Wenn Theoretiker Filme machen

The First Cut is the Deepest – Studierende des Masterstudiengangs Medienwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) debütieren in der Pumpe mit eigenen Dokumentarfilmen.

 

Ein Bericht von Melanie Huber

 

Kirche, Körper, Hobbyraum: Wenn man die fünf jeweils 20-minütigen Kurzdokumentationen der Kieler Studierenden wissenschaftlich untersuchen würde, böte sich der Raum als verbindendes Element an. So steht in KIELS ALTE SEELE – DIE ST. NIKOLAI KIRCHE die Kirche als kulturhistorischer Ort im Mittelpunkt, in COVER ist es der menschliche Körper, in KNÄCKEBROT MIT TOMATENMARK die Autowerkstatt des Kieler Urgesteins Hans Willi Hansen und in THE DADS ARE ALRIGHT die Hobbyräume dreier Väter. Auch Nicht-Orte werden thematisiert, wie etwa der Hamburger Flughafen in LAST MINUTE[S].

 

Von der Theorie zur Praxis

Dabei kommt die innere Verbundenheit nicht von ungefähr. Umgesetzt wurden die Filme im Rahmen eines einjährigen Projektmoduls unter der Leitung des Medienwissenschaftlers Willem Strank. Wo zunächst die Theorie im Vordergrund stand, ist ab der zweiten Hälfte des Seminars die Praxis ins Spiel gekommen. „Bei schweineheißen Temperaturen haben wir uns Dokumentarfilme angesehen und uns gefragt: Was zum Geier können wir selbst daraus machen?“, erzählt Strank vor ausverkauftem Hause im Kino in der Pumpe. Die Antwort ist einfach: Jede Menge!

 

Filme auf ganz eigene Weise

Vom Skript über die Aufnahmeleitung zu Ton, Licht, Kamera und Filmmusik. Alles haben die fünf Teams selbst umgesetzt. „Planung ist dabei ganz wichtig“, resümiert Elena Kruse, Mitglied des Doku-Essays COVER. In COVER analysieren die Filmemacherinnen das Schönheitsideal unserer Zeit – auf ganz eigene Weise.

Die Filme belustigen, informieren und berühren: Während in THE DADS ARE ALRIGHT amüsant die Vaterrolle hinterfragt wird, erzählt eine Frau in LAST MINUTE[S] von ihrer langjährigen Tätigkeit als Abschiebebeobachterin bei Abschiebungen am Hamburger Flughafen. Die unterschiedlichen Themen und Herangehensweisen der Studierenden machen den Abend bunt und vielfältig – das begeisterte Publikum ist ein Beleg dafür.

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Die Filme

THE DADS ARE ALRIGHT

In einer Zeit, in der die soziale Rolle des Vaters neu verhandelt wird, erzählt der Film THE DADS ARE ALRIGHT die Geschichte dreier Väter. Der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus stellt nicht nur einen emanzipatorischen Akt der jungen Erwachsenen dar, sondern schafft auch Freiraum für die Neuentfachung oder Intensivierung alter Leidenschaften. Ein persönlicher Blick auf die Vätergeneration, die irgendwo zwischen patriarchalen Strukturen und der Erfindung des Dad Jokes changiert.

Drehbuch: Max Gnutzmann, Ines Lenkersdorf & Tim Witte Aufnahmeleitung: Max Gnutzmann, Ines Lenkersdorf, Marian Pollok, Heiko Straehler-Pohl & Tim Witte Regie: Max Gnutzmann, Tanja Hagemeister, Ines Lenkersdorf, Marian Pollok, Heiko Straehler-Pohl & Tim Witte Kamera: Marian Pollok Ton: Heiko Straehler-Pohl Selektion & Konzept: Max Gnutzmann, Ines Lenkersdorf, Marian Pollok, Heiko Straehler-Pohl & Tim Witte Post-Production: Tanja Hagemeister & Marian Pollok Musik: Lars Fischer & Niklas Holle

 

LAST MINUTE[S]

Flughäfen – Orte der Vorfreude. Doch nicht jede Reise dort beginnt freiwillig. LAST MINUTE[S] ist das Porträt einer Frau, die hinter den Urlaubsreklamen gearbeitet, gefühlt, aber vor allem geholfen hat.

Skript: Anna-Lena Bach, Anna Lena Möller
Aufnahmeleitung: Johanna Ehrhardt, Eva Puschmann
Kamera: Jurij Abegg
Licht: Anna Lena Möller
Ton: Michelle Ritterbusch
Filmmusik: Anna-Lena Bach, Jurij Abegg
Schnitt: Anna-Lena Bach, Anna Lena Möller, Michelle Ritterbusch
Kommunikation: Jurij Abegg, Johanna Ehrhardt, Eva Puschmann

 

COVER

Ein langsamer Schwenk über die Hautwölbungen des menschlichen Körpers – die körnigen Poren eines Plakats am Straßenrand – eine glänzende Qualle, die im Meer verschwindet. Prüfend ist der Blick eines Werbeplakats: Wer bestimmt diese Bilder?
Selbstreflexiv und experimentell setzt sich COVER mit dem menschlichen Drang nach einem künstlichen Schönheitsideal auseinander, dem man sich aufgrund der ständigen Präsenz von Werbung kaum entziehen kann. In drei Akten lotet der Film die Verortung des Menschen zwischen natürlicher Erscheinung und perfektioniertem Abbild aus. Die Hauptrollen besetzen Werbeplakate, menschliche Haut und Naturerscheinungen, die in Detailaufnahmen fragmentarisch aneinandergereiht werden. Die facettenreiche Geräuschlandschaft des menschlichen Körpers selbst kommentiert diese forschende Oberflächen-Komposition. Dabei driften sowohl der Ton als auch die Bilder in eine Erkundung über das Abbilden von „Realität“.

Kamera: Elena Kruse, Lara Timm Aufnahmeleitung: Elena Kruse, Friederike Röhreke Ton: Katharina Noß
Regie: Dara Brexendorf, Lina Kerzmann
Schnitt: Dara Brexendorf, Lina Kerzmann, Elena Kruse, Lara Timm Post Production Bild: Elena Kruse, Lara Timm Post Production Ton: Friederike Röhreke, Katharina Noß

 

KNÄCKEBROT MIT TOMATENMARK – EIN FILM ÜBER HANS WILLI HANSEN

Eigentlich wäre das Leben von Hans Willi Hansen geeigneter Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Eine Trans-Sahara-Tour mit vier Freunden in zusammengeschraubten Autos wird für den jungen Hippie und Rockmusiker zum Schlüsselerlebnis. Danach hängt er den Lehrerjob an den Nagel, wird Kfz-Meister und gründet seine Werkstatt „Joe’s Garage“. Der Rest ist ein Stück Kieler Stadtgeschichte.

Konzept: Sandra Gäßler, Stephanie Hinderliter, Carolin Oltmann, Jasmin Schönke, Marten Schwarz, Ummahan Tuncel
Preproduction: Sandra Gäßler, Stephanie Hinderliter, Carolin Oltmann, Jasmin Schönke, Marten Schwarz, Ummahan Tuncel
Interview: Stephanie Hinderliter, Ummahan Tuncel
Kamera: Jasmin Schönke, Marten Schwarz
Schnitt: Sandra Gäßler, Carolin Oltmann, Jasmin Schönke
Licht: Jasmin Schönke
Ton: Sandra Gäßler
Drone Operator: Jasmin Schönke
Postproduktion: Sandra Gäßler, Carolin Oltmann, Jasmin Schönke
PR/Werbung: Stephanie Hinderliter, Ummahan Tuncel

 

KIELS ALTE SEELE – DIE ST. NIKOLAI KIRCHE

Mit mehr als 750 Jahren ist die St. Nikolai Kirche das älteste noch erhaltene Gebäude Kiels. Ihre bewegte Geschichte – mit der Zerstörung im zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Aufbau – erzählt KIELS ALTE SEELE.

Kamera: Borris Blumenau, Lukas Knaack
Ton: Christoph Fiedler
Schnitt: Sabrina Santoro, Lukas Knaack
Vor der Kamera: Gerlind Stephani, Pastor Dr. Matthias Wünsche, Sabrina Santoro

Das Team von KIELS ALTE SEELE bedankt sich bei der St. Nikolai Kirche für die freundliche Zusammenarbeit sowie beim Landesarchiv Schleswig-Holstein und dem Stadtarchiv Kiel für die Bereitstellung des Archivmaterials.

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