Freistaat Mittelpunkt – die Geschichte des Ernst Otto Grassmé

Anfang Mai startete das 23. Filmfest Schleswig-Holstein. Drei Tage lang wurden im Kino der Pumpe in Kiel lange und kurze Dokumentarfilme sowie fiktive Kurzfilme gezeigt. Einer dieser Filme machte den Auftakt des Filmfestes: „Freistaat Mittelpunkt” von Kai Ehlers. Eine Dokumentation über das Schicksal des Ernst Otto Karl Grassmé und die Folgen der Eugenik im Nationalsozialismus.

Bericht Merle Dölle

Wer bei „Freistaat Mittelpunkt” eine klassische Dokumentation erwartet, wird definitiv überrascht. Im Positiven. Keine Interviews, keine Beobachten des Protagonisten. Denn der Film des Berliner Filmemachers Kai Ehlers ist alles andere als „klassisch“. Vielmehr ist er eine Collage aus unterschiedlichen Perspektiven.

Der Einsiedler im Moor

Grassmé war einst Geschäftsmann in Altona, später selbst ernannter „Altonaer Bürgermeister im Exil“. 1939 wurde er von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert „zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“. Schwer traumatisiert von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und unter Schizophrenie leidend, entschied er sich für ein Leben abseits der Gesellschaft im Bokelsesser Moor. Drei Mal wurden ihm Anträge auf Wiedergutmachung verweigert bis zu seiner anschließenden Entmündigung. Jedoch hat er weiter für ein Leben in Würde gekämpft und auf seine ganz eigene Art versucht, ein souveränes Leben zu führen. 1991 verstirbt er.

Ein Puzzle aus unterschiedlichen Perspektiven    

Tagebucheinträge Grassmés, Befunde der behandelnden Ärzte, Briefe an seine Frau Berta und an Katja, einem Mädchen aus seiner früheren Nachbarschaft, bilden den Grundstein der Erzählung. Abwechselnd geben die Originaldokumente Einblicke in Grassmés Schicksal und fügen, ähnlich wie bei einem Puzzle, die Geschichte zusammen. Dem Publikum wird somit eine subjektive Perspektive vermittelt. Untermalt werden die Beiträge von Bildern aus der Gegend, in der Grassmé zu Hause war.Hier der Gang durchs bewaldete Moor und über nebelverhüllte bäuerliche Wiesen, dort die traditionelle ländliche Schlachtung von Hühnern. Der Zuschauer bekommt das Gefühl, Grassmé ganz nah zu kommen und in seine Lebensumstände und Gefühlswelt eintauchen zu können. Obwohl man den Protagonisten während des Filmes nicht zu Gesicht bekommt, ist es Ehlers gelungen,  ein Porträt des Einsiedlers zu schaffen. So kann sich der Zuschauer sein ganz eigenes Bild von Grassmé machen. Authentisch, direkt und dennoch einfühlsam schafft es der Film, Brücken zu bauen zu dem Thema der Eugenik im Dritten Reich, das im Bewusstsein der heutigen Erinnerungskultur eine eher untergeordnete Rolle einnimmt. Eine gelungene Auseinandersetzung zwischen Film, Geschichte und Kunst.

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