Verguckt im Kino – Das Kinoevent zum Verlieben

Verguckt im Kino

„Verguckt im Kino“ ist eine Veranstaltungsreihe im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz, die inzwischen auch den Weg in andere Städte gefunden hat. Journalist und Filmemacher Sven Bohde kam vor etwa zwei Jahren zu den beiden Kinobesitzern des Studios und schlug ihnen vor, den Kinobesuch mit einem Abend für Singles zu kombinieren. Mit Erfolg. Inzwischen hat „Verguckt im Kino“ einige erfolgreiche Abende hinter sich und sogar eine queere Version für Schwule, Lesben, Bi-, Inter- und Transsexuelle gibt es inzwischen von „Verguckt“. Das Prinzip: Nach einem Kurzfilmabend mit Filmen, die sich rund um die Liebe drehen, treffen sich die Singles in der Bar des Studio Filmtheaters zum Flirten.

Bericht von Dorian Bøyesen

Am 21. September 2018 waren wir dann selbst mit von der Partie. Nach der Anmoderation von Sven Bohde lief Bus Story (Jorge Yúdice), ein wirklich süßer Liebeskurzfilm eines schüchternen Mannes, der im Bus täglich seine ersehnte Liebe sieht. Der Kurzfilm You And Me (Karsten Krause) zeigt die Liebe anhand der Zeit, die vergeht, als Portrait einer Frau. Monday – A German Love Story (Sophie Linnenbaum) beschäftigt sich mit der absurd-komischen Liebe von Klaus zu seinem Job, eine Persiflage auf die Vermächtnisstudie von DIE ZEIT, infas und WZB, laut der Menschen ihren Job als Erfüllung sehen, und manchmal höher werten als Familie.

 

Verguckt im Kino Kiel

Wenn Katzen Liebe machen

Der finnische Kurzfilm Treffit (übersetzt „Das Date“) von Jenni Toivoniemi handelt von der arrangierten Paarung von Show-Kater Diablo und einer Katze in bestem finnisch-subtilen Humor. Tinos Mutter ist außer Haus und so muss der 16-Jährige widerwillig die Besitzerin der weiblichen, besuchenden Katze empfangen. Nun hat diese erfahrene und trocken-witzelnde Dame ihre 25-jährige attraktive Tochter dabei, der die Geräuschkulisse sich paarender Katzen sichtlich unangenehm ist. Es klingt eben sehr brutal, was da im Nebenzimmer vor sich geht, und die Tochter hat sichtlich Angst um ihre Katze. So versucht Tino sie während eines Gesprächs auf dem Balkon bei einer Zigarette zu beruhigen, denn wenn Katzen Liebe machen, klingt es schonmal … animalisch.

Von Trennungen und schlechtes Dates

Sissi ohne Franz (Tim Garde) ist ein wirklich emotional-kompakter Kurzfilm über Trennung und wie man diese phasenweise verarbeitet. Sehr intensiv und philosophisch: sehenswert! Als Kontrast und im Anschluss sahen wir Debut – Love (Sylwia Rosak), in dem der 11-jährige Junge sich endlich traut ein Mädchen zu fragen, ob sie zusammen sein möchten. Der 6-sekündige Ultra-Kurzfilm Bad Date (Aaron Lampert)  zeigt ganz schlicht und einfach, wie ein schlechtes Date enden kann. Im Anschluss an diese Kurzfilmreihe ging es dann in die Bar des Studio Filmtheaters, wo sich die Gäste bei netten Gesprächen kennenlernen konnten. Ob jemand seine große Liebe gefunden hat, wer weiß? Sven Bohde erzählt, dass sich in Flensburg vor ein paar Monaten ein Seniorenpaar gefunden hat.  Schön ist diese Anekdote auf jeden Fall, genauso wie die Idee von „Verguckt im Kino“.

 

Sven Bohde

 

Eine wirklich nette Möglichkeit für Cineasten unbekannte Kurzfilme zu sehen und dabei, nebenbei, falls erwünscht, und vielleicht, das große Liebeslos zu ziehen. Der Eintritt kostet 10,- € Abendkasse oder Reservierung.

Husumer Filmtage 2018: Die Lust des Sich-treiben-Lassens

Whatever Happens Next

Ein Mann öffnet die Haustür, nimmt die Zeitung aus dem Briefkasten und radelt zur Arbeit los. Doch dann lässt er sein Fahrrad einfach an einer Pferdekoppel stehen und steigt von einer Sekunde zur anderen aus seinem Leben aus. So beginnt der Eröffnungsfilm der diesjährigen 33. Husumer Filmtage. Anna Lena Möller hat ihn sich angeschaut.

Ein Bericht von Anna Lena Möller

1986 ins Leben gerufen, gehören die Husumer Filmtage zu den ältesten Filmfestivals in Norddeutschland. Über die Jahre konnten sie ihren Charakter als Filmschau ohne Wettbewerbscharakter erhalten und sich alljährlich einem Schriftsteller oder Künstler widmen. In diesem Jahr wird Schauspieler Bjarne Mädel geehrt. Zu den weiteren Programmschwerpunkten gehören Filmdiven des 20. Jahrhunderts, Neuer Deutscher Film und Schleswig-Holstein im Film.

„Whatever Happens Next“ (Debutfilm von Julian Pörksen)

Eine gesunde Mischung aus absurden trocken-humorischen Situationen und Genreanspielungen. Das macht den Film aus. Getragen wird das von Protagonist Paul Zeise (Sebastian Rudolf), der es versteht gekonnt auf dem feinen Grad zwischen Unverschämtheit und Charme zu wandeln, dass man ihm fast alles verzeiht. Er hört zu, ist die Projektionsfläche für die Menschen um ihn herum. Zum Beispiel als eine leicht demente Grauhaarige ihm voller Überzeugung erzählt, ein Japaner hätte sie mit HIV angesteckt, mithilfe von präparierten Rosendornen.

Bist du Tramper? So ähnlich

Er fährt mit: Bei dem Friedhofsgärtner, bei der Familie, die gerade von einer Trauerfeier kommt zu der sich Paul selber eingeladen hat. Bei dem Studenten auf dem Weg ins Erasmus-Semester in Polen. Autor und Regisseur Julian Pörksen verarbeitet in Bild und Ton viele Elemente eines Roadmovie: Angefangen mit der während der Fahrt aus dem Fenster gehaltenen Hand, die sich mit dem Fahrwind bewegt, über das bübische Brettern auf den Landstraßen mit einem Auto älteren Jahrgangs. Die T-Shirt Aufschrift des Protagonisten: „Just do it.“. Der erste Akt des Films dabei geprägt vom jazzig-folkigen Gitarrensound. Später kommt sogar ein, von den Bildern genretypisch aufgelöster, Western-Showdown hinzu. Doch diese Genremerkmale werden ironisch verkehrt: Das Auto landet im Graben, die demente Frau hat die Einladung zum spontanen Kino-Besuch einfach vergessen und der Showdown-Gegner kippt aus heiterem Himmel um.

Whatever Happens Next

Immer auf der Suche

Paul hat keinen Lebensentwurf, keine Sicherheiten. Er bindet sich nur kurze Zeit an seine Zufallsbekanntschaften. Immer auf seinen Fersen der Privatdetektiv Ulrich Klinger (Peter René Lüdicke), der ihn im Auftrag seiner Frau sucht. Er warnt die Menschen, Paul sei ein Schnorrer, ein Hochstapler, der sich nimmt, was er braucht und dann weiter zieht. Aber ist da nicht mehr? Ausgeraubt und ohne Schuhe übernimmt Paul in Polen die Verantwortung für einen im Koma liegenden Mann, den er bis zu dessen Tod begleitet. Es folgt eine der beeindruckendsten Szenen des Films: Paul begegnet im Krankenhaus den in schwarz gekleideten Angehörigen des Komapatienten. Sie ziehen an ihm vorbei ohne zu wissen, das der Mann, der die letzten Momente des Patienten miterlebt hat, ihnen gegenüber steht.

Eigentlich könnte Paul nun in sein altes Leben zurückkehren, der Detektiv könnte ihn ausfindig machen (tatsächlich verpasst er ihn in Polen nur knapp). Doch Paul geht seinen Weg weiter, sein nächstes Etappenziel: Kiel.

Whatever Happens Next

Und dann kommt er nach Kiel

Dort lernt er die liebevoll konfuse, borderline nervige Nele (Lilith Stangenberg) kennen, die Paul in vieler Hinsicht ähnlich ist. Auch sie lebt im Moment, ist verträumt, lässt sich von ihren Emotionen treiben: Vielleicht ist die Katze, die sie hüten soll schon tot, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht will sie baden gehen, vielleicht aber auch nicht. In diesem letzten Akt zeigt der Film Längen, das Katz-Maus-Spiel, das sich zwischen Paul und Nele, und dem inzwischen ebenfalls in Kiel angekommenen Privatdetektiv und Pauls Ehefrau Luise (Christine Hoppe) entwickelt, kommt nicht in Fahrt. Der Moment einer möglichen Rückkehr, einer Konfrontation mit seiner Ehefrau, tritt nie ein.

Und doch scheinen die Begegnung mit Paul in seinen Mitmenschen etwas ausgelöst zu haben. Der Friedhofsgärtner wird zum Tramper, die demente alte Frau geht auf eine Zugreise und der Privatdetektiv wünscht Paul schlussendlich viel Glück, als er ihn zufällig auf einem Spielplatz trifft. Und Paul? Der zieht natürlich weiter. Wohin: Völlig egal. An einer Bushaltestelle in den Schottischen Highlands verlassen wir ihn, mit ihm zusammen wartet: ein Japaner mit einem Strauß roter Rosen in der Hand.

Whatever Happens Next

Baltic Filmart Festival – Openair-Kino im Glückcafé

Am letzten Septemberwochenende fand das 2. Baltic Filmart Festival in Neustadt in Holstein statt. Kurator Dietmar Baum lud zusammen mit der Tourismusagentur Lübecker Bucht zu einem gemütlichen Festival direkt am Hafen ein. Dabei zeigt sich, dass das Festival noch in der Findungsphase ist, jedoch großes Entwicklungspotenzial hat.

Gezeigt wurden 15 Kurzfilme aus der Region und Deutschland. Das Programm war dabei gut gemischt vom Dokumentarfilm, Kunstfilm, klassischen fiktiven Kurzfilm bis hin zum Animationsfilm. In der Jury saßen: Dietmar Baum, Nicole Borchert, Manfred Witt, Matthias Schmidt und Jessica Dahlke.

 

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Cap Arcona

Am Ende hießen die Gewinner „You‘re Welcome“ von Rebecca Panian (Kategorie „Von Mensch zu Mensch) und „Follower“ von Jonathan Benedict Behr (Kategorie „Kunstfilm“). Als Gewinner aus der Region wurde „Cap Arcona“ von Jens Westen gekürt. Der Dokumentarfilm begleitet ein Schülerprojekt, das die Schiffskatastrophe direkt vor Neustadt aufarbeitet. Am 3. Mai 1945 versenkte die britische Luftwaffe die mit 8.300 KZ-Häftlingen besetzte Cap Arcona. 7.000 Menschen verlieren dabei ihr Leben. Für Neustadt bis heute ein kollektives Trauma, das noch immer nicht aufgearbeitet worden ist.

Aus Schleswig-Holstein waren ebenfalls einige Kurzfilme zu sehen. So war erneut der Kurzfilm von Moritz Boll „Abgetaucht“ präsent, genauso wie „Sandy Island“ von Jan Waßmuth und Felix Zimmer. Rezensionen zu beiden Filmen hier.

Das Bärtierchen (Kerstin Welther)

Die Wahl-Hamburgerin Kerstin Welther zeigte zwei Animationsfilme „Das Bärtierchen“ und „Blergh“. Vor allem das „Bärtierchen“ eroberte die Herzen der Zuschauer im Sturm. Darin wird die mikroskopisch kleine Spezies liebevoll und mit viel Witz vorgestellt.

 

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Das Bärtierchen

Herbst (Achim Kirsch)

Die Muthesius Kunsthochschule wurde durch Achim Kirsch vertreten, der eine Tuschemalerei auf 16 mm zeigte. Ein dystopisch wirkender Film, der immer wieder etwas Neues entdecken lässt, egal wie häufig man diesen Film guckt.

Mit im Bund (Lukas Nathrath)

Von der Hamburg Media School war in diesem Jahr “Mit im Bund” von Lukas Nathrath zu sehen. Im Film wehrt sich eine junge Offiziersanwärterin gegen die Anzüglichkeiten eines Kameraden. Großartig gecastet und inszeniert mit einem runden Drehbuch.

You‘re Welcome (Rebecca Panian)

Die Jury – zu der ich ebenfalls gehörte – votete in der Kategorie „Von Mensch zu Mensch“ diesen sehr zeitgeistigen Film, mit einer starken politischen Aussage zum Sieger. Eine Frau sitzt in einem Café. Alle scheinen nette Menschen zu sein, doch plötzlich verfallen die Gäste in rassistische Bemerkungen, als draußen ein Flüchtlingskind bettelt.

 

youre welcome
You’re welcome

Follower (Jonathan Benedict Behr)

Der mit einfachsten Mitteln hergestellte Blair-Witch-Project-WhatsApp-Thriller gewann den Preis in der Kategorie Kunstfilm, da er es schafft, bis zum Schluss den Zuschauer zu packen, trotz Konzentration auf einen Messenger-Verlauf.

More than Pinguins (Elizaveta Snagovskaia, Michael Reber)

Als Vertreter der HFF München war der Schweizer Filmemacher Michael Reber persönlich angereist, um seinen Film vorzustellen. Im Dokumentarfilm arbeitet er mit seiner Filmpartnerin den Falkland-Krieg auf und schafft es, dass die Zuschauer tief in die Seele der Falkländern blicken können.

Ionela (Christoph Lacmanski)

Der Kurzfilm zeigt die Befreiung eines minderjährigen Mädchens aus der Zwangsprostitution. Hohe Spannung und ein wichtiges Thema führten diesen Film in das Programm des Festivals.

 

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Irgendwer

Irgendwer (Marco Gadge)

Der Kurzfilm beschäftigt sich mit der wahren Geschichte einer jungen Frau im zweiten Weltkrieg. 1945, die rote Armee ist in die Stadt einmarschiert. Es kommt zu einem furchtbaren Verbrechen, aber irgendwie muss dem Wahnsinn endlich ein Ende gesetzt werden.

Desweiteren wurden „Das sprichwörtliche Glück“ (Dave Lojek), „Liebesbrief“ (Marcus Hanisch) sowie „Morgen kommt kein Weihnachtsmann“ (Anna Ludwig) gezeigt, die das Programm durch ihren hohen Unterhaltungswert auflockerten.

„Das Festival hat in allen Bereichen meine Erwartungen erfüllt. Unterhaltsame Filme, anwesende Regisseure und Schauspieler, wichtige Netzwerkpartner aus der Region und zufriedene Sponsoren. Somit sind wir bestätigt worden, dass wir mit der Idee auf dem richtigen Weg sind“, sagt Kurator Dietmar Baum. Und in der Tat fühlten sich sowohl Gäste als auch Filmemacher sehr wohl in der familiären Atmosphäre des Glückscafés.

Mehr Informationen zum Baltic Filmart Festival gibt es hier.

Ein Interview mit Dietmar Baum aus dem Jahr 2017 findet ihr hier.

 

Instagram-Bilder vom Baltic Filmart Festival

Ein Boot, drei Menschen, eine Geschichte – Sebastian Husak über seinen neuen Kurzfilm

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Sebastian Husak zog von Norddeutschland nach München, um an der Hochschule für Fernsehen und Film Regie zu studieren. Mit „Aus deinen Händen“ gewann er 2014 zusammen mit Hannes Lieschke den Nachwuchspreis des Jugendfilmfest Schleswig-Holstein. Nun kehrte er für ein Studienprojekt nach Neustadt in Holstein zurück.

Das Interview führte Jessica Dahlke

Hallo Sebastian, du hast gerade einen Studienfilm für die HFF München in Neustadt in Holstein abgedreht. Worum geht es bei deinem Projekt?

In meinem Film geht es um die ehemals besten Freunde Max und Jonas, die früher jeden Sommer auf dem Boot von Max’ Eltern verbracht haben. Irgendwann haben die beiden sich aus den Augen verloren und der Kontakt ist abgebrochen. Jetzt treffen sie sich mit Jonas‘ Freundin Nora auf dem alten Boot wieder und jeder kommt in dieser Dreierkonstellation mit einer anderen Erwartungshaltung an diesen Ort der Jugend und der Erinnerungen zurück – das ist die Ausgangssituation.

 

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Wie kam es dazu, dass du dich für einen Drehort in Schleswig-Holstein entschieden hast?

Gedreht haben wir auf einem Boot am Hafen ANCORA MARINA in Neustadt in Holstein, das den Eltern einer ehemaligen Schulkameradin von mir gehört. Ich komme ja selbst aus der Gegend und tatsächlich haben wir früher in der fünften oder sechsten Klasse mal einen Schulausflug zu dem Boot gemacht – damals war ich das erste Mal an diesem Ort. Irgendwann in der Oberstufenzeit war ich dann wieder dort, und seitdem ließ mich der Gedanke nicht mehr los, auf diesem Boot einen Film zu drehen. Am größten Yachthafen der Ostsee fällt der alte Kutter mit seiner hölzernen 60er Jahre Inneneinrichtung und der schweren, etwas in die Jahre gekommenen Metall-Außenhülle unter den modernen Yachten komplett heraus, was ich damals schon interessant fand. Schon für meinen ersten Film an der HFF München wollte ich ursprünglich auf diesem Boot drehen, aber damals war das für einen ersten Film viel zu groß und aufwendig und mir wurde geraten, mir die Idee für einen späteren Film aufzuheben. Das habe ich gemacht und meinen Boot-Film nun endlich realisiert.

 

Du selbst bist von Norddeutschland nach Bayern umgezogen, was bedeutet es für einen jungen Menschen alles hinter sich zu lassen?

Ich glaube damit geht jeder anders um. Für das Studium sein Umfeld komplett zu wechseln, ist ja nichts Außergewöhnliches. Ich würde auch gar nicht sagen, dass ich „alles hinter mir gelassen“ habe, denn ich bin ja hin und wieder immer noch im Norden und habe auch noch regelmäßigen Kontakt mit alten Freunden und Bekannten. Auch der Wechsel nach München ist mir nach einer kleinen Eingewöhnungsphase relativ leicht gefallen. In meinem Film geht es um eine Figur, die diesen Absprung – das Loslösen von Orten und Freunden der Jugendzeit – nicht geschafft hat und sich in die alte vergangene Zeit zurücksehnt.

 

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Du hast ein großes Talent darin, die menschlichen Katastrophen deiner Figuren in einer eindringlichen Stille zu inszenieren, die den Zuschauer ganz dicht an den Menschen heranführt. Wie gehst du bei der Inszenierung und der Arbeit mit den Schauspieler*innen vor, um diese Eindringlichkeit zu erreichen?

Ich freue mich, dass du diesen Eindruck gewonnen hast. Meistens kommen mir Ideen für Filme durch Fragen, die mich deshalb beschäftigen, weil ich selbst noch keine Antworten darauf habe. Die äußere Handlung des Films kommt dann meistens erst dazu, wenn ich eine Figur gefunden habe, die ebenfalls auf der Suche nach einer Antwort ist. Die Drehbücher – genau wie dieses, das ich zusammen mit meinem Kommilitonen Daniel Thomé entwickelt habe, entstehen dann meistens aus der Hauptfigur heraus.

Die Besonderheit bei der Inszenierung dieses Films war allerdings, dass sich im Drehbuch keine ausformulierten Dialoge finden, sondern die Schauspieler diese während des Drehs improvisiert haben. Ich habe mit den drei Schauspielern Leonard Scheicher, Mala Emde und Vincent Redetzki vor dem Dreh sehr intensiv über das Drehbuch und vor allem über die Figuren und deren Beziehung und Dynamik untereinander gesprochen und vor der Ankunft des restlichen Teams ein paar Tage mit den Schauspielern auf dem Boot verbracht, wodurch wir uns gemeinsam den Figuren angenähert und die Schauspieler sich diese ein Stück weit zu Eigen machen konnten.

 

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Was unterscheidet die Drehbedingungen auf dem Land von Schleswig-Holstein zu denen einer Großstadt wie München?

Wir haben ja an und auf der Ostsee gedreht – etwas ähnlich Passendes hätten wir in der Nähe Münchens einfach nicht finden können. Es gab in der Entwicklung des Projekts auch immer wieder Vorschläge, doch einfach an einem bayerischen See mit einem anderen Boot zu drehen, um nicht den Aufwand auf uns nehmen zu müssen, mit komplettem Team und Equipment fast 900km weit in den Norden zu fahren. Aber das wäre einfach nicht das Gleiche gewesen, und ich bin froh, dass wir uns dagegen entscheiden haben.

Die Dichte an Equipment-Verleihen ist in München natürlich höher. Als bei uns mal ein Satz Akkus den Geist aufgegeben hat, konnte unser Producer Daniel Kunz allerdings über einen Facebook-Aufruf schnell Ersatz finden. Die sehr aktive und breit aufgestellte Filmszene Schleswig-Holstein hat uns damit den Drehtag gerettet.

 

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Bilder: ©Rebecca Hoeft

Call of Entries: Jugend-Film-Fest SH 2018

Ihr habt einen Film gedreht und möchtet ihn auf einer großen Leinwand präsentieren? Dann macht mit bei den Filmpreisen für junge Filmemacherinnen und Filmemacher in Schleswig Holstein!

Jedes Jahr vergibt der Landesverband Jugend und Film Preise für die besten Filme von jungen Filmschaffenden im nördlichsten Bundesland. Präsentiert werden alle eingereichten Filme auf dem Jugend-Film-Fest Schleswig-Holstein, dem Filmwochenende für Filmemacherinnen und Filmemacher bis 27 Jahren.

Von den eingereichten Kurzfilmen werden bis zu fünf für den Nachwuchs-Film-Preis und bis zu drei Kurzfilme für den Jugend-Film-Preis nominiert. Beim Finale im Kieler STUDIO Filmtheater werden alle nominierten Filme aufgeführt.

Einreichfrist 25.10.2018

Mehr Informationen

Drehbuchpreis Schleswig-Holstein – Jetzt einreichen

Drehbücher sind die Basis für alle Filme – für gute ebenso wie für weniger gute Filme. Damit es mehr gute gibt, hat die Filmkultur Schleswig-Holstein e.V. den DREHBUCHPREIS SCHLESWIG-HOLSTEIN ins Leben gerufen. Ab sofort kannst Du ein Drehbuch für einen szenischen Kurzfilm vom max. 15 Minuten Länge einreichen:
https://filmkultur.sh/drehbuchpreis-schleswig-holstein/

Die Verleihung des DREHBUCHPREIS SCHLESWIG-HOLSTEIN (DP SH) findet am 2. Dezember 2018 im STUDIO FILMTHEATER in Kiel statt.
An diesem Abend stehen die nominierten Geschichten im Mittelpunkt: SchauspielerInnen werden in einer szenischen Lesung die nominierten Drehbücher vortragen. Die Autorinnen und Autoren stellen ihre Stoffe im entspannten Gespräch kurz vor. Eine Fach-Jury vergibt dann den DP SH und das Publikum den Publikumspreis.

 

Eine Initiative von Filmkultur SH e.V.

Bildnachweis: shutterstock/Washdog

Filmszene im Dialog: Das Wendie Webfest 2018 – German Newcomers

Wendie Webfest 2018

Einmal im Jahr findet am Rande der Hamburger Speicherstadt das Wendie Webfest statt. Und auch in diesem Jahr war es am 14./15. September wieder Anlaufstelle für deutsche wie internationale Webserienmacher. Anna Lena Möller und Jessica Dahlke im Dialog über die „German Newcomer“, denen das Programm in diesem sich Jahr ein ganzes Segment widmete.

Dennis Albrecht

Anna Lena: So Jessica, jetzt sind wir auf dem Rückweg vom Wendie Webfest und uns bleibt eine ganze Autostunde Zeit. Wie ist denn dein Fazit des Abends?

 

Jessica: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Webserien, die wir gesehen haben, waren nicht alle technisch perfekt, aber dafür voller frischer Ideen. Ich mag es, wenn Filmemacher*innen aus alten Mustern ausbrechen und einfach mal ein bisschen herumexperimentieren. Dennis Albrecht hat aus der Selection selbst ein unkonventionelles Experimentierstück gemacht. Die meisten Festivals sind ja sehr formalisiert. Heute Abend hatten sogar Pitches und Trailer ihres Platz. Gern mehr davon!

 

Up up

 

A: Für die meisten Lacher des Abends haben ja die beiden Piloten von „Hinterher“ und „In Naher Zukunft“ gesorgt. Gerade Letzterer hat mir persönlich ja sehr gut gefallen, der Pilot war dramaturgisch einfach auf den Punkt und zeigt wieder einmal, was man mit wenigen Setaufbauten alles anstellen kann.

 

J: Der Humor von „In naher Zukunft“ funktioniert wirklich auf den Punkt und ist beinah realitätsnah. Jeder, der Alexa hat, kann mit dem armen Kerl mitfühlen. Wenn dann auch noch die Haus-KI dem Nutzer das Essen einer Pizza verbietet, weil diese ungesund ist und er sie sich bei einem Dealer besorgen muss, ist der Humor perfekt. Und dann dieses grandiose Ende, wirklich gut.

 

Nonbinary Girl

 

A: „Hinterher“, über den peinlichen Moment nach einem One-Night Stand, arbeitet da eher mit musikalischem Sarkasmus, wenn man das so nennen möchte. Eine gewisse Alltagsabsurdität scheint sowieso sehr im Trend zu liegen, die konnte man auch bei den Produktionen „Up Up“ und „Hart auf die 4“ wiederfinden.

 

J: „Hinterher“ tat in seiner Absurdität richtig weh, aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich für die Backstreet Boys nicht wirklich erwärmen kann. „Up, up“ funktionierte für mich da besser. Allein die Szene, wo drei Typen versuchen eine Krawatte per Youtube-Video zu binden und dann Papi per Skype anruft, genau mein Humor. Ein wunderbarer Cast! „ Hart auf Vier“ hat sehr viele schöne Momente, reizt es jedoch am Ende etwas zu sehr aus.

 

The very near future

 

A: Da muss ich dir zustimmen. „Up Up“ konnte vor allem auch im Visuellen etwas bieten: Sehr clean und mit einer reduzierten Einstellungszahl. Selbst das Blocking der Schauspieler, das manchmal wie mit dem Lineal gezogen wirkte folgte diesem Konzept, aber gerade dadurch bliebt genug Freiraum für die komödiantischen Elemente. „Hart auf die 4“, war dagegen auf der Soundebene exzellent. Gab es einen Serienpiloten, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

 

J: Am meisten beeindruckt hat mich ja „Nonbinary Girl“. Ich beschäftigte mich viel mit Trans- und Intersexualität und gerade das letztere findet sich im Film kaum wieder. Super, wenn sowas dann auch noch aus Kiel kommt.

 

Die Flunder

 

A: Mit der Thematik und seinem nachdenklichen Gestus ist der Film tatsächlich deutlich aus der Masse hervorgestochen. Die Geschichte trifft den Nerv eines Diskurses, der gerade sehr aktiv geführt wird und dieser Pilot, der hoffentlich fortgesetzt wird, trägt hierzu bei. Schön zu sehen, dass er durch die Einladung zum Webfest nach Miami einem größeren Publikum vorgestellt wird.
Was sagst du zu der Sport-Doku-Serie?

 

J: „Vierzehneinhalb“ war für mich eher uninteressant, diese Art von Dokus könnten auch im Fernsehen laufen. Ob sie fürs Web geeignet sind, muss sich zeigen.

 

A: Mir geht es da ganz anders, vielleicht auch weil ich sehr Dokumentarfilmaffin bin, und auf der DOK Leipzig schon mit ähnlichen Versuchen in Berührung kam. Es stimmt zwar, dass diese Erzählweise auch im Fernsehen wiederzufinden ist, aber der Vorteil dieser Form ist die Unmittelbarkeit der Erzählung, den Zuschauer über Wochen an einer aktuellen Entwicklung teilhaben zu lassen. Die Problematik liegt glaube ich bei dieser Serie eher in dem Umstand, dass sie gleichzeitig Imagefilm und Journalismus sein möchte, und gleichzeitig auch noch als Teaser für den bald in die Kinos kommenden Dokumentarfilm fungiert. Bei so viel Funktionalität geht die Nähe zu den Protagonisten zu sehr verloren und mit der Transparenz wird es auch schwierig.

 

J: Das könnte es sein, was mich gestört hat. Mich hat die Serie einfach nicht angesprochen. Und dann gab es noch die Flunder, sag mal, wie hast du die Webserie empfunden?

 

 

A: Ja in der Hamburger Sektion: Die Flunder hatte auf jeden Fall am meisten Unterstützer vor Ort. Damit eine solche Improvisationscomedy funktioniert, muss man ein großes Timingtalent und jede Menge Erfahrung haben. Eigentlich sind Superhelden ja voll mein Ding, aber bei diesem Piloten hatte ich das Gefühl, die eine Hälfte des Gesprächs verpasst zu haben und dann auch noch die Insider-Gags nicht zu verstehen. Es gibt ja noch einen Spielfilm über die Flunder, vielleicht muss man den ja vorher gesehen haben.

 

Alles in Allem würde ich aber sagen, dass der Abend mal wieder gezeigt hat, was für spannende, Konventionen brechende Stoffe entstehen können, wenn man den Machern genügend Platz lässt sich zu entwickeln, eine Möglichkeit die das Internet, im Gegensatz zum Fernsehen, bietet.

 

 

J: Das stimmt. Was mir ein bisschen Sorgen macht ist die Entwicklung der Webserien-Festivals in den letzten zwei Jahren. Da ist ganz viel Platz für internationale, hochprofessionelle Serien, aber kaum noch Platz für die, die erst damit anfangen Webserien zu drehen und eine Plattform gebrauchen können. Zudem sind die Einreichkosten immens hoch bei diesen Festivals. Man zahlt da zwischen 20 und 60 Euro. Dennis versucht mit seinem Programm dem entgegen zu wirken und die „German Newcomer“ zeigen ja, dass das funktioniert. Ich hoffe, dass man sich hier nicht in Zukunft die Potenziale verschenkt, die die Nachwuchsförderung und damit der Markt braucht. Ne Webserie ins Netz zu stellen reicht eben nicht. Erst durch die Webserien-Festivals und die Berichterstattung werden sie auch wahrgenommen. Wir werden sehen, wie es weitergehen wird.

Wie wird man eigentlich Produktionsleiter*in – Filmberufe im Gespräch

Der Fachkräftemangel in der Filmbranche schlägt überall um sich, auch in Deutschland. Grund dafür die zunehmende Medialisierung und der Serienboom, der durch Streamingdienste wie Netflix ausgelöst wurden. Längst lassen sich keine Filmcrews mehr in den USA finden, weswegen die Serienmacher verstärkt auch in Europa drehen. Die aktuellen Pläne der EU, den Streamingportalen eine Europaquote aufzudrücken, wird diesen Boom wohl weiter anheizen. Gut für die Medienbranche in Europa. Doch jeder Boom ist nur so stark wie die Kräfte, die ihn nutzen. Vor allem an Fachleuten außerhalb von Regie und Kamera fehlt es deutlich, erklärt die ZAV Hamburg. Dem will die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zusammen mit der IHK zu Kiel entgegenwirken und informiert Berufseinsteiger wie Interessierte über die vielseitigen Berufsmöglichkeiten beim Film.

Produktionsleitung – Die kaufmännische Seite des Films

Robert Geisler – Produktionsleiter aus Berlin – macht bereits in den ersten Minuten seines Vortrages klar, dass man das Filmemachen lieben sollte, wenn man im Filmbusiness arbeiten will. Lange Arbeitszeiten, Bezahlung unter Tarif und viele Reisen gehören dazu. Dafür bietet die Filmproduktion ein Umfeld außerhalb des normalen Bürolebens, bei dem man interessante Menschen und Aufgabenfelder trifft. Das gilt auch für den/die Produktionsleiter*in, die mehr tut, als nur mit Zahlen zu jonglieren. Obwohl das die Hauptaufgabe zu sein scheint. „Als Produktionsleiter erstelle ich eine Kalkulation gemäß dem Filmbudget und führe sie durch“, erklärt Robert Geisler und stellt einmal kurz alle Gewerke einer Spielfilmproduktion vor. „Bekomme ich ein Drehbuch, so gehe ich Stück für Stück dort durch und finde heraus, was etwas kostet und wo etwas organisiert werden muss. Auch ein Kuss zwischen den Schauspielern gehört dazu, was mit denen ja vereinbart werden muss. Außerdem bin ich derjenige, der die Leute anruft und die Preise aushandelt.“

Egal ob Drohnenflug, Stuntman oder Bau einer Requisite. Der/die Produktionsleiter*in behält den finanziellen und organisatorischen Überblick über die Produktion. Im Notfall muss er/sie auch mal selbst einspringen, genau dann, wenn der Dreh gefährdet wird. „So ein Drehtag kostet sehr viel Geld. Sobald etwas schief geht, muss ich also dafür sorgen, dass trotzdem produziert wird.“ Da kann es vorkommen, dass man innerhalb eines Tages einen Haufen Fracks besorgen muss, die dann frisch gebügelt rechtzeitig am Set sein müssen. „Aber das ist eigentlich die Ausnahme“, erklärt Geisler und grinst.

Produktionsstab eines Films

Produzent*in
Herstellungsleitung
Produktionsleitung
Aufnahmeleitung
Setaufnahmeleitung
Postproduktionskoordination
Geschäftsführung

Wie wird man Produktionsleiter*in

Wie viele ist auch Robert Geisler als Quereinsteiger in den Beruf gekommen. Die Berufsbezeichnung Produktionsleiter*in ist nicht geschützt. „Aber du musst einem Produzenten klar machen, dass du das kannst“, erklärt er. Ohne Erfahrungen geht das nicht, daher beginnt man meist als Aufnahmeleiter oder in einer anderen Position am Set.

Dann  zeigt er drei Wege auf:

  1. Über Praktika
  2. Über ein Studium (Fach Produktion)
  3. Nach Berufserfahrung durch eine IHK Prüfung

Und wie kommt man an Praktika, fragt eine der Schülerinnnen im Raum. Da empfiehlt Robert Geisler die Seite Crew United oder die Produktionsfirmen direkt anzuschreiben.

Für Menschen mit kaufmännische Affinität oder Ausbildung bietet dieser Beruf viel Abwechslung und projektbezogenes Arbeiten. Wer das mag, für den könnte der/die Produktionsleiter*in genau das Richtige sein.

Eine Veranstaltungsreihe der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und der IHK zu Kiel. Nächstes Termin am 6. Dezember zum Beruf „Script Supervisor“.

Following Habeck – „Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof“

Der Dokumentarfilm „Following Habeck“ von Malte Blockhaus gibt einen aufschlussreichen Einblick hinter die Kulissen des rasanten Politikerlebens. Auf Schritt und Tritt folgt die Doku Robert Habecks Kandidatur zur Urwahl für die Bundestagswahl 2017 seiner Partei Bündnis 90/Die Grünen. Auch der damaliger Bundesvorsitzender Cem Özdemir und der Bundestags-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter traten an. Neben Realo Cem, also der Linke Anton und als Underdog Robert, ein Starpolitiker, der es mit dieser Doku auf die Leinwand schafft.

Bericht von Dorian Bøyesen

Auf authentische Art und Weise folgt der Filmemacher Malte Blockhaus mit Handheld Kamera diesen Prozess zwei Jahre lang. Von der Bundesdelegiertenkonferenz im November 2015 bis zum Ergebnis der Urwahl im Januar 2017, bei der Robert Habeck nur knapp gegen dem Cem Özdemir verlor. Habeck fehlten nur 75 Stimmen, ein für viele überraschend knappes Ergebnis.

Habeck, der durch Lässigkeit auffällt, ist dabei offen, kämpferisch und ehrlich unterwegs, von Termin zu Termin, auf Autofahrten, Parteitagsbühnen, Fluren der Ministerien, TV-Studios und Bahnhöfen. Der promovierte Philosoph und Schriftsteller, der seit 2012 Schleswig-Holsteins Umweltminister war, will mit seiner Kandidatur einen Richtungswechsel der Partei, und den Wechsel von Landespolitik zu Bundespolitik. Dabei zeichnet sich die Doku durch Tempo aus, weil Regisseur Blockhaus vor allem eines einfängt: Bewegung. Es ist das ungeschminkte Leben eines Berufspolitikers, der auch alle Stimmungen wiedergibt, aber vor allem Robert Habeck so zeigt wie er ist: klar, offenherzig, kämpferisch, sympathisch, nah an den Menschen, norddeutsch, freundlich, teils ruhig und teils rebellisch, der wirklich Veränderung und Modernisierung will und als Pragmatiker die Partei umkrempelt.

Es ist das Portrait eines Umweltministers, der auf Menschen zugeht, und auch mit Humor und Herzlichkeit sich unters Volk mischt. So fragt er die Feuerwehr nach dem Weg zum Bürgertreff oder hält in der Kirche eine Rede. Habeck meistert den Sprung in den urbanen Politdschungel und hält auf dem Parteitag eine flammende Rede. Dann erzählt er der Kamera vom Kick bei Halten von Reden und setzt sich dann zu Hofreiter, um kollegial  mit zuzuhören. Als er dann wegen der Geflügelpest zurück nach Schleswig-Holstein muss, ist es für Habeck logisch den Parteitag und das Urwahlforum abzubrechen, um zu zeigen, dass er für das Bundesland da ist und Regierungsverantwortung trägt. Für Özdemir selbstverständlich, sich ebenso kollegial zu zeigen, und das Urwahlforum zu vertagen.

Hier wird die Etiquette, die ein Amt mit sich bringt aufgezeigt, und diese Gradwanderung zwischen Seriösität und Geselligkeit, zwischen Anzug/Krawatte und Backpacker Rucksack, zeichnen das Bild eines modernen Politikers, der den Sinn von Demokratie nicht aus den Augen verliert. Bezeichnerweise verrät Habeck in einem Interview mit einer Abiturientin, dass aus seiner Sicht die Machtzentren in der Politik, die Fürsten nach Niccolò Machiavelli, diejeingen sind, die Minister sind. An manchen Stellen in der Doku scheint hier also doch der Philosoph und Denker durch. Gleichzeitig zeigt Habeck durch eigenes Auftreten, da er ja selbst Minister zu dem Zeitpunkt ist, dass es anders geht, dass man einen Anzug auch mit Turnschuhen tragen kann. Er hört den Menschen zu und zitiert Kurt Tucholsky „Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.“ [Tucholsky, Schloß Gripsholm] oder erklärt etwas unbeholfen die schleswig-holsteinische Flagge und die Bedeutung von „Up ewig ungedeelt“.  

Provinz trifft hier auf Urbanität, ein Thema, das immer wiederkehrt, weil die Stationen zwischen Bundeskandidatur und Landesebene springen, zwischen Großstadtpresse und ländlicher Entschleunigung. Dabei zeigt die Doku auch andere Gegensätze auf, womit Habeck als Berufspolitker  konfrontiert ist, und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zwischen politischer Bühne und dem Kieler Paternosteraufzug im Rathaus, leeren Fluren im Ministerium und dem ganzen Wirbel der Presse einschließlich schneller Schminke und Smalltalk vor dem Interview. Diese Vermischung verschiedener Bühnen verleiht der Doku eine ganz eigene Ästhetizität der Imperfektion und Ehrlichkeit, etwas Dogma95-haftes.  

Seit 2018 ist Robert Habeck Bundesvorsitzender in Berlin und hat somit den Sprung in die Bundespolitik geschafft.

Zum Interview mit Malte Blockhaus

 

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