Das Zimmermädchen Lynn (D 2014)

Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von den harten Regeln ihrer Mutter geformt wurde. Sie ist auf der Suche nach sich selbst. Ingo Haeb hat ein Reagenzglas geschaffen, in das er die als abnorm bewertete Persönlichkeit Lynns einpflanzt und den Zuschauer beobachten lässt, was geschieht. Eine Kritik.

Bericht von Jessica Dahlke

Der Inhalt

Nach dem gleichnamigen Roman von Markus Orths. Kein anderes Zimmermädchen arbeitet so gründlich wie Lynn Zapatek. In ihrer Welt dreht sich alles nur ums Putzen. Um zu verstehen, was andere Menschen antreibt, durchstöbert sie die Habseligkeiten der Hotelgäste und legt sich nachts unter deren Betten, den fremden Leben lauschend.

Die Kritik

„Das Zimmermädchen Lynn“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Platz sucht. Was zuerst als Abnormität Lynns erscheint, entpuppt sich im Verlauf der Geschichte als Abnormität einer Gesellschaft, die zwar offiziell tolerant ist, doch eigentlich noch immer an den Regeln ihrer bürgerlichen Traditionen festhält.

Die statischen Bilder und die mathematisch perfekt gebauten, entpersonalisierten Häuser und Räume zeigen eine Welt, die nicht aus den Fugen geraten will. Symbolisiert wird dieser Kosmos vor allem durch Lynns Mutter, die dem Kind scheinbar die körperliche Liebe wegerzogen und die Sehnsucht danach mit einem Putz- und Ordnungsfimmel ersetzt hat. Wichtig ist ihr, dass das Kind fleißig und ordentlich ist, was sie in den (wohl mit Absicht so gestalteten) statischen Dialogen immer wieder äußert. Selbst eine Katzenallergie hat sie ihrer Tochter eingeredet, denn ein Tier ist ein Chaosfaktor.
Dem Film vorzuwerfen, er würde Fetischismus mit psychischen Erkrankungen (hier: Putzzwang) in einen Topf werfen, ist zu kurz gegriffen. Vielmehr zeigt er den Kampf einer jungen Frau um die Akzeptanz ihrer Sehnsüchte und die immense Widerstandskraft ihrer Umwelt, die die Diskussion darüber einfach ignoriert. So muss sich Lynn in den abnormen Raum, den sie betreten will, einschleichen. Das tut sie zunächst, indem sie sich heimlich unter die Betten der Hotelgäste legt. Um jedoch nach ihrer Veranlagung leben zu können, muss sie sich in diesen Bereich einkaufen. Denn durch die von ihrer Mutter anerzogenen sexuellen Hemmungen ist es ihr nicht möglich, sich öffentlich eine Person mit den gleichen Wünschen zu suchen. Alles muss privat und hinter verschlossenen Türen bleiben. Der Anruf bei einer Domina ist das höchste der Möglichkeiten und zugleich ein schwieriger Weg, denn das Risiko des finanziellen Desasters ist immens.

Ingo Haeb erzählt diese Geschichte mit großem Feingefühl. Vicky Krieps spielt Lynn intensiv und kann trotz der großen Barriere, die das introvertierte Zimmermädchen gegenüber ihrer Umwelt aufgebaut hat, diese Figur dem Zuschauer emotional nahe bringen. Unterstrichen wird alles durch eine fantastische Kameraarbeit und ein tolles Production Design. Einzig die fehlende Tiefenschärfe (Filmbild), die den Film wie einen Fernsehfilm aussehen lässt, führt den Zuschauer in die qualitative Irre. Denn „Das Zimmermädchen Lynn“ kann es mit anderen Kinoproduktionen durchaus aufnehmen. Ein Film, der mehr als lohnenswert anzusehen ist.

Dieser Film lief auf dem Fetisch Film Festival

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