Von der Schlei in die Welt – Im Gespräch mit Regisseur Friedrich Tiedtke

Von Eckernförde ging er nach Berlin und von dort aus nach Dänemark, wo er unter den wachsamen Augen eines Lars von Trier an seinem Handwerk feilte. Jetzt läuft sein aktueller Film auf Festivals in Seattle und Cambridge. Zum Filmfest Schleswig-Holstein lässt er es sich nicht nehmen, in seiner Heimat Halt zu machen, um im Kommunalen Kino in der Pumpe THE BOY IN THE OCEAN zu zeigen. Fünf Fragen an Regisseur Friedrich Tiedtke.

 

Ein Interview von Yorck Beese

In deinem neuen Film zeigst du ein Thema, das im Kino noch eher selten ist: Das Erwachen der Sexualität im männlichen Kind, das sich eigentlich noch fest im Schoß der Familie befindet. Wie kamst du zu diesem Thema?

Ich bin mir nicht mehr sicher, was zuerst kam: Die Idee einen Film über den Übergang zwischen Kindheit und Jugend zu machen oder einen Film, der auf einem Segelboot spielt. Letztendlich ergänzen diese Ideen sich aber gegenseitig, denn das Segelboot hat als Ort eine Ambivalenz, die sowohl die äußere als auch die innere Gefangenschaft des Protagonisten einfängt.

 

THE BOY IN THE OCEAN nimmt sich dem Coming of Age an, ohne geschmacklos oder platt zu werden. Was verbindest du mit der Situation. Wie bewertest du die Rolle des Jungen, in dem die Lust gerade erst erwacht?

Üblicherweise wird Jungen eine eher einfache Rolle zugeschrieben, wenn es um pubertäre oder vorpubertäre Sexualität geht. Der Schmerz und die Tiefe, die mit dem sexuellen Erwachen verbunden sind, werden dagegen kaum beleuchtet. Dabei ist das ein komplexes Thema, das noch längst nicht ausgelotet ist.

 

Dein Film lässt den Zuschauer unmittelbar am Innenleben des Jungen teilhaben, macht seine Gedankengänge nah und nachvollziehbar. Wie wichtig ist dieser Aspekt für dich?

Psychologisierung ist eines der wichtigsten Elemente des Filmemachens. Das macht Kino spannend, schafft Komplexität, schafft Stimmung und Zeitbezüge. Um eine Figur spannend zu machen, muss der Zuschauer an ihrer Psyche teilhaben können. Für mich persönlich beginnt dieser Aspekt natürlich mit der Preproduction, aber er endet erst mit dem finalen Schnitt und selbst der bringt noch Neues hervor, an das ich vorher vielleicht nicht gedacht habe, im Nachhinein aber im Film haben möchte.

 

War es schwierig, diese Rolle mit einem Jugendlichen zu filmen?

Mein Hauptdarsteller, der selbst noch in diesem Alter ist, 12 bis 15 Jahre eben, hat mit seiner Professionalität voll überzeugt. Durch die Art und Weise, wie wir einige der „schwierigen“ Takes gedreht haben, in Verbindung mit seinem Spiel, konnte ich sicher sein, dass wir den Film in der gewünschten Form zeigen können.

 

Dein Film zeigt einen pointierten Umgang mit Sprache – die Dialoge der Figuren sind zugleich an die Situationen gebunden, in denen sie stattfinden, und vermitteln doch eine tragische Ironie, die der Szene innewohnt. Wie wichtig ist Sprache für dich?

Die Schwierigkeit ist es, die Sprache natürlich zu halten. Natürlichkeit zu erzeugen ist eine Kunst für sich. Ein Drehbuch zu erstellen ist da auch ein schwerer Prozess, doch muss man eine Abgewogenheit erreichen. Ich möchte so wenige Worte wie möglich benutzen, lieber nochmal einen Satz streichen. „Ist Sprache überhaupt in der Lage wiederzugeben, was wir sagen wollen?“, das ist eine Frage, die ich mir mehr und mehr stelle.

 

Bild: Berit Mölleken

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