Patong Girl (D, T 2014, Susanna Salonen)

Eine Familie aus der norddeutschen Provinz macht Urlaub in Thailand. Ein junger Mann, der sich in eine schöne Thailänderin verliebt. Und eine Mutter, die ihre Söhne nicht erwachsen sehen will. Das ist der Stoff von „Patong Girl“, den Susanna Salonen am Eröffnungsabend auf dem Filmfest Schleswig-Holstein vorstellte. Eine Kritik.

Familie Schröder verbringt den letzten gemeinsamen Weihnachtsurlaub auf der thailändischen Ferieninsel Phuket. In Patong verliebt sich der achtzehnjährige Sohn Felix in die bildschöne Thailänderin Fai. Auch sie macht hier Urlaub und kommt eigentlich aus dem Norden Thailands. Felix’ Bruder und seine Mutter Annegret vermuten zwar, dass Fai eine Prostituierte ist, aber Felix ist von der rätselhaften Urlaubsliebe hingerissen. Und sie erwidert seine Gefühle! Deshalb beschließt er kurzerhand, länger zu bleiben und folgt ihr in die thailändische Provinz – ohne das wirkliche Geheimnis der Schönen zu kennen. Seine Eltern sind entsetzt. Aufgebracht lässt auch Mutter Annegret den Rückflug sausen und setzt sich auf die Fersen ihres Jüngsten.

Susanna Salonen liefert mit ihrem Spielfilm-Debüt ein authentisches Porträt von Thailand ab, dass ohne Stereotype und Klischees auskommt. Der jugendliche Felix verliebt sich, ohne es zu wissen, in eine Frau, die früher ein Mann gewesen ist. Ein Umstand, der den noch unerfahrenen Jungen naturgemäß zunächst schockiert. Mit feiner Feder zeichnet Salonen den Konflikt aus und stößt den Zuschauer auf seine eigenen Vorurteile. Stark auch die Figur der Mutter, die ihr Kind wie eine Henne im Nest halten will, damit sie sich selbst nicht mit ihrem neuen Lebensabschnitt – ohne Kindererziehung – befassen muss. Mit ihrem Verhalten – sie wirft Fai vor eine Prostituierte zu sein – stößt sie schließlich nicht nur ihren Sohn aus dem Nest, sondern auch den Zuschauer von sich weg, der sie angewidert mit den beiden jungen Menschen verlässt. Am Ende wünscht man sich auch mehr über den Konflikt mit der thailändischen Familie zu erfahren, den Felix ausgesetzt werden wird, da diese ebenfalls Vorbehalte gegen Ausländer hat. Doch dies lässt die Filmemacherin ausgeklammert. Trotzdem ein starker, sehenswerter Film.

PATONG GIRL
D/T 2014
Susanna Salonen – Buch und Regie
Yoliswa von Dallwitz – Bildgestaltung
Bettina Böhler – Montage

http://www.patong-girl.com

Trailer PATONG GIRL from HANFGARN & UFER on Vimeo.

KLEINE GRAUE WOLKE (D 2015) – Leben. Mit Multipler Sklerose.

Das Filmfest Schleswig-Holstein zeigte am 21. März den Dokumentarfilm „Kleine graue Wolke“ von Sabine Marina (geb.: Volgmann; so noch in diesem Film), in dem die junge, in Hamburg lebende Filmemacherin ihre Erfahrungen mit ihrer Krankheit Multiple Sklerose (MS) beleuchtet.

Bericht Benjamin Bräuer

Hilfe, Hoffnung, Gemeinschaft – durch einen Film

„So kurz vor dem Ende des Studiums mit der Diagnose MS konfrontiert zu werden“, schreibt sie auf der Website zum Film, „war ein harter Schlag, doch er hat schon jetzt viele spannende Sachen in meinem Leben verändert… und das vor allem zum Guten! Seit ich mir über meinen Berufswunsch klar bin, habe ich mich oft gefragt, wo sich die Nützlichkeit in ihm verbirgt, abgesehen von Entertainment. Allein das hat mir die MS jetzt eröffnet. Nie zuvor hab ich so sehr gespürt, wie man mit einem Film Hilfe, Hoffnung und Gemeinschaft geben kann.“

In „Kleine graue Wolke“ begegnet sie einer Reihe von Menschen, die ebenfalls MS haben, und spricht mit ihnen. Sie lernt von ihnen – und wir mit ihr. Das alles ist bewegend und schön, dann und wann ergreifend, vor allem aber voller Lebensmut und heiterer Menschlichkeit. Wir kommen Sabine und diesen anderen Menschen nahe und erleben sie nicht als Andersartige, sondern einfach als Menschen genau wie wir, die eben eine ganz spezielle Herausforderung zu bewältigen haben. Wir erfahren von ihnen, was sie aufgrund ihrer Erkrankung über die Herausforderungen des Lebens gelernt haben, und sie beeindrucken uns mit Mut und Dankbarkeit. Das alles handelt weniger von einer Krankheit als vielmehr vom Leben – und vom Leben mit einer Krankheit.

Nicht was wir verlieren – was wir finden

„An deinem blauen Himmel ist eine kleine graue Wolke aufgezogen“, sagte der Arzt bei Sabines erster Diagnose. Wie diese kleine Wolke zunächst gewissermaßen zu bedrohlich-dunklen Gewitterwänden wird, veranschaulichen Albtraumsequenzen, mittels derer uns die Regisseurin tiefer noch in ihre Seele blicken lässt: hilflos, reglos liegt sie bei Ebbe auf nassfeuchtem Watt – verdreckt. Andere solche sehr ausgewogen mit dem dokumentarischen Hauptanteil verwobene Elemente zeigen ihr Festhalten an allem Schönen und am unverminderten Ausschöpfen all ihrer motorischen und geistigen Fähigkeiten. Nicht kitschig oder plakativ mutet dies an, sondern veranschaulichend und erhellend. Überhaupt hat der Film – ungeachtet des anspruchsvollen Themas – einen hohen Unterhaltungswert. Er berührt, wirft Fragen auf, bietet Antworten und Ansätze an. Man fühlt sich – von Mensch zu Mensch – eingeladen teilzuhaben. Ein sehr sympathischer Film, in dessen Verlauf aus der Gewitterwand in Sabines Leben tatsächlich wieder eine kleine graue Wolke am blauen Himmel wird. „Am Ende geht es nicht darum, was wir durch die MS verloren haben“, sagt sie, „es geht darum, was wir durch sie finden werden.“

… und wen wir finden

Bei der Vorführung beim Filmfest Schleswig-Holstein waren David Brych, Produzent des Films, und Julia Bossert, Komponistin der sehr gelungenen Filmmusik, anwesend. Sie verrieten dem angetanen, doch aufgrund des parallel gezeigten Kurzfilmprogramms leider zahlenmäßig überschaubaren Publikum, dass Sabine Marina/Volgmann inzwischen mit dem Cutter des Films verheiratet ist. Die beiden Anwesenden selbst waren mit ihrem gemeinsamen Kind angereist. All das veranschaulichte dem Publikum den doch sehr persönlichen und mittlerweile geradezu familiären Charakter dieser ambitionierten Produktion.

Vom Hochschul- zum Kinofilm

“Kleine graue Wolke” war ursprünglich als Bachelor-Arbeit an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe im Fachbereich Medienproduktion entstanden. Aufgrund seiner hohen Qualität und einer entsprechenden Vermarktung kommt er nun jedoch in die deutschen Kinos, voraussichtlich im September. Zu Recht.

KLEINE GRAUE WOLKE
Deutschland 2015
Produktion: David Brych (Frog Motion Filmproduktion)
Regie: Sabine Marina (geb. Volgmann)
Kamera: Jonas Hieronimus
Ton: Claudia Mattai del Moro
Musik: Julia Bossert
Schnitt: Stjepan Marina
85 Min.

http://kleinegrauewolke.de/

Shoki-Night: Vom Filmriss zum Ampelmann

Kiel im Januar ist grau und kalt. Die perfekte Zeit also, um sich in die warmen Kinosessel zu kuscheln und Kurzfilme zu schauen. Das dachten sich auch Christoph Zickler und Jessica Ullrich, die am 22. Januar zur ersten Shoki-Night ins Studio Filmtheater am Dreiecksplatz luden.

Der Studiengang Multimedia Production ist seit langem fester Bestandteil des Fächerangebots der FH Kiel. Zwei Masterstudenten suchten nach einem Forschungsprojekt und kamen unabhängig voneinander auf die Idee, einen Kurzfilmabend zu organisieren. „Jessica kam auf mich zu, um die Idee vorzustellen. So war schnell klar, dass wir das gemeinsam angehen“, erklärt Christoph Zickler filmszene-sh.de, „auf der Suche nach Vorbildern stellten wir fest, dass fast keiner der Veranstalter im Vorwege über die Filme, die gezeigt werden sollten, berichtete. Der Kurzfilm-Abend als Event war das gängige Konzept. Manche Veranstaltungen erschienen auch eher Kultur-Events und keine Unterhaltungsabende zu sein. Wir wollten Unterhaltung! Und so machten wir Unterhaltung.“

 

Eine Webseite und ein Trailer sollten Neugier wecken und den Fokus auf die Filme richten. „Da es bei einem Kurzfilmabend stets mehr als um nur einen einzigen Film geht und der Abend als Ereignis daher auch nicht ganz außer acht gelassen werden kann, standen wir vor der Herausforderung, einen Weg zu finden, sowohl die Filme als auch den Kurzfilmabend an sich als Ereignis zu präsentieren.“ Heraus kam die Shoki-Night mit einem durchaus sehr sehenswerten Programm. filmszene-sh.de hat die gezeigten Kurzfilme genauer unter die Lupe genommen.

 

Der Untermieter (D 2009, Max Zähle)


Wohnungen in Berlin sind rar. Warum also nicht ein bisschen Geld nebenher verdienen und die Abstellkammer an einen verzweifelten Untermieter vermieten? Doch Vorsicht. Dieser Herr ist schlauer, als das Vermieter-Paar gedacht hätte. Witzige Komödie über Dreistigkeit.

 

Lost in Kiel (FH Kiel 2014)


Der WG-Einstand von Lana wird ordentlich gefeiert, doch am nächsten Morgen kommt der Schock. Lana ist weg! Bei dem Versuch, den vorigen Abend zu rekonstruieren und Lana so wiederzufinden, klappern die WG-Mitglieder die halbe Stadt ab und erinnern sich Stück für Stück an die letzte Nacht. Ein Hangover mit witzigen Momenten zum Schmunzeln. Leider mit einem zu konstruierten Konflikt und klischeebeladenen Nebenfiguren.

 

Antje und wir (D 2007, Felix Stienz)


Acht Menschen erzählen von ihrer Begegnung mit Antje. Im Interviewstil geschnitten entblätterte sich das spannende Psychogramm der jungen Frau. An manchen Stellen jedoch zu vorhersehbar.

 

Ampelmann (D 2010, Giulio Ricciarelli)


Eine einspurig befahrbare Brücke, eine Polizeistation und ein gelangweilter Polizist. Eine neue Ampel soll etwas Leben in den öden Alltag des Dorfpolizisten bringen. Ein genialer Schabernack über Pflichtversessenheit und der Sehnsucht des Menschen nach einer erfüllenden Aufgabe.

 

Rotkäppchens Fahrrad (D 2014, FH Kiel)


Acaralp – ein junger Architekturstudent aus der Türkei – möchte ein Auslandssemester in Kiel absolvieren, um seinen Abschluss nachzuholen. Doch die wortkargen Norddeutschen machen ihm das Leben schwer. Dabei kann er ihnen bei einem ganz konkreten Problem helfen. Ein schönes Märchen aus der Ostseestadt, das nix weiter will, als schön zu sein. An einigen Stellen verläuft sich der Film jedoch zu sehr in Umgebungsaufnahmen und wird gerade zum Ende hin den Anschein eines Werbefilms nicht los. Die schönen Impressionen aus der Landeshauptstadt machen ihn trotzdem sehenswert.

 

Steinfliegen (D 2009, Anne Walther)


Steinfliegen können nicht fliegen. Doch Ferdis größter Wunsch ist es, fliegen zu können. So macht sich der kleine Steinfliegenjunge auf die Reise, um es zu lernen. Eine nette kleine Kindergeschichte.

 

Maries Lächeln – Distant Memory (D 2006, Michael Schäfer)


Die kleine Marie trifft in der NS-Zeit auf einen jüdischen Straßenclown, der Luftballons für ein Lächeln verschenkt. Marie kann seinen Wunsch anfangs nicht erfüllen, doch dann ist es zu spät. Es scheint, als bleibe sie ihm ihr Lächeln für ewig schuldig. Geschichten aus der NS-Zeit gibt es am Sand am Meer, doch dieser Kurzfilm schafft es, das Herz des Zuschauers mit seiner Menschlichkeit tief zu berühren.

Highlights der jungen Filmszene SH | Nachbericht

Seit einigen Jahren unterstützt die HypoVereinsbank die Werkschau junger Filmemacher im Traum-Kino Kiel. Unter Leitung von Andreas Steffens erlebten die Zuschauer einen gemütlichen Abend mit interessanten Diskussionen über die Filme. Beinah alle Filmemacher waren anwesend und stellten sich den neugierigen Fragen des Publikums.


Margareta Kosmol im Gespräch mit Andreas Steffens

Kurzfilme sehen oder nicht. Das fällt an einem Tag, an dem die Anti-Pegida Großdemo mit 11.000 Teilnehmern in Kiel stattfindet natürlich schwer. Und verständlicherweise waren die Zuschauer nicht so zahlreich erschienen, wie es in den letzten Jahren der Fall gewesen war. Dennoch entpuppte sich der Abend für alle Anwesenden als gelungen, denn das Publikum nutzte während und nach der Veranstaltung die Gelegenheit, ausführliche Gespräche über die hiesige Filmszene und die gezeigten Kurzfilme mit den Filmemachern zu führen.


Oliver Boczek

So traf man auf Torben Sachert, Kameramann und leidenschaftlicher Schauspieler, der seinen Musical-Comedy-Film „Mopping“ zeigte. Oder die junge Filmemacherin Margareta Kosmol, die trotz ihrer 15 Jahren erstaunliche Kurzdokumentationen produziert und „Rot=Grün“ vorstellte. Kaweh Kordouni – „Aground: Terra 9629“ – und Maria Reinhardt – „Feuer, Wasser, Erde, Luft und Zeit“ – konnten leider nicht anwesenden sein, dafür war Oliver Boczek gekommen, mit seinem Film „Spoiler“ im Gepäck. Neben meinem (Jessica Dahlke) eigenen Kurzfilm „Eis“, feierte außerdem der erste Kurzfilm der Comedygruppe „The Flying Discman“-Premiere. Viele der Kurzfilme wurden bereits auf filmszene-sh.de besprochen und sind entsprechend verlinkt. Die restlichen drei wollen wir euch hier vorstellen.

„Rot = Grün“ von Margareta Kosmol


„Wenn man in Armenien ist, fällt auf, dass alle Taxifahrer immer die gleiche Geschichte erzählen. Daraus wollte ich einen Film machen und habe einige Taxifahrer gecastet“, so Margareta Kosmol. Dabei ist sie auf Armen Hovhannisjan gestoßen. Seine Geschichte ist die des kleinen Mannes und der großen Welt der Wohlhabenden. Eine Reise in ein Land, in dem alles mit Geld kaufbar ist. „Für uns ist Rot Rot. Für die ist Rot Grün und Gelb auch Grün“, erklärt Hovhannisjan der jungen Deutschen mit armenischen Wurzeln. Ein überraschend kapitalismuskritischer Film, rund erzählt.

„Verkorkt“ von The Flying Discman

Ähnlich kritisch geht es auch im Comedy-Kurzfilm „Verkorkt“ zu. Sechs nicht weiter benannte Menschen treffen sich zu einem edlen Abendessen. Doch statt sich auf die dampfenden Kartoffeln und den Hummer zu stürzen, müssen sie sich erst den ganzen Stolz des Gastgebers ansehen. Ein Gagdet, das ihnen ziemlich bald die Laune verderben wird und für viele Lacher unter den Zuschauern sorgt. Die Comedy-Gruppe „The Flying Discman“ gibt es seit vier Monaten. Geplant sind episodenhafte Comedy-Filme mit kurzen und längeren Sketchen, die im Internet veröffentlicht werden sollen.

„Spoiler“ von Oliver Boczek


Jeder kennt sie, keiner liebt sie. Menschen, die aus Überschwang oder Dummheit wichtige Details aus Filmen oder Serien verraten. Im Kurzfilm von Oliver Boczek hat Kurt Berger eine Geschäftsidee daraus gemacht. Der selbsternannte Spoiler knöpft den Besuchern mit geschäftstüchtiger Seriosität Geld für nicht verratenden Enden und Details ab. Schön erzählt.


Torben Sachert mit filmszene-sh-Autorin Jessica Dahlke

Denn Loch ist immer gut

Kurzfilme von Helmut Schulzeck und Jörg Meyer

Am 25. November luden Filmemacher Helmut Schulzeck und Filmlyriker Jörg Meyer zu einer Werkschau im Kommunalen Kino Kiel ein. Mit ihrer liebenswerten, selbstironischen Art verzauberten die beiden Kieler nicht nur mit ihren Filmen das Publikum. Gezeigt wurde u.a. der Schulzeck-Klassiker www.betreuteloecher.de – der es immerhin zu einem Wikipedia-Eintrag geschafft hat – sowie zum Nachgrübeln anregende video.poems von Jörg Meyer (ögyr). Ein Bericht.

 

„www.betreuteloecher.de“ und „Löcher im Kopf“

Bevor das für echt genommen wird. Nein, diese Filme sind keine Dokumentationen sondern Mockumentarys. Mockumentary? Hä? Genau: Fiktionale Dokumentationen, die das Genre parodieren. Dabei werden die Szenen inszeniert oder echte Filmdokumente mit erfundenen zusammenmontiert.
„Angefangen hat es damit, dass ich jeden Tag an dieser Dauerbaustelle Kieler Hauptbahnhof vorbei ging“, erklärt Helmut Schulzeck, der mit Maria-Debora Wolf vor etwa 10 Jahren vor dem Gebäude stand und den ersten Teil von www.betreuteloecher.de drehte. „Wir Menschen sind vielleicht stammesgeschichtlich an einem Punkt … ja, wo Löcher produziert werden. Und es ist sinnlos, sich darüber aufzuregen. Viel mehr ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen. Für mich ist es das Schlimmste, wenn ein Loch sich nicht weiterentwickelt“, so die Lochforscherin.
Wer eine Mockumentary nicht kennt, der kann kaum über das lachen, was da vor der Kamera passiert. Denn die scheinbar geisteskranke Frau meint zu glauben, Löcher erforschen zu müssen. Es raunt ein verschämtes Kichern durch die Reihen, gemischt von Betretenheit und vielen Fragezeichen im Gesicht. Ändern tut sich das erst bei „Löcher im Kopf“ (die Neuauflage 2014), denn nun darf der inzwischen von Schulzeck aufgeklärte Zuschauer herzhaft aus der Brust lachen, wenn gestandene Philosophie-Doktoren ein ernsthaftes, wissenschaftliches Gespräch mit der jungen Lochforscherin führen wollen. Nirgendwo zeigt sich besser diese herrliche Selbstironie, für die Helmut Schulzeck bekannt ist. Und immerhin schaffte es www.betreuteloecher.de zum besten archäologischen Kurzfilm 2004.

www. betreuteLoecher .de (D 2002):
www.onlinefilm.org/de_DE/film/15249 http://de.wikipedia.org/wiki/Www.betreuteLoecher.de

Löcher im Kopf oder www. betreuteloecher .de reloaded (D 2014):
www.onlinefilm.org/de_DE/film/60857

 

video.poems: Kürzestwerke von ögyr

Um die Schaffung von Leerstellen geht es auch bei den Kürzestwerken von Jörg Meyer. Der Dichter verbindet die Assoziationskraft von Worten mit denen der Bilder und schafft so eine Schnittstelle zwischen der Literatur und dem Film. Denn die Assoziation ist die Gemeinsamkeit, die sprechender und bildschaffender Künstler verbindet. Das verwendete found footage-Material wird aus dem Zusammenhang gerissen und potenziert sich in seinem neuen Kontext. Wer – von den neuen Medien verwöhnt – sofort eine Antwort in dem Gezeigten sucht, ist zum Scheitern verurteilt. So graben sich die Filmchen in die Gehirnwindungen und erzwingen ein immer neues Grübel darüber. Denn nicht die schnell gegoogelte Antwort, sondern der Weg zu dieser Antwort ist das Ziel, die bei jedem anders ausfallen wird.

roisland (2’14’’)

schneewehfernseh’n (4’25’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=2870

wie die lilien (1’57’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=3925

papaögeno (2’26’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=2633

cape carnaval (3’19’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=4316

pathé_bibliothèque (5’00’’)
www.youtube.com/watch?v=uImog0Ke6XI

 

„Wo ist Erkan Deriduk?“ und „Kinderspiel“

Ebenfalls im Geiste des Mockumentarys sind auch diese Filme, die an diesem Abend gezeigt wurden. Auf der Suche nach Berd Fiedlers Abschlussfilm entdeckte Schulzeck den Keller – vollgestopft mit Zelluloidrollen – der Deutschen Akademie für Film und Fernsehen Berlin (DFFB) als Location für sich. Peter Fitz, unterstützt durch die Stimme von Otto Sander, begibt sich in „Wo ist Erkan Deriduk?“ auf die Suche nach einem tadschikischen Filmemacher. Alle weiteren Protagonisten des Films waren nicht in das Konzept eingeweiht. So ergaben sich absurde Szene von ganz allein. Unterstützt wird der Film von Musikerin Lydia Kavina, die auf ihrem Theremin den Sound für diese unwirkliche Welt beisteuert, die irgendwo zwischen dem Hier und Jetzt zu verorten ist.

„Kinderspiel“ sollte ursprünglich ein Spielfilm werden. „Doch während des Drehs ist irgendwie alles außer Kontrolle geraten“, erklärt Helmut Schulzeck lachend. So ergeben sich auch hier absurde Szenen zwischen zwei Frauen vor der Kamera. Ein Film der seit 1998 in der Schublade gelegen hatte.

Wo ist Erkan Deriduk? (10’00’’)
www.onlinefilm.org/de_DE/film/15253

Kinderspiel (8’00’’)
www.onlinefilm.org/de_DE/film/25269

Denn Loch ist immer gut (Kurt Tucholsky).

Bericht und Bild 2: Jessica Dahlke

15 Fakten über Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM

Seit Start des aktuellen Kinohits „Interstellar“ wird auch der SciFi-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968 wieder heiß diskutiert. Damit ihr mitreden könnt, gibt es hier fünfzehn Fakten über Stanley Kubricks Film.

1. „2001: Odyssee im Weltraum“ basiert teilweise auf der Kurzgeschichte von Arthur C. Clark „The Sentinal“ (1951). Zusammen mit Stanley Kubrik erweiterte der Autor die Geschichte zu einem Roman während die beiden am Drehbuch für den Film arbeiteten. Einer der Arbeitstitel war „Reise zu den Sternen“. Als jedoch „Fantastic Voyage“ (US 1966) Premiere feierte, hasste Stanley Kubrick den Film so sehr, dass er nicht wollte, dass sein Film einen ähnlichen Titel hatte. Am Ende fiel die Wahl auf „2001: A Space Odyssey“, weil es das erste Jahr des 21. Jahrhunderts und der Beginn des dritten Jahrtausends ist.

2. Kubrik hasste es zu fliegen. Daher schickte er für die Szene „Der Morgen der Menschheit“ die Second Unit Crew nach Afrika. Diese machte dort alle Landschaftsaufnahmen und kommunizierten mit Kubrick per Telefon, um die Bilder zu machen, die er wollte. Die sogenannte Dawn-of-Man-Szene ist ein großartiges Beispiel für Glasplatten-Fotografie und Frontprojektion. Im Gegensatz zur Rückprojektion wurde der in Afrika gedrehte Hintergrund nicht von hinten, sondern von vorne auf eine hochreflektierende Leinwand projiziert, vor der die Affen-Darsteller spielten, während gefilmt wurde. Stuart Freeborn schuf für die Menschenaffen zunächst ein primitives aber menschenähnliches Make-up, doch dadurch konnten die Frühmenschen nicht in voller Größe fotografiert werden, ohne dass der Film von der MPAA (zuständig u.a. für die Altersempfehlung) zensiert zu werden, weil sie nackt waren. So nahm Kubrick stattdessen die Affenvariante. Außer zwei Baby-Schimpansen wurden alle Affen von Menschen im Kostüm gespielt.

3. Stanley Kubrick war für seinen Perfektionismus bekannt und ließ Einstellungen sehr oft wiederholen. Bei „2001: Odyssee im Weltraum“ schoss Kubrick zudem bis zu 50 Polaroid-Bilder, um das perfekte Licht zu finden. Das konnte Stunden dauern. Kein Wunder, dass das gesamte Filmmaterial 200 Mal länger ist als der endgültige Film. Kubrick überzog das Gesamtbudget um 4,5 Millionen Dollar (statt veranschlagen 6 Mio. Dollar) und brauchte 16 Monate länger für die Dreharbeiten. Trotzdem gehört der Film zu den Werken, die das Vokabular der Filmsprache entscheidend geprägt haben und SciFi-Blockbustern wie Star Wars den Weg ebneten.

4. Die Special Effekts sind alle physisch, chemisch und mechanisch gemacht. Um das Raumschiff sowie das Fehlen eines oben und unten so realistisch wie möglich darzustellen, wurde in England von der Flugzeugfirma Vickers Armstrong eine gigantische Zentrifuge gebaut. Sie wog etwa 30 Tonnen und war zwölf Meter hoch. Kosten 750.000 Dollar. Durch die besondere Technik scheint es im Film, als könnten die Darsteller die Wände hochgehen. Dieser Effekt entsteht dadurch, dass sich die Kamera mit der Zentrifuge bewegt, während die Darsteller an der Stelle blieben. Teilweise waren die Aufnahmen so kompliziert, dass Sequenzen von einigen Sekunde mehrere Tage Arbeit in Anspruch nahmen. Hauptdarsteller Dullea verglich die Zentrifuge mit einem gigantischen Hamsterrad, abgeschlossen, mit Scheinwerfern an der Außenseite.
Der fertige Film beinhaltet erstaunlicherweise nur 205 Special Effects Einstellungen. Im Vergleich: „Star Wars: Episode IV – A new Hope“ hatte 350 Einstellungen und „Star Wars: Episode III – Revenge of the Sith“ über 2.200 Special Effects Einstellungen. „2001: Odyssee im Weltraum“ gewann einen einzigen Oskar für die besten Special Effects. Alle Credits gingen an Kubrick, der damit die Techniker verärgerte, die an dem Film gearbeitet hatten. Kubrick selbst war während der Verleihung nicht anwesend.

5. Production-Designer Tony Masters und Special Photographic Effects Supervisor Dough Trumbull schufen alle Modelle aus den Skizzen des Production-Designers Harry Lange. Lange kam von der NASA und seine Designs erforderten eine sicherheitstechnische Überprüfung durch die CIA. Um Kubricks Verlangen nach Perfektion genüge zu tun, brauchte der Künstler sechs Monate zum Zeichnen. Das Production-Design-Team mit Masters, Lange und Ernest Archer gewann den Best Art Direction Award und BAFTA.

6. Das Mond-Set wurde in den Pinewood Studios gebaut. Dazu hob man tatsächlich den Boden aus und schüttete ihn später wieder zu. Kubrick ließ verschiedene Sandsorten und -farben für das Antlitz des Mondes importieren. „2001: Odyssee im Weltraum“ ist der letzte Film vor der Mondlandung, was Verschwörungstheoretiker für keinen Zufall halten.

7. Stanley Kubrick wurde vom ehemaligen NASA-Mitarbeiter Fred Ordway wissenschaftlich beraten und stellte ihm die neuesten Informationen und Erkenntnisse zur Verfügung. Während der fast sechsmonatigen Preproduction-Planung und Design-Arbeit sind sechs große Space-Fahrzeuge entstanden: das Orion III Earth-to-Orbit Shuttle, Raumstation V im Orbit der Erde, das Aries IB Earth-orbit-to-lunar Surface Shuttle, der Rocket Bus, der Menschen und Material von einem Teil des Mondes zu einem anderen transportiert, das riesige interplanetare Raumschiff Discovery und dessen kleines Hilfs-Düsenraumschiff für Wartung und lokale Erforschung.
Jedes dieser Fahrzeuge wurde mit großer Sorgfalt entworfen, damit sie absolut realistisch aussehen konnten. Die Designer bestanden darauf, den Zweck und die Funktionen jeder Komponente auszuarbeiten, bis hin zur logischen Beschriftung der einzelnen Knöpfe und der plausiblen Anzeige von Operationen, Analysen und anderer Daten auf den Bildschirmen. Bei der Umsetzung dieser Arbeit wurden sie von der NASA, Unternehmen und Universitäten beraten.

8. Wer ein aufmerksamer Schachspieler ist, kann während Poole’s Schachszene mit HAL einen Fehler bei den Zügen erkennen. Stanley, selbst Schachliebhaber, der gern im Washington Square Park spielte, soll absichtlich einen Fehler im Film eingebaut haben, um zu sehen, ob es irgendwem auffällt.

9. In einer Szene verweigert HAL Dr. David „Dave“ Bowman (Keir Dullea) den Zugang zum Schiff. Er ist gezwungen, sich von der Luft in seiner Fähre durch das Vakuum des Alls in die Luftschleuse schießen zu lassen. Diese Szene wurde auf dem Kopf gedreht, das heißt die Luftschleuse befand sich an der Decke direkt über der Kamera am Boden. Ziel war es, Dave in die Luftschleuse hineintrudeln zu lassen. Dazu wurde Dullea an ein Seil gebunden, das ein stämmiger Zirkusarbeiter mit schweren Handschuhen hielt. Das Seil war genau abgemessen und hatte Knoten an mehreren Stellen. Wenn der Arbeiter das Seil mit voller Geschwindigkeit bis zum nächsten Knoten durch seine Handschuhe gleiten ließ, stürzte Dullea in Richtung Kamera. Dann sprang der Arbeiter auf eine Plattform und weil er schwerer als der Schauspieler war, schoss Dullea zurück zur Decke. In dem Moment, als seine Füße den Untergrund berührten, ließ der Mann das Seil wieder bis zum nächsten Knoten los.
Der Stunt wurde nur einmal und ohne Schnitt gedreht. Da Dullea alias Dave mit dem Gesicht Richtung Kamera stürzte, konnte nicht auf einen Stuntman zurückgegriffen werden. Stanley Kubrick hielt in dieser Sequenz persönlich die große Panavision-Kamera.

10. Sich auf Arthur C. Clarke beziehend wollte Stanley Kubrick eine Versicherung von der Lloyd’s of London gegen Verluste im Falle, dass Außerirdische die Erde entdecken, bevor der Film im Kino lief. Lloyd lehnte ab.

11. Während der Premiere verließen 241 Menschen das Kino, inklusive Kritiker Rock Hudson, der fragte: „Will mir jemand sagen, was zur Hölle das sein soll?“ Da der Film in der ersten Woche kein finanzieller Erfolg war, wollte MGM ihn zurückziehen, doch mehrere Kinobetreibern überzeugten das Studio vom Gegenteil. Sie hatten beobachtet, dass eine wachsende Zahl junger Erwachsener 2001 besuchten, um die Star-Gate-Sequenz unter Einfluss psychodelischer Drogen zu sehen. Das half dem Film am Ende doch zu einem finanziellen Erfolg.

12. Die Schwarzbild Overture, gesetzt mit einer atonalen Atmosphäre von György Ligeti, erzählt die Story des Films in drei Minuten, vollständig nur über den Sound. Er ist mysteriös, ominös und spannend. 2001 eröffnete zunächst mit einem 10-minütigen, auf 35-mm gefilmten Prolog, in dem die Möglichkeiten von außerirdischen Leben per Interview diskutiert wurden. Kubrick entfernte diesen Anfang nach einer Vorführung bei MGM, aber der Text überlebte in „The Making of Kubrick’s 2001“ von Jerome Agel.

13. Floyd ruft seine Tochter auf der Erde mit einem Video-Telefon an, das viel Ähnlichkeit mit dem heutige Skype hat. Kubrick berücksichtigte die Inflation nicht hoch genug: Der Anruf aus dem All zur Erde kostet nur 1,70 Dollar. Es gibt zudem nur einen bewussten Witz in 2001. Es ist die wortlose Szene, in der Floyd eine lange Liste an Anweisungen liest, bevor er die Null-Gravitations-Toilette benutzt.

14. Der mysteriöse Monolith ist als TMA-1 bekannt. Gefunden auf der Tycho-Basis auf dem Mond. Er verströmt einen auffälligen Ton, der dem des Computer-Modems ähnelt. Etwa das erste Internetsignal?

15. George Lucas gestand 1977, dass 2001 besser als Star Wars sei: “Stanley Kubrick made the ultimate science fiction movie, and it is going to be very hard for someone to come along and make a better movie, as far as I’m concerned. On a technical level, [Star Wars] can be compared, but personally I think that 2001 is far superior.

Kennt ihr noch mehr unglaubliche Fakten über „2001: Odysee im Weltraum“? Dann ab in die Kommentare.

Ein Artikel es ehemaligen Kultur-Blogs kult-literaten.de

Postkinematografie – Der Film im digitalen Zeitalter (Seeßlen/ Sucher)

Film, das ist für die Kinos schon lange kein exklusives Gut mehr. Schon mit der Erfindung des Fernsehens wurde den Kinos der Untergang prophezeit. Mit dem Aufkommen des Internets verstärkten sich diese apokalyptischen Visionen von einer kinofreien Welt. Doch der Film ist seinem ursprünglichen Raum nicht untreu geworden. Er hat sich nur weitere Kanäle gesucht und damit sowohl sich selbst als auch seine Geschichten verändert. Postkinematografie, erzählt in 13 Essays.

Der Inhalt

Der Film und das Kino, dieses alte Paar, sie leben in Scheidung. Ästhetisch hat der Film längst mit Computerspielen angebandelt, sein Publikum findet er zunehmend im Netz, erzählerisch innovative Fernsehserien sind zu einer großen Konkurrenz für das Kino herangewachsen. Und dennoch erscheint das nicht denkbar: der Film ohne das Kino. Was der Verlust der Exklusivität dieser lange so gedeihlichen Symbiose bedeutet – welche Risiken er mit sich bringt, für das Kino ebenso wie für den Film, damit befassen sich die Aufsätze in diesem Buch. Aber ebenso damit, welche Kräfte diese Entwicklung andererseits freisetzt. Denn es ist durchaus auch so, dass der Film offener geworden ist für die Einflüsse anderer Künste. Und es geht immer auch darum, was Filme und das Filmemachen – ästhetisch, inhaltlich, wirtschaftlich – mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Die Autoren und Autorinnen sind allesamt junge Kulturjournalisten und Absolventen des Ergänzungsstudiengangs Theater-, Film- und Fernsehkritik an der Bayerischen Theaterakademie in Kooperation mit der Hochschule für Fernsehen und Film München.

Die Kritik

Hollywood-Blockbuster in 3D. CGI-Orgien, flache Geschichten und B-Movie-Stars. Dagegen kopfschwere Arthouse-Filme. Der Kinofilm in der Krise? Oder sucht er nach einem Weg, um gegen illegale Streaming-Portale im Internet anzukommen? Die Antwort der Produzenten ist klar: Auf Bewährtes setzen und bloß nichts Neues wagen. Anspruchsvolle, komplexe und innovative Erzählungen übernehmen stattdessen Serien, die mit Hollywood-Star-Besetzung wie Claire Danes (Homeland) oder Kevin Spacey (House of Cards) Fernsehen und vor allem Internet erobern. Serien wie „Games of Thrones“ bieten Schlachten, die zuvor nur auf großer Leinwand denkbar gewesen wären. Wozu also noch Kino? Welchen Stellenwert hat der Veranstaltungsort in einer Welt, in der alles sofort verfügbar und kostenlos sein soll?

Das Kino ist im Begriff, sich aus dem Loch herauszuarbeiten. Es fand in den 60er und 70er Jahren einen Weg und es findet auch heute einen Weg. Kinofilm wird zum Mysterium, zum Jahres-Highlight. Schon vor dem Kinostart werden Gerüchte und Videos im Internet gestreut. Der neue Star Wars-Film kommt erst Ende 2015 ins Kino und trotzdem ist er seit Monaten in aller Munde. Fanartikel bevölkern die Verkaufsregale. Spin-Offs für die Großen und Kleinen machen Hunger nach mehr.

Die Autoren von „Postkinematografie“ finden weitere Phänomene und geben einen interessanten Einblick in die ältere und jüngere Film- und Kinogeschichte. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs, sind die Texte einfach zu lesen. Empfehlenswert.

Das Buch ist bei Bertz + Fischer erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ein Artikel des ehemaligen Kulturblogs kult-literaten.de

Das verkopfteste Filmfestival Kiels überrascht mit Genre

Am Donnerstag (11.09.2014) traf sich die Kieler Filmszene in der Szene-Disco Luna, um die „verkopftesten“ Filme der Stadt anzusehen. Doch die Veranstalter überraschen positiv mit einer guten Mischung und sogar Genre wie Horror, SciFi und Musical bekamen ihre Chance. Filmszene-sh.de stellt alle gesehenen Filme in einer Kurzrezension vor.

Sprachlos (Conrad Pfüller)

Ach ja, die Stummfilmzeit. Ach ja, dieses wunderbare Overacting. Machen wir doch einen Film draus. Und zwar einen ziemlichen witzigen, der vor allem von seinem Hauptdarsteller lebt. Für einen netten Abend wärmsten zu empfehlen.

Macher von Sprachlos

Traumwäsche (Olya Rada)

Das freudrische Kurzfilmdrama á la Ingmar Bergman hinterlässt einen positiven Eindruck, auch wenn Filmliebhabern und regelmäßige Besucher von Kurzfilmfestival wie ich immer wieder das Gefühl beschleicht, das Ganze schon unendlich mal gesehen zu haben. Es wäre schön endlich ein Festivalabend zu erleben, wo nicht jeder zweite Film irgendwas mit dem menschlichen, gruseligen Innenleben zu tun hat. Trotzdem, die Jury urteilte: Bester Film und Bester Schnitt

Filmemacherin Olya Rada

Der Philaterist (Jan-Gerrit Seyler)

Mächtig drollig erobert Hauptdarsteller Armin Dillenberger an diesem Abend die Herzen der Zuschauer. Als Briefmarkensammler mit Sozialphobie macht er die Wandlung des Helden, der gezwungen ist nach draußen zu gehen, auf sympathische Weise fühlbar. Die Jury vergab den 2. Preis und den Preis für die Beste Kamera. Zudem gab’s den Publikumspreis.

1984 (SoulfireHifi , Ronny Trettmann)

Als Knetfigur kommt der Rapper dieses Videos daher, der für den Dreh keine Zeit hatte. Übrigens eine Weltpremiere an diesem Abend.

Macher von 1984

Ebene Minus Eins (Gor Margaryan)

Ein Fahrstuhl, eine Videokamera, ein Experimentalfilm. Für das Genre, das nicht für jedermann ist, faszinierend anzusehen. Die Jury urteilte: Bestes Sound Design

Schmidts Katze (Felix Knoche)

Die besten Geschichten über die Deutschen erzählt man am besten – richtig – in einem Schrebergarten. Leider lässt sich der Mörder zu schnell erahnen. Schade. Trotzdem schaurig-schön.

ZDF Champions-League-Spot (Sven Sindt)

Zu hart für das ZDF, aber würdig genug für das Luna-Publikum, dachten sich die Veranstalter und nahmen diesen Spot mit ins Programm. Warum auch immer.

Filmemacher Sven Sindt

Von Sinnen (Ingo Rotkowsky & Co)

Ganz von Sinnen kommt Christian Kock in diesem Kurzfilm daher. Der während des 48-Stunden-Wettbewerbs im Mai entstandenen Beitrag funktioniert auch außerhalb diesen Rahmens.

Sarang Aria – Regisseur bei „Von Sinnen“

Piete

Der Zeichentrickfilm ist niedlich. Das finden zumindest alle Zuschauerinnen, die jedes Mal, wenn Piete mit seinen großen Kuhleraugen zwinkert, in ein kollektives „Oooh“ verfallen. Die Jury empfand wohl ähnlich und vergab für die animierten Vogelköpfe den Preis für den „Verkopftesten“ Film.

Feuer, Wasser, Erde, Luft und Zeit (Maria Reinhardt)

In die Trickkiste filmischer Natur greift dieser Film. Zusammen mit einer wunderschönen Kulisse und einer gut erzählten Handlung immer wieder sehenswert. Die Jury urteilte: Bestes Timing.

Hauptdarsteller Falk Szyba von „Feuer, Wasser, Erde, Luft und Zeit „

Aground: Terra 9629 (Kaweh Kordouni)

„Dieser Film funktioniert sogar, wenn das Bild ruckelt“, erklärte Moderator Felix. Die Dystopie entstand während des Nur-48-Stunden-Wettbewerbs im Anscharpark in Kiel-Wik.

Recordation (Sven-Friedrich Wiese)

Trash? Experimentalfilm? Das Spiel mit den Erwartungen? Ein interessanter Beitrag.

Filmemacher Sven-Friedrich Wiese

Opakustisch (Bernd Fiedler)

Mit Bildmaterial aus dem Archiv bastelt Bernd Fiedler eine schaurige Collage über Erinnerungskultur.

Filmemacher Bernd Fiedler

Mopping (Torben Sachert)

Natürlich darf bei einem solch verkopften Festival der lustige Abgang nicht fehlen, den Torben Sachert mit seiner in 48-Stunden gedrehten Musical-Nummer schafft. Ein Comedy-Stück á la Saturday Night Life Digital Shorts, das uns wohl noch einige Monate bei Kieler Kurzfilmabenden begegnen wird. Auf das uns der Film irgendwann aus Augen und Ohren blutet. Die Jury vergab den Preis für den Verfußtester Film (Choreografie in einem Musical).

Filmemacher Torben Sachert

Außer Konkurrenz liefen zudem Eis von Jessica Dahlke (Autorin dieses Artikels) und Cowboy und Indianer von Jan-Gerrit Seyler.

Wir sollen über dein Filmfestival oder deinen Kurzfilmabend berichten? Dann schreib uns an!

Fotos und Bericht: Jessica Dahlke

10 Fakten über Ennio Morricone

Der italienische Filmkomponist Ennio Morricone (*1928 Rom) hat während seiner Karriere für mehr als 500 Filme Musik komponiert. Bekannt wurde er mit den Soundtracks der Spaghetti-Western „Ein paar Dollar zu viel“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und anderen, mit denen er bis heute in Verbindung gebracht wird, obwohl sie nur acht Prozent seiner Arbeit ausmachen. Morricone ist bekannt für seinen avantgardistischen Stil mit Ecken und Kanten. kult-literaten.de hat 10 interessante Fakten zusammengetragen.

#1 Hineingeboren

Für Morricones Familie stand es außer Frage, dass Ennio Musik machen würde. Denn schon sein Vater Mario war ein angesehener Trompeter.

#2 Ausgezeichnet

Trotz seines enormen Outputs war Ennio Morricone nur fünf Mal für den Oskar nominiert und erhielt 2004 den Ehrenoskar. Dafür gewann er andere bedeutende Awards wie den Golden Globe, den BAFTA Award, David di Donatello, den ASCAP Award und einen Grammy.

#3 Stilentwicklung

In den 1960er und 70er Jahren suchte er sich gezielt hochwertige Independent-Filme ohne kommerziellen Anspruch aus und hatte so die Möglichkeit, mit Stil-Elementen zu experimentieren, die nicht dem Mainstream entsprachen und den Zuschauer zuweilen herausfordern konnten.

#4 Durchbruch

Die Arbeit mit Sergio Leone machte Morricone schließlich bekannt. Es entstand die Filmmusik zu „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965), „Zwei glorreiche Halunken“ (1965), „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) und „Todesmelodie“ (1971).

#5 Drei

Markant ist die Art, wie die Musik in diesen Filmen aufgeteilt ist. Zuerst beginnt sie mit einem archaisch klingenden Segment, wofür nicht orchestrale Instrumente wie dem menschlichen Pfeifen, eine Maultrommel oder Percussion-Instrumente eingesetzt werden. Es erinnert an den Helden, der sein Leben einsam außerhalb der Gesellschaft fristet. Im zweiten Teil kommt dann eine E-Gitarre hinzu, die der Musik einen zeitgenössischen Anstrich gibt: Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Im dritten Teil kommt dann das Streichorchester und ein Männerchor dazu, die den bürgerlichen Klassizismus und damit das Etablissement zitieren.

Ennio Morricone
Foto: Augusto De Luca, CC-Lizenz

#6 Eliminierung

Durch die Gegenüberstellung von primitiven Instrumenten wie der Maultrommel mit modernen Instrumenten und dem klassizistischen Orchester löst Morricone die Musik aus ihrem traditionellen Kontext und eliminiert die Merkmale der einzelnen Musikrichtungen, die für diese Instrumente sonst typisch sind.

#7 Bach

Mit der Titelmusik des Gangsterfilms „Der Clan der Sizilianer“ (Henri Verneuil, 1969) verarbeitet Morricone seine Distanzierung von der Kammermusik, indem er auf für Bach typische Modulationen zurückgreift. Sie basiert auf der Neunten von Johann Sebastian Bach, deren Hauptmotiv aus nur vier Tönen besteht. Darüber legt er ein sizilianisches Motiv und lässt die Melodien gegeneinander ankämpfen. Das es sich bei diesen vier Tönen um B, A, C und H handelt, ist kein Zufall, sondern eine Hommage an den Komponisten.

#8 Die Flöte

Während seiner Arbeit zu „Es war einmal in Amerika“ (Leone, 1984) war Morricone fasziniert von der Panflöte, die den Mittelpunkt des Stücks „Poverty“ bildet und immer wieder anders arrangiert im Film wiederholt wird.

#9 Höhepunkt

Bleibenden Eindruck hinterließ auch der Soundtrack von „The Mission“ (Joffé, 1986), der zahlreiche Künstler zu eigenen Interpretationen inspirierte.

#10 Kubrick

Gerne hätte Ennio Morricone mit Stanley Kubrick zusammengearbeitet, der ihm die Arbeit an der Musik zu „Clockwork Orange“ (1971) anbot. Doch nachdem Sergio Leone Kubrick am Telefon erzählte, dass Morricone parallel auch an seinem Film arbeite, meldete sich dieser, Kubrick, nie wieder beim Filmkomponisten.

Ein Bericht vom ehemaligen Blog kult-literaten.de

Titelbild: LucaChp, CC-Lizenz

Michael Ballhaus | Bilder im Kopf

Ein deutscher Kamermann zog aus, um Hollywood zu erobern. Das ist Michael Ballhaus. In seiner Biographie erzählt er von seinem bewegten Leben, das ihn vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Rainer Werner Fassbinder bis nach Amerika brachte. Ein Buch nicht nur für Kameraleute und Filmfans.

Der Inhalt

Michael Ballhaus ist einer der bedeutendsten Bildregisseure und Kameramänner der Welt. In „Bilder im Kopf“ erzählt Ballhaus erstmals die Geschichte seines Lebens. Von der Flucht vor den Bombenangriffen auf Berlin, von seiner Kindheit auf Schloss Wetzhausen, wo seine Eltern, beide Schauspieler, das »Fränkische Theater« leiteten, eine Künstlerkommune, die eine ganze Dynastie an kreativen Menschen hervorbrachte. Als er als junger Mann dem Regisseur Max Ophüls bei seinem Film »Lola Montez« assistieren darf, beschließt Ballhaus Kameramann zu werden. Der Beginn einer großen Karriere, die ihn in engen Kontakt zu den ganz Großen des Filmgeschäfts bringen sollte. Michael Ballhaus war stets darauf bedacht, seine Unabhängigkeit zu erhalten. Er hat Distanz bewahrt, wie es ein Kameramann tut, und sich dadurch die Möglichkeit geschaffen, sehr genau hinzusehen. Was er gesehen hat, erzählt er hier.

Die Kritik

Was ist ein Kameramann ohne seine Augen? Diese Frage stellte ich mir, als ich Michael Ballhaus in einem Interview sah. Im Alter fast erblindet berichtet er, dass er nun die Weltliteratur mittels Hörbuch kennenlernen könne. Dann schweigt er lange und beginnt schließlich zu weinen. Folgerichtig beginnt seine Biografie mit den Worten: „Dies sind die Erinnerungen eines Mannes, der mit seinen Augen gelebt und gearbeitet hat.“ Es leitet die Geschichte eines Lebens ein, dass mit Leidenschaft immer auf der Suche nach der perfekten Kadrierung war. Eine Karriere, die bei öffentlich-rechtlichen Fernsehen hätte enden können, Ballhaus jedoch (dank seiner Frau) bis nach Hollywood brachte, wo er mit Größen wie Martin Scorsese zusammenarbeitete. Das Buch gibt tiefe Einblicke in die oft sehr unterschiedliche Filmarbeit in Deutschland und den USA. Während in Deutschland noch der Genius vorherrscht und die Produzenten mit den Eigenheiten mancher Regisseure (also Fassbinder) zu kämpfen haben, gilt es in Amerika ein Set mit 5.000 Statisten zu bändigen. Dabei zeigt sich die Vorliebe der Amerikaner für den deutschen Kameramann, der typisch Deutsch zuverlässig, rational und arbeitssam ist. Zudem erfährt der Leser viel über die Arbeit des „Bilderbauers“ im Allgemeinen. Wie erzählt man mittels Bildern den Kampf zweier Männer am Billardtisch so spannend, dass der Zuschauer über Minuten dranbleibt? Nicht nur für Filmfans!

Ein Bericht des ehemaligen Blogs kult-literaten.de

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