Eine Idee wird 100: Das Kommunale Kino

Im zweiten Teil unseres großen Interviews spricht Filmszene SH mit dem Team des Kinos in der Pumpe über die Idee hinter den Kommunalen Kinos. Anlässlich des bevorstehenden Dokumentarfilmsommers darf auch ein Gespräch über Netflix & Co. nicht fehlen. Im Gespräch mit Eckhard Pabst, Zara Zerbe und Kerstin Geißelbrecht.

Das Interview führte Yorck Beese

 

Die Idee des kommunalen Kinos wird 100

Die Idee des Kommunalen Kinos feiert in diesem Jahr ihren 100sten Geburtstag. 1917 wurde das Konzept der sogenannten „gemeindlichen Lichtspielbühne“ erstmals schriftlich festgehalten. Es hat dann nochmal bis 1966 bzw. 1971 gedauert, bis erstmals ein solches Kino eröffnet wurde. Aber trotzdem: Sind die Ideale der propagierten “Herzens- und Verstandeskultur” im kommunalen Kino noch lebendig?

Papst (unter allgemeinem Nicken des gesamten Teams): Die Begriffe sind vielleicht ein bisschen altmodisch, die muss man erstmal in neue Begriffe übersetzen…

Zerbe: Also den Begriff Herzenskultur würde ich vielleicht, um einen noch älteren Begriff zu bemühen, mit Katharsis übersetzen…

Papst: …also etwa mit „Erleichterung“.

Zerbe: Es hilft ungemein, die emotionalen Dinge, die einem Menschen im Leben passieren können, in einem Film zu sehen…

 

…auch fiktive Filme basieren auf guten Milieustudien, die einmal ein Drehbuchautor durchgeführt hat…

Zerbe:  …man findet da auf jeden Fall Anknüpfungspunkte im eigenen Leben. Menschliche Schicksale werden durch Filme sichtbar – dadurch werden Menschen auch füreinander sichtbar.

Geißelbrecht: Aber das Kino hat auch den Teil des sozialen Raumes. Du kannst auf deinem Handy zwar alles gucken und zwar wo du magst, also zum Biespiel in der U-Bahn…

Zerbe:  …„im Hochbildformat“…

Geißelbrecht:  Aber die Dimension des Filmerlebens hast du nur im Kino: Du bist im Kino unter Leuten mit denen man nicht mal verabredet ist, aber spätestens irgendwann während des Films synchronisieren sich die Leute und sehen den Film gemeinsam.

Zerbe (lacht): Das stimmt. Ich habe dieses Jahr DIE MIGRANTINNEN im Kino gesehen und eine Frau neben mir lachte so herzlich, die hat mich direkt angesteckt…

Geißelbrecht: Das Kino schafft Gemeinschaft, die man vor dem Fernseher nicht kriegt.

 

Kino vs. Netflix & Co.

In der Medienwissenschaft wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem neuen goldenen Zeitalter des Fernsehens gesprochen. Schauen wir also heute einmal auf die Straßen der medialen Landschaft: Smartphones, die ihren Inhabern eine breite Auswahl an filmischem „Material“ vermitteln können, und Serien die von Göttern in Amerika bis hin zu weiblichen Profi-Wrestlern reichen. Sind Netflix & Co. derzeit die schärfsten Konkurrenten des Kinos?

Papst: Ich würde es anders formulieren. Das Kino hat viele Konkurrenten, die das Sehverhalten der Menschen umlenken. Die Menschen gewöhnen sich daran, die Filme woanders zu sehen als im Kino. Da gibt es unterschiedliche Orte und unterschiedliche Typen von Medien. Deswegen unser Bekenntnis: Wir müssen die Menschen so früh es geht mit dem Gedanken des Kinos vertraut zu machen. Es geht nicht nur darum, den Film abzuarbeiten, sondern ihn zu erleben und zwar in dem Dispositiv, für das er gemacht ist: Das Kino. Da machen wir sehr viel Arbeit, um Jugendliche ins Kino zu bekommen und man wünscht sich sicher, dass zwei oder drei mehr da wären…

 

Serien sind für mich ein Zeichen der Zeit. Der schiere Umfang der Serien – oft werden binnen weniger Jahre unzählige Folgen gedreht – scheint zwei Dinge zu bedeuten: Einerseits stellt die Serie als Erzählform der Gegenwart umfangreiche Stories, ja fast schon ganze Mythologien zur Verfügung. Das heißt, es zeigt sich, wie groß eigentlich das Aufnahmevermögen eines Zusehers sein kann. Andererseits ist das Sehen von Serien eine Sache, die man nur im privaten Raum tut.

Papst: Ich denke, es ist ein Bekenntnis des Menschen zur Narration. Das Aufnahmevermögen ist unbegrenzt. (scherzt) Gut, wenn man so richtig absuchtet…

Zerbe (zustimmend): …und bingewatchet…

Papst: …ja, und den ganzen Tag im Pyjama auf dem Sofa Serien sieht oder im Bett, vielleicht sogar ohne Kleidung, weiß ich nicht, wieviel man noch aufnimmt. Wer in die Pumpe kommt darf aber gerne Kleidung anhaben. Doch im Ernst: Einigen wir uns darauf, dass alles ein Narrativ ist. Die Narration ist eines der Dinge, die uns ausmachen. Mit der Erzählung haben wir die Möglichkeit, uns die Differenz zwischen Aktualität und Potentialität vor Augen zu führen. Sich mit einer Geschichte zu beschäftigen, die nicht faktisch ist, sondern als Spiegelung von Möglichkeiten dient, ist die große Stärke der Narration. Ob daraus nun Herzensbildung oder doch Eskapismus folgen, das sind nur sekundäre Effekte. Was sein könnte ist nur durch die Narration transportierbar.

Zerbe: Das erklärt aber auch, warum Spoilern im Grunde eines der größten Verbrechen ist…

 

Gibt es etwas, das ihr unsere Leser fragen möchtet?

Das Team: Wo siehst du deine Filme am liebsten?

 

Und mit dieser Frage startet das Kino in der Pumpe mit dem DOKUMENTARFILMSOMMER durch. Vom 20. Juli bis zum 6. September 2017 wird dort ein breitgefächertes Programm zu sehen sein, das vielfältiger nicht sein könnte: Von Kreuzfahrten führ Gays über einen Einblick in das berüchtigte Nazi-Dorf Jamel bis hin zu schwedischen Kurzfilmen wird da jede Menge geboten. Das Programm des DOKUMENTARFILMSOMMERS

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