FAMILIE HABEN (D 2015, Jonas Rothlaender)

Ist das Schicksal durch unsere Familie vorbestimmt oder können wir Verhaltensmuster durchbrechen. Diese Fragen stellt sich Jonas Rothlaender in seinem Dokumentarfilm „Familie Haben“, in dem er seine eigene Familie porträtiert. Ein Werk, dass nicht unumstritten bleiben sollte.

 

Die Geschichte einer Familie

Angetrieben vom Vermächtnis seiner verstorbenen Großmutter Anne begibt sich der Filmemacher Jonas Rothlaender auf die Reise, den Zerwürfnissen seiner eigenen Familie nachzuspüren. Nach jahrzehntelangem Schweigen trifft er in Zürich seinen Großvater Günther, der im Laufe seines Lebens mehrere Millionen in riskanten Börsenspekulationen veruntreut hat, darunter auch das gesamte Vermögen seiner damaligen Ehefrau Anne. Günther lebt 90jährig, schwer krank und völlig verarmt in einem Altersheim und ist besessen von dem Gedanken, seine „Schuld“ zu begleichen, bevor er stirbt. Er hat ein letztes großes Geschäft vor Augen. Doch als Bettina, Jonas Mutter und Günthers Tochter, in Zürich erscheint – in der Hoffnung, sich endlich mit ihrem Vater zu versöhnen – ist Günthers Blick für das Wesentliche verstellt. Der Filmemacher begibt sich auf die Suche nach den Wurzeln dieser scheinbar unheilbaren Zerwürfnisse und muss sich dabei immer schonungsloser mit den Konflikten der eigenen Familie auseinandersetzen. Seine Suche führt ihn von der Geschichte seiner Großeltern, über seine Mutter bis hin zu seinem eigenen Leben.

 

Eine Reise ins Ungewisse

Zwei Stunden Filmlänge schien an diesem frühen Nachmittag viele Zuschauer des Filmfests Schleswig-Holstein fernzuhalten. Ein trauriges Bild, dass dieser Dokumentation nicht gerecht wird.
Jonas Rothlaender tritt, nur mit einer Handycam bewaffnet, eine Reise mit vielen Fragen über sich und seine Familie an. Auslöser sind die Notizen und Tagebücher, die ihm seine Großmutter hinterlassen hat. Darin geht es vor allem um den Großvater, der verarmt in einem Altersheim in Zürich lebt. Also beschließt Rothlaender ihn zu besuchen und ihm die Fragen zu stellen, die ihm keiner zuvor stellen wollte.

 

Das eigene Handeln und die Folgen

Er begegnet einem Mann, der distanziert und sachlich seine Sicht der Dinge erklärt. Selbstsicher wie er ist, plaudert der Großvater ohne Scheu in die Kamera. Er könne das Geld auch nicht zurückholen, das sei eben fort. Auf seine Nachkommen angesprochen glänzt Günther mit stolzem Unwissen über die Namen der Enkel. Dann eine Szene an einem Münztelefon, die den Großvater schnell als alten Trottel entlarvt, der nicht glauben will, dass er einem Betrüger aufgesessen ist und sein Geld wirklich fort ist. So lernt man einen Mann kennen, der schon in den ersten Minuten des Films offenbart, dass er keine Verantwortung für die Folgen seines Handelns übernehmen will und stattdessen immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Die erschreckende Erkenntnis, dass sich bei Günther alles ums Geld dreht, wird dem Zuschauer spätestens am Sterbebett gewahr, als dieser im Delirium von nichts anderem als von Geschäften reden kann.

 

Das gestörte Verhältnis zur eigenen Tochter

Mit schweren Folgen für seine Tochter Bettina, die früh als zweite Hauptfigur im Film erscheint. „Es war klar, dass Bettina wichtig werden würde“, erklärte Dietmar Kraus, der Editor, „das war mir spätestens klar, als ich diese Situation mit Bettina im Hotelzimmer in Zürich das erste Mal gesehen hatte, wo sie auf die eher banal klingende Frage, was sie sich wünschen würde, wie das Gespräch mit ihrem Vater verlaufen solle, sie alles sofort herunterrattert, als hätte sie sich das schon lange überlegt. Und dann sitzt sie da und macht diese Pause, weil er das nicht sagen wird. Das war für mich so eindringlich, dass ich dachte, sie muss mindestens so wichtig werden wie der Großvater. Jonas dachte genauso.“ Bettina, die Tochter, die für ihren Vater eine Tatsache ist, mehr nicht. Die sich ihr ganzes Leben gewünscht hatte, von ihm geliebt zu werden. Die trotz ihrer vielen Kinder, die sie aus Liebe bekommen hat, niemals beziehungsfähig wird und dieses Schicksal an ihre Kinder weitergibt. Geschickt konfrontiert Rothlaender die einzelnen Protagonisten mit seinen Erkenntnissen und erzeugt somit die Dynamik einer Diskussion, die die einzelnen Familienmitglieder nur über die Montage des Films führen, aber vermutlich nie miteinander.

 

Wieviel Distanz ist zur eigenen Familie möglich

„Familie Haben“ ist eindringlicher Film, bei dem sich sein Macher spürbar um Distanz bemüht, die angesichts seiner eigenen Betroffenheit kaum möglich ist. Antworten auf die von ihm gestellten Fragen an seine Familie und an sich selbst scheint es nicht zu geben, denn der Film schließt mit dem Schweigen zwischen Mutter und Sohn.
Bildliche Einschränkungen durch die kleine Kamera sind absolut gerechtfertigt, da dadurch die Interviewten die Drehsituation vergessen scheinen, was sich positiv auf ihre Natürlichkeit und die Eindringlichkeit des Gesagten auswirkt. Es wird eine Nähe hergestellt, die ihresgleichen sucht. Innerhalb des Films hätten einzelne Szenen trotzdem kürzer geschnitten werden können.

 

Darf ein Film das Sterben eines Menschen zeigen?

Große Diskussionen gab es nach dem Film über die Sterbeszene des Großvaters. Die Frage stellt sich hier zurecht, ob ein Mensch in einem seiner intimsten Momente, in dem er obendrein nicht mehr zurechnungsfähig zu sein scheint, so voyeuristisch beobachtet werden darf. Mit Sicherheit ist das Gezeigte wichtig für den Film, doch um das zu zeigen, hätte Rothlaender die Ereignisse auch durch eine andere Person nacherzählen lassen können. Hier ist der Hinweis auf die Grundsätze der Pietät und der Menschenwürde berechtigt. Eine Nachbearbeitung der Szene wäre wünschenswert.

Insgesamt bleibt jedoch das Urteil eines sehenswerten Films.
FAMILIE HABEN
Deutschland 2015
Regie, Drehbuch, Kamera: Jonas Rothlaender
Schnitt: Dietmar Kraus
130 Minuten

filmportal.de

Zum Interview mit Dietmar Kraus, der den Film geschnitten hat.

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