Filmfest Schleswig-Holstein: Die Festivalfilme kurz betrachtet

Insgesamt wurden in diesem Jahr 25 neue Produktionen aus den Bereichen Dokumentarfilm, Kurzfilm, Musikvideo und Webserie in acht Filmprogrammen auf dem Filmfest Schleswig-Holstein gezeigt. Wir haben uns die meisten davon angesehen und stellen sie euch kurz vor.

 

Bericht von Jessica Dahlke

#1 Existenzfrage

Mit dem Dokumentarfilm „Deine Existenz” begleiten Hauke Wendt und Marc Schultz drei Kieler GründerInnen auf dem steinigen Weg ihrer Existenzgründung. Dabei sind sie dicht dran an den teilweise hoch emotionalen Höhen und Tiefen der StartUps, die mit einem Oldtimerverleih, einem Anti-Schneckenmittel und der Idee von Komposttoiletten für Festivals ihr finanzielles Auskommen suchen.

#2 Junges Schleswig-Holstein

Das Filmprogramm #2 widmet sich den jungen Filmer*innen im Lande. Highlight ist der Gruselfilm „Forsthaus” von Paul Vincent Mayr, der mit gekonnter Präzision den Zuschauer mit Perspektivwechseln überrascht und so die Geschichte zwischen einem Exorzisten und seiner (eventuell) vom Satan besessenen Patientin zu einem spannenden Thriller macht. Das „Date Op De Diek” (Lara Pansegrau) erkundet das typisch norddeutsche Paarungsverhalten auf dem Deich und sorgte für so manchen Lacher im Publikum. Dies war vor allem dem humoristisch-talentierten Hauptdarsteller Moritz Wandl zu verdanken.

Spannend erzählt und mit fein komponierten Bildern zog der SciFi-Kurzfilm „Fünf Prozent Heimat” von Johann Schultz die Zuschauer in ihren Bann. Gefolgt von dem ebenfalls in der Zukunft spielenden Film „Grünes Licht” von Jan Kluczewitz, der stark an die kuriose Erzählweise eines Terry Gilliam erinnerte. Schön und dem Groove der Musik angepasst kommt das Video für den Song „Games in the Darkness” (Lasse Heisel) daher.

#3 Following Habeck

Wie porträtiert man einen der zur Zeit interessantesten deutschen Politiker? Malte Blockhaus rutschte durch Zufall in dieses Projekt, das ursprünglich ein kurzer Dokumentarfilm für sein Studium werden sollte. „Man muss sich Robert Habeck als glücklichen Berufspolitiker vorstellen: Gleich dem mythischen Sisyphos, der immer den selben Felsen den Berg hinaufrollte, nur damit der auf der anderen Seite wieder herunterpolterte, so schleppt der Landespolitiker seine Aktentasche oder sein Backpack und manchmal auch nur sich selbst plus Handy die Treppen der Ministerien hinauf, die Flure entlang, durch Bahnhöfe und Straßen, über Wiesen und durch Parteitagshallen”, beschreibt Daniel Krönke von infomedia-sh.org den Film. Das Publikum erhält durch den Dokumentarfilm einen Eindruck davon, dass Politik kein Selbstläufer ist und in vielerlei Hinsicht eine unbefriedigende und frustrierende Angelegenheit sein kann, außer man bringt die nötige Leidenschaft dafür mit.

#4 Webserie

Die Webserie gehört zu den jüngeren Filmgenres und bietet Filmemacher*innen die Möglichkeit, sich als Serienmacher zu profilieren. Eine Webserie wird in der Regel auf Plattformen wie Youtube gezeigt und erzählt in kurzen Episoden aus dem Leben ihrer Protagonisten. Die Spannweite reicht von Dokumentarfilmserien bis hin zu Genre-Filmen. Inzwischen hat sich ein weltweites Netz rund um die Webserien gebildet, es gibt internationale Filmfestivals wie das Webfest Berlin oder das Wendie Webfest in Hamburg sowie Ranglisten über die besten Webserien weltweit. Auch in Schleswig-Holstein werden Webserien gedreht.

Einer der ersten war der Kieler Michael Söth, der mit seinen „Deichbullen” mittlerweile auch auf Netflix und demnächst im deutschen Fernsehen zu sehen ist bzw. sein wird. Inhalt: Zwei Hamburger Polizisten stoßen in Kolmar auf eine renitente Dorfgemeinschaft. Die Scifi-Comedy-Webserie „PentaQuad“ lehnt sich an alte SciFi-Filme der 60er und 70er Jahre an. Dafür wurde in Neumünster in einer alten Bahnhalle eine komplette Raumschiffkulisse gebaut. Alltagsgegenständen wurden zu futuristischen Requisiten umgestaltet. So wurden aus Staubsaugern Astronauten-Rucksäcke und aus alten Motherboards Schaltflächen. Die Webserie ist auf Youtube zu sehen.

#5 Unsere Dorfschule

Gabriele Kob begibt sich in ihrem Dokumentarfilm „Unsere Dorfschule” auf die Pfade einer eher aussterbenden Institution. Dabei zeigt sie auf, wie wichtig Dorfschulen für Familien und Gemeinschaften sind. Denn eine Schule direkt in der Ortsgemeinde kann ganz anders auf die Bedürfnisse der Kinder und ihrer sozialen Entwicklung eingehen, als eine auswärtige Schule in der Stadt. Der kurze Vorfilm „Colours” (Lisa Oppermann) nähert sich dem Thema Tod auf ungewöhnliche Weise.

#6 Kriegskinder

Nach dem letzten Schuss ist der Krieg noch nicht vorbei” (Jess Hansen & Kay Gerdes) gehörte wohl zu den emotionalsten Beiträgen dieses Filmfestes. Der Dokumentarfilm begleitet eine Therapiegruppe von Senior*innen, die sich mit ihren Kriegs-Traumata auseinandersetzen. Der Film zeigt eindrücklich, dass Menschen bis zu ihrem Lebensende unter ihren Kriegseindrücken leiden und diese sogar an ihre Kinder und Enkel weitergeben können. Die schlichte Erzählweise des Films passt zum Thema und lässt den Zuschauer das Erzählte nachfühlen. Gerade in unserer Zeit, wo traumatisierte Geflüchtete ebengleiche Therapiemöglichkeiten benötigen, ein zeitgemäßer und wichtiger Film. Ebenfalls mit dem zweiten Weltkrieg beschäftigt sich Pola Rada in „Aber schreib”. Der Film visualisiert vorgelesene Feldpost zwischen einem Ehemann und seiner Frau. Unvollständig bleibt der Film „Jahresringe” (Jens Becker), der sich mit dem Leben eines ehemaligen Spions auseinandersetzt. Leider ist die Hintergrundgeschichte des Protagonisten Siegfried Wanka viel spannender als die filmische Auswertung. Die Zuschauer wünschten sich daher eine weiter Verfilmung.

#7 Kursmeldungen

Wer steckt eigentlich hinter dem Nissen-Haus in Husum? Diese Frage führte Martina Fluck nach New York City. Sie folgt dort dem Auswanderer und Selfmade-Millionär „Ludwig Nissen” durch ein bewegtes Leben. „Herr Möller” sucht dagegen sein Glück als Strandkorb-Vermieter und ist der erste Film der Kunststudentin Johanna Borelli. Für „Kursmeldungen” (Rainer Komers) brauchte der Zuschauer viel Sitzfleisch und Vorstellungsvermögen. Der Film versucht in Einzelbildern das Leben im nördlichsten Bundesland von Nordseefähre bis Windrad zu beschreiben.

#8 Kurze aus Schleswig-Holstein

Auch in diesem Jahr wird der Kurzfilmabend des Filmfest Schleswig-Holstein als Highlight der Veranstaltung seinem Ruf gerecht. Gar nicht abtauchen muss Jungfilmer Moritz Boll. Er erzählt die Geschichte eines Vaters, der vor seiner Tochter ein Geheimnis zu verstecken versucht („Abgetaucht”). Hauptdarsteller Marko Gebbert ist in diesem Jahr mit dem Kulturpreis der Stadt Kiel ausgezeichnet worden. Einen der bekanntesten Männer aus Kiel Gaarden folgt Natalie Beck in ihrer Kurzdoku „Der schwarze Mann vom Bosporus”.

Eine ganze Nordsee-Fähre mieteten Jan Waßmuth und Felix Zimmer für ihren Mystery-Kurzfilm „Sandy Island”. Sie schicken darin den Zuschauer auf einen abenteuerlichen Trip durch das Seelenleben eines jungen Mannes, der seinen Vater sucht. Träumerisch und märchenhaft ging es in der deutsch-französischen Produktion „Mein Vater, der Fisch” von Britta Potthoff und Adrien Pavie zu. In liebevollen Bildern erzählt der Kurzfilm die Geschichte zwischen einem Jungen und seinem kranken Vater. Großartig an diesem Film ist der infantile Blick des Kindes, der sich durch die ganze Erzählstruktur zieht.

Aron Krause schickt uns mit seinem halbstündigen Musikfilm „Eure Kinder” auf eine 30jährige-Reise durch unsere Jugend. Er verwebt persönliche Schicksale mit aktuellen politischen Ereignisse. Dabei fragt der Film, wie es zum aktuellen Rechtspopulismus kommen konnte. Zahlreiche aufwendige Plansequenzen inklusive.

Preisträger*innen

Am Ende überzeugte Moritz Boll mit seinem Kurzfilm “Abgetaucht” die Jury des 22. Filmfest Schleswig-Holstein. Zudem gingen zwei Publikumspreise jeweils an “Mein Vater, der Fisch” und den Dokumentarfilm “Nach dem letzten Schuss ist der Krieg noch nicht vorbei”.

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