Wendie Webfest 2018

Filmszene im Dialog: Das Wendie Webfest 2018 – German Newcomers

Einmal im Jahr findet am Rande der Hamburger Speicherstadt das Wendie Webfest statt. Und auch in diesem Jahr war es am 14./15. September wieder Anlaufstelle für deutsche wie internationale Webserienmacher. Anna Lena Möller und Jessica Dahlke im Dialog über die „German Newcomer“, denen das Programm in diesem sich Jahr ein ganzes Segment widmete.

Dennis Albrecht

Anna Lena: So Jessica, jetzt sind wir auf dem Rückweg vom Wendie Webfest und uns bleibt eine ganze Autostunde Zeit. Wie ist denn dein Fazit des Abends?

 

Jessica: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Webserien, die wir gesehen haben, waren nicht alle technisch perfekt, aber dafür voller frischer Ideen. Ich mag es, wenn Filmemacher*innen aus alten Mustern ausbrechen und einfach mal ein bisschen herumexperimentieren. Dennis Albrecht hat aus der Selection selbst ein unkonventionelles Experimentierstück gemacht. Die meisten Festivals sind ja sehr formalisiert. Heute Abend hatten sogar Pitches und Trailer ihres Platz. Gern mehr davon!

 

Up up

 

A: Für die meisten Lacher des Abends haben ja die beiden Piloten von „Hinterher“ und „In Naher Zukunft“ gesorgt. Gerade Letzterer hat mir persönlich ja sehr gut gefallen, der Pilot war dramaturgisch einfach auf den Punkt und zeigt wieder einmal, was man mit wenigen Setaufbauten alles anstellen kann.

 

J: Der Humor von „In naher Zukunft“ funktioniert wirklich auf den Punkt und ist beinah realitätsnah. Jeder, der Alexa hat, kann mit dem armen Kerl mitfühlen. Wenn dann auch noch die Haus-KI dem Nutzer das Essen einer Pizza verbietet, weil diese ungesund ist und er sie sich bei einem Dealer besorgen muss, ist der Humor perfekt. Und dann dieses grandiose Ende, wirklich gut.

 

Nonbinary Girl

 

A: „Hinterher“, über den peinlichen Moment nach einem One-Night Stand, arbeitet da eher mit musikalischem Sarkasmus, wenn man das so nennen möchte. Eine gewisse Alltagsabsurdität scheint sowieso sehr im Trend zu liegen, die konnte man auch bei den Produktionen „Up Up“ und „Hart auf die 4“ wiederfinden.

 

J: „Hinterher“ tat in seiner Absurdität richtig weh, aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich für die Backstreet Boys nicht wirklich erwärmen kann. „Up, up“ funktionierte für mich da besser. Allein die Szene, wo drei Typen versuchen eine Krawatte per Youtube-Video zu binden und dann Papi per Skype anruft, genau mein Humor. Ein wunderbarer Cast! „ Hart auf Vier“ hat sehr viele schöne Momente, reizt es jedoch am Ende etwas zu sehr aus.

 

The very near future

 

A: Da muss ich dir zustimmen. „Up Up“ konnte vor allem auch im Visuellen etwas bieten: Sehr clean und mit einer reduzierten Einstellungszahl. Selbst das Blocking der Schauspieler, das manchmal wie mit dem Lineal gezogen wirkte folgte diesem Konzept, aber gerade dadurch bliebt genug Freiraum für die komödiantischen Elemente. „Hart auf die 4“, war dagegen auf der Soundebene exzellent. Gab es einen Serienpiloten, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

 

J: Am meisten beeindruckt hat mich ja „Nonbinary Girl“. Ich beschäftigte mich viel mit Trans- und Intersexualität und gerade das letztere findet sich im Film kaum wieder. Super, wenn sowas dann auch noch aus Kiel kommt.

 

Die Flunder

 

A: Mit der Thematik und seinem nachdenklichen Gestus ist der Film tatsächlich deutlich aus der Masse hervorgestochen. Die Geschichte trifft den Nerv eines Diskurses, der gerade sehr aktiv geführt wird und dieser Pilot, der hoffentlich fortgesetzt wird, trägt hierzu bei. Schön zu sehen, dass er durch die Einladung zum Webfest nach Miami einem größeren Publikum vorgestellt wird.
Was sagst du zu der Sport-Doku-Serie?

 

J: „Vierzehneinhalb“ war für mich eher uninteressant, diese Art von Dokus könnten auch im Fernsehen laufen. Ob sie fürs Web geeignet sind, muss sich zeigen.

 

A: Mir geht es da ganz anders, vielleicht auch weil ich sehr Dokumentarfilmaffin bin, und auf der DOK Leipzig schon mit ähnlichen Versuchen in Berührung kam. Es stimmt zwar, dass diese Erzählweise auch im Fernsehen wiederzufinden ist, aber der Vorteil dieser Form ist die Unmittelbarkeit der Erzählung, den Zuschauer über Wochen an einer aktuellen Entwicklung teilhaben zu lassen. Die Problematik liegt glaube ich bei dieser Serie eher in dem Umstand, dass sie gleichzeitig Imagefilm und Journalismus sein möchte, und gleichzeitig auch noch als Teaser für den bald in die Kinos kommenden Dokumentarfilm fungiert. Bei so viel Funktionalität geht die Nähe zu den Protagonisten zu sehr verloren und mit der Transparenz wird es auch schwierig.

 

J: Das könnte es sein, was mich gestört hat. Mich hat die Serie einfach nicht angesprochen. Und dann gab es noch die Flunder, sag mal, wie hast du die Webserie empfunden?

 

 

A: Ja in der Hamburger Sektion: Die Flunder hatte auf jeden Fall am meisten Unterstützer vor Ort. Damit eine solche Improvisationscomedy funktioniert, muss man ein großes Timingtalent und jede Menge Erfahrung haben. Eigentlich sind Superhelden ja voll mein Ding, aber bei diesem Piloten hatte ich das Gefühl, die eine Hälfte des Gesprächs verpasst zu haben und dann auch noch die Insider-Gags nicht zu verstehen. Es gibt ja noch einen Spielfilm über die Flunder, vielleicht muss man den ja vorher gesehen haben.

 

Alles in Allem würde ich aber sagen, dass der Abend mal wieder gezeigt hat, was für spannende, Konventionen brechende Stoffe entstehen können, wenn man den Machern genügend Platz lässt sich zu entwickeln, eine Möglichkeit die das Internet, im Gegensatz zum Fernsehen, bietet.

 

 

J: Das stimmt. Was mir ein bisschen Sorgen macht ist die Entwicklung der Webserien-Festivals in den letzten zwei Jahren. Da ist ganz viel Platz für internationale, hochprofessionelle Serien, aber kaum noch Platz für die, die erst damit anfangen Webserien zu drehen und eine Plattform gebrauchen können. Zudem sind die Einreichkosten immens hoch bei diesen Festivals. Man zahlt da zwischen 20 und 60 Euro. Dennis versucht mit seinem Programm dem entgegen zu wirken und die „German Newcomer“ zeigen ja, dass das funktioniert. Ich hoffe, dass man sich hier nicht in Zukunft die Potenziale verschenkt, die die Nachwuchsförderung und damit der Markt braucht. Ne Webserie ins Netz zu stellen reicht eben nicht. Erst durch die Webserien-Festivals und die Berichterstattung werden sie auch wahrgenommen. Wir werden sehen, wie es weitergehen wird.

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