Im Kino regnet’s nicht: Zum Ausklang des Dokumentarfilmsommers

Noch bis zum 6. September zeigt das Kommunale Kino in der Pumpe den Dokumentarfilmsommer. Anlass genug, um im dritten und letzten Teil unseres großen Interviews mit Dr. Eckhard Pabst und seinem Team, Kirsten Geißelbrecht und Zara Zerbe, über das Verhältnis des Kinos zu den kleinen Filmemachern zu sprechen – und über die Fähigkeit, Filme „sehen zu können“.

Das Interview führte Yorck Beese

Von Kinos und Filmemachern

Lasst uns über einen besonderen Aspekt des Kinos sprechen: Das Filmemachen. Das wirkt jetzt zunächst fehl am Platz, weil es mit der Vorführung nicht direkt etwas zu tun hat. Aber sicher stimmt ihr mir zu, wenn ich zunächst einmal sage, dass Filmemachen immer eine Gemeinschaftsarbeit, eine Kollektivkunst ist, oder?

KG: Abgesehen von den Experimentalfilmern und Eigenbrötlern, ja.

 
Ok, abgesehen von denen. Wie könnte – oder vielleicht: sollte – ein kommunales Kino eurer Ansicht nach zu dieser Gemeinschaftsarbeit beitragen?

ZZ: Wir können den Leuten das Filmemachen natürlich nicht abnehmen. Aber wir nehmen ständig Filme von kleinen Filmemachern ins Programm.
KG: Wir zeigen ständig den Nachwuchs. Jetzt im Juli zum Beispiel, da zeigen wir DÖRP MEETS ART von Elsabe Gläßel…
ZZ: Im Januar hatten wir sogar ein Helmut Schulzeck Special mit drei Premieren an einem Abend…

 
Das heißt, ihr nehmt auch gerne die „kleinen Filmemacher“ ins Programm.

EP: Ja, neben dem Filmfest Schleswig-Holstein, das einmal im Jahr stattfindet, machen wir auch einen oder zwei Premierenabende im Jahr. Die Filmemacher sind dann natürlich total aufgeregt.

 
Aber sie können aus der Vorführung auch etwas für ihr Interesse, das Filmemachen, lernen?

EP: Wenn der Film vor Publikum läuft, merken die Filmemacher dann auch, ob ihr Film funktioniert. Auf der Leinwand funktionieren Filme sowieso besser, denn den Film will ich sehen, der auf einem Monitor besser ist als auf einer Leinwand.
ZZ: Das Seherlebnis ist ein ganz anderes, denn hier sind die technischen Voraussetzungen besser: Die Anlage – der Bildschirm und das Soundsystem – wirkt ganz anders, weil sie eben so groß ist. Das heißt, der Film kann hier seine volle Wirkung entfalten. Und wir machen natürlich Werbung in unserem Programm und im Social Media-Bereich.

 

„The First Cut ist he Deepest“ – Studenten der CAU Kiel präsentieren Erstlingswerke (Foto: Zara Zerbe, Die Pumpe).

Vom Kulturerbe Film und Martin Scorcese

Zum erklärten Programm der Kommunalen Kinos gehört auch die sogenannte „Schule des Sehens“. Um kommunale-kinos.de zu zitieren: „Wir alle lernen in der Schule Lesen, Rechnen und Schreiben, aber nicht Sehen.“ Wenn man zum Lesen und Schreiben Buchstaben braucht und zum Rechnen Zahlen, was braucht man dann, um Sehen zu lernen?

ZZ: Also ich glaube man muss im Laufe seines Lebens den Umgang mit dem Medium Film lernen. Egal was „realistisch“ ist, es passieren im Film ja auch Dinge, die in der Realität nicht sein können. Zum Beispiel Zeitsprünge, bei denen etwa acht Stunden Zeit ausgeklammert werden. Ich kann mich noch erinnern, in meiner Kindheit durften die Nachbarskinder kein Fernsehen gucken, einschließlich Sesamstraße, während ich fernsehen durfte. Ich habe immer GZSZ gesehen und als wir das einmal mit den Nachbarskindern gesehen haben, wussten sie mit den plötzlichen Sprüngen von einem Handlungsort zum andern und den parallelen Handlungen gar nichts anzufangen. Sie konnten das Medium noch nicht lesen. Insofern bin ich auch der Überzeugung, es ist ok, das Sehen früh zu vermitteln.

 

Martin Scorsese hat einmal ein Konzept formuliert, sicher habt ihr davon gehört. Scorcese sagte, dass die sogenannte „visual literacy“ – frei übersetzt: die Fähigkeit, Filme sehen zu können – verlorengegangen sei. Was bedeutet so eine Aussage für euch?

EP: Man muss da differenzieren. Scorcese meinte einerseits das Kino und vor allem, dass Filme auch zu sehen sein müssen. Wenn sie einmal gedreht wurden, danach in einem Kino laufen und dann auf DVD vertrieben werden, das ist ja schön und gut. Wenn sie dann aber nur noch in einem Archiv liegen oder digitalisiert auf irgendeiner Festplatte liegen und nicht angesehen werden, dann haben sie ihren Nutzen eingebüßt.

 
Wie lässt sich das mit der Notwendigkeit vereinbaren, Filme auch deuten zu können?

EP: Ich kann in eine Kirche gehen und keine Ahnung von Kirche haben. Vielleicht stelle ich dann drinnen fest: „Wow, in der Kirche ist mehr Schatten als draußen.“ Ein Kunsthistoriker dagegen geht in dieselbe Kirche und stellt fest: „Wow, diese Kirche ist ganz anders als die, die ich heute früh gesehen habe.“ Es geht Scorcese um die Erhaltung des kulturellen Reichtums und unsere Aufgabe ist analog dazu, das filmische Erbe zu bewahren. Der Film muss auf die Leinwand. Das ist unser Anteil daran, die Kultur zu wahren.

 

Die Pumpe hält das Filmerbe lebendig: NOSFERATU mit Klavierbegleitung (Foto: Zara Zerbe, Die Pumpe)

 

Noch bis zum 6. September zeigt das Kommunale Kino in der Pumpe den Dokumentarfilmsommer 2017. Mit dabei ist auch WER WAR HITLER? (D 2016/2017), der monumentale Dreiteiler, der mit Zeitzeugendokumenten ein ungeahnt authentisches Bild der Person Hitler und ihrer Zeit zeichnet. Regisseur Hermann Pölking wird am 3.9. persönlich vor Ort sein und Fragen des Publikums beantworten.

Zur Website Kino in der Pumpe

 

 

Baltic Filmart Festival – Im Gespräch mit Kurator Dietmar Baum

Alles begann mit einem alten Industrie-Gebäude, in das sich der Künstler Dietmar Baum vor ein paar Monaten verliebte. Da, wo direkt am Hafen an der Lübecker Bucht einst der Vater von Karl Lagerfeld Dosenmilch produzierte, wurde der Neu-Schleswig-Holsteiner zu der Idee inspiriert, ein Festival für junge Kurz- und Kunstfilme zu schaffen: das Baltic Film Art Festival.

 

Herr Baum, Sie sind Initiator und Kurator des neuen Baltic Film Art Festivals in Neustadt in Holstein. Warum liegt es Ihnen am Herzen, an der Lübecker Bucht ein neues Filmfestival zu etablieren?

Wo ich bin, kann ich nicht still stehen. Ich rieche die kreativen Potentiale und Möglichkeiten in meinem Umfeld und bin ein Macher, der gerne im Team Ideen umsetzt. Es bedurfte eines Anstoßes. Eine Anfrage, einen Youtube-Abend in meinen Räumen zu veranstalten, brachte den Stein ins Rollen. Ich liebe den Film. Die Möglichkeiten eine Welt konstruiert und meisterhaft situativ in Szene gesetzt, zu genießen ist etwas großARTiges. Hier in der Lübecker Bucht in den alten Glückskleehallen bietet sich eine hierfür besondere Umgebung – Industriehallen direkt am Hafen mit der Aussicht auf die Altstadt.

 

Eine der Kategorien Ihres Festivals ist „Mehr Meer“. Was verbinden Sie mit Meer und Wasser?

Das Meer ist die Reflektion unserer Sehnsüchte und Wünsche. Ein LebensRaum der bedeutungsvoll für unsere Zukunft ist, wohlgleich ein Quell für Inspirationen und Ideen von zart bis hart.

 

Sie leben seit einem Jahr in Schleswig-Holstein. Was schätzen Sie an Land und Leuten und vor allem an der Kulturszene?

Ich erlebe die Menschen hier als sehr nett und offen. Generationsübergreifend und entspannt. Mich inspiriert die Küste und auch das Hinterland, welches für künstlerische Projekte viele Perspektiven bietet. Kulturszene klingt immer so spießig und befremdlich; das kulturelle Miteinander erschließt sich vielseitig. Schnittstellen, Motivation und Angebote sind in den ländlichen Regionen stark beschränkt, vor allem was die Jugendkultur betrifft.

Im Zeitalter der Digitalisierung muss sich über den Bereich der Kultur intensiver Gedanken gemacht werden, nicht nur hier im Norden, sondern in allen Regionen. Ich habe gerade an einem lokalen Gymnasium einen Video/Foto-Workshop gemacht. Toll, aber auch bemerkenswert war die dankbare und fruchtbare Ausarbeitung der gestellten Aufgaben. Junge Menschen müssen an kulturelle Aktivitäten und Werte herangeführt werden. Es gibt viel zu wenig Angebote, beklagen sie. Ein Plus für Facebook und Co. Aber es gibt auch Impulse aus den neuen vernetzten Bereichen, besonders im Film.

 

Schleswig-Holstein tut sich als Flächenland noch immer schwer, seine Kulturszene zu vernetzen. Ist das in anderen Bundesländern ähnlich?

Ich erinnere, dass es vor Jahren, als es das Rockbüro NRW noch gab (Vorläufer von Viva), in meiner alten Heimat NRW auch eher mau um die Kulturszene stand. Durch den Strukturwandel des Ruhrgebiets hat man jedoch viele Bereiche kommunikativ zusammengebracht. Das wünsche ich mir für SH auch. Es wird halt im Norden schnell der Eindruck vermittelt: Hamburg und der Rest. Aber ich bin auch noch nicht tief in die einzelnen Bereiche eingetaucht, sodass mein Eindruck durchaus noch unvollständig ist.

 

Was erwartet die Zuschauer und Filmemacher vom 29. September bis 01. Oktober 2017 beim Baltic Film Art Festival in Neustadt an der Lübecker Bucht?

Ich kann sagen, dass wir in den ersten Wochen schon über 100 Filme aus der ganzen Republik bekommen haben. Und ich meine echt tolle Filme! Ich bin dabei, das Programm in den drei Kategorien (Mehr Meer, Mensch zu Mensch, Kunstfilm) zusammenzustellen. Es werden an drei Tagen in drei dafür eingerichteten Programmkinos über 60 Filme gezeigt; hierbei wird das Glückscafé am Neustädter Hafen zum Festivalzentrum. Da es das erste Festival ist, sind alle Besucher eingeladen, sich die Filme kostenlos anzuschauen. Gemeinsam mit der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht, die als Veranstalter fungiert, gibt es ein buntes Programm rund um das Filmfestival.

Wir möchten das Publikum in den nächsten Jahren auch stärker in die Welt hinter die Kulissen führen. Dazu gehören Aussteller von Hard- und Software sowie Workshops und Aktionen. Aussteller und Anbieter von Workshops dürfen sich gerne unter info@balticfilm.de melden. Natürlich sollen auch gutes Essen und Partys nicht zu kurz kommen. Wir sind ganz am Anfang und hoffen, dass viele Filmemacher und Liebhaber, Schauspieler, Maske, Stylisten, Drehbuchautoren, Techniker, Kameraleute – also alle Macher der Filmszene – zusammenkommen und es zu ihrem Netzwerk und Filmfest machen.

Zur Homepage des Festivals

 

Vier Fragen an Thies John

Vor kurzem haben wir Thies John am Set seines dystopischen Langfilms „Wo andere Urlaub machen“ besucht, der im beschaulichen Ort Noer an der Eckernförder Bucht gedreht wurde.  Wir haben ihm vier Fragen zu seinem Film gestellt.

Du hast gerade deinen Langfilm „Wo andere Urlaub machen“ abgedreht. Wie fühlst du dich?
Ermattet. Aber auch glücklich. Obwohl der Film eben noch nicht ganz abgedreht ist. Wir benötigen nach gegenwärtiger Schätzung 2 weitere Tage!

Was waren die besonderen Herausforderungen beim Dreh?
Die besonderen Herausforderungen bestanden hauptsächlich darin, dass wir an einem abgelegenen Ort wie dem Strand von Noer weder Strom noch unsalziges Wasser oder auch Toiletten hatten. Dies führte oftmals zu Missstimmung. Dazu ist auch ein ruhiger Strand oft nicht so ruhig wie gedacht: Motorboote, in der Ferne spielende Kinder, uneinsichtige Passanten führten immer wieder zu unliebsamen Verzögerungen. Warten war häufig angesagt. Und auch das Wetter machte uns mehrmals einen Strich durch die Rechnung.

Seit unserem letzten Gespräch ist nun über ein Jahr vergangen. Wie hat sich das Projekt in dieser Zeit entwickelt? Hast du am Drehbuch weitergearbeitet?
Klar. Vor einem Jahr dürfte ungefähr Fassung 5 fertig gewesen sein. Gedreht wurde mit der finalen Drehbuchversion 11! Die Planung war oft schwierig, zumal relativ kurz vor dem Dreh mein Hauptdarsteller absagen musste und ich drei Wochen nach Ersatz suchte.

Wann wird der Film zu sehen sein?
Wenn alles klappt, feiert der Film im Mai 2018 Premiere, so zumindest die Planung.

Zur Galerie

Call for Entries: Musikvideomacher gesucht!

Die schleswig-holstein video music awards sind das charmante Musikfilm-Highlight für Filmemacher und Bands, für Profis und Amateure. Bis zum 15. August 2017 können Videoclips, Bandvideos, Tourvlogs, Musikfilme und alle anderen Filme aus diesem Dunstkreis eingereicht werden, um von unserer fachkundigen Jury bewertet zu werden.

Am 16. September verleiht KlangStadt dann wieder 8 goldene Nussknacker in den Kategorien:
Beste darstellerische Leistung, Beste Filmidee und natürlich Bester Film, jeweils in einer Amateur- und einer Profiwertung. Außerdem gibt es wieder den Sonderpreis der Jury und den beliebten, jederzeit zu Überraschungen neigenden Publikumspreis.

Wir freuen uns über jede Einreichung, die diese Bedingungen erfüllt:
– maximal Neuneinhalb Minuten lang
– dreht sich auf irgendeine (nachvollziehbare) Weise um „Musik“
– wurde noch nicht bei uns gezeigt (Der Film darf aber durchaus auch schon älter sein.)
– enthält keine rassistischen, sexistischen oder anderen entwürdigenden Inhalte
– Außerdem musst Du natürlich mit allen Beteiligten abgeklärt haben, dass Du den Film einreichst.

Einreichungen am liebsten als youtube-Link über unser Formular auf http://filmfest.klangstadt.de
Unsere Website ist zur Zeit (Stand: Juli 2017) noch im alten Design, lasst Euch davon nicht ablenken.
(Ja genau, die shvma sind das ehemalige Filmfest 9½ Minuten.)

Liebe Grüße,
Eure KlangStadt

KLNGSTDT e.V. Beer-Yaacov-Weg 1, 23843 Bad Oldesloe filmfest@klangstadt.de

Zur Webseite

Auf Facebook

5% Heimat: Filmdreh in der Alten Mu

Mit 5% HEIMAT meldet sich Sascha Witt mit einem neuen Kurzfilm zurück. Der in der Alten Mu in Kiel entstandene Film wird voraussichtlich am 15. September zu sehen sein. Wir haben mit den Machern gesprochen.

 

Das Interview führte Jessica Dahlke

Sascha, du hast das Drehbuch zu 5% HEIMAT geschrieben: Worum geht es im Kurzfilm?

SW: Im Grunde ist es ein kleines SciFi – Kammerspiel. Wir finden eine junge Frau vor, die einen Bezug zum Weltraum hat, aber offensichtlich stimmt etwas nicht: Sie wird gefangen gehalten.

Gefangen im Bezug auf das äußere oder ist da noch mehr? Etwas, was in ihr selbst liegt?

SW: Sowohl als auch, würde ich sagen. Eigentlich ist unsere Protagonistin Anne auf einer Sinnsuche und hat dabei unglaubliche Distanzen überwunden, nicht nur in räumlicher Hinsicht, sondern auch emotional und gesellschaftlich.

Sie ist also aufgrund einer Sinnsuche im All. Was assoziierst du mit dem Weltall?

SW: Ich begreife das Weltall als Sinnbild für eine Vielzahl von positiven, aber auch vielen negativen Dingen. Das Weltall kann für unendliche Möglichkeiten stehen und ebenso für unendliche Einsamkeit.

Oder für lebensbedrohliche Gefahr?

SW: Das sicher auch!

Du hast bei diesem Film mit Johann Schulz, Hille Norden und Hannes Gorrissen aus Kiel zusammengearbeitet. Was verbindet dich mit der hiesigen Filmszene?

SW: Was ich sehr schätze an der Filmszene Kiels und Schleswig-Holsteins ist der Zusammenhalt untereinander und die Passion, eine gute Idee mit wenigen und dennoch effektiven Mitteln umzusetzen. Ohne Hille, Johann und Hannes wäre ich aufgeschmissen gewesen. Ohne sie wäre einfach kein Film zustande gekommen. Und sie waren es auch, die einen einfachen Raum – unser Set – mit gutem Spiel, Licht und Farbe zum Leben erweckten.

Was interessiert dich besonders am Erzählen von Geschichten?

SW: Ich mag es mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen, ihn erst in einen Irrgarten voller Möglichkeiten hineinzuführen, wo sich am Ende aber doch nur ein Weg als der richtige herausstellt.

Wobei es manchmal auch mehrere Wege gibt eine Handlung zum Abschluss zu bringen. Das ist dann aber schon hohe Kunst.

Hille Norden, wen spielst du im Film?

HN: Die junge Astronautin Anne, die auf einem ESA-Stützpunkt festsitzt und nicht weiß warum. Bei einem Verhör, das ihr alter Bekannter Tayo Grabb durchführt, stellt sich der Grund heraus. Das eigentlich banale Gespräch entwickelt sich schnell zu einer Identitätssuche. 5% Heimat ist ein Kammerspiel, das sich mit der Wahrhaftigkeit der Wirklichkeit auseinandersetzt. Besonders in Zeiten von Fakenews ein wichtiger Film.

 

Was waren die besonderen Herausforderungen beim Dreh?
HN: Uns Filmemachern hat dieses Projekt vor eine ganz neue Herausforderung gestellt, denn wir haben uns für ein sehr schlichtes Setting entschieden. Das heißt, das Schauspiel und die Auflösung musste ganz besonders gut sitzen! Eine Aufgabe, die wir aus meiner Sicht, sehr gut erfüllt haben. Möglich wurde dieses Filmvorhaben natürlich nur durch den Landesverband Jugend und Film!

 

Miguel Francisco du spielst Tayo und bist ein neues Gesicht in der Filmszene in Kiel. Wie ist es zur Zusammenarbeit gekommen?

MF: Ich bin auf verschiedenen Schauspieler-Portalen registriert. Ich bekomme auf diese Art viele Anfragen für Rollen.

Bist du ausgebildeter Schauspieler?

MF: Nein ich bin Quereinsteiger. Ich stand immer schon auf der Bühne als Sänger und Tänzer, später kamen eigene Musikvideo hinzu die auch Geschichten erzählten und 2014 fing ich mit Theater an.

Wo lebst du?

MF: In Berlin

Was reizt dich am Filmschauspiel?

MF: Ich mag es, mit kleinen Gesten den Charakter zu gestalten. Im Theater spielt man oft groß und im Film reichen manchmal auch ganz kleine Gesten, die dann aber große Bedeutung haben können. Ich finde das realistischer, weil man ja auch alles bemerkt, wenn man jemanden vor sich hat. Dann gibt es beim Film unterschiedliche Projekte, die man nicht totspielen kann. In dem Projekt bist du der und im nächsten Projekt wieder jemand anderes.

 

Und wieder ein Kurzfilm von Johan Schultz. In diesem Jahr scheinst du der Powerseller unter den Kieler Filmemachern zu sein. Was bedeutet für dich Filmemachen?

JS: Filmemachen macht süchtig. Und ich liebe das Set-Life. Teil eines guten Filmteams zu sein finde ich einfach erfüllend. Sowohl als Regieassistent, als auch Set-Runner oder einfach nur Blocker einer Fernsehfilmproduktion. Das Filmset ist einfach mein Place To Be. Allerdings geht nix über das Regieführen. Das Inszenieren macht mir die größte Freude. Das hat mir dieses Projekt auch nochmal ganz klar vor Augen geführt.

 

Was hat dir besonders gut am Drehbuch von Sascha gefallen?

JS: Der Subtext. Das Mysteriöse. Es ist ein Kammerspiel mit Science-Fiction-Setting. Allein das finde ich schon cool. Zudem gefiel mir die Herausforderung, zwei Menschen zu inszenieren, die sich im Grunde nur gegenübersitzen. Ich glaube, wir haben interessante Lösungen gefunden.

 

Wann wird der Film zu sehen sein?

Am 15. September findet in der alten Muthesius Kunsthochschule eine große Veranstaltung statt, bei der viele Künstler aus aller Welt zusammengekommen. Querbeet 2017. Ein ehrgeiziges Ziel, den Film dort erstmalig zeigen zu können.

 

5% HEIMAT mit Hille Norden und Miguel Francisco
Regie: Johann Schultz
Drehbuch: Sascha Witt
Kamera: Hannes Gorrissen
Produktion: Hille Norden

Der Film wurde gefördert vom Landesverband Jugend & Film

Call of Entries: Baltic Film Art Festival

Die Lübecker Bucht wird beim dreitägigen Baltic Film Art Festival zur cineastischen Begegnungsplattform. Kurzfilme laufen im Wettbewerb, Filmschaffende treten in den Dialog miteinander, mit der Jury und dem Publikum. Workshops bieten neue Einblicke, Wissenserweiterung und Impulse und am Premierenabend genießen Filmkünstler und das Publikum gemeinsam die Nacht am Meer.

Filme können ab sofort bis zum 15.08.2017 in drei Kategorien eingereicht werden.

Zu den Teilnahmebedingungen

Das Festival findet vom 29. September bis 1. Oktober in Neustadt in Holstein statt.

Eine Idee wird 100: Das Kommunale Kino

Im zweiten Teil unseres großen Interviews spricht Filmszene SH mit dem Team des Kinos in der Pumpe über die Idee hinter den Kommunalen Kinos. Anlässlich des bevorstehenden Dokumentarfilmsommers darf auch ein Gespräch über Netflix & Co. nicht fehlen. Im Gespräch mit Eckhard Pabst, Zara Zerbe und Kerstin Geißelbrecht.

Das Interview führte Yorck Beese

 

Die Idee des kommunalen Kinos wird 100

Die Idee des Kommunalen Kinos feiert in diesem Jahr ihren 100sten Geburtstag. 1917 wurde das Konzept der sogenannten „gemeindlichen Lichtspielbühne“ erstmals schriftlich festgehalten. Es hat dann nochmal bis 1966 bzw. 1971 gedauert, bis erstmals ein solches Kino eröffnet wurde. Aber trotzdem: Sind die Ideale der propagierten “Herzens- und Verstandeskultur” im kommunalen Kino noch lebendig?

Papst (unter allgemeinem Nicken des gesamten Teams): Die Begriffe sind vielleicht ein bisschen altmodisch, die muss man erstmal in neue Begriffe übersetzen…

Zerbe: Also den Begriff Herzenskultur würde ich vielleicht, um einen noch älteren Begriff zu bemühen, mit Katharsis übersetzen…

Papst: …also etwa mit „Erleichterung“.

Zerbe: Es hilft ungemein, die emotionalen Dinge, die einem Menschen im Leben passieren können, in einem Film zu sehen…

 

…auch fiktive Filme basieren auf guten Milieustudien, die einmal ein Drehbuchautor durchgeführt hat…

Zerbe:  …man findet da auf jeden Fall Anknüpfungspunkte im eigenen Leben. Menschliche Schicksale werden durch Filme sichtbar – dadurch werden Menschen auch füreinander sichtbar.

Geißelbrecht: Aber das Kino hat auch den Teil des sozialen Raumes. Du kannst auf deinem Handy zwar alles gucken und zwar wo du magst, also zum Biespiel in der U-Bahn…

Zerbe:  …„im Hochbildformat“…

Geißelbrecht:  Aber die Dimension des Filmerlebens hast du nur im Kino: Du bist im Kino unter Leuten mit denen man nicht mal verabredet ist, aber spätestens irgendwann während des Films synchronisieren sich die Leute und sehen den Film gemeinsam.

Zerbe (lacht): Das stimmt. Ich habe dieses Jahr DIE MIGRANTINNEN im Kino gesehen und eine Frau neben mir lachte so herzlich, die hat mich direkt angesteckt…

Geißelbrecht: Das Kino schafft Gemeinschaft, die man vor dem Fernseher nicht kriegt.

 

Kino vs. Netflix & Co.

In der Medienwissenschaft wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem neuen goldenen Zeitalter des Fernsehens gesprochen. Schauen wir also heute einmal auf die Straßen der medialen Landschaft: Smartphones, die ihren Inhabern eine breite Auswahl an filmischem „Material“ vermitteln können, und Serien die von Göttern in Amerika bis hin zu weiblichen Profi-Wrestlern reichen. Sind Netflix & Co. derzeit die schärfsten Konkurrenten des Kinos?

Papst: Ich würde es anders formulieren. Das Kino hat viele Konkurrenten, die das Sehverhalten der Menschen umlenken. Die Menschen gewöhnen sich daran, die Filme woanders zu sehen als im Kino. Da gibt es unterschiedliche Orte und unterschiedliche Typen von Medien. Deswegen unser Bekenntnis: Wir müssen die Menschen so früh es geht mit dem Gedanken des Kinos vertraut zu machen. Es geht nicht nur darum, den Film abzuarbeiten, sondern ihn zu erleben und zwar in dem Dispositiv, für das er gemacht ist: Das Kino. Da machen wir sehr viel Arbeit, um Jugendliche ins Kino zu bekommen und man wünscht sich sicher, dass zwei oder drei mehr da wären…

 

Serien sind für mich ein Zeichen der Zeit. Der schiere Umfang der Serien – oft werden binnen weniger Jahre unzählige Folgen gedreht – scheint zwei Dinge zu bedeuten: Einerseits stellt die Serie als Erzählform der Gegenwart umfangreiche Stories, ja fast schon ganze Mythologien zur Verfügung. Das heißt, es zeigt sich, wie groß eigentlich das Aufnahmevermögen eines Zusehers sein kann. Andererseits ist das Sehen von Serien eine Sache, die man nur im privaten Raum tut.

Papst: Ich denke, es ist ein Bekenntnis des Menschen zur Narration. Das Aufnahmevermögen ist unbegrenzt. (scherzt) Gut, wenn man so richtig absuchtet…

Zerbe (zustimmend): …und bingewatchet…

Papst: …ja, und den ganzen Tag im Pyjama auf dem Sofa Serien sieht oder im Bett, vielleicht sogar ohne Kleidung, weiß ich nicht, wieviel man noch aufnimmt. Wer in die Pumpe kommt darf aber gerne Kleidung anhaben. Doch im Ernst: Einigen wir uns darauf, dass alles ein Narrativ ist. Die Narration ist eines der Dinge, die uns ausmachen. Mit der Erzählung haben wir die Möglichkeit, uns die Differenz zwischen Aktualität und Potentialität vor Augen zu führen. Sich mit einer Geschichte zu beschäftigen, die nicht faktisch ist, sondern als Spiegelung von Möglichkeiten dient, ist die große Stärke der Narration. Ob daraus nun Herzensbildung oder doch Eskapismus folgen, das sind nur sekundäre Effekte. Was sein könnte ist nur durch die Narration transportierbar.

Zerbe: Das erklärt aber auch, warum Spoilern im Grunde eines der größten Verbrechen ist…

 

Gibt es etwas, das ihr unsere Leser fragen möchtet?

Das Team: Wo siehst du deine Filme am liebsten?

 

Und mit dieser Frage startet das Kino in der Pumpe mit dem DOKUMENTARFILMSOMMER durch. Vom 20. Juli bis zum 6. September 2017 wird dort ein breitgefächertes Programm zu sehen sein, das vielfältiger nicht sein könnte: Von Kreuzfahrten führ Gays über einen Einblick in das berüchtigte Nazi-Dorf Jamel bis hin zu schwedischen Kurzfilmen wird da jede Menge geboten. Das Programm des DOKUMENTARFILMSOMMERS

Zur Website des Kinos

 

Die Deichbullen: Eine norddeutsche Serie wird flügge

Was könnte norddeutscher sein, als zwei Hamburger Polizisten, die auf eine renitente Dorfgemeinschaft in Schleswig-Holstein treffen. Michael Söth hat daraus eine Serie gemacht: DIE DEICHBULLEN. Vor zwei Jahren startete diese zunächst auf Youtube, kam bei einer französischen Verleihfirma unter Vertrag und war zuletzt bei dem inzwischen geschlossenen Watchever zu sehen. Nun soll es weiter zu einem großen VOD-Anbieter gehen, für den eine Menge neues Material gedreht wurde. Wir haben Michael Söth getroffen.

 

Ein Bericht von Jessica Dahlke

 

Kurz vor sechs Uhr abends. An der Bar des Café Godot warte ich auf Michael Söth und unterhalte mich mit einem Mitarbeiter vom NDR. Das Café ist seit seiner Eröffnung zu einem Anlaufpunkt für Kieler Filmemacher geworden. Kein Zufall, denn der Besitzer ist selbst Filmemacher. Gut gelaunt, wie man ihn in der Szene kennt, betritt wenige Minuten später Michael das Lokal. Es gibt viel untereinander zu erzählen, ehe wir uns mit einem Bierchen vor das Café setzen, um die letzten Sonnenstrahlen des angenehmen Sommertages zu genießen.

 

 

Was klein anfing

Die neue Staffel der DEICHBULLEN ist ein kompletter Neustart. Die ursprüngliche erste Staffel wurde jetzt in den ersten beiden Folgen der neuen Serie verarbeitet. Das hat seinen Grund, denn im Gegensatz zur Webserie sind die Folgen jetzt weitaus länger: Sechs Folgen mit jeweils 25 Minuten Laufzeit wird es geben.

Das Team rund um die Deichbullen musste sich einigen Herausforderungen stellen, die vor allem dem geringen Budget geschuldet waren. „Wenn man mit wenig Geld arbeitet, ist man in erster Linie auf Menschlichkeit angewiesen”, erklärt Michael Söth, „du musst also mit den Leuten reden, stellst das Projekt vor und versuchst es auf die persönliche Ebene zu bringen, um das zu bekommen, was du brauchst.” Dadurch dauerte einiges viel länger, weil viele Leute erst einmal überzeugt werden müssten.

 

 

Die Kieler Crew

Das Team bestand diesmal aus vielen Vertreter der Kieler Szene. „Die Produktionsfirma, mit der ich die erste Staffel gedreht hatte, ist leider aus zeitlichen Gründen abgesprungen. Also musste ich mir kurzfristig neue Leute suchen”, kommt Söth ins Plaudern, „die meisten haben ich im Prinzip hier in Kiel kennengelernt, u.a beim Kieler Filmemacher Stammtisch. Hannes Gorrissen, den Kameramann, zum Beispiel. Von ihm kannte ich schon ein paar Sachen und ich dachte, der ist gut, der kann das wuppen. Aber auch alle anderen.” Am Ende war die Entscheidung die richtige für Söth. Alle seien stark an ihren Aufgaben gewachsen. „Im Gegensatz zu einem Studentenfilm steht man bei richtigen Filmarbeiten immer unter Druck. Die Leute können nur zu bestimmten Terminen. Und egal wie das Wetter ist, egal wie viel Zeit wir brauchen, der Film muss fertig werden”, sagt er und lacht.

Auch einige Promis waren diesmal mit von der Partie. So u.a. Konrad Stöckel, bekannt aus dem Schmidts Tivoli und EIS AM STIEL-Star Zachi Noy, der einen norddeutschen Polizisten mit starkem englischen Akzent spielt. „Besonders überrascht hat mich Andreas Elsholz, der mich schauspielerisch wirklich umgehauen hat. Er war vorbereitet und hatte vorher noch ein Schauspiel-Coaching für die Rolle gemacht, obwohl diese eher klein war – sehr professionell”, schwärmt Söth, „interessant und skurril natürlich Ben Becker. Sobald die Kamera läuft ist er Vollprofi. Das ist schon ein Unterschied zu: Ich spiel da mal irgendwo mit. Der ist es gewohnt vor 50 Leuten zu stehen und Dinge zu tun, die der Rolle geschuldet sind. Das ist ein Genuss, mit so einem Menschen zu arbeiten.”

 

 

Wo werden die DEICHBULLEN zu sehen sein?

Eine gute Frage, die noch nicht beantwortet werden darf. Studio Hamburg ist Co-Produzent und befindet sich aktuell in Verhandlung, doch es wird wohl auf einen großen Streamingdienst hinauslaufen. „Mich freut es sehr, dass es mal wieder eine norddeutsche Serie gibt. Im Moment haben wir aus dem Norden nur den TATORTREINIGER und BÜTTENWARDER. Da ist also locker noch Platz für eine dritte”, erklärt Söth.

 

Gibt es einen typisch norddeutschen Stil?

„Ich denke, wir Norddeutschen erkennen das gar nicht, wie wir sind. Ich merke das, wenn ich in einem anderen Bundesland bin. Da sagt man mir: Man merkt sofort, dass du aus Norddeutschland bist. Man redet so flach und breit, das fällt einem selber gar nicht mehr auf. Und wir haben angeblich eine gewisse Ruhe und keinen Humor. Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich finde, dass wir viel lachen, selbst über den größten Scheiß”, er lacht wieder. Söth selbst definiert diesen norddeutschen Stil über längere Kameraeinstellungen. Sich Zeit lassen für die Bilder. Den Blick über die karge Landschaft schweifen lassen.

„Daher reizt es mich gar nicht in Hamburg zu drehen. Das ist Großstadt mit tausenden Autos. Dann lieber diese Ruhe, zwei Schafe laufen durch, ab und zu ein Tourist, der in die Kamera schaut. Das wars auch. Diese Ruhe mag ich beim Arbeiten. Das halte ich auch für typisch Norddeutsch.” Dieser Stil zieht sich auch durch seine anderen Filme wie DEICHKING (D, 2006) und BAUERNFRÜHSTÜCK (D, 2011), stelle ich fest.

Da sei Söth von Detlef Buck geprägt, denn Filme wie KARNIGGELS (D, 1991) liebe er heute noch: „Im Auto sitzen und Fliegen tot schlagen finde ich viel spannender als Köpfe weg zu schießen. Das liebe ich als Stilmittel und versuche es in meine Filme einzubauen.“

 

 

Das neue Projekt

Zum Schluss sprechen wir über Michael Söths ersten Dokumentarfilm. Darin geht es um eine Gruppe von Männern über 60, die mit dem Mofa 1.800 km nach Biarritz fahren wollen.

„Mal gucken, wieviele ankommen. Das Thema hat mich nicht in Ruhe gelassen und damit hatte ich das Thema für meine erste Doku.” Der Film wird von der Filmwerkstatt Kiel gefördert.

Mehr Informationen über die DEICHBULLEN gibt es hier.

Wir müssen laut sein – Ein Kommentar

zu Gerald Grotes „Einfach so tun, als ob”

Ich freue mich, dass meine Rede vom 8. Juli 2017 beim Sommerfest der Filmbranche nicht unbeantwortet blieb. Denn Worte, die keine Gegenrede bekommen, sind auch nichts weiter als eine Predigt leerer Worthülsen.

Hier zunächst das Kommentar von Gerald Grote

 

Warum eine Motivationsrede?

Ich habe lange darüber nachgedacht, welche Art von Rede ich zur Eröffnung halten soll. Dabei erinnerte ich mich an die sehr gut besuchte Podiumsdiskussion „Unsere Filme auf großer Leinwand” vom 31.01.2017 zurück, wo wir uns zur Aufgabe gemacht haben, unsere Filme gemeinsam besser zu vermarkten. Doch leider gab es dazu bisher nur eine kläglich besuchte Arbeitsgruppe. Leute! Das, was wir da versuchen zu stemmen ist eine große Sache, das schaffen wir nicht allein. Ihr wollt, dass eure Filme erfolgreich sind, also wartet nicht darauf, dass irgendjemand mal was gegen die aktuelle Situation tut.

Wir haben ein Problem und das lässt sich nicht wegdiskutieren.

 

Ducken wir uns weg?

Eine sehr junge Filmemacherin hat vor zwei Jahren eine Aussage eines älteren Herren abgewehrt, der meinte, die richtigen Filme werden von den anderen gemacht. „Soll das heißen, nur weil ich aus Schleswig-Holstein komme, kann ich keine Filme machen?” Natürlich war das von dem älteren Herren unglücklich formuliert, denn er wollte darauf hinaus, dass das Filmemachen an anderen Standorten nun mal leichter wäre als im beschaulichen Flächenland Schleswig-Holstein. Dennoch zeigte dieser Versprecher eine gewisse Kapitulation vor den gegebenen Strukturen der deutschen Film- und Fernsehlandschaft – die sich im übrigen selbst in der Krise befindet.

Haben wir also aufgegeben? Lassen wir es uns gefallen, dass im Filmforum der Nordischen Filmtage Lübeck nur noch um die 20 Prozent Filme aus unserem Bundesland laufen? Dass Filme aus Schleswig-Holstein dort abgelehnt werden, die auf anderen Festivals Preise gewonnen haben? Haben wir vielleicht sogar schon das Filmforum selbst aufgegeben, weil wir einfach keine Filme mehr dort einreichen? Bringt ja sowieso nix, höre ich immer wieder.

Und warum schrumpft das Filmfest Schleswig-Holstein immer weiter zusammen. Es tut einem in der Seele weh, es so eingezwängt im ersten Stock der Pumpe wiederzufinden. So wird es seinem Namen gar nicht gerecht. Bis heute weiß ich nicht, warum das Filmfest nicht auch in anderen Kinos in Kiel oder sogar außerhalb stattfindet. Die Antworten darauf sind stets schwammig.

 

Der Partner der keiner sein will

Als die Filmförderungen Schleswig-Holstein und Hamburg vor zehn Jahren zusammengeschlossen wurden, gab es viele Versprechungen, die suggerierten, dass wir von der hohen Professionalität der dortigen Filmbranche profitieren würden.

Die Bilanz heute: Die Fusion mit Hamburg war ein Fehler. Wer große Kinofilme fördert, dem fehlt naturgemäß der Blick für das, was auf einem anderen Niveau gefördert werden muss, damit es prosperieren kann. Hamburg hat ein eigenes, gut funktionierendes System, mit dem der Filmnachwuchs in der Stadt rekrutiert und etabliert wird. Auch nach zehn Jahren hat Hamburg es nicht geschafft, Schleswig-Holstein dort mit einzubinden.

Warum zum Beispiel gibt es noch keine Kooperation mit der dortigen Film- und Kunsthochschule mit unseren Hochschulen?

Warum scheint es so, dass der zweite Namensteil der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein nur als Wort begriffen wird? Das wird besonders deutlich, wenn in einem Trailer – der beim Berlinale Empfang in der Landesvertretung SH vorgestellt wurde – fast nur Hamburg gezeigt wird. Das ist nicht nur den Filmemachern übel aufgestoßen, das ist auch in den höheren politischen Etagen schlecht angekommen.

Warum enthält die Aufblende – das offizielle Magazin der Filmförderung – kaum Berichte und Interviews von Filmemachern, die von der Filmwerkstatt Kiel gefördert werden? Von der Berichterstattung ihrer Veranstaltungen wie dem Berlinale Empfang mal ganz abgesehen.

Warum erscheint Schleswig-Holstein aus Sicht der Filmförderung nur als als purer Drehort?

Und warum gab es bisher nur ein Produzententreffen zwischen Hamburgern und dänischen Produzenten, wenn die entsprechenden Fördergelder auch für Schleswig-Holsteiner gedacht waren?

Darum müssen wir laut sein! Darum müssen wir gemeinsam die Anerkennung unserer Filmszene einfordern.

Was also tun, damit unsere Filmbranche prosperieren kann?

 

Entweder irgendwas oder in ernsthaft

Nehmen wir zum Beispiel unsere Hochschulen. An der FH Kiel und Flensburg und der Muthesius Kunsthochschule kann man Filmarbeit studieren. Die Stärke einer künstlerischen Ausbildung hängt von der Güte ihrer Dozenten bzw. Gastdozenten und ihrer Ausstattung ab. Wie soll man sich allen ernstes dem Material Film nähern, wenn nicht einmal eine ordentliche Licht- und Tonausstattung da ist, von den verschiedenen Kameratypen ganz zu schweigen. Wo keine technischen Grundlagen sind, da wird der Jobeinstieg nach dem Abschluss schwer.

Wer im Film weiterkommen will, braucht Kontakte und ein Netzwerk. Auch davon hängt die Güte einer Hochschule ab. Wie also weiterkommen, wenn die Anzahl renommierter Gastdozenten an nur einer Hand abzuzählen ist?

Und warum werden Abschlussfilme in Hamburg gefördert und bei uns nicht? Immerhin ist der Abschlussfilm die Visitenkarte jedes Filmschaffenden, der in den Beruf einsteigen will.

Wollen wir Menschen ausbilden oder wollen wir Studiengänge als Verlegenheitshandlung anbieten?

Zumal die aktuelle Standortstudie der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein feststellt, dass fehlendes Filmpersonal einen Standortnachteil für Schleswig-Holstein darstellt und damit den Bedarf an weiteren Ausbildungsmöglichkeiten offenlegt.

Nehmen wir das Filmforum in Lübeck. Wie kann es sein, dass hier höher budgetierte Filme aus Hamburg mit den unterbudgetierten aus Schleswig-Holstein verglichen werden? Die Konsequenz ist, dass unsere Filme langsam aber sicher von ihrer eigenen Plattform verdrängt werden. Erst Filme mit zu wenig Geld ausstatten und dann behaupten, da käme ja nix ordentliches, ist ein bisschen zu einfach gedacht. Vielleicht sollte man hier tatsächlich einmal über eine Quote nachdenken.

Nehmen wir das Beispiel Förderprogramme. Film zu machen hat viel mit Lebenserfahrung zu tun, denn nur so kann man Geschichten erzählen. Warum sind viele Filmemacher über 30 von Fortbildungs- und Vernetzungsprogrammen ausgeschlossen, die sie wirklich weiterbringen würden? Auch Europaweit?

Nehmen wir die Vernetzung. Auch außerhalb der Hochschule müssen Filmemacher stetig Menschen kennen lernen, um weiter zu kommen oder an etwas zu kommen: Zum Beispiel an einen guten Stoff. Was nützt es für seine Filmprojekte gefördert zu werden, aber darüber hinaus kaum Möglichkeiten zu haben, andere Filmschaffende, Produzenten oder Autoren kennenzulernen, auch solche, die schon einiges geschafft haben. Hier könnte man auch ohne viel Geld viel bewerkstelligen. Stattdessen versauern wir bei unseren wenigen Netzwerkveranstaltungen im eigenen Sud (sogar in Berlin).

Wer gute Filme möchte, der muss auch den entsprechenden fruchtbaren Boden dafür schaffen, sonst bleibt der Förderwille nichts weiter als ein bloßes Lippenbekenntnis.

Und ja, gute Filme brauchen ein bestimmtes Mindestbudget. Nicht nur in der Produktion, sondern vor allem auch in der Stoffentwicklung und besonders im Vertrieb.

 

Warum wir laut sein sollten?

… weil unsere Szene nicht tot ist, sondern im Gegenteil an allen Enden und Ecken wächst und blüht.

… weil wir uns gegenseitig besser auffindbar machen müssen. Netzwerk und so.

… weil nicht Einzelne für unsere Interessen eintreten können, sondern nur wir alle zusammen. Wir sollten uns treffen, Strategien umsetzen, protestieren. Denn wenn wir erstmal ins Hintertreffen geraten sind und nicht mehr agieren können, dann ist es für die andere Seite leicht zu sagen: „Da kommt ja nichts aus der Filmszene.”

… weil in der Presse nicht mehr stehen soll, dass hier nur Pferdemädchen und der Tatort Filme machen.

… weil wir klar machen müssen, dass Film kein Luxus ist, sondern ein Wirtschaftsgut. Kein Politiker wird abstreiten, dass ein erfolgreicher schleswig-holsteinischer Film positive Auswirkungen auf den Tourismus und den Wirtschaftsstandort haben. Nicht ohne Grund kommt die neue Filmcommisionerin aus der Tourismusbranche.

.. weil wir diejenigen sind, die das Bild von Schleswig-Holstein und seinen Menschen in die Welt tragen.

… weil wir etwas zu erzählen haben.

 

All das können wir nicht alleine erreichen.
Wir brauchen euch.
Eure Filme brauchen das.
Es lohnt sich also.

Daher seid laut und organisiert euch mit uns.

 

Jessica Dahlke, Vorsitzende Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.

 


Jetzt mitreden

Schreibt uns eure Gedanken zum Thema in die Kommentare oder längere Texte an jd@filmkultur.sh. Wenn ihr wollt können wir längere Texte dazu auch hier auf filmszene-sh veröffentlichen.

Einen weiteren Kommentar dazu hat Helmut Schulzeck verfasst.

 


Die Rede vom Sommerfest

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Filmemacher und Filmemacherinnen, liebe Förderer liebe Mitglieder,

Im Namen des Vereins Filmkultur Schleswig-Holstein freue ich mich, euch auf dem diesjährigen Sommerfest begrüßen zu dürfen.

Zunächst möchte ich mich bei Arne Sommer und seinem Team aus der Filmwerkstatt Kiel bedanken, ohne deren Unterstützung diese Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre. Außerdem bedanken wir uns bei Herrn Ahlers, der uns auch in diesem Jahr die Landesbibliothek für unser Sommerfest zur Verfügung gestellt hat.

In Schleswig-Holstein Filme zu machen bedeutet, Teil einer zwar kleinen, aber hochmotivierten Filmszene zu sein. Ich freue mich immer wieder zu sehen, wie jedes Jahr kleine wie große, ernste wie verrückte Projekte zwischen Ost- und Westküste entstehen. Dazu kommen internationale Filmfestivals, die ein eindeutiges Signal senden: Hinter Hamburg ist keine Provinz, auch hier werden Filme gemacht, die in Skandinavien, Frankreich, Taiwan, den USA und sogar auf den Bahamas zu sehen sind.

Trotzdem senkt man hier gerne den Kopf und tut so, als wären wir niemand. Als hätten wir nichts, was wir den Zuschauern dort draußen erzählen könnten. Als lohne es sich nicht uns Möglichkeiten zu schaffen, an denen wir wachsen können.

Ich erinnere mich an unseren letzten Filmemacher Stammtisch vor einer Woche. Dort wurde einer unserer Kollegen gefragt, wie er es immer wieder schafft, dass über ihn berichtet wird,  Promis bei ihm mitspielen und seine Filme im Fernsehen laufen.

“Ihr müsst laut sein”, war seine Antwort und erklärte weiter: “Manchmal habe ich das Gefühl, die Filmemacher entschuldigen sich dafür, dass sie einen Film gemacht haben.”

Laut sein. Können wir das? Laut sein? Mal ganz ehrlich. Wir sind ja hier unter uns. Natürlich können wir das! Wir können nicht darauf warten, dass irgendwann jemand für uns laut ist, wir müssen es selbst sein.

Martin Scorsese sagte einmal, dass ein Film, der nicht gesehen wird, seinen Nutzen verliert. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Energie nicht nur in die Produktion unserer Filme, sondern auch in ihre Vermarktung stecken. Und dafür brauchen wir Selbstbewusstsein! Denn Fakt ist: Das Norddeutsche macht unsere Filme einzigartig und kommt an. Egal ob in Form des Tatortreinigers, den Deichbullen, Werner, Büttenwarder oder Fraktus. Ebenso wird der einzigartige Flair unserer Dokumentarfilme hochgeschätzt. Und genau das sollten wir uns zu Nutze machen.

Daher kann ich euch nur sagen: Seid laut! Sprengt die Filmfestivals und reicht eure Filme ein. Macht den Verein Filmkultur Schleswig-Holstein zu eurem Projekt und setzt mit uns eure Ideen für eine gemeinsame Vermarktung eurer Filme um. Entwickelt mit uns und euren Kollegen geile Stoffe, die einfach auf die Leinwand gehören. Lasst uns gemeinsam laut sein!

 

Bild: Steve Halama (unsplash.com)

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Diese Seite verwendet Google Analytics. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen