Jonas Rothlaender über FADO (D, 2016)

Der gebürtige Lübecker Jonas Rothlaender kehrte zu den Nordischen Filmtagen mit seinem Spielfilm FADO für kurze Zeit in seine alte Heimat zurück. Wir haben ihn zu seinem neuen Film ein paar Fragen gestellt.

 

Interview von Katleen Glameyer

Du bist in Lübeck geboren und aufgewachsen.

Wie sah das für Dich damals aus in Schleswig-Holstein – gab es dort kreative Leute, mit denen du arbeiten, beziehungsweise Dich gut vernetzten konntest?
Also tatsächlich habe ich nur die Hälfte meiner Jugend in Lübeck verbracht. Als ich 11 Jahre alt war sind wir nach Bielefeld gezogen – aber ich bin trotzdem immer Lübecker im Herzen geblieben.
Während der Schulzeit habe ich Kurzgeschichten geschrieben und auch Theater gespielt. Nach dem Abitur bin ich dann nach Berlin zum Zivildienst. Das Filmemachen fing tatsächlich erst an, als ich nach Berlin gezogen bin. Da habe ich in den ersten Jahren selber kleine, schmuddelige Kurzfilme gedreht.
Vorher war das eher so die Suche nach dem richtigen Ausdruck.
Und dann begann ja mein Studium an der DFFB.

 

Hast Du Verbindungen zur Filmszene Schleswig-Holstein?

Ich bin jetzt wieder Hamburger, da ich nach dem Studium wieder zurück gezogen bin. Vor ”Fado” hatte ich einen Dokumentarfilm gedreht, der ”Familie haben” heißt. Der ist von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein bzw. der Filmwerkstatt Kiel unterstützt worden.
Der Film spielt auf Grund meiner Wurzeln teilweise auch in Lübeck. Deswegen gab es da Finanzierungen und später auch eine Verleihförderung von der Filmwerkstadt Kiel, weil ich den Film selber ins Kino gebracht habe. Das ist sozusagen die eine Verbindung mit dem Norden.
Und dann sind da noch die Nordischen Filmtage in Lübeck, wo ich eigentlich mit fast jedem Film zu Gast war. Die Filmtage waren für mich immer ein wichtiger Knotenpunkt!

 

Wann kam Dir die die Idee zu Fado?

Das ist ungefähr 6 Jahre her.
Am Anfang sollte es noch eher darum gehen, eine gleichberechtigte Paargeschichte zu erzählen. Sozusagen das Ende einer Beziehung. Das war die Anfangsidee für Fado. Und es war von Anfang an klar, dass das in Lissabon spielen sollte.

 

 

Warum Lissabon?

Was mich im Zusammenhang mit dieser Stadt interessiert hat, war das Sich-Entfremden. Dieses Sich-Fremdsein in einer Beziehung.
Also zum einen sich in der Beziehung fremd sein, aber sich dann zusätzlich auch in der Fremde zu befinden. Diese zwei Aspekte von Fremdsein waren mir wichtig. Ich war damals ein oder zweimal zuvor in Lissabon gewesen und es ist eine eher intuitive Entscheidung für die Stadt gewesen.
Aufgrund von dieser Melancholie und Schwermütigkeit und auch dieser sehr metaphysischen Atmosphäre.
Sebastian, der Co-Autor, und ich sind im Verlauf der fünf Jahre Drehbucharbeit mindestens ein bis zweimal im Jahr nach Lissabon gefahren, um die Stadt zu entdecken. Wir wollten Lissabon nicht nur als schöne Kulisse darstellen. Im Laufe der Arbeit hat sich Lissabon dann zum Antagonisten von Fabian herauskristallisiert.

 

Was macht diesen Gegenspieler Lissabon noch aus?

Lissabon ist der Gegenspieler, der ihm quasi das Leben schwer macht und ihm Steine in den Weg wirft.
Fabian ist die ganze Zeit damit beschäftigt, sich selbst, sein Umfeld, und seine Gefühle zu kontrollieren. Wir wollten ihm was entgegensetzen, was er nicht kontrollieren kann. Dieses Atmosphärische, die verwinkelten Gassen Lissabons, das Element des Wassers, das Erdbeben, die Fado-Musik, die ja auch etwas sehr emotionales, expressives hat. Das waren so die Merkmale des Antagonisten Lissabons.

 

Das ist interessant. Denn als ich den Film sah, hab ich mich teilweise wirklich unwohl gefühlt. Wie soll ich sagen … Du hast intensive Gefühle und versuchst irgendwie, Dich damit in dir wohlzufühlen und eine Stabilität zu erreichen, aber der Ort spiegelt die ganze Unkontrolliertheit dann auch nochmal wieder. Das heißt es ist im Innen und im Außen…das fühlte sich schon unangenehm an!
Ich habe Fabian jedenfalls als jemanden wahrgenommmen, der seine Gefühle unterdrückt und zwischendurch kommen sie einfach sturzweise heraus.
Meinst Du, das ist etwas Nordisches?
Oder ist das rein personenabhängig…könnte das auch bei irgendwem sein?

Für dich ist das Nordisch, ja?

 

Ja…ja! Ich hab das so hier kennen gelernt. Ich weiß vielleicht zu wenig darüber, wie die Menschen in anderen Kulturen mit Gefühlen umgehen. Womöglich spiegeln meine Erfahrungen nur einen zufälligen Ausschnitt der Menschen in unserem Breitengrad wider.

Klar, für mich entspricht das schon dem Stereotypen des nordeutschen, nordischen Menschen. Aber für mich geht es eigentlich nicht so sehr um kulturelle Unterschiede, sondern um persönliche. Also die entscheidende Frage bei Fado war für mich: Wie gehen wir Menschen allgemein – und speziell wir Männer – mit Gefühlen um, die wir nicht haben wollen. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Motor für den Film gewesen. Da ist es eigentlich egal, woher wir kommen.
Aber du hast natürlich recht, dass es zum Klischeebild des Norddeutschen passt. Also ich verstehe, dass die Verbindung im Kopf zustande kommt. Aber die ist für mich eher charaktertypisch und nicht kulturtypisch.

 

Golo Euler und Luise Heyer spielen die Hauptrollen in Fado. Warum hast Du die beiden gewählt?

Golo stand schon früh fest. Und dann haben wir vor allem Konstellationen getestet. Es gibt so wenig, was wir aus der Vorgeschichte von den beiden im Film erfahren. Wenn Du das Paar als Zuschauer siehst, dann musst Du sehen: Die beiden gehören irgendwie zusammen.
Golo stand ja wie gesagt zuerst fest und dann haben wir ihn zusammen mit verschiedenen Schauspielerinnen im Casting gehabt.
Golo und Luise saßen gleich zu Beginn des Castings auf den Stühlen vor mir und bevor sie angefangen haben zu spielen wusste ich: Ok, die sind´s! Das war ganz toll. Die hatten einfach so eine Energie und Magie zusammen, die du gar nicht herstellen kannst. Entweder ist die da oder die ist nicht da. Und die beiden hatten das.

 

 

Wie habt Ihr Euch auf Eure gemeinsame Arbeit vorbereitet?

Golo und Luise standen schon ein halbes Jahr vor Drehbeginn fest und wir haben in dem halben Jahr davor sehr intensiv an den Figuren gearbeitet. Ich einzeln mit den beiden Schauspielern; zusätzlich haben wir noch circa eine Woche vorher Improvisationsarbeit zu der Vorgeschichte ihrer Beziehung gemacht, damit die beiden ein Fundament hatten, was ihre gemeinsame Vergangenheit angeht.

 

Wie lief das eigentlich mit dem Budget? Waren die Proben finanziell abgedeckt durch die Förderung oder wie kann ich mir das vorstellen?

Gute Frage! Fado war ja mein Abschlussfilm, und das war dann eben auch nur mit dem Einverständnis der Schauspieler möglich. Sie hatten Interesse daran, dass das Spiel gut funktioniert. Und da sie wussten, dass das auch eine Bereicherung ist und ihnen für die Rollenarbeit hilft, hatten sie auch Lust darauf.
Es gab eine Aufwandsentschädigung und eine Art sozialistische Gage bei dem Film- alle haben das gleiche bekommen. Somit waren die Proben auch nicht bezahlt.

 

Im Film taucht immer wieder dieses Bild auf, dieser Kupferstich von dem Erdbeben 1755 in Lissabon. Hast du solche Requisiten nach und nach gesammelt, bzw. lief Dir dieses Bild einfach irgendwann zufällig über den Weg?

Es ist tatsächlich so, dass mir das über den Weg gelaufen ist… ich glaube, es war in einer Ausstellung in Lissabon. Ich wusste zum Besipiel gar nicht, dass es 1755 dieses Erdbeben gab. Und dieses Motiv passte dann sehr gut zu der Geschichte und zu dem was Fabian in Lissabon widerfährt. Und so kam der Kupferstich dann auch in den Film.

 

Am Ende erwischt Fabian Doro mit ihrem Liebhaber Nuno im Bett und schlägt ihn.
Ich frage mich, ob ich ein Detail verpasst habe oder einen kurzen Augenblick nicht aufgepasst habe – Ich wusste nicht, ob das real ist oder nicht.

Was glaubst Du?

 

 

Mh,…ich glaube, es passiert nur in seiner Vorstellung.

Also es ist auf jeden Fall nichts, wo Du nicht aufgepasst hast.
Es ist eher die Frage, was beim Zuschauer passiert. Der Film spielt ja die ganze Zeit mit den verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung. Es geht um Eifersucht, darum, was real ist und was Vorstellung. Eifersucht ist für mich ein stückweit Kopfkino, das wir alle kennen. Und obwohl wir wissen, dass das nur Vorstellung ist, fühlt es sich an wie Realität. Also der Eifersüchtige kann das nicht wirklich unterscheiden. Und bei Fado wollte ich das gleiche Gefühl im Zuschauer erzeugen. Deswegen sollst du als Zuschauer eben auch nie genau wissen: Ist es jetzt real oder ist es Vorstellung?
Ich selbst habe da für mich eine eindeutige Antwort drauf, so wie du für dich eine mehr oder weniger eindeutige Antwort hast. Aber für mich gibt es nicht die allgemeingültige Erklärung. Sondern es ist eben genau das, was beim Zuschauer selbst passieren soll. DU sollst dir die Frage selber stellen und auch selber beantworten.

 

Jonas, vielen herzlichen Dank für das Interview!

Danke Dir!

REGIE Jonas Rothlaender
DREHBUCH Jonas Rothlaender, Sebastian Bleyl
ROLLEN Golo Euler (Fabian), Luise Heyer (Doro), Albano Jerónimo (Francisco), Pirjo Lonka (Anita), Duarte Grilo (Nuno), Isabel Abreu (Maria)

http://fado.jonasrothlaender.com

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