Interview mit Editor Dietmar Kraus „Familie Haben“

In seiner Dokumentation „Familie Haben“ begibt sich Jonas Rothlaender auf die Suche nach den Ursprüngen der vielen menschlichen Tragödien in seiner Familie. Dietmar Kraus hat ihn als Editor begleitet und stand beim Filmfest Schleswig-Holstein Arne Sommer Rede und Antwort.

Arne Sommer
Wie bist du zu dem Projekt gekommen und wann bist du eingestiegen?

Dietmar Kraus
Sehr früh. Ich bin mit Jonas schon vor dem Film befreundet gewesen und hatte einen seiner Kurzfilme geschnitten. Die Freundschaft hat sich durch dieses Werk noch einmal sehr verdichtet. Der Film ging mir auch gerade eben wieder ziemlich nah. Ich spüre, was noch alles unter dem Eisberg ist. Er hat mich von Anfang an in die Planung einbezogen. Jonas wusste nicht, was für einen Film er machen wollte. Er hatte aber dieses riesige Bedürfnisse dem Vermächtnis seiner Großmutter nachzugehen und daraus etwas zu machen. Die Kamera hatte er beim ersten Besuch bei seinem Großvaters mitgenommen, noch nicht wirklich wissend, ob daraus ein Film wird und schon gar nicht was für einer. Als die ersten Aufnahmen aus Zürich kamen, haben wir sie zusammen angesehen, darüber gesprochen und sie geschnitten. Erst da haben wir überlegt, wie es weitergehen soll. Schon in Zürich hatte Jonas gespürt, dass es auch um seine Mutter gehen muss. Denn das Interessante ist dieser Kreislauf zwischen den Generationen, weil sich immer wieder diese Muster wiederholen.

Sommer
Was ich interessant finde ist, dass Jonas quasi sein eigener Hauptdarsteller ist und damit sehr dicht dran ist. Andererseits hatte er noch Zeit Schnittbilder zu drehen. Entweder ihr habt sehr gut geschnitten oder er war streckenweise durch die Kamera sehr distanziert. Ist das so eine Art Distanzmittel zur eigenen Familie?

Kraus
Total. Vor allem in Zürich, wo ich dann auch nicht wirklich Schnittbilder hatte, ist die Kamera geradezu ein Hilfsmittel für ihn gewesen, um die Objektivität gegenüber dem Großvater zu behalten, eine Distanz zu ihm zu schaffen. Ich dagegen habe bei der Montage den Jumpcut lieben gelernt (lacht).

Sommer
Ja, die sind mir gerade am Ende im Krankenhaus aufgefallen. Da waren verschiedene Einstellungsgrößen, zwischen denen hin und her gesprungen wurde.

Kraus
Ja, das war auch bedingt durch die Situation. Jonas hat gefühlt: Jetzt muss ich mich zu meiner Mutter und den Großvater setzen. Da hat er die Kamera einfach hingestellt und sie laufen lassen. Das sind 15 Minuten, aus denen ich dann bestimmte Stellen rausgeholt habe. Da gibt es auch die Stelle, wo er und seine Mutter das Gefühl hatten, da käme nix mehr. Er stellt die Kamera aus, aber der Ton läuft noch und dann kommt doch noch das Bisschen, was Günther (der Großvater, Anm. der Red.) in der Lage ist zu geben. Und das ist mehr, als die beiden anderen erwartet hätten. Das Rohmaterial hat den Stil des Films und die Montage mitgestaltet, ja geradezu darum gebeten, so geschnitten zu werden.

Sommer
Konntet ihr nach Passagen, die ihr schon gedreht und geschnitten hattet, besser planen oder ist Jonas immer wieder reingegangen und wusste nicht, was auf ihn zukommt?

Kraus
Bei der ersten Reise wusste er überhaupt nicht, was auf ihn zukommt. Aber danach war es natürlich strukturierter. Es war klar, dass Bettina (seine Mutter, Anm. der. Red.) wichtig werden würde. Das war mir spätestens klar, als ich diese Situation mit Bettina im Hotelzimmer in Zürich das erste Mal gesehen hatte, wo sie auf die eher banal klingende Frage, was sie sich wünschen würde, wie das Gespräch mit ihrem Vater verlaufen solle, sie alles sofort herunterrattert, als hätte sie sich das schon lange überlegt. Und dann sitzt sie da und macht diese Pause, weil er das nicht sagen wird. Das war für mich so eindringlich, dass ich dachte, sie muss mindestens so wichtig werden wie der Großvater. Jonas dachte genauso. Und dann war da immer noch die Frage, wie wichtig Jonas für den Film ist. Du hast gesagt, dass er auch ein Hauptdarsteller in seinen Film ist, aber das will er nicht sein. In den Spiegelungen spürt man ihn jedoch deutlich. Man sieht die Drehsituation und wie winzige Kamera ist, die er mitgenommen hat.

Sommer
Woraus speist sich das Voice-over? Sind das auch Notizen oder ist es im Laufe der Arbeit entstanden?

Kraus
Sein Voice-over? Nein, das ist nicht ganz am Ende entstanden. Wir haben nach dem Schnitt noch ein Jahr am Film gesessen. Insgesamt hat sich unsere Zusammenarbeit über zwei Jahre hingezogen, mit Pausen natürlich, weil man ja auch Geld verdienen muss, trotz eurer Förderung. Aber diese Pausen waren auch wichtig, damit wir den Film wieder spüren konnten. Die Voice-overs haben wir immer wieder neu aufgenommen und überlegt, wie wir sie brauchen. Ein anderes wichtiges Element ist auch das Voice-over der Großmutter. Das will ich deshalb erwähnen, weil das für mich auch eine Art Ausgangspunkt war. Ich habe die Notizen und Tagebucheinträge durchgelesen und war unglaublich fasziniert. Das war der erste Ruck. Die dritte Generation musste auch mit rein, weil die ganze Geschichte auch Jonas, seinen Bruder und die anderen Geschwister betrifft. Der Film ist ja zwei Stunden lang. Und da wird immer mal wieder gefragt: Muss man denn den Bruder noch drin haben? Ja, der ist ganz wichtig, damit Jonas nicht als Behauptung seiner selbst diese Generation vertritt, sondern auch sein Bruder.

Sommer
Das ist nicht der erste Film, der über die beiden Eltern gedreht worden ist. Wir haben auch einen anderen Film über sie gefördert. Der heißt „Erklär mir Liebe“ von Florian Aigner und da sind sie eines der Paare, die über ihre Trennung spricht.

Kraus
Ich fand das auch ganz witzig und dachte, vielleicht finde ich da auch was für unseren Film. Aber der war ganz anders aufgebaut. Da ging es um das Thema Scheidung. Da ist außerdem nie diese Nähe von „Familie Haben“ erreicht worden. Jonas hat natürlich eine ganz andere Beziehung zu den beiden Personen.

Sommer
Vielen Dank für das Gespräch.

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