platons Höhlengleichnis habe im weiteren Sinne für diesen Kurzfilm Pate gestanden, so Christopher Albrodt in der Fragerunde im Anschluss an die Vorstellung. Jedoch seien die Klänge im Film nicht, wie die Schattenbilder im Höhlengleichnis, nur Abbilder der wirklichen Welt, sondern gerade Teil der wirklichen Welt. Dieses Stück Wirklichkeit, die Klänge der äußeren Welt, holen sich die Protagonisten in ihr kärgliches Dasein, und ohne sie hört ihre Welt am Ende schließlich auf zu existieren. „Das ist dann der Weltuntergang“, so Albrodt.

Nun gibt es bei Platons Höhlengleichnis ja für alles, was geschieht, eine Bedeutung. Etwas steht für etwas anderes. Im Ganzen verdeutlicht sein Gleichnis den Sinn und die Notwendigkeit des philosophischen Bildungswegs.
Da „Die Klangsammler“ im Gewand eines solchen philosophischen Gleichnisses daherkommt, ohne Selbstironie und voller bedeutungsschwangerer Gesten, hält man als Zuschauer automatisch Ausschau nach Bedeutsamkeit hinter dem, was man sieht und hört. Hier jedoch mündet alles, was wir sehen und hören, letztlich in einer doch eher banalen Aussage: die Welt des Einzelnen braucht die äußere Welt, einschließlich der Welt des Klanglichen, um existieren zu können. Der Film sieht aus und klingt wie Philosophie, beinhaltet aber keine. Denn es fehlt an einer über das Offensichtliche und eben Banale hinausgehenden Bedeutungsebene. In dieser Hinsicht entpuppt sich das Sammeln von Klängen letztlich also als viel Lärm um nichts… oder wenig.

 

 

Oder vielleicht so…

Alternativ wäre ein weniger auf Philosophie ausgerichteter Ansatz denkbar, ein Plot, der aus sich selbst heraus in seinem Genre funktioniert und genauso gut wie die bei „Die Klangsammler“ gewählte Variante die Darstellung des Verhältnisses von Bild und Ton zueinander ermöglicht. Aber solche Überlegungen sind dann ja vielleicht etwas für die Master-Arbeit. Denn Talent, großes Entwicklungspotenzial und schon so einiges an beachtlichem Können, vor allem in den technischen Bereichen, ist den jungen Filmemachern, wie gesagt, keinesfalls abzusprechen.
DIE KLANGSAMMLER
D 2014
Emil: Moritz Kienemann
Franz: Christian Harting
Walter: Michael R. Scholze
Regie: Luis Krummenacher
Drehbuch: Luis Krummenacher, Christopher Albrodt
Produktion: Christopher Albrodt, Luis Krummenacher, Sarah Wenzinger, Hannah Geldbach
Kamera: Eren Aksu
Szenenbild, Kostüm, Requisite & Continuity: Hannah Geldbach, Sarah Wenzinger
Ton: Moritz Lehr
Schnitt & Tonschnitt: Christopher Albrodt, Luis Krummenacher
Tonmischung und Toneffekte: Fırat Can Coşkun
23 Min.

FAMILIE HABEN (D 2015, Jonas Rothlaender)

Ist das Schicksal durch unsere Familie vorbestimmt oder können wir Verhaltensmuster durchbrechen. Diese Fragen stellt sich Jonas Rothlaender in seinem Dokumentarfilm „Familie Haben“, in dem er seine eigene Familie porträtiert. Ein Werk, dass nicht unumstritten bleiben sollte.

 

Die Geschichte einer Familie

Angetrieben vom Vermächtnis seiner verstorbenen Großmutter Anne begibt sich der Filmemacher Jonas Rothlaender auf die Reise, den Zerwürfnissen seiner eigenen Familie nachzuspüren. Nach jahrzehntelangem Schweigen trifft er in Zürich seinen Großvater Günther, der im Laufe seines Lebens mehrere Millionen in riskanten Börsenspekulationen veruntreut hat, darunter auch das gesamte Vermögen seiner damaligen Ehefrau Anne. Günther lebt 90jährig, schwer krank und völlig verarmt in einem Altersheim und ist besessen von dem Gedanken, seine „Schuld“ zu begleichen, bevor er stirbt. Er hat ein letztes großes Geschäft vor Augen. Doch als Bettina, Jonas Mutter und Günthers Tochter, in Zürich erscheint – in der Hoffnung, sich endlich mit ihrem Vater zu versöhnen – ist Günthers Blick für das Wesentliche verstellt. Der Filmemacher begibt sich auf die Suche nach den Wurzeln dieser scheinbar unheilbaren Zerwürfnisse und muss sich dabei immer schonungsloser mit den Konflikten der eigenen Familie auseinandersetzen. Seine Suche führt ihn von der Geschichte seiner Großeltern, über seine Mutter bis hin zu seinem eigenen Leben.

 

Eine Reise ins Ungewisse

Zwei Stunden Filmlänge schien an diesem frühen Nachmittag viele Zuschauer des Filmfests Schleswig-Holstein fernzuhalten. Ein trauriges Bild, dass dieser Dokumentation nicht gerecht wird.
Jonas Rothlaender tritt, nur mit einer Handycam bewaffnet, eine Reise mit vielen Fragen über sich und seine Familie an. Auslöser sind die Notizen und Tagebücher, die ihm seine Großmutter hinterlassen hat. Darin geht es vor allem um den Großvater, der verarmt in einem Altersheim in Zürich lebt. Also beschließt Rothlaender ihn zu besuchen und ihm die Fragen zu stellen, die ihm keiner zuvor stellen wollte.

 

Das eigene Handeln und die Folgen

Er begegnet einem Mann, der distanziert und sachlich seine Sicht der Dinge erklärt. Selbstsicher wie er ist, plaudert der Großvater ohne Scheu in die Kamera. Er könne das Geld auch nicht zurückholen, das sei eben fort. Auf seine Nachkommen angesprochen glänzt Günther mit stolzem Unwissen über die Namen der Enkel. Dann eine Szene an einem Münztelefon, die den Großvater schnell als alten Trottel entlarvt, der nicht glauben will, dass er einem Betrüger aufgesessen ist und sein Geld wirklich fort ist. So lernt man einen Mann kennen, der schon in den ersten Minuten des Films offenbart, dass er keine Verantwortung für die Folgen seines Handelns übernehmen will und stattdessen immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Die erschreckende Erkenntnis, dass sich bei Günther alles ums Geld dreht, wird dem Zuschauer spätestens am Sterbebett gewahr, als dieser im Delirium von nichts anderem als von Geschäften reden kann.

 

Das gestörte Verhältnis zur eigenen Tochter

Mit schweren Folgen für seine Tochter Bettina, die früh als zweite Hauptfigur im Film erscheint. „Es war klar, dass Bettina wichtig werden würde“, erklärte Dietmar Kraus, der Editor, „das war mir spätestens klar, als ich diese Situation mit Bettina im Hotelzimmer in Zürich das erste Mal gesehen hatte, wo sie auf die eher banal klingende Frage, was sie sich wünschen würde, wie das Gespräch mit ihrem Vater verlaufen solle, sie alles sofort herunterrattert, als hätte sie sich das schon lange überlegt. Und dann sitzt sie da und macht diese Pause, weil er das nicht sagen wird. Das war für mich so eindringlich, dass ich dachte, sie muss mindestens so wichtig werden wie der Großvater. Jonas dachte genauso.“ Bettina, die Tochter, die für ihren Vater eine Tatsache ist, mehr nicht. Die sich ihr ganzes Leben gewünscht hatte, von ihm geliebt zu werden. Die trotz ihrer vielen Kinder, die sie aus Liebe bekommen hat, niemals beziehungsfähig wird und dieses Schicksal an ihre Kinder weitergibt. Geschickt konfrontiert Rothlaender die einzelnen Protagonisten mit seinen Erkenntnissen und erzeugt somit die Dynamik einer Diskussion, die die einzelnen Familienmitglieder nur über die Montage des Films führen, aber vermutlich nie miteinander.

 

Wieviel Distanz ist zur eigenen Familie möglich

„Familie Haben“ ist eindringlicher Film, bei dem sich sein Macher spürbar um Distanz bemüht, die angesichts seiner eigenen Betroffenheit kaum möglich ist. Antworten auf die von ihm gestellten Fragen an seine Familie und an sich selbst scheint es nicht zu geben, denn der Film schließt mit dem Schweigen zwischen Mutter und Sohn.
Bildliche Einschränkungen durch die kleine Kamera sind absolut gerechtfertigt, da dadurch die Interviewten die Drehsituation vergessen scheinen, was sich positiv auf ihre Natürlichkeit und die Eindringlichkeit des Gesagten auswirkt. Es wird eine Nähe hergestellt, die ihresgleichen sucht. Innerhalb des Films hätten einzelne Szenen trotzdem kürzer geschnitten werden können.

 

Darf ein Film das Sterben eines Menschen zeigen?

Große Diskussionen gab es nach dem Film über die Sterbeszene des Großvaters. Die Frage stellt sich hier zurecht, ob ein Mensch in einem seiner intimsten Momente, in dem er obendrein nicht mehr zurechnungsfähig zu sein scheint, so voyeuristisch beobachtet werden darf. Mit Sicherheit ist das Gezeigte wichtig für den Film, doch um das zu zeigen, hätte Rothlaender die Ereignisse auch durch eine andere Person nacherzählen lassen können. Hier ist der Hinweis auf die Grundsätze der Pietät und der Menschenwürde berechtigt. Eine Nachbearbeitung der Szene wäre wünschenswert.

Insgesamt bleibt jedoch das Urteil eines sehenswerten Films.
FAMILIE HABEN
Deutschland 2015
Regie, Drehbuch, Kamera: Jonas Rothlaender
Schnitt: Dietmar Kraus
130 Minuten

filmportal.de

Zum Interview mit Dietmar Kraus, der den Film geschnitten hat.

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