Filmszene im Dialog: 1918 – Aufstand der Matrosen (D 2018)

Das Meeresfilmfestival Cinemare findet seinen Abschluss dieses Jahr im metroKino Kiel, einer Spielstätte, die nicht besser zu dem Film passen könnte, der dort am 27.10. seine Weltpremiere feierte: „1918. Aufstand der Matrosen“. Er erzählt von jenen Männern, Frauen und Momenten, welche die deutsche Novemberrevolution in Gang brachten und große Veränderungen wie das allgemeine Wahlrecht, die Versammlungsfreiheit und die Pressefreiheit der jungen Weimarer Republik begründeten. Anna Lena Möller und Jessica Dahlke über einen Film, der im aktuellen politischen Klima gerade zur rechten Zeit kommt.

Anna Lena: Mensch ist das voll heute Abend, wollen wir vor der Tür ein wenig Luft schnappen? Es scheint, als ob die gesamte die Cinemare-Prominenz und viele Politiker*innen heute Abend ins metroKino Kiel gekommen sind, um diesen Film zu sehen.

Jessica: Ja, ich finde das großartig, denn dass hat lange in Kiel gefehlt. Gerade das metroKino war früher ein wichtiges Premierenkino. Übrigens, Björn Engholm hat die ganze Zeit hinter uns gesessen. Irgendwie war das schon ein kleiner historical moment. Du siehst Geschichte auf der Leinwand und hast jemanden hinter dir sitzen, der genauso zur Schleswig-Holsteinischen Geschichte gehört. Ich glaube, das ist so ne Filmemacher-Sache, ich liebe solche Momente.

1918 Aufstand der Matrosen

Anna Lena: Das ist glaube ich der Moment, wenn ein Film ein bisschen mehr als eben „nur ein Film“ ist. Wenn er die Menschen berührt, zum Nachdenken und zum Diskutieren bringt. Wie fandest du denn die Dokumentation, die wir gerade gesehen haben?

Jessica: Interessant. Jens Becker hat nicht einfach nur eine Geschichtsdokumentation gedreht, sondern einen kleinen Spielfilm daraus gemacht. Das finde ich einen gangbaren Weg.

Anna Lena: Ja, es hat dem Film sicher gut getan, jemanden an Bord zu haben, der als Drehbuchautor die Fiktion ebenso beherrscht wie das Dokumentarische als Regisseur.

Jessica: Etwas gewöhnen musste ich mich an die Stellen, in denen die Schauspieler Originalzitate der Zeitzeugen direkt in die Kamera gesprochen haben. Diese vierte Wand ist immer noch ein bisschen heilig. Aber ich konnte eben kurz mit dem Regisseur sprechen und er meinte, er habe sich hier des Theaters bedient, genauer gesagt des an die Rampe Tretens, um dem Zuschauer direkt aus der Handlung zu erzählen.

1918 Aufstand der Matrosen

Anna Lena: Mit dem Hintergrundwissen macht das natürlich Sinn.

Jessica: Schade, dass Kiel so wenig Originalschauplätze hat.

Anna Lena: Ja, man musste deswegen an andere Drehorte in Schleswig-Holstein ausweichen, die der Kieler Bauweise noch am nächsten kommen.

Jessica: Übrigens mag ich den Humor in dieser Dokumentation. Obwohl Becker kein Norddeutscher ist, hat er unseren Humor ziemlich gut getroffen.

Anna Lena: Ja, da magst du Recht haben. Trotzdem fand ich die Dialoge zu Beginn ja ein wenig hölzern. Leider sieht man solche pseudohistorisch-akuraten Dialoge bei Produktionen für das Fernsehen recht häufig, aber bei Formulierungen wie „Wenn dein Mädchen da unzüchtig schaut, schmelzen die Wachen geradezu dahin…“, lösen bei mir nur Kopfschütteln aus. Zum Glück fängt sich der Film aber sehr schnell wieder und man kann herzlich mit den Protagonisten lachen. Es gibt unter Dokumentarfilmern ja durchaus auch Diskussionen über das Reenactment historischer Begebenheiten. Manche sagen sie unterstützen den Unterhaltungswert des Films und füllen Lücken dort, wo nicht genügen oder gar kein historisches Bild- und Filmmaterial vorhanden ist, andere sagen, es bestehe die Gefahr, dass darüber die historischen Fakten in den Hintergrund rücken. Wie hast du das empfunden?

1918 Aufstand der  Matrosen

Jessica: Das empfinde ich ehrlich gesagt auch immer als schwierig. Ich hatte zwar oben gesagt, dass die Herangehensweise ein gangbarer Weg ist, aber insgesamt geht das Reenactment in den meisten Filmen absolut schief. Das ist so, als würde der Geschichtslehrer im Kostüm vor der Klasse die Szenen nachspielen. Also entweder will man ein Spielfilm sein und ist ehrlich, dass man eine Fiktion ist bzw. eine Idee von einer Sache oder man bedient sich des Stilmittels des Forschens durch Belege, Experteninterviews und Zeitzeugen. Gemischt ist für die Rezeption einfach schwierig, weil der Zuschauer ein Film ja in dem einen oder dem anderen Kontext bewertet. An 1918 bemerkt man auch noch andere Probleme dieser Mischform, zum Beispiel funktioniert die Inszenierung des Dramatischen nicht richtig. Der Dokumentarische Anteil lässt einen nicht dicht genug an die Figuren heran, um mit ihnen zu leiden oder zu trauern. Da sterben dann ein paar Leute, aber irgendwie ist es dann auch egal. Und ganz nebenbei: Die Figur des Reichstagsabgeordnete Noske, der später die Führung übernimmt, kam wie ein netter Onkel herüber. Wenn nicht ständig gesagt worden wäre, dass der Typ ein böses Schlitzohr gewesen war, hätte ich seine geschichtliche Rolle gar nicht nachvollziehen können.

Anna Lena: Ein sehr gute Aussage fand ich ja die Einschätzung des ehemaligen Ministerpräsidenten Engholm am Ende des Filmes: Das der Aufstand der Matrosen auch deshalb gescheitert sei, weil die Machthabenden an ihren Posten festhielten und kein Interesse an einer Neuerung hatten. Ein kleines Detail zwar, dass einem eber in der heuten Zeit furchtbar bekannt vorkommt.

Jessica:  Wir haben ja gerade wieder eine Diskussion wegen des ehemaligen Hindenburguferns gehabt, hier in Kiel. Lange wurde die Rolle dieser – ich nenne sie mal Herren – einfach heruntergespielt. Im Prinzip hat man Feinde der Demokratie damals an die Spitze einer Demokratie gesetzt, was letztendlich zum Untergang und zu diesem unsäglichen Regime geführt hat. Ich denke wir müssen uns wieder viel bewusster machen, dass die falschen Menschen in bestimmten Positionen immer eine toxische Wirkung auf den ganzen Rest haben. Und das wir hier auf unsere demokratischen und freiheitlichen Prinzipien pochen sollten, indem wir demokratiefeindliches Verhalten entsprechend sanktionieren.

Anna Lena: Ähnlich hat es Herr Engholm ja auch im Anschluss an den Film im Interview formuliert. Wie passend empfandest du eigentlich die Interviewpartner?

Jessica: Ich fand es interessant, dass nur SPD, Linke und Bundeswehr zu Wort kamen. Wo waren die anderen Parteien? Oder habe ich was verpasst, war da kein Historiker?

Anna Lena: Das es keine neutrale Position unter den Interviewpartnern gab ist mir auch aufgefallen. Natürlich beschränkt sich Jens Becker damit auf die politischen „Erben“ der Hauptakteure des Kieler Matrosenaufstands. Auf der anderen Seite setzt er damit natürlich auch ein Statement, indem er bewusst auf die Perspektive anderer Parteien oder eines neutralen Historikers verzichtet. Abschließend lässt sich sicherlich sagen, dass diese Dokumentation auf jeden Fall eine gute Absprungmöglichkeit für weitere Diskussionen liefert, und es dabei schafft, einen historischen Gegenstand in den Blickpunkt zu rücken, der hier in Kiel und in Schleswig-Holstein zwar präsent, darüber hinaus jedoch weniger bekannt ist.

Jessica: Auf jeden Fall.

Anna Lena: Ach ja, die Dokumentation ist am 30.10. bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck zu Gast, bevor sie am 30.11. um 20:15 Uhr auf ARTE und am 04.11. um 20:15 Uhr im NDR zusehen sein wird. Komm lass uns reingehen, mir wird kalt.

Bilder: riva Filmproduktion

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