Call of Entries: Drehbuchpreis Schleswig-Holstein 2019

Drehbücher sind die Basis für alle Filme – für gute ebenso wie für weniger gute Filme. Damit es mehr gute gibt, hat Filmkultur Schleswig-Holstein e.V. 2018 den Drehbuchpreis Schleswig-Holstein ins Leben gerufen. Nach einem sehr erfolgreichen ersten Wettbewerb, zu dem über 50 Drehbücher aus ganz Schleswig-Holstein eingereicht wurden, kündigt Filmkultur SH e.V. nun die zweite Runde an.

Seit dem 1. August können Autorinnen und Autoren aus Schleswig-Holstein ein Drehbuch für einen szenischen Kurzfilm von max. 15 Minuten Länge einreichen. 

Die Verleihung des DREHBUCHPREIS SCHLESWIG-HOLSTEIN (DP SH) findet am 1. Dezember 2019 im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz in Kiel statt. An diesem Abend stehen die nominierten Geschichten im Mittelpunkt: SchauspielerInnen werden in einer szenischen Lesung die nominierten Drehbücher vortragen. Die Autorinnen und Autoren stellen ihre Stoffe im entspannten Gespräch kurz vor. Eine Fach-Jury vergibt dann den #DPSH19 und das Publikum den Publikumspreis.

Mehr Informationen unter www.drehbuchpreis-sh.de

Ich habe KIEL zu erzählen – eine Kieler Kindheit in den 30er und 40er Jahren

Noch bis Ende April zeigt das Kino in der Pumpe den Dokumentarfilm „Ich habe KIEL zu erzählen“ von Gerald Grote und Oliver Boczek. Der Film zeigt die Kindheit von Dieter Schultz, der in den 30er und 40er Jahren in Kiel aufwuchs. 50 Minuten lang wird der Zuschauer gefesselt, von einer Kindheit im Krieg und dem Wandel einer Stadt an der Förde.

Bericht von Merle Dölle

Ich ergattere einen der letzten Plätze im Kinosaal der Pumpe. Der Film findet großen Andrang, fast alle Vorstellungen waren im Vorfeld ausverkauft. Daher wurde er aufgrund der hohen Nachfrage sogar zum zweiten Mal ins Programm aufgenommen. Umso gespannter bin ich also auf das Spektakel auf der Leinwand. Das Publikum an diesem Abend ist geprägt von Zuschauern der älteren Generation. Jene, von der auch der Film erzählt.  Und so begeben wir uns gemeinsam auf eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Kindheit aus den Augen eines Vaters

1936 kauft sich der Zahnarzt Rudolf Schultz eine Filmkamera, um das Aufwachsen seines Sohnes Dieter in bewegten Bildern festzuhalten. Damals noch in schwarz-weiß, aber in erstaunlich guter Qualität. Dieter beim Spielen im Garten, Dieter beim Spielen mit Freunden und Dieter auf dem Fahrrad. Schnell wird klar, der Mann hat Talent und fühlt sich hinter der Kamera sichtlich wohl. Manche Szenen bleiben somit auch nicht unkommentiert. So begleitet er von 1936 bis 1949 das Leben seiner Familie mit der Kamera.   

Porträt eines Alltags im Krieg

Nicht nur das Heranwachsen seines Sohnes wird von der Kamera festgehalten,  sondern ganz nebenbei auch der Geist der Kriegszeit. Die Unbeschwertheit und Zuversicht in der Zeit vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, in der die Familie Schultz ihren Sommer noch bedenkenlos am Strand in Schilksee verbringt. Dann der Schrecken des Krieges, als die Familie nach Bordesholm flieht und sich eine Existenz aufbaut, die auf Landwirtschaft beruht, um zu überleben. Sowie die Rückkehr nach Kiel, als der Krieg vorbei ist und langsam die Stadt wiederaufgebaut wird, wie wir Kiel bis heute kennen. Ergänzt werden die Aufnahmen mit Erzählungen des heute 83-jährigen Dieters, der sich noch gut an seine Kindheit und das „alte“ Kiel erinnert.

Eine Stadt im Wandel

„Denn nur eine Stadt mit frischer Brise kann die Herzen im Sturm erobern“, so heißt es im Film. Die Liebe des Kameramanns zu diesem Stück Land an der Förde wird deutlich spürbar. Segelregatten, das maritime Flair, sehenswerte Gebäude und unbekümmerte, fröhliche Gesichter. Bilder, an die sich wahrscheinlich nur noch unsere älteren Mitmenschen erinnern können. Oder wer erinnert sich noch an die Kieler Straßenbahn, wie sie geschmeidig und wie selbstverständlich durch das Panorama fuhr?   

In den Jahren vor dem Krieg war das Stadtbild jedoch auch geprägt von Hakenkreuz-Fahnen und später von massiver Zerstörung. Auf Ästhetik hat man beim Wiederaufbau jedoch weitestgehend verzichtet. Praktisch musste es sein. Diese Bauweise prägt unser Stadtbild bis heute. So erkennen auch die jüngeren Generationen einige Plätze oder Gebäude eindeutig wieder.

Ich bin ohne Erwartungen ins Kino der Pumpe gegangen. Gegangen bin ich jedoch mit interessanten sowie authentischen Eindrücken aus einer Zeit, die ich nur aus dem Geschichtsunterricht kenne.  Mit nach Hause nehme ich einen völlig neuen Blickwinkel auf eine Stadt, die ich von nun an mit ganz anderen Augen sehen werde.

Neuerscheinung: Erste DVD der Freien Klasse Film – Muthesius

Freie Klasse Film Kiel

Die Freie Klasse Film der Muthesius Kunsthochschule hat ihre erste DVD herausgegeben. Darauf 17 kurze Experimentalfilme aus den letzten zwei Jahren. Betreut wurden die Werke von Prof. Stefan Sachs. 

Die DVD kann direkt bei der Kunsthochschule bestellt werden.

Freie Klasse Film – Werkschau #1, DVD | Eine Publikation der Muthesius Kunsthochschule, Kiel, 1. Auflage 2018 | Herausgegeben von Prof. Stephan Sachs und Stefanie Polek | Layout und Gestaltung: Teresa Döge und Björn Schmidt | Copyright © Muthesius Kunsthochschule, 2018 | www.muthesius-kunsthochschule.de | ISBN: 978-3-86680-192-9
Zu beziehen über die Pressestelle für 12 Euro.

Immersionsforschung in Kiel: Vom Orchideenfach zum Vorreiter eines neuen Forschungszweiges

VR Headset

Im Labor für Immersionsforschung (LINK) wird sowohl die Virtuelle Realität (VR) als auch Augmented Reality (AR, Erweiterte Realität) erforscht. Prof. Dr. Patrick Rupert-Kruse ist ein begeisterter Immersionsforscher, wie unsere Autorin Jill-Tatjana Gibson schnell feststellt. Er ist seit 2014 Professor an der FH Kiel und hat davor als Lehrbeauftragter das Labor mit aufgebaut.

Das Interview führte Jill Tatjana Gibson

Wie sehr hat sich der Studiengang Multimedia Production durch die technologische Entwicklung gewandelt?

Rupert-Kruse: Ich würde sagen sehr. Alles begann mit der Oculus Rift, die es zum ersten Mal möglich gemacht hat, sich mit einer Brille in einem 360 Grad Film zu bewegen. Als wir 2011 das Labor aufgebaut haben, haben wir uns die erste Developerversion dieser Brille geholt, um die neue Technologie zu testen.

Wie sind Sie da herangegangen?

Rupert-Kruse: Zuerst haben wir den klassischen Content getestet, also alles, was es schon gab. Zum Beispiel die Achterbahnfahrt. Wir wollten wissen, wie diese virtuelle Realität auf den Menschen wirkt, wenn er komplett, d.h., im Geschehen ist. Das Spannende dabei ist, dass die Menschen stark körperlich reagieren – ähnliche Phänomene konnten wir ja schon bei Achterbahnfahrten im Mediendom beobachten. Markus Schack (ebenfalls FH Kiel, Anm. der Red.) hat dort das berühmte Möbiusband programmiert, von dem ich ein riesen Fan bin. Denn obwohl es nicht mit realistischer Grafik programmiert ist, wird einem schlecht, wenn man über dieses Möbiusband fliegt. Und so etwas konnten wir 2012 dann auch mit der Oculus Rift erleben. Davor war das mit dieser Technologie eben nicht möglich: Wir hatten ein Jahr vor der Oculus Rift ein anderes Headmonted-Display, das aber nur wenig immersiv war, weil man in der Entfernung nur einen kleinen rechteckigen Bildschirm sah. Erst mit der Oculus Rift wurden diese Brillen richtig interessant.

Labor für Immersionsforschung an der FH Kiel

Also haben Sie die gesamte Entwicklung mit erforscht?

Rupert-Kruse: Genau. Wir hatten 2012 das erste Headset und dann hat die technische Entwicklung unglaublich große Sprünge gemacht. Wir waren quasi direkt dabei, als eine neue Technologie geboren wurde. Vorher war die Immersionsforschung noch sehr theoretisch, weil Virtual Reality nur von einer kleinen Gruppe Menschen erlebt werden konnte. Fulldome-Projektionen wie die im Mediendom gibt es in Deutschland nicht sehr viele, da war man dann eher ein Sonderling, wenn man sich mit solchen Phänomenen beschäftigt hat. Erst seit VR-Brillen aufgetaucht sind, ist auch Immersion zu einem allgemein bekannten Schlagwort geworden. Und auf einmal waren wir nicht mehr die Leute, die sich mit einem Orchideenfach beschäftigt haben, sondern diejenigen, die aktueller denn je waren. Um das nochmal zu verdeutlichen: Erst seit 2014 ist Immersion ein Begriff in den Handbüchern der Medien- und Rezeptionsforschung, vorher gab es ihn dort nicht.

Also hat das jetzt richtig an Fahrt gewonnen.

Rupert-Kruse: Ja, es ist ein super spannendes Thema und alle reden darüber. Trotzdem muss man auch sagen, dass VR noch nicht im Mainstream angekommen ist. Die Prognosen, wo es irgendwann hingehen wird, sind unterschiedlich. Technologie entwickelt sich ja häufig exponentiell, d.h. in den ersten Jahren gibt es kaum Veränderungen und dann geht es steil nach oben. Wir sind auf jeden Fall noch am Anfang und das Thema ist noch lange nicht tot. Was sich aber für uns hier verändert hat ist, dass wir anders damit umgehen können, weil die Leute jetzt wissen, wovon wir sprechen. Und wir können viel ausprobieren, da es eine unglaubliche Auswahl an Headsets gibt.

AR-Anwendung, die Bilder zum Sprechen bringt

Ist die Immersionsforschung demnach erst ab 2012 ein Teil von Multimedia Production geworden?

Rupert-Kruse: Früher haben alle Studierenden alles gemacht. Es gab die audiovisuellen Medien und die interaktiven Medien und alle haben auch mit dem Mediendom und mit 3D-Produktionen gearbeitet. Später wurde das dann aufgesplittet. Seit 2014 haben wir mehr VR und AR in das Fach integriert, weil die Technik erstmal da sein musste, damit wir damit arbeiten können. Wir machen im interaktiven Schwerpunkt viel mit Smartphones, wo diese Technik ja schon Gang und Gäbe ist, achten jedoch auch darauf, dass die Studierenden mit den Headsets arbeiten, um dafür Content zu generieren.

Wir repräsentieren das Labor für Immersionsforschung nämlich auch auf Messen und möchten dort natürlich zeigen, dass unsere Studierenden mit den neuen Technologien umgehen können und sich damit auseinandersetzen. Außerdem ist ein Smartphone nicht das Gleiche wie eine VR-Brille. Es macht ein Unterschied, ob ich auf dem Smartphone einen Knopf auf dem Display drücke, oder in der virtuellen Realität mit den Händen nach Objekten greife. Im einen Fall operiere ich auf einer Oberfläche, im anderem im Raum selbst. Ich kann in der digitalen Welt zu einer Wand gehen, einen virtuellen Gegenstand nehmen und ihn woanders hinbringen. Das funktioniert zum Beispiel über Touchcontroller, die in der virtuellen Welt meine Hände repräsentieren. In der echten Welt sind wir es ja gewohnt umherzugehen und Dinge in die Hand zu nehmen. Der Computer hat uns dann dazu gebracht, auf einer Oberfläche zu operieren – das ist die berühmte Desktop-Metapher – und jetzt gehen wir einen Schritt weiter, indem wir mit dem Computer im Raum interagieren. Das muss man erstmal lernen, sowohl als Designer als auch als Nutzer.

Hätten Sie gedacht, dass so eine Entwicklung jemals möglich ist?

Rupert-Kruse: Tatsächlich gibt es Visionen aus den 50er und 60er Jahren, vor allem in der SciFi-Literatur und im Film. Ich liebe SciFi, weil da schon früh ganz vieles möglich war. Aber auch in der Realität gab es in den 90ern auch schon Datenhandschuhe mit Vibration und Tracking. Daher war die Entwicklung u.a. in diesem Bereich schon abzusehen.

Ich habe mich allerdings diesbezüglich lange nur mit Prototypen und Konzeptstudien auseinandergesetzt, da solche Interfaces keine Massenwarewaren. Es gibt inzwischen allerdings viele Firmen, die taktile Handschuhe und sogar Anzüge auf den Markt gebracht haben, die dafür sorgen, dass man in der virtuellen Welt das Gefühl hat, wirklich etwas anzufassen. Einige arbeiten mit Vibrationen, andere sprechen einzelne Sensorfelder auf der Haut an. Es gibt Ganzkörperanzüge, die mit Elektrostimulation funktionieren und auch in der Lage sind, meinen Körper in bestimmte Positionen zu zwingen. Die können mir zum Beispiel beibringen, wie man Tennis spielt, eben durch die gezielten Stromimpulse. Oder wenn ich in der virtuellen Welt durch Wasser gehen soll, hilft der Anzug diese Schwere in der Bewegung zu simulieren. Das hilft uns, uns mehr dem anzunähern, was wir dann in der virtuellen Welt sehen.

In welche Richtung wird die Entwicklung gehen?

Rupert-Kruse: Ich wünsche mir natürlich eher eine künstlerische Richtung. Aber dafür muss man dem Zuschauer einen Zugang geben, also etwas für den Heimgebrauch oder etwas Kinoartiges. Das Kinoerlebnis ist ein soziales Erlebnis und VR ist immer ein sehr individuelles, subjektives Erlebnis, weil man eben abgeschnitten ist von allem. Daher weiß ich nicht, wie es sich da entwickeln wird.

Wir werden in der Lehre natürlich auch weiterhin künstlerische Inhalte haben, aber im Moment konzentrieren sich StartUps mehr auf die Industrie.

Wie wendet man in der Industrie VR/AR-Techniken an?

Rupert-Kruse: In der Industrie wird es vor allem in der Fertigung genutzt – hier wird auch viel AR angewendet. Lernen und Training sind ebenfalls wichtige Punkte. Man trainiert damit medizinische Operationen an Menschen und bildet Leute bei der Feuerwehr oder auf Schiffen aus. Man kann auch Bewegungen lernen, wie schon erwähnt. Archäologen machen Feldtraining mit VR. Anstatt nach Griechenland zu fahren, sieht man sich den Ort virtuell an und kann so darstellen, wie es dort früher ausgesehen hat. Momentan werden aber natürlich noch viele andere Anwendungsfelder gesucht bzw. erforscht.

Und wie kann man das künstlerisch umsetzen?

Rupert-Kruse: Ich wünsche mir eine Beschäftigung damit, wie man sich in VR filmisch ausdrücken kann, zum Beispiel, wie dort erzählt wird. In der Avantgarde-Kunst setzt man sich heute schon mehr mit dem Medium auseinander und reflektiert, wie es funktioniert und was man damit machen kann. Aber das ist eher ein reflexiver Prozess. Interessant ist für mich vor allem, wie man Filme in 360 Grad richtig produziert und in diesem Medium vernünftig erzählt. Heute ist es noch oft so, dass man die Brille aufsetzt und dann anwesend ist in einer medial vermittelten Welt. Aber das ist noch kein Erzählen, auch wenn einem das Einige so verkaufen wollen.

360 Grad Inszenierung brauchen auch 360 Grad Sound

Viele Menschen haben gegen solche Technologien Vorbehalte bzw. sie haben Angst davor, dass sie etwas ersetzen könnten.

Rupert-Kruse: VR und AR können Sachen vereinfachen, sie können viel Geld sparen, aber im Zentrum steht immer noch der Mensch. Natürlich spielt auch die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) eine Rolle. Wenn man in einer VR-Umgebung herumläuft, trifft man auf Charaktere, die mit KI laufen. Im AR brauche ich ein System, dass kontextabhängig Informationen abrufen kann. Aber eine KI ist auch nicht so intelligent, wie man sich das vorstellt. Sie kann mir einen Tisch reservieren, aber sie weiß nicht, was ein Tisch ist und sie weiß auch nicht was Essen bedeutet, weil sie dieses Konzept nicht hat und auch nicht braucht. Aber es ist schwierig momentan Prognosen zu stellen, wie sich das entwickeln wird. Jedes neue Medium bringt Hoffnungen und Ängste mit sich – das war schon immer so. Die Telegrafie zum Beispiel sollte die ganze Welt als denkendes Gehirn zusammenbringen. Doch eine Vernetzung gab es letztendlich erst später durch das Internet. Selbst das Internet ist nicht so, wie das Internet ursprünglich sein sollte, weil sich Technologie immer erst durch die konkrete Nutzung formt.

In Bezug auf neue Technologien gibt es immer Utopien und Dystopien, die damit in Verbindung gebracht werden. Ich denke nicht, dass wir irgendwann alle unser Bewusstsein auf einen Computer hochladen und nur noch als Avatare herumlaufen. Man muss diese Ängste dennoch ernst nehmen, aber auch im Auge behalten, was man mit neuer Technologie Gutes schaffen kann.

AR als Erweiterung der Realität

Aber verschwinden viele technischen Errungenschaften nicht auch wieder schnell?

Rupert-Kruse: Bei der Forschung geht es uns vor allem darum, Prinzipien herauszuarbeiten. Es geht nicht um den Inhalt oder die spezifische Technologie, sondern um die Struktur etwa von AR und VR, wie beispielsweise die Entwicklung der Interaktionsparadigmen mit dem Interface bzw. der Technologie.

Wir konnten uns eine Welt mit dem Smartphone vor 2007 nicht vorstellen. Auf einmal war es dann aber da und plötzlich ist es so wichtig für viele Menschen. Ich fand es hier persönlich sehr spannend, wie der Wechsel vom normalen Telefon zum Smartphone auch mich verändert hat. Ich wollte es gar nicht mehr loslassen. Und dann kam auch noch der Fingerprintsensor hinzu, und nun muss ich nur noch einmal Tippen, das Display leuchtet auf und alles ist bereit.

Das geht jetzt auch noch weiter, mit der Gesichtserkennung.

Rupert-Kruse: Mit solchen Kameratechnologien habe ich mich in Bezug auf AR auch beschäftigt. Es ging dabei darum, Mixed Reality – sozusagen eine Weiterentwicklung von AR – auf das Smartphone zu bringen. Eine super spannende Entwicklung war hier Googles Project Tango mit Tiefenkameras, deren Prinzip auch bei der Gesichtserkennung eine Rolle spielen. Damit wird eine ganze Bewegung abgescannt und man kann dann mit dem Smartphone in der virtuellen Umgebung sehr genau Dinge platzieren, weil eben genau erkannt wird, wie weit ein Tisch weg ist. Das wurde dann irgendwann eingestellt, dann kam aber Google mit ARCore, das auf jeder Kamera läuft und auch Oberflächen erkennt – leider nicht so gut. Da dachte ich, ok, diese Technologie ist jetzt weg. Aber das Gegenteil war der Fall. Es kommen nämlich immer mehr Kameras mit Tiefenerkennung auf den Markt. Zum Beispiel das neue iPhone X mit seiner Tiefenkamera. Die funktioniert allerdings nur für das Gesicht.

Das Wichtigste für mich daran ist allerdings, dass man durch die Tiefenerkennung wirklich mit der Welt interagieren kann. Dadurch entsteht eine Mixed Reality, wo die digitalen Objekte sich an die reale Welt anpassen und sozusagen mit den realen Objekten interagieren können. Das ist wieder spannend zu sehen, dass diese Entwicklung dann doch weiter geht. Man sollte immer im Auge behalten, dass vieles wieder aufgegriffen wird, auch wenn es irgendwo mal ‚gestorben‘ ist.

Es gab beispielweise eimal eine Firma, die LYTRO hieß, die haben 360 Grad Lichtfeldkameras gebaut. Die Kameras können Räume komplett als Echtzeitmodell erfassen. Darum braucht man dafür auch eine riesige Renderfarm. Die Firma ist irgendwann von Google gekauft worden, damit ist die Technologie dann erstmal vom Markt genommen wurden. Diesen wirtschaftlichen Faktor sollte man nicht unterschätzen. Da werden Patente und Firmen aufgekauft und dann kommt irgendwann wieder etwas Neues raus. Deshalb ist es so wichtig, dran zu bleiben und zu beobachten.

Behandeln Sie im Studiengang auch die ethische Aspekte oder nur die technische Seite?

Rupert-Kruse: Das kommt drauf an. Wir sind zunächst einmal praxisorientiert und wir wollen vordergründig erstmal verstehen, wie das Ganze funktioniert. Allerdings finde ich ethische Aspekte sehr bedeutsam. In den 1960er Jahren hat Stanislaw Lem beispielsweise ein Buch mit dem Namen „Summa Technologiae“ herausgebracht. Hier wird VR mit Gehirninterfaces usw. beschrieben – Lem nennt das Phantomatik und spricht dabei auch ethische Probleme an.

Diese Aspekte kommen allerdings erst heute so richtig auf den Tisch, u.a. in Bezug auf VR als Empathie-Maschine. Wichtig ist zu sagen, dass wir auch in der virtuellen Welt immer wir bleiben. Auch wenn ich mich in der VR in eine andere Figur transferiere, bleibe ich immer noch ich. Auf der anderen Seite kann VR aber viel mehr Empathie auslösen als ein planarer Film. Wir müssen uns also fragen, was VR mit uns macht. Wie fühlt sich zum Beispiel sexuelle Belästigung in der virtuellen Realität an und welchen tiefen Eindruck kann das hinterlassen.

Wir haben im Studium die allgemeine Medienethik, aber auch in speziellen Kursen tauchen diese Fragen immer wieder auf und werden diskutiert. Aber erstmal geht es in diesem Kontext darum neue Technologien auszuprobieren und ein Bewusstsein für deren Möglichkeiten zu schaffen. Erst dann kann man sich damit auseinandersetzen, dass man zum Beispiel in der VR Dinge nicht so extrem inszenieren darf, wie in einem Film. Ich möchte nicht von einem Axtmörder an der Tür begrüßt werden, das ist mir mit einer VR-Brille zu echt. Wir haben gerade ein Projekt, in dem es um den zweiten Weltkrieg geht. Hier muss man sehr stark die ethische Ebene einbeziehen. Man will ja den Leuten beispielsweise Eindrücke vermitteln, was es einerseits heißt Bomberpilot zu sein (und damit Täter) oder andererseits im Bunker zu sitzen (und damit Opfer zu sein). Man will nicht erreichen, dass die Nutzer Spaß haben daran, Bomben abzuwerfen, sondern sie sollen reflektieren, was das bedeutet, diesen todbringenden Knopf zu drücken. Wenn Nutzer in dieser Experience stecken, dann werden die Leute Bomben abwerfen (müssen oder wollen), ok, aber dann sollen sie auch spüren, was sie getan haben – darum der Wechsel vom Opfer zum Täter. Das ist das Spannende daran. Im Gegensatz zu einem Spiel, in dem sie etwa nur Bomberpiloten sind, werden die Nutzer direkt mit den Konsequenzen ihres Tuns konfrontiert und sie merken, „Oh mein Gott, das ist ja schrecklich!“. Hier sieht man schließlich, dass ethischen Fragen immer mitgedacht werden müssen.

Was war das prägendste Ereignis, seit Sie hier sind?

Rupert-Kruse: Da fallen mir einige ein. Wir waren mit dem Labor in Kiel unterwegs bei „Die Holtenauer meets die Nacht der Wissenschaft“. Ein relativ großer, schwerer Mann hat mit der VR-Brille die Achterbahn ausprobiert und wir mussten ihn zu zweit stützen, weil er in eine extreme Kurve gegangen ist und fast das ganze Equipment dabei runtergerissen hätte. Oder ein Masterstudiengang, mit dem ich die VR-Brillen ausprobiert habe. Man sitzt dann da und sieht, die Leute erleben etwas und sind so sehr drin, dass sie die ganze Welt um sich vergessen. Das ist Immersion. Und es ist unsere Mission, rauszugehen und den Leuten das zu zeigen.

Ist das eher was für die nachfolgende Generation?

Rupert-Kruse: Auf jeden Fall. Bis 30 findet man alles toll, was bis dahin entstanden ist, ab 30 muss man irgendwie zurechtkommen mit den Technologien, die da sind und ab 60 ist alles, was vorher da war, toll und alles, was danach kommt nicht mehr wichtig.

Ich merk das auch, ich hab zu bestimmten Sachen keinen Zugang mehr, zum Beispiel Snapchat. Ich werde die Kamera meines Smartphones niemals so benutzen, wie es Jugendliche tun.

Was würden Sie Studierenden mitgeben, die sich für diesen Studiengang interessieren?

Rupert-Kruse: Immer seiner Leidenschaft folgen, dann ist die Wahl immer richtig. Aber auch gucken, wo man später Chancen im Beruf hat. Am besten beides zusammen. Für alle, die den Interaktiven Teil nicht belegen wollen, weil man da angeblich so viel programmieren muss, kann ich nur sagen: Nicht davon beirren lassen. Letztendlich ist man hier, um Sachen zu lernen. Und vor allem sieht man sofort, was man gemacht hat.

Den gesamten Artikel „20 Jahre Multimedia Production an der Fachhochschule Kiel“ könnt ihr im Kulturmagazin Schleswig-Holstein lesen

Bild 1:  Samuel Zeller von Unsplash

Weitere Bilder: Mit freundlicher Genehmigung der FH Kiel

Kieler Woche der Kinos – Wie steht es um das Kinoland Schleswig-Holstein?

Traumkino Kiel

Hat das Kino eine Zukunft und welche Rolle spielt das Kino in der Kulturpolitik in Schleswig-Holstein? Diese Fragen diskutierten Ende Oktober Filmliebhaber*innen, Verleiher und Filmemacher*innen im Rahmen der „Woche der Kieler Kinos”, die in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfand.

Ein Land voller Kinos – noch?

Den Auftakt der Veranstaltung bildete der Dokumentarfilm 66 Kinos von Philipp Hartmann, der mit einem eigenen Film durch deutsche Kinos getourt war und die Kinobesitzer – vor allem kleine Programmkinos und kommunale Kinos – nach ihrer Situation befragt hat.

Ist es heute schon verrückt ein Kino zu eröffnen? „Ja ist es”, erzählt eine Kinogründerin zum Schluss des Films, aber es ist wichtig das zu tun. Ein anderer Kinobesitzer pflichtet ihr bei, denn das Kino sei „der Retter des Films”. Ohne das Kino könnten Filme nicht gesehen werden. Natürlich stimmt das nicht ganz, denn es gibt heute viele andere Wege einen Film zu zeigen. Doch die Atmosphäre, die ein Kino erreicht, und die sozialen Aspekte des Kinobesuchs werden Heimkino und Internet niemals ersetzen.

Reicht das aus, um das Kino in seiner Form zu erhalten?

Was ist Kino heute

Wie viele Aspekte das Kino von heute hat, zeigt die anschließende Diskussion, die auch nach zweieinhalb Stunden noch nicht abschließend beendet war. Auf das Podium – oder eher gesagt vor die Leinwand – hatte Andreas Steffens (Programmchef des Traumkinos) den Verleiher Eduard Barnsteiner, die Filmemacherin und Filmpolitikerin Jessica Dahlke sowie Filme- und Festivalmacher Gerald Grote geladen.

Wer das Kino beschreiben will, der muss auch die Rolle des Films in unserer Gesellschaft beschreiben. Relativ schnell wird unter den Teilnehmer*innen klar, dass der Film es als Kulturgut noch immer schwer hat. Woran kann das liegen? Daran, dass so etwas Kostenintensives wie der Film ihn schnell zum Hybriden zwischen Kultur und Wirtschaft macht? Oder weil beim Wort Kultur immer zuerst Theater, klassische Musik und bildende Kunst gemeint ist? Vielleicht ist es auch die Effekthascherei Hollywoods, die dem Film den Ruf einer Jahrmarktsattraktion einbringt, merkt Eduard Barnsteiner an. Ähnliche Probleme haben auch Videospiele, die vor allem hier im Norden einen sehr schweren Stand haben, wenn es um Förderung geht, ergänzt Jessica Dahlke.

Fakt ist, der Film ist das Kulturgut, das von der breitesten Masse von Menschen aller Schichten rezipiert wird. Ihn also kulturpolitisch zu ignorieren, wäre mehr als nur fahrlässig.

Zurück aber zum Ort des Kinos. Hier unterscheiden sich die großen Cineplexe von den Programmkinos sowie Kommunalen Kinos. „Die Cineplexe richten sich vor allem an ein Publikum bis 25 Jahre”, so Barnsteiner. Für die Kulturförderung viel wesentlicher sind die kleineren Kinos, die nicht nur Filme außerhalb der Blockbuster zeigen, sondern auch einen wesentlichen Anteil an der Kultur im ländlichen Raum, wie das Savoy in Bordesholm zeigt.

Für die Städte gilt ähnliches. „Als vor ein paar Jahren das Studio Filmtheater in Kiel aufgemacht hat, haben alle gesagt, das wird nichts. Jetzt haben wir sogar wieder mehrere Kinos hier in Kiel”, erklärt Helmut Schulzeck, einer der wichtigsten Experten, wenn es um die Kieler Kinogeschichte geht. Er hat 1994 den Film Regina Blues – Der Kampf um ein Kino produziert. Das Kino in Kiel ist also nicht tot, aber es hat sich verändert. Es findet eine enge Zusammenarbeit mit der Filmszene und den Hochschulen statt und die Kinosäle dienen inzwischen auch als Raum für Lesungen, Theater und Kabarett. Events wie die Vorführung von Kieler Kultfilmen oder die Sneakpreviewen machen den Erfolg der kleineren Kinos aus. Sie sind eng verwoben mit der Stadtgesellschaft und den Studierenden der Unistadt Kiel.

Jedoch, um so kunstvoller ein Film wird, umso schwieriger ist es die Sitzreihen voll zu bekommen. Also akzeptieren, dass nur die leichte Kost funktioniert und das sogenannte Arthouse-Kino sterben lassen? Spräche man so über das Theater oder den Konzertsaal, es würde einen Aufschrei geben.

Volle Kinosäle – Wie geht das?

Eine Regel in der Wirtschaft gilt auch für den Filmverleih. Wer keine Werbung macht verkauft auch nichts. Das Marketing-Budget eines Films muss in der Regel genauso hoch sein wie das Produktion-Budget. Bei deutschen Filmen ein großes Problem, denn die Vermarktung wird bei vielen Förderungen nicht hoch genug angesetzt.

Ein zweites Problem sind die Verträge, die die internationalen Verleiher mit den Kinos schließen. Hier werden Kinobesitzer verpflichtet, ihre großen Leinwände für einen bestimmten Zeitraum mit ein und demselben Film zu bespielen. Es kommt sogar vor, dass damit eine vertragliche Verpflichtung einhergeht, einen Film in Zukunft zu zeigen, der noch gar nicht gedreht ist. Wer sich dem verweigert, ist nicht konkurrenzfähig. Egal ob die Filme für die Kinos rentabel sind oder nicht.

„Wir haben nicht das Problem, dass wir zu wenig Leinwände haben”, sagt Eduard Barnsteiner, „sondern das zu viele Leinwände besetzt werden durch diese Verträge. Selbst wenn der Kinosaal nur von wenigen Zuschauern besucht ist, muss der Film laufen.” Das führt auch dazu, dass Filme von kleinen Produzenten nicht ins Kino kommen können.

Die Werbeetats, die große Verleiher in Blockbuster investieren, können sich kleine Kinos und kleine Produktionen nicht leisten. Die Zuschauer jedoch, gerade die jüngeren, werden jeden Tag von dieser Werbung im Internet, Zeitschriften und auf anderen Kanälen regelrecht bombardiert, erklärt Jessica Dahlke, „man erhält ständig Display-Werbung auf Webseiten und sieht Teaser auf Facebook und denkt sich irgendwann, ja gut, der Film könnte ganz gut sein.” Der Newsletter eines Kommunalen Kinos kommt bei dieser Konkurrenz nur bei denen zum Zuge, die sowieso schon Kunde sind. Für Maßnahmen darüber hinaus ist meist weder Geld noch Personal vorhanden. „Man könnte schon sagen, dass wir eine junge Generation der unkritischen Konsumenten sind”, ergänzt Johann Schulz vom Landesverband Jugend und Film.

Aber wie informieren sich die 20- bis 40-jährigen über neue Filme? „Meistens erzählt jemand auf Facebook, dass der Film gut ist und dann bekommt das so eine Eigendynamik”, erzählt er weiter. Wer die Jüngeren also zurück ins Kino holen will, muss ordentlich Marketing machen?

Das ist nicht alles. Eduard Barnsteiner fügt hinzu, dass es wichtig wäre, das Publikum da abzuholen, wo es ist. Er nennt das Beispiel der Sneak-Preview im Schauburg Filmtheater in Rendsburg, die genau deswegen so gut bei den Jüngeren ankommt, weil der Besitzer den Abend mit Witz und Charme moderiert. Ähnlich halten es auch die Inhaber des Studio Filmtheaters, die vor jeder Sneak etwas verlosen und den Abend persönlich moderieren. Man muss den Kinobesuch zu einem Happening machen, so Barnsteiner.

Holt die Schule die jungen Zuschauer*innen zurück ins Kino?

Für Gerald Grote ist die Schule der richtige Ort, um den Kinogänger von Morgen die Vorzüge des Kinos näher zu bringen. „Filmbildung ist ein Teil der Kultur. Die Kinder in der Schule sollten da herangeführt werden wie an Literatur, Theater und Kunst.” Auch Jessica Dahlke bestätigt, “viele junge Menschen kennen Filme nur als Blockbuster, in dem es ordentlich knallt und farbenprächtige Computereffekte zu sehen sind. Ich würde mir wünschen, dass Jugendlichen und Kindern auch wieder komplexere Filme gezeigt werden. Es muss ja nicht gleich Godard sein.” Das darf aber nicht zum Zwang werden, denn alles, wozu man gezwungen wird, ist „uncool”, widerspricht Johann Schulz.

Im Gegenteil muss man eher was für die Eltern tun, sagt Eduard Barnsteiner. „Erwachsene verbinden viele gute Erinnerung mit den Kinobesuchen, die sie als Kind mit ihrer Familie gemacht haben. Der Schlüssel sind also nicht unbedingt die Schulen, sondern die Eltern.” An dieser Bemerkung ist viel dran, auch wenn sie nicht die Filmbildung in der Schule ersetzt, die ebenfalls wichtig ist, um Schüler*innen Medienkompetenzen zu vermitteln. Doch für die Bindung an den Ort Kino können Eltern und Großeltern viel mehr bewirken als ein Kinobesuch nach Lehrplan.

Kinoförderung im Land Schleswig-Holstein

Mit der „Kieler Woche der Kinos” haben die Kieler Kinos metroKino im Schlosshof, Kino in der Pumpe, Studio Filmtheater am Dreiecksplatz, Traumkino, das Cinemaxx Kiel und der Hansafilmpalast gezeigt, dass die Kinolandschaft in der Landeshauptstadt lebt und ein wichtiger Teil der Stadtgesellschaft ist. Kieler Kultfilme wie „Werner Beinhart”, aber auch Dokumentationen wie „Schnee von Gestern” (Grote/Oppermann) über die Schneekatastrophe von 1978 fanden ein breites Publikum. Die Kinos haben damit bewiesen (und viele Kinos im Land tun es ihnen gleich), dass sie ihren Kulturauftrag erfüllen. Nur tut das Land genug für seine Kinos?

Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und das Land tun bereits einiges für die Kinos. Unter anderem gibt es den Kinopreis, der mit einer Gesamtsumme von 40.000 Euro dotiert ist. Das führt zu einer größeren Aufmerksamkeit für das prämierte Kino.

Jedoch – große Sprünge lassen sich damit nicht machen. Hinzu kommt eine weitere Herausforderung, die Digitalisierung. Ohne die neueste digitale Ausstattung können Filme heute nicht mehr gezeigt werden. Die erste Welle dieser Digitalisierung haben nicht alle Kinos im Land überstanden. Trauriges Beispiel ist das Kino in Eckernförde, das komplett aufgeben wurde, nachdem die Besitzer in Rente gegangen sind. Bis heute kämpft die Ratsversammlung in Eckernförde um ein neues Kino. Was weg ist, ist also vielleicht für immer weg.

Europa und sein Film

Um den kulturellen Film sowie die kleinen Kinos in der Stadt und im ländlichen Raum erhalten zu können, muss genau hingeschaut werden. Was können diese Kinos allein leisten und wo sollte durch gezielte Förderprogramme unterstützt werden, wie sie zum Beispiel in Bayern schon existieren. Dazu braucht es beim Land Experten, die diesen Transformationsprozess begleiten können. Denn die technologische sowie wirtschaftliche Entwicklung ist noch lange nicht am Ende und auch die gesellschaftliche Einordnung des Films ist eine wichtige kulturpolitische Aufgabe. Dieses Feld vorwiegend den Amerikanern und bald Chinesen zu überlassen, ist kurzsichtig. Ziel sollte es sein, einen Ort zu schaffen, mit dem sich auch Jüngere identifizieren können und so sowohl das Kino als auch den europäische Film wieder attraktiver zu machen. Denn tun wir das nicht, so bleiben uns durch Blockbuster, Netflix und Amazon nur noch Werke, in denen nichteuropäische Weltbilder transportiert werden. Für eine Wertegemeinschaft wie Europa, die in der jetzigen Zeit mehr als zuvor auch einen identitätsstiftenden gemeinsamen Wertekanon braucht, wäre diese Entfremdung eine Katastrophe.

Ein Bericht von Dorian Boyesen – Autor bei filmszene-sh.de

Mit Bildern und Ergänzungen von Jessica Dahlke – Redaktion filmszene-sh.de


Recap: DOK Leipzig 2018 kontrovers und gegenwärtig

Das Cinestar in Leipzig ist ein Kino, in dessen roten Plüschsesseln der Zuschauer gemütlich zurücksinken und sich ganz dem Film widmen kann. Doch bei den meisten Filmen,  die auf dem diesjährigen internationalen Festival für Dokumentation- und Animationsfilm (kurz DOK) in Leipzig laufen,werden auch diese Sessel unbequem: zu viele der Filme legen nur zu genau den Finger in die Wunde,  zeichnen die schwierigen Fragen unserer Zeit erschreckend nach. Auch zwei Filme aus Schleswig-Holstein sind mit im Rennen um die goldene Taube und nach und nachsickert auch beim Publikum durch, dass auf der DOK dieses Jahr wieder der ein oder andere Skandal lauert.

Bericht von Anna Lena Möller

Einer der thematischen Schwerpunkte: Die Auswirkungen von Krieg und Bürgerkrieg

Die persönlichen Portraits sprechen dabei besonders auch die politischen und gesellschaftlichen Konflikte der Menschen in den europäischen Grenzregionen an. In „On the Water“ (HR, 2018) schwingen immer wieder die Auswirkungen des jugoslawischen Bürgerkriegs auf das Leben der Menschen im kroatischen Sisak mit, beinahe poetisch aufbereitet durch den Fokus auf das Leben, das auf den drei Flüssen stattfindet, die diese Stadt umgeben. Die Kurzdokumentation „Diorama“ (UA, 2018) zeigt die trügerische Ruhe an verminten Stränden in der Ostukraine und „Nine Month War“ (H, 2018), begleitet eine Familienmutter nach ihrer Rückkehr von der russisch-ukrainischen Front und ihrem Kampf mit PTBS.

Auch aktuelle gesellschafts-politische Diskurse werden im Programm aufgegriffen

Einige Filme haben den wachsenden Nationalismus und Extremismus zum Thema gemacht. Beispielhaft hierfür sind die beiden Filme „Der zweite Anschlag“ (D, 2018) und „Exit“ (N/ D/ S 2018), die im Freitagsprogramm direkt nacheinander gezeigt wurden. „Der Zweite Anschlag“ ist ein Film, der beschämt, auch weil er dem Zuschauer eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber den Hinterbliebenen rechtsextremistischer Gewalttaten in Deutschland aufzeigt. Bei „Exit“ wiederum kämpft man mit Übelkeit ob der teils schonungslosen, teils krassen Rhetorik seiner Protagonisten. Die sind inklusive der Filmemacherin allesamt Aussteiger aus dem rechten, linken oder religiösen Extremismus. Der persönliche Blick auf diese Menschen ist stellenweise problematisch, gerät er doch immer wieder zu einem Rechtfertigungsmechanismus des „Aber jetzt bin ich ja anders“, zeigt aber auch die mechanischen Ähnlichkeiten aller Formen von Extremismus auf.

In die gleiche Kategorie Film fällt dann auch der Film „Lord of the Toys“ (D, 2018), der Gewinner der diesjährigen goldenen Taube, der schon bei seinen Screenings kontrovers diskutiert wurde. Der Vorwurf: Der Film würde undifferenziert mit den diskriminierenden, frauenfeindlichen und rassistischen Aussagen seiner Protagonisten umgehen. In einer Pressemitteilung äußerte sich Festivalleiterin Leena Pasanen hierzu: „Wir teilen nicht die Haltung, dass dieser Film affirmativ ist. Mit seinen präzisen Beobachtungen und einer kritischen Einordnung legt er eine Jugendkultur und deren erschreckende Sprache offen, die das Internet bewusst nutzt“.

Auch bei anderen Filmen wurde – teils sehr einseitig – diskutiert. So wurde dem Regisseur von „Die Tage wie das Jahr“ (A, 2018), der über einen österreichischen Biobauernhof erzählt, nach dem Film von einer Zuschauerin geraten, sich doch selbst zur Schlachtung zu führen. Eine Aussage, die für den Film völlig unangemessen war. Für lebhafte Diskussionen sorgte auch der Film „#Female Pleasure“ (CH/ D, 2018). Er ist wohl der breitentauglichste Film des diesjährigen Festivals. In ihm wird die globalen Systematik der Misogynie gezeigt, dargestellt an seinen fünf Protagonistinnen: Einer japanischen Künstlerin, die wegen ihrer Kunst der Unzüchtigkeit angeklagt wird, einer Inderin, die das Konzept der Liebesheirat verteidigt, einer Britin afrikanischer Herkunft, die Aufklärungsarbeit im Bereich Genitalverstümmelung betreibt, einer amerikanischen Jesidin, die minderjährig zwangsverheiratet wurde und einer deutschen Nonne, die in ihrem Konvent der Vergewaltigung ausgeliefert war. Bei einem Thema, das so aktuell diskutiert wird wie dieses, bleibt es nicht aus das beim Q&A nach dem Screening miteinander diskutiert und der Film kommentiert wird. Neben einigen enttäuschten Frauen wurde schließlich auch ein Quotenmann gebeten sich zu äußern, der jedoch aufgrund der weiblichen Überzahl verschüchtert nur auf Allgemeines beschränkte. Dennoch bietet dieser Film eine echte Chance, Männern und Frauen ins Gespräch zu bringen.

Auch schleswig-holsteinische Produktionen sind dabei

 „Der Esel hieß Geronimo“ (D, 2018) ist gleichsam eine Retrospektive auf die Große Ochseninsel in der Ostsee und ein Portrait über seine ehemaligen Bewohner, welche die Insel bereits vor Jahren verlassen haben. In allen Gesprächen schwingen die noch schwelenden Konflikte mit, aber auch der Wunsch, das Geschehene zu verarbeiten.  In „Die Sinfonie der Ungewissheit“ (D, 2018) von Claudia Lehmann wird einem  Professor für theoretische Elementarteilchenphysik die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Dabei heraus kommt ein Dialog mit erstaunlich philosophischen Antworten, die immer wieder durch Musik-Performances in der Soundscape des DESY durchbrochen wird.

Alles in Allem war das Programm der diesjährigen DOK Leipzig um einiges dichter gestrickt als in den letzten Jahren. Die kleinen und größeren Skandale, die dieses Publikumsfestival mit sich bringt, zeigen immer wieder, wo der gesellschaftliche Diskurs derzeit am meisten geführt wird und welche Aufgabe, welche Verantwortung Filmemacher*innen und Kinobetreiber*innen haben.

Cinemare Kiel: Till Dietsche holt das Festival-Feeling nach Kiel

Cinemare Kiel Eröffnung

Mit einem vollbesetzten Finale endete am Samstag das Internationale Meeresfilmfestival Cinemare im metroKino Kiel. Zu Gast diesmal nicht nur Filmemacher*innen und Filmliebhaber, sondern die beinah gesamte Politikprominenz aus Kiel inklusive Björn Engholm. Till Dietsche mitten drin, stets lächelnd, wie er eben ist. An diesem Abend sogar strahlend. Wir erzählen euch im Rückblick, was das neue Festival in Kiel so einzigartig macht.

Bericht Jessica Dahlke

Kino im Hause des Schirmherrns Ulf Kämpfer

Eigentlich könnte man denken, wer ein neues Festival macht, der veranstaltet seine Eröffnung in einem Kino. Das Cinemare hatte schon im letzten Jahr gezeigt, das sie andere Wege gehen wollen und das Filmfestival klar in der Stadt integrieren. Dieses Jahr sogar ins Herz der Kieler Verwaltung, dem Rathaus. Und nicht nur das. Die neue Partnerstadt von Kiel San Francisco war dank des Schwesternfestivals “International Ocean Festival” auch gleich mit an Bord. Ebenfalls hatten die Festivalmacher*innen trotz des dritten Jahres ihres Bestehens groß gedacht und gleich den NDR und ARTE als Medienpartner mit an Bord geholt, ebenso Sky – die einen Preis stifteten – und Pantaflix, die Vertreter*innen in die Jury entsandten. Auch der Medienstudiengang der FH Kiel, der Mediendom und die Muthesius waren fest mit eingebunden. Schon der Eröffnungsabend zeigte, ein Meeresfilmfestival gehört zu einer Hafenstadt wie Kiel wie Kiel zu einem Meeresfilmfestival gehört. Und man fragt sich, warum eigentlich erst jetzt?

Gewinnerfilm „White Waves“ (E, 2016)

Mit dem Anspruch für eine bessere Welt

Die Eröffnungsreden machten eines deutlich. Hier geht es um mehr als nur Filme schauen. Hier geht es darum, das Medium zu nutzen, um die im Blindflug agierende Weltbevölkerung auf die verheerenden Auswirkungen unserer Lebensweise aufmerksam zu machen. Hier natürlich im Bezug auf die Meere und nicht mit dem Anspruch den Zeigefinger zu heben, sondern mit künstlerischen Mitteln zu zeigen, was wir da gerade am verlieren sind. So sitzt man im Mediendom und schaut ein Walkuh mit ihrem Jungen zu und immer wieder kommt der Gedanke auf, verdammt, werde ich zur letzten Generation gehören, die diese Tiere noch in Wirklichkeit sehen konnten? Ebenso das Thema Plastik, das in fast jedem dritten Film eine Rolle spielte.

Änderungen beginnen bei den Jüngsten

„Einen Bewusstseinswechsel können wir vor allem bei den Jüngsten erreichen”, erklärt Ida von Saltzwedel, die das Schulprogramm des Cinemare betreut und dabei echte Highlights nach Kiel brachte. Darunter der Film „Wonders Of The Sea 3D” (USA, F 2017), der u.a. von Arnold Schwarzenegger produziert wurde. Begleitet wurden diese Vorstellungen von Expert*innen des Geomar, die von den Schüler*innen mit Fragen gelöchert wurden.

Gewinnerfilm „Sealers One Last Hunt“ (N, 2016)

Kunst und Wissenschaft zusammengebracht

Neben den gut besuchten Eröffnungsfilmen und dem Finale inklusive Premiere der ARTE Produktion „1918 – Aufstand der Matrosen”, war auch der Meereskurzfilmabend bis auf dem letzten Platz besetzt. Den Kurzfilmpreis gewann dabei der Film „Hybrids” (F, 2017), der sich dem Thema Müll in den Meeren widmete. „Plankton” (UK, 2018) erhielt den Publikumspreis, ein wirklich humorvoller Film, in dem Plankton synchronisiert wurde. Ebenfalls einen Preis erhielt die Kielerin Lisa Hoffmann für „On Scene”, der sich mit Traumata von Fotografen in Kriegsgebieten beschäftigte.

Da es mir nicht möglich war alle Filme zu sehen, möchte ich hier nur einige weitere Filme vorstellen.

Captain’s Dream (E, 2018)

Diese Dokumentation begleitet eine Gruppe Künstler*innen in die Antarktis, um dort für kurze Zeit den arktischen Raum künstlerisch zu erschließen. Die Faszination des vom Menschen nur wenig eroberten Kontinents schlägt sich in jeder Überlegung der Künstler*innen nieder, die in den Interviews von ihren Arbeiten erzählen. Da ist der junge Mann, der sich nackt kopfüber in den Schnee stellt oder die Künstler*in, die die Natürlichkeit von Farbe und Licht auf dem Eis erforscht. Ebenso der Klang der Musik, der sich durch die Stille einer unbewohnten Landschaft breitet. Dabei schafft es der Film, die Antarktis mit der Gedankenwelt des Menschens, der ihre Existenz durch den Klimawandel bedroht, zu verschmelzen und einen nachdenklichen Zuschauer zurück zu lassen.

Ocean Gravity (F, 2014)

Ein Apnoe-Taucher taucht in der Stille des Meeres über den Meeresboden. Der Film verschiebt dabei die Perspektive und vermittelt so das Fehlen vom Kleben am Boden und den neuen Möglichkeiten, die dadurch entstehen. Ein wunderbar impressiver Kurzfilm.

A Whale Of A Tale (J, 2016)

A Whale Of A Tale (J, 2016)

Jeder, der sich mit Tierschutz beschäftigt, kennt wahrscheinlich den oscarprämierten Dokumentarfilm „Die Bucht”. Darin wird das Delfinschlachten in der japanischen Stadt Taiji angeprangert. Die japanisch-amerikanische Filmemacherin Megumi Sasaki rollt dieses Thema wieder auf und zeigt, dass die schwarz-weiß Darstellung des amerikanischen Films die Verhältnisse gegenüber den Walen und Delphinen vor Ort nicht stehen gelassen werden kann. Sie versucht dabei auch die japanische Seite zu beleuchten und sich dabei möglichst neutral zu verhalten. Ein Film mit einem hohen Anspruch auf Reflexion, der es sich eben nicht so leicht macht, ein Urteil über die Delfinfänger zu machen und dennoch ihnen gegenüber kritisch bleibt. Im Anschluss des Films erzählte der Delfinschützer Richard O’Barry über die aktuelle Lage und warum es so wichtig ist, mehr für den Schutz der Wale zu tun.

The Secret World Of Foley (UK, 2015)

Wisst ihr was Foley ist? Um ein schönes Sounddesign zu bekommen werden Filme auch auf der Soundebene komplett oder teilweise nachvertont. Die Geräuschemacher sind Mittelpunkt dieses Films, mit hohem Unterhaltungswert.

Dolphin Man (F, 2017)

Dolphin Man – Mit Einem Atemzug In Die Tiefe (F, 2017)

Der Film erzählt die Lebensgeschichte des Delfinliebhabers und Apnoetauchers Jacque Mayol, der sein ganzes Leben dem Wasser widmete. Dabei arbeitet der Filmemacher mit historischen Material und gibt so einen spannenden Einblick in die Biografie des Mannes. Ein Film, den man bis zum Ende folgt, als wäre es das eigene Leben gewesen. Er zeigt, wie wichtig eine Leidenschaft für einen Menschen ist und wie dramatisches dieses Leben endet, wenn die Leidenschaft von einem Tag auf dem anderen wegbricht.

Plastik In Jeder Welle (D, 2017)

Zwar kommt dieser Film wie eine klassische Fernsehdoku daher, was sie auch ist. Dennoch vermittelt er eindringlich das Problem der Plastikvermüllung der Meere und zeigt, dass diese kein Problem ärmerer Länder ist, sondern auch eines der Küsten Schleswig-Holsteins.

1918 – Aufstand der Matrosen (D, 2018)

Das Meeresfilmfestival Cinemare 2019

Auch im nächsten Jahr wird es Ende Oktober wieder ein Meeresfilmfestival in Kiel geben. Durch die Förderung der Stadt Kiel ist die Existenz des Festivals für die nächsten drei Jahre gesichert. Natürlich kommt da die Frage auf, wie es weiter geht mit den Filmfestivals in Kiel? Denn neben dem Cinemare gibt es auch das Filmfest Schleswig-Holstein, das als Schaufenster der schleswig-holsteinischen und Kieler Filmszene eine wichtige Rolle einnimmt, jedoch mit seinem niedrigen Budget keine großen Sprünge machen kann. Als Werkschau der Filmszene sollte die Filmwerkstatt Kiel enger mit den Hochschulen zusammenarbeiten und eine Verbreiterung des Angebots ins Auge fassen. Zu den Kurz- und Dokumentarfilmen sollten neue Formate wie VR, 360°, Medienkunst und Corporate Videoformaten sowie Webformate hinzu kommen. Zudem ist eine Ausweitung von der Pumpe in die Stadt hinein, also in andere Kinos, notwendig, um neue Zuschauerkreise zu erreichen. Hier könnte das Filmfest Schleswig-Holstein klar an Profil gegenüber anderen Festivals wie dem Filmforum in Lübeck gewinnen. Zuletzt könnte es für ein so ausgerichtetes Festival und den Hochschulstandort Medien ein wichtiges Signal sein, wenn sich Stadt und Land hier auch finanziell mehr engagieren.

Preisträger des Cinemare Filmfestivals

  • Sealers One Last Hunt – Seefahrerpreis
  • Reefs At Risk – Wissenschaftsvermittlungspreis
  • Hybrids – Kurzfilmpreis
  • White Waves – Meeresschutzpreis (dotiert)
  • On Scene – Deutscher Kurzfilmpreis
  • Wale Vor Unserer Küste – Deutscher Meeresfilmpreis
  • Plankton – Publikumspreis Kurzfilm
  • 1918 – Aufstand der Matrosen – Publikumspreis Spielfilm

Aktuelle Bilder aus der Filmszene SH findet ihr auf Instagram

Internationales Meeresfilmfestival Cinemare 2018

Cinemare 2018: Buckelwale erobern den Mediendom

Buckelwale von Hawaii

„Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, Sie sind in dem schönsten Aquarium, das Sie je gesehen haben“, so Daniel Opitz, Kieler Filmemacher, der seinen Film über „Die Buckelwale von Hawaii“ erstmals auf dem diesjährigen Internationalen Meeresfilmfestival Cinemare im Mediendom der Fachhochschule Kiel vorstellte.

Bericht von Merle Dölle

Mit Tieren unter Wasser sein an Land

Die 3-D-Brille aufgesetzt, befindet man sich mitten vor der Insel Maui auf Hawaii, der meist isoliertesten Insel der Welt, und taucht ein in die Tiefen des Ozeans. Wahlgesänge ertönen und plötzlich rauscht gemächlich eine Wahlmutter mit ihrem Kalb an uns vorbei.

Der 15-minütige Film ist weniger eine Dokumentation als ein kurzer Einblick in das Verhalten dieser majestätischen Tiere. Durch die Dreidimensionalität von Bild und Ton und die 360°-Optik der Kuppel des Mediendoms bekommt der Zuschauer den Eindruck, mitten im Geschehen zu sein und den Buckelwalen ganz nah kommen zu können.

Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Digitalität. Die Wale im Film wurden am Computer erstellt, Aussehen und Verhalten allerdings exakt nachgeahmt, sogenanntes „ recreating reality“. Und auch die Tonaufnahmen sind original.

Medium über Emotionen

3 Jahre Produktions – und 10 Jahre Entwicklungsarbeit haben Opitz und sein Team in die Verwirklichung dieses Filmes investiert. Dabei versucht er weniger mit der Vermittlung von Wissen, sondern lediglich mit Emotionen zu arbeiten. 50% der Emotionen werden über die Musik gesteuert.

„Der Sound basiert auf einer Ebene, die man nicht hört sondern fühlt, sogenannte Psychosounds“, so Opitz und auch solch eine Perspektive hat es noch nie gegeben.

Die größte Herausforderung stellte hierbei jedoch der gesprochene Text dar: Emotionen sollten dadurch nicht zerstört werden.

Neue Generation von Technik

Dieser Film präsentiert eine neue Generation von Bild und Ton. Diese Technik steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber wird vermutlich das Filmemachen revolutionieren.

Produziert wurde der Film in Zusammenabreit mit dem Aquariumbetreiber Coral World International der Amerikanischen Meeresbehörde.

Die Weltpremiere findet in sechs Wochen auf Hawaii statt.

Filmszene im Dialog: 1918 – Aufstand der Matrosen (D 2018)

Das Meeresfilmfestival Cinemare findet seinen Abschluss dieses Jahr im metroKino Kiel, einer Spielstätte, die nicht besser zu dem Film passen könnte, der dort am 27.10. seine Weltpremiere feierte: „1918. Aufstand der Matrosen“. Er erzählt von jenen Männern, Frauen und Momenten, welche die deutsche Novemberrevolution in Gang brachten und große Veränderungen wie das allgemeine Wahlrecht, die Versammlungsfreiheit und die Pressefreiheit der jungen Weimarer Republik begründeten. Anna Lena Möller und Jessica Dahlke über einen Film, der im aktuellen politischen Klima gerade zur rechten Zeit kommt.

Anna Lena: Mensch ist das voll heute Abend, wollen wir vor der Tür ein wenig Luft schnappen? Es scheint, als ob die gesamte die Cinemare-Prominenz und viele Politiker*innen heute Abend ins metroKino Kiel gekommen sind, um diesen Film zu sehen.

Jessica: Ja, ich finde das großartig, denn dass hat lange in Kiel gefehlt. Gerade das metroKino war früher ein wichtiges Premierenkino. Übrigens, Björn Engholm hat die ganze Zeit hinter uns gesessen. Irgendwie war das schon ein kleiner historical moment. Du siehst Geschichte auf der Leinwand und hast jemanden hinter dir sitzen, der genauso zur Schleswig-Holsteinischen Geschichte gehört. Ich glaube, das ist so ne Filmemacher-Sache, ich liebe solche Momente.

1918 Aufstand der Matrosen

Anna Lena: Das ist glaube ich der Moment, wenn ein Film ein bisschen mehr als eben „nur ein Film“ ist. Wenn er die Menschen berührt, zum Nachdenken und zum Diskutieren bringt. Wie fandest du denn die Dokumentation, die wir gerade gesehen haben?

Jessica: Interessant. Jens Becker hat nicht einfach nur eine Geschichtsdokumentation gedreht, sondern einen kleinen Spielfilm daraus gemacht. Das finde ich einen gangbaren Weg.

Anna Lena: Ja, es hat dem Film sicher gut getan, jemanden an Bord zu haben, der als Drehbuchautor die Fiktion ebenso beherrscht wie das Dokumentarische als Regisseur.

Jessica: Etwas gewöhnen musste ich mich an die Stellen, in denen die Schauspieler Originalzitate der Zeitzeugen direkt in die Kamera gesprochen haben. Diese vierte Wand ist immer noch ein bisschen heilig. Aber ich konnte eben kurz mit dem Regisseur sprechen und er meinte, er habe sich hier des Theaters bedient, genauer gesagt des an die Rampe Tretens, um dem Zuschauer direkt aus der Handlung zu erzählen.

1918 Aufstand der Matrosen

Anna Lena: Mit dem Hintergrundwissen macht das natürlich Sinn.

Jessica: Schade, dass Kiel so wenig Originalschauplätze hat.

Anna Lena: Ja, man musste deswegen an andere Drehorte in Schleswig-Holstein ausweichen, die der Kieler Bauweise noch am nächsten kommen.

Jessica: Übrigens mag ich den Humor in dieser Dokumentation. Obwohl Becker kein Norddeutscher ist, hat er unseren Humor ziemlich gut getroffen.

Anna Lena: Ja, da magst du Recht haben. Trotzdem fand ich die Dialoge zu Beginn ja ein wenig hölzern. Leider sieht man solche pseudohistorisch-akuraten Dialoge bei Produktionen für das Fernsehen recht häufig, aber bei Formulierungen wie „Wenn dein Mädchen da unzüchtig schaut, schmelzen die Wachen geradezu dahin…“, lösen bei mir nur Kopfschütteln aus. Zum Glück fängt sich der Film aber sehr schnell wieder und man kann herzlich mit den Protagonisten lachen. Es gibt unter Dokumentarfilmern ja durchaus auch Diskussionen über das Reenactment historischer Begebenheiten. Manche sagen sie unterstützen den Unterhaltungswert des Films und füllen Lücken dort, wo nicht genügen oder gar kein historisches Bild- und Filmmaterial vorhanden ist, andere sagen, es bestehe die Gefahr, dass darüber die historischen Fakten in den Hintergrund rücken. Wie hast du das empfunden?

1918 Aufstand der  Matrosen

Jessica: Das empfinde ich ehrlich gesagt auch immer als schwierig. Ich hatte zwar oben gesagt, dass die Herangehensweise ein gangbarer Weg ist, aber insgesamt geht das Reenactment in den meisten Filmen absolut schief. Das ist so, als würde der Geschichtslehrer im Kostüm vor der Klasse die Szenen nachspielen. Also entweder will man ein Spielfilm sein und ist ehrlich, dass man eine Fiktion ist bzw. eine Idee von einer Sache oder man bedient sich des Stilmittels des Forschens durch Belege, Experteninterviews und Zeitzeugen. Gemischt ist für die Rezeption einfach schwierig, weil der Zuschauer ein Film ja in dem einen oder dem anderen Kontext bewertet. An 1918 bemerkt man auch noch andere Probleme dieser Mischform, zum Beispiel funktioniert die Inszenierung des Dramatischen nicht richtig. Der Dokumentarische Anteil lässt einen nicht dicht genug an die Figuren heran, um mit ihnen zu leiden oder zu trauern. Da sterben dann ein paar Leute, aber irgendwie ist es dann auch egal. Und ganz nebenbei: Die Figur des Reichstagsabgeordnete Noske, der später die Führung übernimmt, kam wie ein netter Onkel herüber. Wenn nicht ständig gesagt worden wäre, dass der Typ ein böses Schlitzohr gewesen war, hätte ich seine geschichtliche Rolle gar nicht nachvollziehen können.

Anna Lena: Ein sehr gute Aussage fand ich ja die Einschätzung des ehemaligen Ministerpräsidenten Engholm am Ende des Filmes: Das der Aufstand der Matrosen auch deshalb gescheitert sei, weil die Machthabenden an ihren Posten festhielten und kein Interesse an einer Neuerung hatten. Ein kleines Detail zwar, dass einem eber in der heuten Zeit furchtbar bekannt vorkommt.

Jessica:  Wir haben ja gerade wieder eine Diskussion wegen des ehemaligen Hindenburguferns gehabt, hier in Kiel. Lange wurde die Rolle dieser – ich nenne sie mal Herren – einfach heruntergespielt. Im Prinzip hat man Feinde der Demokratie damals an die Spitze einer Demokratie gesetzt, was letztendlich zum Untergang und zu diesem unsäglichen Regime geführt hat. Ich denke wir müssen uns wieder viel bewusster machen, dass die falschen Menschen in bestimmten Positionen immer eine toxische Wirkung auf den ganzen Rest haben. Und das wir hier auf unsere demokratischen und freiheitlichen Prinzipien pochen sollten, indem wir demokratiefeindliches Verhalten entsprechend sanktionieren.

Anna Lena: Ähnlich hat es Herr Engholm ja auch im Anschluss an den Film im Interview formuliert. Wie passend empfandest du eigentlich die Interviewpartner?

Jessica: Ich fand es interessant, dass nur SPD, Linke und Bundeswehr zu Wort kamen. Wo waren die anderen Parteien? Oder habe ich was verpasst, war da kein Historiker?

Anna Lena: Das es keine neutrale Position unter den Interviewpartnern gab ist mir auch aufgefallen. Natürlich beschränkt sich Jens Becker damit auf die politischen „Erben“ der Hauptakteure des Kieler Matrosenaufstands. Auf der anderen Seite setzt er damit natürlich auch ein Statement, indem er bewusst auf die Perspektive anderer Parteien oder eines neutralen Historikers verzichtet. Abschließend lässt sich sicherlich sagen, dass diese Dokumentation auf jeden Fall eine gute Absprungmöglichkeit für weitere Diskussionen liefert, und es dabei schafft, einen historischen Gegenstand in den Blickpunkt zu rücken, der hier in Kiel und in Schleswig-Holstein zwar präsent, darüber hinaus jedoch weniger bekannt ist.

Jessica: Auf jeden Fall.

Anna Lena: Ach ja, die Dokumentation ist am 30.10. bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck zu Gast, bevor sie am 30.11. um 20:15 Uhr auf ARTE und am 04.11. um 20:15 Uhr im NDR zusehen sein wird. Komm lass uns reingehen, mir wird kalt.

Bilder: riva Filmproduktion

Nordische Filmtage Lübeck: Offene Wunde Filmforum Lübeck?

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Es brodelt wieder in der Filmszene in Schleswig-Holstein. Der Grund ist ein Blick in das Programm des Filmforums in Lübeck, in dem originäre Filme aus dem Land erneut unterrepräsentiert sind. Nach einem ersten Anstieg der schleswig-holsteinischen Filme im letzten Jahr, fällt die Ausbeute für hiesige Filmschaffende 2018 wieder mager aus. Wir zeigen auf, warum den Filmemacher*innen das Filmforum so wichtig ist und warum hier dringender Handlungsbedarf besteht.

Ein Bericht von Jessica Dahlke

Schleswig-Holstein brechen die Schaufenster weg

Das Filmforum ist eine Untersektion der Nordischen Filmtage Lübeck, die sich im Schwerpunkt mit dem skandinavischen Kino beschäftigen. 1988 gegründet war es das zweite Festival, auf dem schleswig-holsteinische Filmemacher*innen ihre Filme zeigen konnten, 1986 waren bereits die Husumer Filmtage mit dem gleichen Ziel gestartet. 1993 folgte die Augenweide in Kiel, die inzwischen Filmfest Schleswig-Holstein heißt. Durch eine Fusion mit den Nordischen Filmtagen Lübeck gehörte das Filmforum Schleswig-Holstein schließlich zum Festival. Seit 2007 dürfen auch Hamburger Produktionen ihre Filme in der Sektion einreichen. Seitdem heißt das Programm nur noch Filmforum.

Liest man die Seite der Landesregierung, so soll das Filmforum, das hier noch Filmforum Schleswig-Holstein heißt, dafür sorgen, dass “schleswig-holsteinische Filmproduktionen in die Programme in- und ausländischer Festivals (gelangen)”. Diesen Auftrag kann das Filmforum heute nicht mehr erfüllen, da viele Vertreter*innen der Filmszene Schleswig-Holstein fehlen. Und das obwohl das Land keine unwesentlichen Gelder in das Festival steckt. 70.000 Euro im Jahr. Damit ist zwar auch das skandinavische Festival, die Nordischen Filmtage gemeint, aber eben auch das Filmforum.

Schleswig-Holstein zu Gast im eigenen Filmforum

Betrachtet man die Filmauswahl der letzten sieben Jahre (nur Titel, nicht nach Spielzeit), so gibt allein dieser kurze Zeitraum ein trauriges Bild wieder. Selbst im guten Jahr 2017 wurde ein Anteil von 50 Prozent nicht erreicht. 2015 rutschte dieser sogar auf 25 Prozent. Zählte man nur originäre Filme aus Schleswig-Holstein oder berücksichtigte man die Spielzeiten, so wären die Zahlen bei weitem niedriger.

JahrSchleswig-HolsteinHamburgsonstige (MVP, NS, HB)
201839 %57 %4 %
201748 %38 %14 %
201629 %58 %13 %
201525 %63 %12 %
201441 %57 %2 %
201333 %57 %10 %
201238 %57 %5 %

In die Zahlen eingerechnet wurde, ob ein SH-Bezug bei den Filmen besteht. Dabei reichte es, wenn Filmschaffende in SH geboren sind, das Thema über Schleswig-Holstein handelt oder in SH vorwiegend (!) gedreht wurde. Die Prozente sind aufgerundet. Sie basieren auf Recherchen über die Filmemacher*innen und Produktionen und haben keinen wissenschaftlichen Anspruch.

Wo sind unsere Plattformen?

Auch das Filmfest Schleswig-Holstein wird immer weniger seiner Rolle als Plattform für die Filmemacher*innen gerecht. Wir berichteten. Die Husumer Filmtage suchen mit ihrem Programm inzwischen andere Wege, daher lassen wir sie hier außen vor. Von einer Unterstützung der Filmszene im Land, wie sie in jedem anderen Bundesland zu finden ist, kann keine Rede mehr sein. Ein zweites Manko der beiden Festivals ist, dass die Hochschulen kaum bis gar nicht eingebundene werden, obwohl diese jedes Jahr mindestens ein kleines Filmprogramm hervorbringen. An der Produktion von Filmen mangelt es also nicht. Von den etablierten Filmemacher*innen ganz zu schweigen.

Was sollte getan werden?

Was also tun, um die Filmschaffenden auch in der Distribution ihrer Filme wieder mehr zu unterstützen? Das Filmfest Schleswig-Holstein muss finanziell besser aufgestellt werden, damit es seinem Auftrag laut Namen gerecht werden kann. Vor allem im Marketing und personell stößt das Filmfest an seine Grenzen. Zudem sollte man sich mit den Hochschulen zusammensetzen und an einem Studierenden-Programm inklusive Studienpreis arbeiten. Dabei sollte neue Medien wie VR, Gamedesign, Medienkunst und 360 ° Grad Projektionen mit eingebunden werden. Das bietet die Chance, neue Zielgruppen zu erreichen. Eine ähnliche Vernetzung zu den Hochschulen sollte es auch beim Filmforum geben. Der Auftrag sollte klar formuliert sein, dass das Forum ein Schaufenster der Schleswig-Holsteinischen Szene mit all ihren Aspekten ist. Und ein Anteil von mindestens 50 Prozent sollte bei einem Festival, das in Lübeck spielt mindestens drin sein.

Photo by Jad Limcaco on Unsplash

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