Der Spielfilmwettbewerb der 60. Nordischen Filmtage Lübeck

nordische Filmtage spielfilme

In das Rennen um den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Filmpreis gehen insgesamt 17 Filme im Spielfilmwettbewerb der 60. Nordischen Filmtage Lübeck (30.10.-04.11.2018), darunter 9 Spielfilmdebüts. Dass zugleich viele der Filmschaffenden und Castmitglieder nach Lübeck kommen, ist für das Festival eine große Ehre, und das Publikum freut sich auf den direkten Austausch mit den Filmgästen. Eröffnet wird das Festival am 30. Oktober 2018 – erstmals mit einem Film aus Estland: „Die kleine Genossin“ (EE 2018) von Moonika Siimets schildert die Schrecken und Wirrnisse der Stalinzeit aus der Perspektive eines 6-jährigen Mädchens. Die Regisseurin reist zusammen mit ihrem Hauptcast sowie Teammitgliedern in die Hansestadt, um ihr Spielfilmdebüt persönlich vorzustellen.

Im diesjährigen Wettbewerb treffen etablierte Filmschaffende, die bereits mehrfach im Programm der Nordischen Filmtage Lübeck vertreten waren, auf vielversprechende Newcomer. Dabei sind die baltischen Staaten neben Moonika Siimets mit zwei jungen innovativen Filmemacherinnen aus Litauen vertreten. Giedrė Beinoriūtė stellt ihre Familientragödie „Breathing into Marble“ (LT/LV/HR 2018) vor und Marija Kavtaradze ihre melodramatische Komödie „Summer Survivors“ (LT 2018), deren Hauptdarstellerin Gelmine Glemzaite ebenfalls in Lübeck sein wird.

Aus Island reist die Regisseurin Isold Uggadóttir an, die in „Atme ganz normal“(IS/SE/BE) vom Schicksal zweier unterschiedlicher Frauen erzählt, die unter ungewöhnlichen Umständen aufeinander angewiesen sind. Ein weiterer „Insel“-Film ist „Nina“ (DK/FO 2018) von Maria Winther Olsen, die das Leben und die Einsamkeit auf den Färöern aus der Sicht einer aus Kopenhagen zugezogenen jungen Frau beschreibt.

Mit seinem ersten Spielfilm „Ditte & Louise“ (DK 2018) zu Gast in Lübeck ist Niclas Bendixen, der darin auf humoristische Art und Weise Geschlechterrollen hinterfragt. Begleitet wird er von seinen beiden Drehbuchautorinnen und Hauptdarstellerinnen Ditte Hansen und Louise Mieritz. Ebenfalls aus Dänemark kommen Regisseur Kasper Kalle und die Schauspielerin Rosalinde Mynster. Sie präsentieren den Historienfilm „Christian IV. – Die letzte Reise“ (DK 2018), der über weite Strecken einer Pferdekutsche spielt.

Für Norwegen gehen Camilla Strøm Henriksen und Tuva Novotny ins Rennen. Bisher in erster Linie als Schauspielerinnen bekannt, sorgen sie nun mit ihren Regiedebüts für Furore. Strøm Henriksens nutzt in „Phönix“ (NO/SE 2018) Stilelemente des Horrorgenres für die Geschichte der 13-jährigen Jill, die unter dem Verlust ihres Vaters und dem psychisch labilen Zustand ihrer Mutter leidet. Novotnys Tragödie „Blinder Fleck“ (NO/DK 2018) begleitet die Eltern eines jungen Mädchens nach einem plötzlichen Unglück – Der Film wurde in einer einzigen Einstellung gedreht.

Neben diesen neuen Gesichtern sind gleich drei ehemalige Gewinner des NDR-Filmpreises mit ihren neuesten Arbeiten im diesjährigen Wettbewerb vertreten: Baldvin Z. aus Island zeichnet in „Lass mich fallen“ (IS/DE/FI 2018) die Abwärtsspirale einer in die Drogenszene geratenen Jugendlichen akribisch nach. Henrik Martin Dahlsbakken stellt zusammen mit seiner Hauptdarstellerin Andrea Bræin Hovig seinen neuen Film „Eine Affäre“ (NO 2018) vor. Sie spielt darin eine Lehrerin, die eine verhängnisvolle Romanze mit ihrem Schüler eingeht. Michael Noers „Vor dem Frost“ (DK 2018) zeichnet ein Porträt des bäuerlichen Lebens im Dänemark des 18. Jahrhunderts, das in Lübeck von dem Schauspieler Rasmus Hammerich vorgestellt wird. Und Klaus Härö, der bereits zweimal den Publikumspreis der Lübecker Nachrichten gewinnen konnte, präsentiert zusammen seinem Hauptdarsteller Heikki Nousiainen „Ein unbekannter Meister“ (FI 2018).

Benedikt Erlingsson, dessen Debüt „Von Pferden und Menschen“ das Festival 2013 eröffnete, schickt in diesem Jahr „Gegen den Strom“ (IS/FR/UA) ins Rennen, eine sympathische Komödie über eine Chorleiterin, die als Umweltaktivistin dem nationalen Energiekonzern die Stirn bietet. Heikki Kujanpää erzählt in seinem Historiendrama „Lach oder stirb“ (FI/SE/LV 2018) von den Herausforderungen eines Schauspielers am Ende des finnischen Bürgerkrieges. Der Regisseur wird aus Finnland anreisen, ebenso wie Simo Halinen, der in Lübeck sein Thrillerdrama „Wendepunkt“ vorstellt. Mit stimmigem Zeitkolorit hat Hannes Holms in „Ted – Alles aus Liebe“ (SE/NO 2018) ein berührendes Porträt des Musikers Ted Gärdestad gezeichnet, der von Adam Pålsson verkörpert wird. Regisseur und Schauspieler freuen sich ebenfalls schon auf die Nordischen Filmtage.

Die Filme des Spielfilmwettbewerbs sind, neben dem NDR Filmpreis, auch für den Publikumspreis der „Lübecker Nachrichten“ und den „Kirchlichen Filmpreis INTERFILM“ nominiert, entsprechende Filme zudem für den „Baltischen Filmpreis für einen nordischen Spielfilm“. Die Spielfilmdebüts der Sektion nehmen an der Abstimmung zum erstmalig ausgelobten „Preis des Freundeskreises für das Beste Spielfilmdebüt“ teil, dieser ist mit 7.500 Euro dotiert. 

Das Serienprogramm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck

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„Menschliche Dramen, soziale Missstände und gesellschaftliche Umwälzungen sind das Salz in der Suppe der neuen Generation Serien“, so Christian Modersbach, Kurator der Sektion bei den Nordischen Filmtagen Lübeck. Diese neue Generation spiegelt sich mit spannenden und variantenreichen Folgen im Serienprogramm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck wieder. 

So geht „Die Brücke – Transit in den Tod“ (SE/DK 2017) in die vierte und letzte Runde. Ein letztes Mal widmen sich die Kommissare Saga Norén und Henrik Sabroe einem Mordfall auf beiden Seiten der Øresundbrücke und beenden damit eine der erfolgreichsten TV-Produktionen Dänemarks. Ganz neu ist ein finnisches Comedy Format über einen pubertierenden Computer-Nerd, der als „DragonSlayer 666“ in der virtuellen Welt Zuhause ist, sich aber plötzlich in der realen Welt durchschlagen muss. Ebenfalls vor neue Herausforderungen gestellt, sieht sich das Teenie-Idol Thomas Hayes, der in „His Name is not William“ (NO 2018) nicht glauben kann, dass seine Karriere vorbei sein soll. Mit ganz anderen Problemen sehen sich die Protagonisten zweier weiterer Serien konfrontiert: In „Die Wege des Herrn“ (DK 2017) muss sich ein Pfarrer eingestehen, dass sein Lebensweg nicht der seiner Söhne ist, glänzend besetzt mit Lars Mikkelsen in der Hauptrolle. Serien Creator ist Adam Price, der zuvor schon für die mehrfach ausgezeichnete international erfolgreiche Serie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ verantwortlich zeichnete. „Home Ground“ (NO 2018) setzt auf eine Fußballtrainerin, gespielt vom norwegischen Schauspielstar Ane Dahl Torp, welche erst noch die richtigen Pfade in einer männerdominierten Welt einschlagen muss. Ane Dahl Torp war bei den NFL zuletzt im 2014er Eröffnungsfilm „1001 Gramm“ zu sehen. Regisseur Arild Andresen war zuvor ebenfalls 2010 und 2011 mit Spielfilmen bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck vertreten und kommt persönlich in die Hansestadt, um jetzt seine Serie zu präsentieren.

Ebenfalls in die Hansestadt kommen Schauspielerin Shima Niavarani und Autor Niclas Carlsson, zwei Mitglieder der „Happy at Sea“ (SE 2018) Filmcrew. Freuen kann sich das Publikum hier auf ein humoristisches Familienportrait mit Tiefgang. Ebenso kommt Regisseur Petter Næss zum Festival, der mit der Serie „State of Happiness“ (NO/BE 2018) nicht nur die Geschichte von vier jungen Menschen zu Zeiten von Norwegens Suche nach Öl im Jahr 1969 erzählt, sondern auch die Entwicklung des norwegischen Wohlfahrtsstaates nachzeichnet.

Seite der Nordischen Filmtage Lübeck

Kinoprogrammpreis 2018: Studio Filmtheater und Traumkino ausgezeichnet

Dennis Jahnke, Matthias Ehr

Das Studio Filmtheater am Dreiecksplatz und das Traumkino Kiel wurden am Donnerstag mit dem bundesweiten Kinoprogrammpreis ausgezeichnet. Der Preis ehrt die kulturell herausragende Programmgestaltung der Kinos. Dabei ist es unwesentlich, ob es sich um kleine Programmkinos oder Großstadt-Filmtheater handelt. Auch die Sparten Jugend-, Kurz-, und Dokumentarfilm wurden berücksichtigt.

Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, würdigte das Kurzfilmprogramm des Studio Filmtheaters am Dreiecksplatz. Schon im Vorjahr waren Inhaber Dennis Jahnke und Matthias Ehr für ihr Dokumentar- und Kurzfilmprogramm ausgezeichnet worden. Zudem wurde das Traum-Kino für sein hervorragendes Jahresfilmprogramm 2017 prämiert.

Den Spitzenpreis gewann das Kino am Raschplatz in Hannover. Hier wird die Verleihung im kommenden Jahr stattfinden.

Mit den Kinoprogramm- und Verleiherpreisen würdigt und fördert der Bund die Vielfalt von Filmkunst in Deutschland und Europa. Diesjähriger Gastgeber war das Cinema & Kurbelkiste in Münster, das im Vorjahr den Spitzenpreis erhalten hatte.

18. Flensburger Kurzfilmtage

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Filmische Vielfalt am laufenden Band bieten die Flensburger Kurzfilmtage vom 14. bis 18. November im 51 Stufen Kino im Deutschen Haus. Das Festival, das seit Jahren von den beiden Flensburger Hochschulen mit getragen und organisiert wird, geht in diesem Jahr in die 18. Runde.

97 Filme werden zu diesem Anlass präsentiert – aufgeteilt in 14 verschiedene moderierte Veranstaltungen. Unter Titeln wie „Im Urlaub ist es immer schön“, „It’s a Crime“ oder „Kraft der Natur“ werden dabei je 4 bis 10 ganz unterschiedliche Filme gezeigt, die das Auswahlteam um Festivalleiter Karsten Wiesel durch ihre Geschichte, ihre Machart oder ihre Kürze fasziniert und überzeugt haben.  Der kürzeste Film in diesem Jahr ist 1 Minute 15 Sekunden kurz, der längste 27 Minuten. Die meisten der gezeigten Filme kommen aus dem deutschsprachigen Raum aber es gibt auch in diesem Jahr wieder ein Screening mit dänischen Kurzfilmen sowie preisgekrönte und internationale Filme im Kinderprogramm Rolle Vorwärts und im Animationsfilmprogramm tricky, von dem es in diesem Jahr sogar zwei verschiedene Versionen gibt.

Neu in diesem Jahr ist ein Programm Extrakt, für das 10 der kürzeren Filme aus verschiedenen Programmblöcken zusammengestellt wurden, um Eiligen und Neueinsteigern einen Überblick über die Vielfalt der Film- und Programmsparten zu bieten.

Bereits im letzten Jahr erprobt und bewährt hat sich ein Block mit Filmen „Aus der Region“, der einen Einblick in das aktuelle Filmschaffen in Schleswig-Holstein bietet.

In der zur Festivallounge umgestalteten Imagine Bar im Deutschen Haus kann täglich ab 18 Uhr Festivalatmosphäre geschnuppert werden und bei Interesse in Filmgesprächen auch mit den anwesenden Filmschaffenden diskutiert werden. Und wer Filme mal aus einer ganz anderen Perspektive erleben möchte, kann dies von Do. bis Sa. ab 20.00 Uhr in einem besonderen Programm zum Thema Annäherung in der Theaterwerkstatt Pilkentafel tun.

Einzelheiten zu diesen und weiteren Festivalangeboten unter www.flensburger-kurzfilmtage.de
Die Karten kosten pro Programm zwischen 3 und 15 Euro.
Tickets gibt es ab 4. November im 51 Stufen Kino und im Festivalbüro MODUL 1, Rote Straße 17.  Reservierungen sind online möglich.

Nordische Filmtage Lübeck: Offene Wunde Filmforum Lübeck?

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Es brodelt wieder in der Filmszene in Schleswig-Holstein. Der Grund ist ein Blick in das Programm des Filmforums in Lübeck, in dem originäre Filme aus dem Land erneut unterrepräsentiert sind. Nach einem ersten Anstieg der schleswig-holsteinischen Filme im letzten Jahr, fällt die Ausbeute für hiesige Filmschaffende 2018 wieder mager aus. Wir zeigen auf, warum den Filmemacher*innen das Filmforum so wichtig ist und warum hier dringender Handlungsbedarf besteht.

Ein Bericht von Jessica Dahlke

Schleswig-Holstein brechen die Schaufenster weg

Das Filmforum ist eine Untersektion der Nordischen Filmtage Lübeck, die sich im Schwerpunkt mit dem skandinavischen Kino beschäftigen. 1988 gegründet war es das zweite Festival, auf dem schleswig-holsteinische Filmemacher*innen ihre Filme zeigen konnten, 1986 waren bereits die Husumer Filmtage mit dem gleichen Ziel gestartet. 1993 folgte die Augenweide in Kiel, die inzwischen Filmfest Schleswig-Holstein heißt. Durch eine Fusion mit den Nordischen Filmtagen Lübeck gehörte das Filmforum Schleswig-Holstein schließlich zum Festival. Seit 2007 dürfen auch Hamburger Produktionen ihre Filme in der Sektion einreichen. Seitdem heißt das Programm nur noch Filmforum.

Liest man die Seite der Landesregierung, so soll das Filmforum, das hier noch Filmforum Schleswig-Holstein heißt, dafür sorgen, dass “schleswig-holsteinische Filmproduktionen in die Programme in- und ausländischer Festivals (gelangen)”. Diesen Auftrag kann das Filmforum heute nicht mehr erfüllen, da viele Vertreter*innen der Filmszene Schleswig-Holstein fehlen. Und das obwohl das Land keine unwesentlichen Gelder in das Festival steckt. 70.000 Euro im Jahr. Damit ist zwar auch das skandinavische Festival, die Nordischen Filmtage gemeint, aber eben auch das Filmforum.

Schleswig-Holstein zu Gast im eigenen Filmforum

Betrachtet man die Filmauswahl der letzten sieben Jahre (nur Titel, nicht nach Spielzeit), so gibt allein dieser kurze Zeitraum ein trauriges Bild wieder. Selbst im guten Jahr 2017 wurde ein Anteil von 50 Prozent nicht erreicht. 2015 rutschte dieser sogar auf 25 Prozent. Zählte man nur originäre Filme aus Schleswig-Holstein oder berücksichtigte man die Spielzeiten, so wären die Zahlen bei weitem niedriger.

JahrSchleswig-HolsteinHamburgsonstige (MVP, NS, HB)
201839 %57 %4 %
201748 %38 %14 %
201629 %58 %13 %
201525 %63 %12 %
201441 %57 %2 %
201333 %57 %10 %
201238 %57 %5 %

In die Zahlen eingerechnet wurde, ob ein SH-Bezug bei den Filmen besteht. Dabei reichte es, wenn Filmschaffende in SH geboren sind, das Thema über Schleswig-Holstein handelt oder in SH vorwiegend (!) gedreht wurde. Die Prozente sind aufgerundet. Sie basieren auf Recherchen über die Filmemacher*innen und Produktionen und haben keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Wo sind unsere Plattformen?

Auch das Filmfest Schleswig-Holstein wird immer weniger seiner Rolle als Plattform für die Filmemacher*innen gerecht. Wir berichteten. Die Husumer Filmtage suchen mit ihrem Programm inzwischen andere Wege, daher lassen wir sie hier außen vor. Von einer Unterstützung der Filmszene im Land, wie sie in jedem anderen Bundesland zu finden ist, kann keine Rede mehr sein. Ein zweites Manko der beiden Festivals ist, dass die Hochschulen kaum bis gar nicht eingebundene werden, obwohl diese jedes Jahr mindestens ein kleines Filmprogramm hervorbringen. An der Produktion von Filmen mangelt es also nicht. Von den etablierten Filmemacher*innen ganz zu schweigen.

Was sollte getan werden?

Was also tun, um die Filmschaffenden auch in der Distribution ihrer Filme wieder mehr zu unterstützen? Das Filmfest Schleswig-Holstein muss finanziell besser aufgestellt werden, damit es seinem Auftrag laut Namen gerecht werden kann. Vor allem im Marketing und personell stößt das Filmfest an seine Grenzen. Zudem sollte man sich mit den Hochschulen zusammensetzen und an einem Studierenden-Programm inklusive Studienpreis arbeiten. Dabei sollte neue Medien wie VR, Gamedesign, Medienkunst und 360 ° Grad Projektionen mit eingebunden werden. Das bietet die Chance, neue Zielgruppen zu erreichen. Eine ähnliche Vernetzung zu den Hochschulen sollte es auch beim Filmforum geben. Der Auftrag sollte klar formuliert sein, dass das Forum ein Schaufenster der Schleswig-Holsteinischen Szene mit all ihren Aspekten ist. Und ein Anteil von mindestens 50 Prozent sollte bei einem Festival, das in Lübeck spielt mindestens drin sein.

Photo by Jad Limcaco on Unsplash

Das Dokumentarfilmprogramm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck

nordische-filmtage-dokumentarfilme-2018

Das Dokumentarfilmprogramm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck (30.10.-04.11.18) liefert einen Querschnitt zu den Lebensweisen der Menschen in den nordischen und baltischen Ländern sowie gelebter Geschichte in Europa im Zeitraum der letzten 100 Jahre. 16 der insgesamt 28 Dokumentarfilme des Programms gehen ins Rennen um den Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften (dotiert mit 2.500 Euro)

Bei den diesjährigen Dokumentarfilmen hat einer der renommiertesten Regisseure, Produzenten und Dokumentarfilmer Finnlands, Jörn Donner, mit seinem Film „Fuck Off 2 – Bilder aus Finnland“ (FI 2017) den Versuch unternommen, den enormen Wandel darzustellen, der seit seinem Dokumentarfilmklassiker „Fuck Off – Bilder aus Finnland“ von 1971 stattgefunden hat. Bei seinen Reisen durch das Land und Gesprächen mit unterschiedlichsten Menschen thematisiert er die extremen Einkommensunterschiede, die Landflucht sowie den Umgang mit Migranten – Themen, die auch in anderen Filmen der Sektion aufgegriffen werden. Jörn Donner, Jahrgang 1933, kommt als Gast nach Lübeck. Ebenfalls eine Fortsetzung präsentiert das 2009 mit dem NFL Dokumentarfilmpreis ausgezeichnete Ehepaar Janus Metz und Sine Plambech mit „Herzensland – Eine etwas andere Liebesgeschichte“ (DK/NL/SE 2018). Ihr anthropologisch anmutender Film über interkulturelle Ehen zwischen Dänen und Thailänderinnen gibt tiefe Einblicke in diese besonderen Beziehungen in nördlichen Teil Dänemarks.

Das Dokumentarfilmprogramm greift des Weiteren aktuelle Probleme wie die Entvölkerung abgeschiedener Gegenden Europas in „Estnische Geschichten. Kerro 40“ (EE 2017) und „690 Vopnafjörður“ (IS 2017) auf sowie die Folgen technischen Fortschritts für die Einwohner in „Der Fluss, meine Freundin“ (CH 2018) und in „Die das Licht brachten“ (FI 2017). Veränderungen der Arbeitswelt in traditionellen Betrieben wie der Fischerei spielen eine Rolle in „Liebe an Bord“ (DK/FO 2018) und „Der letzte Hummerfischer“ (SE 2018) oder auch die Geschichte moderner HighTech-Unternehmen in „Nokia Mobile – We Were Connecting People“ (FI/NO/DE 2017).

Wie wichtig ein geordnetes Leben, Bildung und Schulsystem für Kinder und Jugendliche sind, zeigen die Filme „14 Fälle“ (EE 2017) und „Fortsetzung folgt“ (LV 2018), wohingegen „Räubertochter“ (NO/SE 2018) und „Die Nacht, als uns Papa abholte“ (NO/BE/SE 2017) die Drogenabhängigkeit von Familienmitgliedern thematisieren.

Zurück in der Geschichte geht es u.a. mit den Filmen „Widrige Umstände“ (DK 2018) und „The Raven and the Seagull“ (DK/GL 2018), welche von der Eroberung Grönlands und dem Verhältnis zwischen Kolonie und Kolonialmacht berichten. Weitere historische Rückblicke liefert Jouko Aaltonens und Seppo Rustanius’ „Die Augen des Kriegs 1918“(FI 2018), der den finnischen Bürgerkrieg und die damaligen Kindersoldaten thematisiert, sowie Guðbergur Davíðssons und Konráð Gylfasons „Iceland Defense Force – Vorposten des Kalten Kriegs“ (IS 2017) über die NATO-Basis in Keflavik, Island.

Anlässlich des 100. Jahrestages der Staatengründung Estlands, Lettlands und Litauens sowie der 100-jährigen Unabhängigkeit Islands finden sich ebenfalls besondere Filme im Programm der Dokumentarfilmsektion. Beispielsweise bei Raimo Jõeran und Kiur Aarma, die rückblickend die Arbeit der ersten estnischen Regierung, als wildes „Rodeo“ (EE/FI 2018) inszenieren. Auch „Brücken der Zeit“ (LV/LT/EE 2018) weckt Erinnerungen: hierin wird die Baltic New Wave betrachtet, der Gegenentwurf zum offiziellen sowjetischen Kino der damaligen Epoche. Ein Dokumentarfilm über Dokumentarfilme, deren Regisseure in den 1960er-Jahren eine poetische Filmsprache entwickelten. Einer von ihnen ist der Lette Ivars Seleckis, Jahrgang 1934, der als Gast in Lübeck erwartet wird, wo er zusammen mit Regisseurin Kristine Briede nicht nur „Brücken der Zeit“ vorstellen wird, sondern auch seinen neuen Dokumentarfilm „Fortsetzung folgt“ (LV 2018), der lettische Kinder durch ihr erstes Schuljahr begleitet.

Eine ganz andere Beziehung wird in der diesjährigen Masterclass Dokumentarfilm zum Thema „Realität und Moral“ behandelt, in deren Mittelpunkt die aktuelle Dokumentation des norwegischen Regisseurs Erik Poppe steht, der zuletzt mit „Utøya 22. Juli“ (NO 2018 – Teil des diesjährigen Specials Programms) Aufsehen erregte. In „Per Fugelli – das letzte Rezept“ (NO 2018) begleitet er seinen gleichnamigen Freund, einen norwegischen Sozialmediziner und Denker, im Endstadium seiner Krebserkrankung. Entstanden ist ein tiefgründiger und packender Film. Erik Poppe wird persönlich die Masterclass begleiten, um mit jungen FilmemacherInnen über den Umgang mit hochsensiblen Themen und die Verantwortung des Filmemachers für seine Protagonisten zu diskutieren. Dabei wird es auch um den Einfluss von Spielfilmdramaturgie auf das dokumentarische Erzählen gehen.

Borowski und das Haus der Geister – Kieler Tatort Rezension

Kieler Tatort

Was braucht man für einen „Tatort“? Man nehme eine altmodische Villa, einen Kommissar, eine große Portion Familienintrige, eine Prise Übernatürliches und ein Hauch von angespannter Stimmung.  Fertig ist der Kieler Tatort, der am 02.09.2018 von der ARD ausgestrahlt wurde. Für das vollendete Krimierlebnis packt man dann noch eine Leiche hinzu, nach welcher man in diesem Fall zunächst vergeblich sucht, im wahrsten Sinne des Wortes.

von Merle Dölle

Geister oder Hirngespinste?

Klaus Borowski (Axel Milberg) hatte die Ermittlungen zu dem Tod der Frau seines alten Schriftstellerfreundes bereits vor Jahren eingestellt. Doch jetzt beschäftigt ihn der Fall erneut. Hat Frank Voigt (Thomas Loibl ) seine Frau Heike umgebracht? Und was hat es mit dem Spuk auf sich, der das Haus und vor allem Franks neue Frau Anna (Karoline Schuch) heimsucht? Handelt es sich hierbei tatsächlich um den Geist der verstorbenen Ehefrau oder einfach nur um perfide Tricks der menschlichen Psyche?

„Dieses Haus will mich umbringen“, so Anna. Dabei bleibt bei mittlerweile zwei Morden im Laufe des Geschehens ziemlich unklar, wer jetzt eigentlich wen umbringen wollte.
Klar ist nur, nichts ist wie es scheint, denn die Familie ist verstrickt in ein Netz aus Lügen und Intrigen. Am Ende wimmelt es nur so von Tatverdächtigen und möglichen Spuren, allerdings nicht von echten Geistern, so viel sei gesagt. Nebenbei feiert der Tatort eine kleine Premiere: Almila Bagriacik ermittelt zum ersten Mal als Mila Sahin an der Seite von Kommissar Borowski.

Kleine Schritte in die Welt des Horrors

Der Kieler Tatort wagt sich vorsichtig ans Horror-Film-Genre ran und greift bekannte Klischees auf, wie z.B. das Gläserrücken. Allerdings schafft er es nicht über den Film die Spannung zu halten, weil übernatürliche Phänomene direkt geklärt werden, um scheinbar die Sachlichkeit zu bewahren. Es scheint, als würde sich dieser Tatort nicht so recht ans Genre herantrauen. Wie ein Geist, der sich nicht traut, seinem Publikum einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Der Tatort ist noch bis zum 02. Dezember 2018 in der Mediathek zu sehen.

Bild: NDR

Programm der 60. Nordischen Filmtage kommt am 20. Oktober 2018

nordische filmtage

Mit 199 Filmen werden die 60. Nordischen Filmtage Lübeck vom 30. Oktober bis 4. November 2018 an sechs Tagen ein umfangreiches Programm mit aktuellen Filmen aus den nordischen und baltischen Ländern sowie im Filmforum aus Schleswig-Holstein und Hamburg präsentieren.

17 Filme werden im Wettbewerb im den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Filmpreis ringen. Gleich drei ehemalige Gewinner des NDR-Filmpreises sind im diesjährigen Wettbewerb vertreten: Michael Noer, 2013 für „Der Nordwesten“ prämiert, ist mit seinem neuen Film „Vor dem Frost“ (Før frosten) dabei. Baldvin Z, preisgekrönt für „Straße der Hoffnung“ 2014, zeigt den mit deutscher Beteiligung entstandenen „Lass mich fallen“ (Lof mér að falla), undHenrik Martin Dahlsbakken, 2015 für sein Debüt „Die Rückkehr“ ausgezeichnet, stellt „Eine Affäre“ (En affære) vor. Und Klaus Härö, der mit „Beste Mutter“ 2005 und „Post für Pastor Jakob“ 2009 in Lübeck bereits zweimal den LN-Publikumspreis gewinnen konnte, präsentiert „Ein unbekannter Meister“ (Tuntematon mestari). Auch Benedikt Erlingsson, dessen Debüt „Von Menschen und Pferden“ das Festival 2013 eröffnete und der jetzt „Gegen den Strom“ (Kona fer í stríð) zeigt, zählt zu den guten Bekannten der Filmtage, ebenso wie Hannes Holm („Ted – Alles aus Liebe“/ Ted – För kärlekens skull), Simo Halinen („Wendepunkt“/ Kääntöpiste) und Heikki Kujanpää („Lach oder stirb“/ Suomen hauskin mies).

Aus Dänemark kommt Kasper Kalle mit dem Historienfilm „Christian IV. – Die letzte Reise“ (Christian IV – Den sidste rejse) und Niclas Bendixen mit „Ditte und Louise“, die Geschlechterrollen satirisch-kritisch hinterfragen. Norwegen vertreten Camilla Strøm Henriksen mit „Phönix“ (Føniks) und Tuva Novotny mit „Blinder Fleck“ (Blindsone). Beide sind bisher in erster Linie als Schauspielerinnen bekannt und machen nun mit ihren Regiedebüts Furore. Auch aus dem Nordatlantischen Raum kommen starke Frauen: Isold Uggadóttir aus Island mit „Atme ganz normal“ (Andið eðlilega) und Maria Winther Olsen von den Färöern mit „Nina“. Eine neue Generation von Regisseurinnen steht auch in den baltischen Staaten bereit: Aus Litauen kommen Giedrė Beinoriūtė mit „Breathing into Marble“ (Kvėpavimas i marmura) sowie Marija Kavtaradze mit „Summer Survivors“ (Vasara) und aus Estland stammt die Regisseurin des diesjährigen Eröffnungsfilms „Die kleine Genossin“ (Seltsimees laps), Moonika Siimets.

Das Festival, eines der wichtigsten Kulturereignisse der Hansestadt Lübeck, findet in diesem Jahr um einen Tag erweitert an sechs Tagen statt und zeigt seine Filme in vier Festivalkinos und weiteren Sonderspielstätten.

Das Programm kann ab 20. Oktober auf der Festivalseite abgerufen werden: www.nordische-filmtage.de

„Die kleine Genossin“ ist Eröffnungsfilm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck

die kleine genossin

Mit dem estnischen Film „Die kleine Genossin“ von Moonika Siimets eröffnen die 60. Nordischen Filmtage in Lübeck. Damit wird es zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals einen baltischen Eröffnungsfilm geben. Die Regisseurin schildert in ihrem Spielfilmdebüt die Erlebniswelt der 6-jährigen Leelo im Estland der fünfziger Jahre, die, eines Elternteils beraubt, unter dem damaligen stalinistischen Regime den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkunden versucht.

Die Filmvorlage zu „Die kleine Genossin“ schuf die bereits mehrfach ausgezeichnete estnische Autorin und Dichterin Leelo Tungal mit ihren autobiografischen Romanen „Comrade Kid and the Grown-Ups“ (2008) und „Velvet and Sawdust“ (2009). In Deutschland erschien ihr Kinderbuch „Schneemann Ludwigs größtes Glück“ (2017).

„Die Nordischen Filmtage Lübeck waren das erste Festival, das bereits 1989, also noch vor Wiedererlangung der Unabhängigkeit, baltische Filme im Programm hatte. Zum 100. Jubiläum der Staatsgründung sind Filme aus Estland, Lettland und Litauen bei den Nordischen Filmtagen Lübeck besonders stark vertreten“, sagt Linde Fröhlich, Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage Lübeck.

Die 60. Nordischen Filmtage Lübeck, veranstaltet von der Hansestadt Lübeck, finden vom 30. Oktober bis 4. November 2018 statt. Auf der Programm-Pressekonferenz am 10. Oktober 2018 werden die fürs Festival ausgewählten Filme, Special Events und das Rahmenprogramm sowie zu erwartende Gäste vorgestellt. Das komplette Programm geht am 20.10.2018 online, der Vorverkauf beginnt am 27.10.2018 um 15 Uhr im CineStar Filmpalast Stadthalle Lübeck sowie online.

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