Elise (D 2016) – Einfach Kino machen

Am 19. März feierte Moritz Boll mit seinem Spielfilm ELISE im Cinemaxx Kiel Premiere. Der Mut des 21-Jährigen zum Einen einen Langfilm zu realisieren und zum Zweiten bekannte Gesichter wie Michael Mendl und Jan Hofer zu engagieren, zahlte sich an diesem Abend mit einem ausverkauften Saal und Standing-Ovations aus.

Nachdem ich in der Filmszene Kiel mal hier mal dort kleine Ausschnitte von ELISE gesehen hatte, war die Neugier natürlich groß, wie Moritz Boll mit seinem Team dieses Mammutprojekt bewältigt hat. Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es sich um ein sehr junges Team handelt, das keine Filmausbildung hat, sah ich über das ein oder andere Tonproblem und die mager inszenierte Elternszenen schnell hinweg. Es waren nur Kleinigkeiten, die aber im Großen und Ganzen dem Film seine Magie nicht nehmen konnten. Absolut lobenswert das Drehbuch (Jan Jekal und Moritz Boll), das rund und spannend die Geschichte von Elise und ihrer Freundin erzählt, die sich auf einem Roadtrip zu einem Freund des Vaters die Hörner abstoßen wollen. Michael Mendl als dänischer Freund Dorsday Uckhaus und Maren Kraus als lebenshungrige Elise gelingt es, den Zuschauer in die spannungsgeladene Situation des moralisch Verbotenen zu ziehen und ihn eine Stunde lang mitzureißen, immer in dem Wissen, dass diese Beziehung zwischen dem älteren Herren und der jugendlichen Elise nicht sein darf. Dabei ist Elise nicht das naive Mädchen, das in die Fänge eines Mannes gerät, der ein Stück seiner Jugend zurückbekommen will. Im Gegenteil. Elise weiß, was sie will und was sie haben kann. Und damit spielt sie Uckhaus immer schwindliger bis die Sitaution eskaliert.

Es steckt viel Potenzial in dem jungen Filmemacher Moritz Boll, das er mit ELISE zum wiederholten Mal unter Beweis stellt. Daher sollten wir uns in Schleswig-Holstein überlegen, wie wir talentierte und mutige Filmemacher wie ihn besser fördern, denn auch in diesen ambitionierten Projekt steckt mal wieder privates Geld. Der Film muss raus aus der Ecke des reinen Luxusgutes, für den dieses Bundesland ihn hält. Es ist ein Wirtschaftsfaktor, den sich eine Region wie Schleswig-Holstein durchaus leisten kann. Denn im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen kann Film seinen fruchtbaren Boden fast überall finden. Abhängig ist er nur von guten Stoffen und Menschen, die diese Projekte umsetzen. Und das können sie nicht dauerhaft durch Selbstausbeutung schaffen.

Hier geht es zum Interview mit Moritz Boll

Crowdfunding: Deichbullen von Michael Söth

Zwei Bullen in der Einöde von Schleswig-Holstein. Was als YouTube-Serie begann, ist inzwischen auf dem Streaming-Portal Watchever zu sehen und bis Frankreich exportiert worden. Nun steht die zweite Staffel der „Deichbullen“ vor der Tür. Damit sie entstehen kann, brauchen die Macher um Michael Söth eure Unterstützung. Hier geht’s zur Crowdfunding – Aktion

Ein Interview mit Michael Söth findet ihr hier.

Eröffnung der 1. Norddeutsches Film-Festival in Rendsburg

Norddeutsches Filmfest Rendsburg

Gestern eröffneten das 1. Norddeutsches Film-Festival in Rendsburg, die bis Sonntag Filme, Serien und Kurzfilme aus dem „echten Norden“ zeigen. Michael Söth, dessen Low-Budget-Produktion „Bauernfrühstück“ gestern den Start-Schuss gab, inspirierte das KinoCenter Rendsburg und das Schauburg Filmtheater zu diesem einzigartigen Festival, das das Potenzial hat, sich als weitere Instanz neben dem Filmfest Schleswig-Holstein, den Nordischen Filmtagen Lübeck und der Kunstgriff Rolle Husum im Land zu etablieren.

 

Ein Bericht von Jessica Dahlke

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg

 

„Birnen, Speck und Bohnen oder Matjes?“ Schon das Essen bei der Eröffnung im KinoCenter zeigt: Hier ist Norddeutschland. Auch als Nicht-Rendsburger fühlt man sich sofort wohl in diesem Traditionskino, das mit seinen 100 Jahren bereits einige Filmpremieren auf dem Buckel hat. Vor zwei Jahren übernahm Nicole Claussen das ehemalige Elektra, das heute KinoCenter heißt. Bekannt wie ein bunter Hund ist Hans von Fehrn-Stender, der Kino mit Haut und Haar liebt und das 1927 gegründete Schauburg Filmtheater betreibt. Beide bringen mit dieser Kooperation ein einzigartiges Flair in die Stadt und unterstützen damit nicht nur den norddeutschen Film, sondern bieten den Zuschauern ein sympathisches und persönliches (Rahmen)-Programm, das bei keiner Kinokette zu finden ist. Dazu gehört natürlich auch, dass Filmemacher und Schauspieler in großer Zahl vor Ort anzutreffen sind.

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg
Kinobetreiberin Nicole Claussen führte durch den Abend

 

So sind unter anderem Lorenzo Germeno und sein Minipony am Samstag im Schauburg Filmtheater zu sehen, die den „Winnetous Sohn“ (D 2015, Erkau) mitbringen. Dennis Albrecht zeigt heute im KinoCenter einige Folgen seiner Webserie „Filmstadt“ und auch Michael Söth stellt seine aktuelle Serie „Deichbullen“ vor. Kieler Geschichte über die Kieler Woche und die Kieler Wochenschau zeigt der Mitbegründer des Greenscreen Festivals (Eckernförde) Gerald Grote am Sonntag in der Schauburg. Und Lars Jessen – bekannt geworden durch seinen Film „Fraktus“ – wird ebenfalls an diesem Tag den Film „Dorfpunks“ zeigen. Am Samstag werden die Ditmarscher Kinomacher, bekannt durch den Youtuberfilm „Kartoffelsalat“, ihr Projekt vorstellen. Natürlich bringen auch sie einige ihrer Filme mit.

Das komplette Programm des 1. Norddeutschen Film-Festivals findet ihr hier.

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg
Auch Hans von Fehrn, Betreiber des Schauburg Filmtheaters, begrüßte die Gäste

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg
Bürgermeister Pierre Gilgenast

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg
Regisseur Michael Söth

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg
Schauspieler Ansgar Hüttenmüller und Stefan Hossfeld

 

Norddeutsches Filmfest Rendsburg

 

„Clipper Kinoabend und Konzert“: Musikvideos und Live-Musik

Clipper Filmproduktion – hinter diesem Namen verbergen sich vor allem die beiden Musikvideo-Regisseure Kay Otto und Aron Krause. Gegründet im vergangen Jahr, haben sie unter diesem Namen bis dato 10 Musikvideos produziert, darunter z.B. eines für die Beatsticks, einer der kommerziell erfolgreichsten Alternative-Rock-Bands Deutschlands. Dieses Video zum Song „Mad River“ war nun auch Teil des Programms beim „Clipper Kinoabend und Konzert“ am 5. Februar im Kommunalen Kino der Pumpe in Kiel.

 

Ein Bericht von Benjamin Bräuer

Kay Otto und Aron Krause führten mit locker-sympathischem Understatement durch einen Mix aus Musikvideo-Vorführungen auf großer Leinwand und Livemusik von Künstlern, deren Videos sie produziert haben – bzw. im Einzelfall vermutlich noch produzieren werden. Die anwesenden Künstler standen Gastgebern und Publikum zum Gespräch bereit, erzählten von ihrer Musik, ihren musikalischen Werdegängen und natürlich von den Videos und deren Entstehungsgeschichten. Gerade zu Letzterem wussten natürlich auch Kay Otto und Aron Krause manch Interessantes und auch Lustiges zu berichten.

Nein, die Beatsticks waren nicht persönlich anwesend, sind also auch nicht live aufgetreten. Machte aber nichts. Das „Line-Up“ – im Wechsel mit den Videos – war auch so schon sehr Unterhaltsam. Außerdem, sie wären an diesem Abend stilbrechend die einzigen gewesen, die englisch gesungen hätten. Denn: alle Live-Künstler des Abends – ein Umstand, der sich einfach so ergeben haben dürfte – sagen auf Deutsch. Live dabei waren: Andreas Liebert (begabter Singer/Songwriter aus Flensburg), Liza&Kay (locker-flockiger Pop), Schrottgrenze (bzw. deren Sänger Alex Tsitsigias samt Klampfe – waviger Indie-Rock/Post-Punk) und Herrenmagazin (ebenfalls vertreten durch deren Sänger, Deniz Jaspersen, samt Klampfe – Indie). Der Kieler Cellist Gunnar Vosgröne begleitete Andreas Liebert sowie Liza&Kay bei einzelnen Songs, teilweise geradezu virtuos.

Musikvideos, auch von mit Kay Otto und Aron Krause befreundeten Regisseuren, wurden von folgenden Bands und Einzelkünstlern gezeigt: Turbostaat („Abalonia“, „Wolter“), Feine Sahne Fischfilet („Wut“), Love A („Toter Winkel“), Lambert („Talk“), Frittenbude („So da wie noch nie“, „Michael Jackson hatte recht“), Liza&Kay („Deine Kammer“), Moritz Krämer („90 Minuten“), Schrottgrenze („Zeitmaschinen“), Herrenmagazin („Frösche“) und eben von den Beatsticks.

Die Mischung aus Musikvideos und Live-Musik ging voll auf. Es war ein runder Abend, der Lust auf mehr machte. Nicht zuletzt bekam die Kunstform Musikvideo, auch als spezielle Spielart des Kurzfilms, hier nun einmal eine ihr gut stehende größere Bühne – bzw. Leinwand – als gewöhnlich.

Der nichtsilberne Hering – Der Muthesius Filmpreis 2016

Die Vielfalt der schleswig-holsteinischen Filmszene ist beeindruckend groß. Doch kaum einer weiß, dass man auch seit einigen Jahren Experimentalfilm an der Muthesius Kunsthochschule studieren kann. Die Filmklasse von Prof. Stefan Sachs zeigte am 13. Januar 2016 aktuelle Produktionen. Gor Margaryan gewann mit dem im bitterkalten Russland gedrehten Film „Aurora“ den nichtsilbernen Hering 2016.

 

Der nichtsilberne Hering

 

„Eigentlich wollte ich Nordlichter filmen, aber es war so kalt, dass die Akkus immer leer waren“, erklärte Gor mit einem Schmunzeln im Gesicht. Der knapp 13 Minuten dauerenden Film zeigt eine Jetski-Fahrt durch die Eiswüste von Russland, bei der sich eine kleine Gruppe Menschen auf einen scheinbar ewig dauernden Weg befindet. Die Wintersonne und das überpräsente Weiß des Schnees gemixt mit einem klugen Sounddesign lässt das Univerale und das Menschliche miteinander verschmelzen. Der Mensch als Teil eines übergeordneten Prinzips, das wir Erde nennen. Der Filmemacher selbst schreibt zu seinem Film: „Ein ewiger Weg, der kein Ende hat. Menschen und Natur, die zusammenmischen. Die Soundebene betont dabei den subjektiven Realismus.“

In der Jury saßen Arne Sommer (Leiter der Filmwerkstatt Kiel), Prof. Norbert Schmitz (Muthesius Kunsthochschule) und Quinka Stöhr (Filmemacherin).

 

Aus allen Einreichungen für den Filmpreis „Der silberne Hering“ wurde an diesem Abend eine Auswahl gezeigt. Nenad Cosvic und Milica Jovcic stellten mit ihrer 16mm-Arbeit den Fußgängerübergang eines Bahnhofes in den Mittelpunkt und abstrahierten mit Bild- und Soundexperimenten Form und Bewegung der im Übergang dahineilenden Bahngäste.

Mit „Jadwiga“ rekonstruiert Alexander Wagner einen Traum. Die Musik spielte er selbst ein und mixte sie mit Bildern aus Geheimnis und Spiritualität.

 

Der nichtsilberne Hering

 

Hannes Fleckstein zeigte seinen Film „Multifunktionsebenen“, den ich an dieser Stelle bereits besprochen habe.

Yannik Kaiser erforscht in „on board under“ das Verhältnis von Schiff und Wasser mit dramatischem Ende.

 

Der nichtsilberne Hering

 

Kennenlernen durften die nichtstudentischen Zuschauer die Filmklasse im Interviewzusammenschnitt „Wir machen’s trotzdem“ von Laura Carlotta und Yannick Kaiser. Der Film entstand auf einer Exkursion nach Dänemark und reflektiert die persönlichen Erfahrungen des Workshops Retreat, der dort stattgefunden hat.

Leider ungesehen blieb der Film von Lasse Heisel „Dasir“, der aufgrund unlösbarer technischer Probleme ausfallen musste.

 

Der nichtsilberne Hering

 

Mein Favorit – und ich hoffe es ist mir niemand böse, das ich das hier sage – ist der Film „Towards“ von David Scheffler. Das Spiel mit den Kameraachsen baut einen geheimnisvollen Dialog zwischen zwei Protagonisten auf.

„Nichts“ von Reza Ghadyani erzählt die Geschichte von drei Männern, die aus erst am Ende ersichtlichem Grund zusammen reisen. Es ist ein Film über Sprache und Grenzen. Dabei trifft er den aktuellen Zeitgeist wie den Nagel auf den Kopf.

 

Der nichtsilberne Hering

 

„Tragödie in fünf Akten“ von Conrad Witten und Stephan Schakulat ist ein Experiment mit dem Narrativen, dass sich nur schemenhaft dem Zuschauer öffnen will und doch zu spannend ist, um nicht dran zu bleiben.

Mehr Informationen über das Studium und die Filmklasse gibt es auf der Seite der Muthesius Kunsthochschule Kiel

 

Der nichtsilberne Hering

 

Projektschau Multimedia Production der FH Kiel – Nachbericht

Multimedia Production FH Kiel

Jeder der Filme macht weiß, fünf Minuten Film bedeuten mehrere Tage Arbeit. Man muss schon ein bisschen verrückt sein dafür. Vor allem dann, wenn das Film-Seminar der FH Kiel in das Wintersemester fällt und man gezwungen ist im wetter- und lichtunfreundlichen Monat Dezember zu drehen. Schön dann aber die Belohnung, wenn vor ausverkauftem Haus im Studio Filmtheater (Kiel) 200 Leute die harte Arbeit mit Applaus belohnen.

Ein Bericht von Jessica Dahlke

 

Multimedia Production FH Kiel

 

Durch den Abend führten Kerstin Sick und Malte Lorenz, die mit ihrer sympsthischen Art die Stimmung immer wieder anheizen konnten. Beim Seminar „Audio- und Videoproduktion II“ sind die Studenten des dritten Semesters aufgefordert, das erlernte Wissen in die Produktion eines Kurzfilm zu gießen. Alles muss dabei von den Studierenden selbst organisiert und konzipiert werden. Da spielen sich so manche Dramen ab, weil Hauptdarsteller abspringen und das Drehbuch auch nach dem dritten Entwurf nicht drehbar scheint. Auch finanziell mussten sich die No-Budget Produktion etwas ausdenken. Da wurden auch schon mal Kostümteile bestellt, im Film verwendet und zurückgeschickt, um die knappe Kasse zu schonen.

Die Highlights des Abends

Dresscode

Männer haben es nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn sie ihre Freundin durch ihre Schussellichkeit enttäuschen. Aber dann ist der Tag, an dem ER für SIE alles richtig machen will. Mit fatalem aber süßen Ergebnis.

disconntect

Multimedia Production Kiel StudiumKennt ihr diese Mitbewohner, die immer nur im Internet hängen und überall ihren Müll rumliegen lassen? Beim Versuch seinem Mitbewohner das WLAN zu nehmen entsteht sehr unterhaltsamer Trash.

Hochzeitstag

Ein altes Ehepaar. Es ist Hochzeitstag und sie hofft, dass er endlich ihr Kochen und Putzen für ihn anerkennt. Schließlich ist Hochzeitstag. Doch dann passiert es. Ein nachdenklicher Film.

Radlos

In guter Stumm-Film-Manier kommt dieser Film daher, der sich um ein gestohlenes Fahrrad dreht. Herrliches Overacting mit Spaßfaktor und eine süße Geschichte.

Rampenlicht

Man könnte dem Film vorwerfen, dass er zu sehr den Zeigefinger hebt. Doch die Szenen im Rampenlicht sind zu schön, um ihn unerwähnt zu lassen.

15m2

Auf der Suche nach einem neuen WG-Partner lassen die Filmemacher jede Menge Stereotypen durch die WG-Tür schreiten. Sehr lustig.

to be me

Was wenn man eine Maschine hätte, die einen fügsamen Klon erzeugt. Klar, nie wieder unangenehme Arbeiten machen. Leider geht das nicht lange gut und zaubert ein Schmunzeln ins Gesicht.
Alles im allem ein sehr unterhaltsamer Abend mit vielen Überraschungen. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr.

Einen weiteren Bericht findet ihr hier.
Das war die Projektschau 2015

Kieler Filmemacher Stammtisch im Januar – Ein kleiner Nachbericht

Kieler Filmemacher Stammtisch

Am 14.01.2016 trafen wir uns in der Bar des Studio Filmtheaters am Dreiecksplatz, um bei einem lockeren Plausch über das Thema „Wie spreche ich über meinen Film“ zu diskutieren. Dass der Stammtisch im immer größeren Maße hohen Zuspruch in der Kieler Filmszene erfährt, konnte ich auch an diesem Abend feststellen, denn mit zwanzig Teilnehmern war dieser Stammtisch der größte seit Gründung. Da es für mich aus zeitlichen Gründen gerade etwas schwierig ist, euch ausführlich über den Stammtisch zu berichten, gibt es an dieser Stelle erst einmal einige Impressionen. Es rührt sich gerade sehr viel in der Szene und sobald wir darüber schreiben dürfen, werdet ihr es erfahren.

Filmemacher Stammtisch Januar 2016

BENS KOLUMNE – STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHT

Die Fanfare ertönt, gelber Text rollt über das Sternenmeer. Es ist so weit.
135 Minuten später. Man verlässt den Saal…

Von Benjamin Bräuer

Ist die Magie zurück?

Wolfgang M. Schmitt Jr. sagt in seinem auf YouTube erscheinendem Format „Die Filmanalyse“ über die erste Star Wars-Trilogie, sie sei gewissermaßen „ein filmischer Urtext“, aus dem dann das moderne Hollywood-Kino erwachsen sei – aus dem es sich bis heute speist, könnte man ergänzen. In meiner ersten Kolumne vor etwa einem Monat hatte ich über Star Wars als ein leuchtendes Beispiel für Hollywoods Vermögen geschrieben, geradezu Magisches hervorzubringen, und die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, der neue Film der Saga werde ein inspirierendes „Erwachen“ nicht nur der „Macht“, sondern vor allem auch der Star Wars-Magie einläuten. Nun ist der Film da und bricht Einspielrekorde. Aber ist auch der Zauber zurück?

Ja, das ist er. Zugegebenermaßen besteht darüber gerade auch im Online-Diskurs keine Einigkeit. Nichtsdestotrotz, drei Hollywood-Filme waren für mich dieses Jahr magisch. Einer davon war „Star Wars: Das Erwachen der Macht“. Dass er in Deutschland genau an meinem Geburtstag herauskam und eine der neuen Figuren auf den klangvollen Namen Ben hört (oder einst hörte – und einen echten Spoiler kann man das in dieser Form wohl kaum nennen), ist natürlich nicht der Grund für mein Urteil, aber natürlich ein schönes persönliches „icing on the cake“.

Dieser Film „lebt“ – und wie er lebt! Wer Fehler sucht, wird sie finden, und wer den Film letztlich nicht mag oder ihn für nicht gut hält, bei dem ist das eben so. Ich kann nur jedem wünschen, sie oder er würde ihn so erleben, wie ich und die Freunde, mit denen ich ihn gesehen habe, ihn erlebt haben. Die Star Wars-Magie – da ist sie wieder! Bäm!

Strukturelle Symmetrie

Einer der Hauptkritikpunkte: es sei, was die Storyline und die Plotpoints betrifft, fast ein Remake von „Episode IV: Eine neue Hoffnung“, angereichert mit Elementen der anderen beiden Teile der ersten Trilogie. Es fehle also an Originalität. Man sei zu sehr auf Nummer sicher gegangen. Auch wird auf bestimmte Ungereimtheiten hingewiesen. All das habe ich mir ausgiebig zu Gemüte geführt. Die Liste an Kritikpunkten ist schier endlos. Da jagt eine schlaue Beobachtung die andere. Die andere Gruppe an Rezensenten ist hoch zufrieden mit dem Film. Das gilt auch für einen Großteil der Pressestimmen. Der neue Star Wars-Film scheint also – unbeabsichtigt – ungemein zu polarisieren.

Der erste Star Wars-Film, „Eine neue Hoffnung“, ist das feste Fundament, auf dem die Saga steht, und wird dies immer bleiben. „Das Imperium schlägt zurück“, der zweite Film, ist und bleibt das emotionale und mythisch-mystische Herzstück. Die Kernthemen – Familie, Freundschaft, Religion/Spiritualität und der Kampf zwischen Gut und Böse – werden darin im Vergleich zum Vorgänger immens vertieft. Der Abschluss der ersten Trilogie, „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, führt die einzelnen Konflikte zu ihrer jeweiligen Auflösung. Dass J.J. Abrams, der Regisseur, Co-Autor und Co-Produzent des Films, nun zu Beginn einer neuen Trilogie erzählerisch und vor allem strukturell am Beginn der ursprünglichen Trilogie anknüpft, ist im Grunde nur folgerichtig. Auch George Lucas hat sich bei Episode I, dem Auftakt der Prequel-Trilogie, strukturell ganz bewusst am Auftakt seiner eigenen Urtrilogie orientiert – wie bei einem Lied, in der der Anfang von Strophe 1 strukturell dem Anfang von Strophe 2 gleicht. So entsteht in allem Symmetrie: innerhalb des einzelnen Films, innerhalb einer jeden Trilogie und innerhalb der ganzen Saga. Aber hat es Abrams mit der Symmetrie nicht deutlich übertrieben und sich den Ur-Star Wars nicht nur zum strukturellen Vorbild genommen, sondern ihn schlichtweg kopiert?

Ein Erwachen vom Erwachen vom Erwachen

Nun, ich habe den Film mittlerweile zweimal im Kino gesehen. Beim zweiten Mal habe ich bewusst auch auf genau diesen und eine ganze Reihe weiterer Kritikpunkte geachtet und dabei eine zunächst doch ernüchternde Beobachtung und Erfahrung gemacht: je mehr ich nach konkreten Fehlern und Schwächen Ausschau hielt, desto mehr habe ich sie gesehen, auch bezüglich des Kopie-Vorwurfs. Anders gesagt: ich konnte sehen, wie jemand den Film wahrnimmt, der am Ende zu jenen Schlüssen kommt, die sich eben auch im Online-Diskurs in nicht geringer Zahl finden. Es schien ein völlig anderer Film zu werden. Die Illusion der Star Wars-Welt brach vor meinen Augen in hohem Maße zusammen.

Schnell fragte ich mich: Ist dies jetzt das wahre Wesen dieses Films? Oder anders formuliert: Erlebe ich gerade eine Art „Erwachen“, das mir zeigt, wie schwach und fehlerhaft der Film in Wirklichkeit ist? Es war nun kein so großes Vergnügen mehr, diesen Film zu sehen – eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen. Ich fragte mich erschrocken, ob es mir jemals wieder möglich sein würde, den Film so wahrzunehmen und zu erleben, wie beim ersten Anschauen und wie auch bei diesem Mal bis zu diesem Moment? Auch fragte ich mich: Was hatte die Magie zuvor hervorgerufen? War es nur ein Nachhallen der großen Erwartungen und der Vorfreude gewesen, die auf jedes Fitzelchen an Star Wars-Realness mit einem enormen Endorphin-Stoß antworteten? Welches Erwachen war real: das Erwachen des ursprünglichen Zaubers von Star Wars oder das Erwachen von der irrigen Annahme, ich hätte mittels dieses Films ein solches Erwachen erlebt?

Durchgesetzt hat sich nach nur wenigen Minuten der Skepsis Antwort A: das Erwachen des ursprünglichen Zaubers. Ich schaute aus nach der Magie, genau wie ich zuvor nach Fehlern Ausschau gehalten hatte. Und siehe da, ich fand sie. Sie kam zurück, unerwartet rasch sogar, ganz real und in Hülle und Fülle. Und – sie blieb. Manche Passagen des Films genoss ich nun sogar noch mehr als beim ersten Mal. Ein erneutes „Erwachen“ in mir – ein erneutes Erwachen der Star Wars-Magie, die mich während des Films nun wieder erreichte und erfüllte. Schwächen fielen nun wieder genauso wenig ins Gewicht, wie ein paar umgestoßene Gläser auf einer grandiosen Party. Und wer will nach einer solchen Party noch von ein paar zerbrochenen Gläsern sprechen, wenn es doch so viel Großartiges gab, worüber man sprechen kann?

Mehr davon!

Die Story mag zwar schon sehr an Episode IV erinnern, aber: das macht im Grunde nichts. Mich haben die Geschichte und der ganze Film immens gepackt, u.a. dank eines Drehbuchs voller toller kleiner Ideen, dank großartiger Protagonisten, dank – und das ist bei Star Wars nicht selbstverständlich – großartiger, überaus lebendiger darstellerischer Leistungen, dank eines rasanten Erzähltempos, dank all der atemberaubend schönen Bilder und detailreichen Welten, die erschaffen wurden, dank einer echten Erdung, die allem lebendige Bodenhaftung verleiht (fast alles ist wie zum Anfassen), dank einer ganz eigenen Frische, die der Film trotz all der gleichzeitigen Nostalgie im Überfluss ausstrahlt. Gerade letztere besondere Qualitäten werden von Kritikern des Films vielfach unterschlagen, übersehen oder unterschätzt. Dieser Film macht einfach richtig Spaß! Als er zu Ende war, wollte ich sofort mehr. Ich wollte sofort weitergucken und wissen – nein, erleben – wie es weitergeht. Ich wollte mehr von dem, was ich gerade erlebt hatte. Ein sehr gutes Zeichen, wenn ein Film diesen Wunsch hinterlässt. Dass „Das Erwachen der Macht“ das trotz der vorhandenen Plotpoint-Übereinstimmungen mit Episode IV schafft, kann man dem Werk – den Spieß einmal umdrehend – auch durchaus als weiteren Pluspunkt anrechnen. Die Kurzform: Der Film ist so, wie er ist, einfach sehr gut, so gut, dass es nicht erforderlich ist, sich eine bessere Variante zu wünschen.

Rückwärts gehen, um vorwärts zu gehen

Wie Altes und Neues miteinander verwoben wird, hat mir gut gefallen. Leitsatz von J.J. Abrams und seinem Team war es, „rückwärts zu gehen, um vorwärts zu gehen“, sich also zunächst in so gut wie allem an den ursprünglichen Star Wars-Filmen zu orientieren, um das ursprüngliche unvergleichliche Star Wars-Gefühl erneut einzufangen und im Publikum hervorzurufen, gleichzeitig aber nicht in Nostalgie zu verharren, sondern dieses wiederentfachte Gefühl dann wiederum in die Gegenwart und die Zukunft zu transportieren – für die heutige Generation und die Generationen, die nach uns kommen werden.

Neue Helden, die die Saga in die Zukunft führen sollen, werden zu diesem Zweck eingeführt. Eine der Hauptfiguren muss sogar ausdrücklich lernen, dass sie ihren Blick nicht mehr in die Vergangenheit richten darf, sondern in die Zukunft blicken muss. Ein Appell auch an den Star Wars-Nostalgiker? Ja und nein. Denn es wurde ja wiederum gerade, vor allem auch beim Plot, auf überaus viele Bestandteile der ursprünglichen Star Wars-Filme gesetzt, in so hohem Maße, dass etwas weniger vielleicht wirklich mehr gewesen wäre. Dennoch, in meinen Augen funktioniert der generationenübergreifende und –verbindende Spagat, der hier unternommen wurde, letztlich. Der Reboot-Faktor, wenn man denn davon sprechen möchte, ermöglicht den neuen Generationen außerdem, die ursprüngliche Geschichte „upgegradet“ als ihre eigene Star Wars-Geschichte zu erleben. Eigentlich doch ein sehr schöner Gedanke, nicht wahr? Ihn wirklich genießen zu können, erfordert vielleicht, dass man etwas weniger den reinen eigenen Nutzen an diesem Film sucht und etwas mehr auch den Nutzen für die kommenden Generationen und dass man angesichts dieses Fremdnutzens zumindest in einem gewissen Maße Freude empfindet. Die Aufgabe, der sich Abrams und sein Team gestellt haben, war alles in allem kaum lösbar. Sie haben sie ganz wunderbar gemeistert und dabei Entscheidungen getroffen, die naturgemäß dem einen mehr gefallen, dem anderen weniger. Ich halte die getroffenen Entscheidungen alles in allem für gut vertretbar.

Ein Treffen der Generationen

Rey (Daisy Ridley), Finn (John Boyega) und Poe Dameron (Oscar Isaac) sind exzellente neue Hauptfiguren, auf die ich mich sofort einlassen konnte, ebenfalls nicht selbstverständlich, denn sie mussten sich auch bei mir eben in nichts geringerem als dem Star Wars-Universum behaupten.

BB-8? Kurz gesagt, der neue Druide BB-8 ist kein neuer Jar Jar Binks, nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil, BB-8 ist BB-8. Ein echter Gewinn, dieser kleine „Minion“.

Über den Schurken Kylo Ren (Adam Driver) wird kontrovers diskutiert. Er ist ein unfertiger Bösewicht. Seine Ausbildung ist noch nicht abgeschlossen. Darin wird Luke Skywalkers nicht abgeschlossene Ausbildung in den Episoden IV und V, teilweise auch in VI, gespiegelt, nur dass Kylo Ren diesen Weg immer tiefer in die Dunkelheit hinein geht, während es bei Luke bildlich gesprochen um ein immer heller werdendes Licht ging. Ich mochte Kylo Ren als Schurken, der mit seinen Schwächen hadert und sich gegen das Gute in ihm wehrt, um einmal vollen Zugriff auf die Macht der dunklen Seite haben zu können.

Und Luke Skywalker? Wie er verwendet wird, verhilft den Kernelementen der Macht und der Jedi wieder zu ihrer mythischen und mystischen Kraft. Hier besann man sich auf die Kunst des Weglassens. Automatisch entstehen spannende Fragen.

Und nicht zuletzt wären da ja noch Han Solo, Chewbacca und Leia. Wie die (Liebes-) Geschichte von Han und Leia fortgeführt wurde, fand ich zufriedenstellend. Es geht bei Star Wars im Kern nach wie vor um Familienbeziehungen – um innerfamiliäre Komplikationen und um die Heilung von Brüchen in Familien sowie darum, wie sich Brüche und deren Heilungen auf die Familien selbst und auf die Welt um die Familien herum auswirken können.

Der Film geizt nicht gerade mit Referenzen zur ersten Trilogie. Gerade Han, Chewie und Leia und auch die Druiden C3PO und R2D2 bieten sich da natürlich an. Ja, ich gebe zu, man kann die große Anzahl an solchen Verweisen als grenzwertig empfinden. Für mich ging das unterm Strich aber in Ordnung. Hier und da nah an der Parodie, aber dann doch wieder ganz sicher im grünen Bereich.

Ein willkommenes Novum im Star Wars-Universum

Und das führt uns direkt zu einer großen Stärke des Films – in diesem Maße ein Novum im Star Wars-Universum: der Film ist voller wirklich super lustiger Gags, bestehend vornehmlich aus Wortwitz und Situationskomik. Gags gab es grundsätzlich auch schon in der ersten Trilogie (weniger oder kaum in den Prequels), aber in „Das Erwachen der Macht“ gibt es zum einen gefühlt deutlich mehr von ihnen, und sind sie zum anderen noch mal um einiges lustiger, immer wieder richtig zum Wegschmeißen. Vielleicht hat man sich das ja sogar bei „Guardians of the Galaxy“ (USA 2014) abgeschaut. Wenn ja, war das eine gute Idee. Der Film gewinnt durch die Vielzahl an gelungenen Gags ungemein und ist durch sie kein bisschen weniger Star Wars.

John Williams – eine Konstante

Eine der Konstanten bei Star Wars seit 1977: John Williams. Auch diesmal hat er die Filmmusik geschrieben. Die „Hits“ darin sind vor allem die Melodien, die wir bereits mit Star Wars verbinden, allen voran natürlich die obligatorische Eingangsfanfare und die ihr entlehnten ersten Takte der Schlussmusik. Immer wieder hören wir im neuen Film auch das Thema für die helle Seite der Macht, und das ist sehr erfreulich. Wie aber sieht es mit den neu hinzugekommenen Melodien und Arrangements aus? Da wären vor allem das Thema für Rey und das für Kylo Ren. Mein persönliches Urteil nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Soundrack: allgemein spielt die Musik eine etwas weniger vordergründige Rolle als in den vorherigen Star Wars-Filmen. Sie ist immer noch sehr gut, wird aber konventioneller verwendet. Die neuen Melodien sind nicht ganz so überirdisch überzeugend wie der berühmte Imperial March und andere Hits der ersten Filme, aber dennoch entfalten sie durchaus einen echten Zauber, der dem Star Wars-Universum gerecht wird, es sogar um ein paar Nuancen erweitert, gerade auch im Zusammenspiel mit den Figuren und den konkreten Szenen, für die sie geschrieben wurden, insbesondere z.B. in den Minuten, in denen wir zum ersten Mal Rey begegnen.

Elegantes, sogar innovatives Erzählen

Die Erweiterung des Star Wars-Universums ist ein weiteres wichtiges Stichwort. J.J. Abrams und sein Co-Autor Lawrence Kasdan (sowie Michael Arndt, der den ersten Drehbuch-Entwurf verfasste) haben es in der Tat geschafft, nicht nur die Macht, sondern auch das gesamte ursprüngliche Universum der Saga erwachen zu lassen – und es eben um die eine oder andere schöne Nuance zu erweitern. Ganz unabhängig von 3D-Effekten, die natürlich da waren, hatte ich gerade in den ersten sehr dynamischen Minuten vielleicht mehr als je zuvor in einem Star Wars-Film den Eindruck, wirklich „in“ dem Film zu sein, die gezeigten Welten „mit“ den (neuen) Helden und Schurken der Geschichte (neu) zu entdecken und die Geschehnisse „mit“ ihnen zu erleben. Erreicht wird das in diesen ersten Minuten zum einen durch neue Blickwinkel – neue Protagonisten – und zum anderen und darüber hinaus durch einen permanenten Wechsel der Perspektive. Ständig wechselt dabei, aus wessen Sicht wir die Szene gerade erleben. Darüber hinaus wechselt auch, ob es der Blickwinkel eines guten, eines bösen oder eines noch unentschlossenen Protagonisten ist. Es entsteht eine wunderbare Parallelität und Mehrdimensionalität, die die gleichzeitig verwendeten 3D-Effekte geradezu in den Schatten stellt. Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt haben hier grandiose Arbeit geleistet und dabei etwas im Fantasy-, Science-Fiction und Abenteuer-Action-Genre eher seltenes erschaffen: erzählerische Eleganz und sogar Innovation.

Unsere Wahrnehmung bestimmt unsere Realität

Der Film hat, wie erwähnt, ein hohes Tempo und einen tollen Rhythmus – ist schnell, ohne zu überdrehen und weiß, wann er auch mal vorübergehend etwas mehr vom Gas gehen muss. Er hört einfach nicht auf, immensen Spaß zu machen – ein einziger Hochgenuss. Gerade deshalb kann es durchaus sein, dass ich ihn im Laufe der Jahre sogar lieber und öfter anschauen werde, als die großartigen ursprünglichen drei Star Wars-Filme – und das sagt schon so einiges. Hätte der Film weniger wie „Eine neue Hoffnung“ sein können? Natürlich. Aber auch in seiner jetzigen Form ist er für mich alles andere als eine Enttäuschung. Er funktioniert ganz wunderbar. Ich habe ihn, wie erwähnt, beim zweiten Kinobesuch für ein paar Minuten mit den Augen eines Zuschauers sehen können, der vor allem Schwächen und Fehler sieht, und ich habe ihn dann wieder mit den Augen eines aufrichtig Begeisterten gesehen. In aller Regel können wir uns nicht aussuchen, wie wir etwas wahrnehmen und empfinden. Auch ich kann das letztlich nicht. Ich kann aber sagen, ich habe den Film aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven gesehen und ihn dabei ganz unterschiedlich wahrgenommen. Beides erschien jeweils real, was ja doch irgendwie paradox ist. Nützlich ist, dass ich dadurch beide Sichtweisen aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann. Wenn nun beides real sein kann, dann entscheide ich mich für die gefühlt hellere Seite, für die Freude und Begeisterung, ohne dabei die andere Sichtweise und Wahrnehmung zu vergessen oder zu ignorieren. Ich glaube nicht, dass es sich bei diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen notwendigerweise um Äquivalente der hellen und der dunklen Seite der Macht aus Star Wars handelt. Eine Parallele zu den zwei Seiten der Macht gibt es aber doch: das Gute nimmt die Dinge – so gut wie alle Dinge – ganz anders war als das Böse. Auf beiden Seiten entstehen feste Überzeugungen. Man sieht mit ganz unterschiedlichen Augen und betont ganz unterschiedliche Gesichtspunkte des großen Ganzen. Man kann sich bis zu einem bestimmten Entwicklungspunkt entscheiden, welche Gesichtspunkte man mehr betont als andere und welcher Sichtweise man sich dadurch auf lange Sicht in höherem Maße oder gar ganz verschreibt.

Sichtweisen prägen die wahrgenommene Realität. Das wusste auch der Jedi-Meister Qui-Gon Jinn, als er in Episode I den kleinen Anakin Skywalker, den späteren Darth Vader, liebevoll ermahnte: „Du darfst niemals vergessen, deine Wahrnehmung gestimmt deine Realität.“ Unsere Wahrnehmung bestimmt letztlich auch, wie wir „Das Erwachen der Macht“ beurteilen.

Fazit

Wie gesagt, insgesamt drei Hollywood-Filme habe ich im Jahr 2015 als nicht nur sehr gut, sondern als echte Kinomagie wahrgenommen. Einer davon war „Star Wars: Das Erwachen der Macht“, gemessen am reinen Genussfaktor sogar mein Film des Jahres. Für mich und die allem Anschein nach überwiegende Mehrheit der Kinobesucher (auf dem Online-Filmportal IMDb.com haben bislang über 350.000 Nutzer den Film auf einer Skala von 1 bis 10 im Durchschnitt mit 8,5 bewertet) ist der Star Wars-Zauber mit dem neuen Film definitiv erwacht und wieder da. Ein echter Grund zur Freude, denn es hätte ja auch ganz anders sein können. Wir sollten uns mithin auch von diesem Star Wars-Kapitel sowohl als Publikum als auch als Filmemacher vor allem in jeder Hinsicht inspirieren lassen – wenn unsere Wahrnehmung und unsere Sichtweisen dies zulassen.

Star Wars: Das Erwachen der Macht
USA 2015
135 Min.
Regie: J.J. Abrams

Trailer:

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