Following Habeck – „Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof“

Der Dokumentarfilm „Following Habeck“ von Malte Blockhaus gibt einen aufschlussreichen Einblick hinter die Kulissen des rasanten Politikerlebens. Auf Schritt und Tritt folgt die Doku Robert Habecks Kandidatur zur Urwahl für die Bundestagswahl 2017 seiner Partei Bündnis 90/Die Grünen. Auch der damaliger Bundesvorsitzender Cem Özdemir und der Bundestags-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter traten an. Neben Realo Cem, also der Linke Anton und als Underdog Robert, ein Starpolitiker, der es mit dieser Doku auf die Leinwand schafft.

Bericht von Dorian Bøyesen

Auf authentische Art und Weise folgt der Filmemacher Malte Blockhaus mit Handheld Kamera diesen Prozess zwei Jahre lang. Von der Bundesdelegiertenkonferenz im November 2015 bis zum Ergebnis der Urwahl im Januar 2017, bei der Robert Habeck nur knapp gegen dem Cem Özdemir verlor. Habeck fehlten nur 75 Stimmen, ein für viele überraschend knappes Ergebnis.

Habeck, der durch Lässigkeit auffällt, ist dabei offen, kämpferisch und ehrlich unterwegs, von Termin zu Termin, auf Autofahrten, Parteitagsbühnen, Fluren der Ministerien, TV-Studios und Bahnhöfen. Der promovierte Philosoph und Schriftsteller, der seit 2012 Schleswig-Holsteins Umweltminister war, will mit seiner Kandidatur einen Richtungswechsel der Partei, und den Wechsel von Landespolitik zu Bundespolitik. Dabei zeichnet sich die Doku durch Tempo aus, weil Regisseur Blockhaus vor allem eines einfängt: Bewegung. Es ist das ungeschminkte Leben eines Berufspolitikers, der auch alle Stimmungen wiedergibt, aber vor allem Robert Habeck so zeigt wie er ist: klar, offenherzig, kämpferisch, sympathisch, nah an den Menschen, norddeutsch, freundlich, teils ruhig und teils rebellisch, der wirklich Veränderung und Modernisierung will und als Pragmatiker die Partei umkrempelt.

Es ist das Portrait eines Umweltministers, der auf Menschen zugeht, und auch mit Humor und Herzlichkeit sich unters Volk mischt. So fragt er die Feuerwehr nach dem Weg zum Bürgertreff oder hält in der Kirche eine Rede. Habeck meistert den Sprung in den urbanen Politdschungel und hält auf dem Parteitag eine flammende Rede. Dann erzählt er der Kamera vom Kick bei Halten von Reden und setzt sich dann zu Hofreiter, um kollegial  mit zuzuhören. Als er dann wegen der Geflügelpest zurück nach Schleswig-Holstein muss, ist es für Habeck logisch den Parteitag und das Urwahlforum abzubrechen, um zu zeigen, dass er für das Bundesland da ist und Regierungsverantwortung trägt. Für Özdemir selbstverständlich, sich ebenso kollegial zu zeigen, und das Urwahlforum zu vertagen.

Hier wird die Etiquette, die ein Amt mit sich bringt aufgezeigt, und diese Gradwanderung zwischen Seriösität und Geselligkeit, zwischen Anzug/Krawatte und Backpacker Rucksack, zeichnen das Bild eines modernen Politikers, der den Sinn von Demokratie nicht aus den Augen verliert. Bezeichnerweise verrät Habeck in einem Interview mit einer Abiturientin, dass aus seiner Sicht die Machtzentren in der Politik, die Fürsten nach Niccolò Machiavelli, diejeingen sind, die Minister sind. An manchen Stellen in der Doku scheint hier also doch der Philosoph und Denker durch. Gleichzeitig zeigt Habeck durch eigenes Auftreten, da er ja selbst Minister zu dem Zeitpunkt ist, dass es anders geht, dass man einen Anzug auch mit Turnschuhen tragen kann. Er hört den Menschen zu und zitiert Kurt Tucholsky „Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.“ [Tucholsky, Schloß Gripsholm] oder erklärt etwas unbeholfen die schleswig-holsteinische Flagge und die Bedeutung von „Up ewig ungedeelt“.  

Provinz trifft hier auf Urbanität, ein Thema, das immer wiederkehrt, weil die Stationen zwischen Bundeskandidatur und Landesebene springen, zwischen Großstadtpresse und ländlicher Entschleunigung. Dabei zeigt die Doku auch andere Gegensätze auf, womit Habeck als Berufspolitker  konfrontiert ist, und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zwischen politischer Bühne und dem Kieler Paternosteraufzug im Rathaus, leeren Fluren im Ministerium und dem ganzen Wirbel der Presse einschließlich schneller Schminke und Smalltalk vor dem Interview. Diese Vermischung verschiedener Bühnen verleiht der Doku eine ganz eigene Ästhetizität der Imperfektion und Ehrlichkeit, etwas Dogma95-haftes.  

Seit 2018 ist Robert Habeck Bundesvorsitzender in Berlin und hat somit den Sprung in die Bundespolitik geschafft.

Zum Interview mit Malte Blockhaus

 

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