„Ich bin jetzt für dich aus Glas“ – Hille Norden über ihr neues Projekt

Die junge Filmemacherin Hille Norden arbeitet zur Zeit an einem Dokumentarfilm über zwei syrische Brüder, mit Tim Butenschön an der Kamera. Der eine Journalist, der andere Maler. Gefördert wurde das Projekt von der Filmwerkstatt Kiel mit einer Projektentwicklungsförderung. Schon die ersten Gespräche mit einem der Brüder zeigen, wie wichtig der Film in der Diskussion um Grenzen und Kontingente sein könnte. Denn er verdeutlicht mit beeindruckend klaren Worten und ausdrucksvollen Bildern des Malers, warum sich die Syrer auf die Flucht begeben müssen. Ich habe mit Hille Norden über das Projekt gesprochen.

Das Interview führte 2016 Jessica Dahlke

 

Du arbeitest gerade an einem Dokumentarfilm. Kannst du uns kurz erzählen, worum es geht?

Ja, es geht um zwei Brüder, die beide aus Aleppo kommen. Der eine hat Journalistik studiert und der andere erst Jura und dann Kunst. Der Journalist war dort im Lokaljournalismus tätig und der Künstler hat an der Fakultät für Schöne Künste unterrichtet. Beide hatten ein Problem mit dem Assad-Regime. Der Journalist ist mehrere Male wegen seiner Arbeit im Gefängnis gewesen und ist mit seiner Familie – er hat zwei Kinder – geflohen. Zuerst in den Libanon, wo er auch wieder im Gefängnis war und dann über ein EU-Kontingent nach Deutschland. Er lebt jetzt etwa seit zwei Jahren in Leipzig.

Der Künstler ist da geblieben, bei seiner Familie, und hat weiter gemalt. Doch er musste irgendwann sein Haus verlassen, weil er in einer Region wohnte, in der besonders viele Bomben fielen. Auch sein Atelier wurde zerstört. Er hat seine letzten Bilder nach Deutschland schmuggeln lassen und diese wurden in Leipzig ausgestellt. Eins der Bilder wurde verkauft. Von dem Geld konnte er dann selber fliehen und ist seit 2015 in Deutschland.

 


Zeichnung von Zakwan Khello

 

Wie bist du auf das Thema gekommen? Was interessiert dich daran am meisten?

Eher auf Umwegen. Ich interessiere mich persönlich schon sehr lange für Flüchtlinge, weil es immer ein Teil meines Lebens war. Ich war selbst zweieinhalb Jahre mit einem afghanischen Flüchtling zusammen und auch meine Familie ist in dem Bereich tätig im Sinne von Deutsch-Nachhilfe, Bildungspatenschaften und Aufnahme von Transitflüchtlingen. Ich hatte darüber nachgedacht, einen Spielfilm über Flüchtlinge zu machen bzw. mit Flüchtlingen und habe darüber nachgedacht, was ich da so machen könnte. Meine Mutter war in Leipzig und hatte diese Ausstellung besucht. Sie hat mir davon erzählt und wie sehr sie die Bilder berührt hätten. Und dass diese Bilder sie auch sehr an meine eigenen Bilder erinnert hätten. Ich habe dann weiter recherchiert und hatte das Bedürfnis diese Doku zu machen. Zunächst musste ich die richtige Kontaktperson finden, da der Künstler kein Deutsch spricht. Und dann wurde ich auch von der Filmwerkstatt Kiel mit einer Projektentwicklungsförderung gefördert. Ab da gab‘s für mich kein Zurück mehr.

 

Zakwan Khello
Zeichnung von Zakwan Khello

 

Was ist die Geschichte, die du mit dem Film erzählen willst?

Was ich an den beiden sehr beeindruckend finde ist, dass es zwei sehr positiv denkende Menschen sind, die unglaublich schreckliche Sachen erlebt haben und beide aus Syrien geflohen sind, weil sie sagen: Wir wollen nicht kämpfen und wir wollen niemanden töten. Sie haben eine unglaublich große Liebe für ihr Land. Deshalb kann der Künstler auch kein Englisch, weil er nie daran gedacht hätte, sein Land zu verlassen. Aber sie mussten es doch. Eigentlich haben sie Sachen erlebt, wo man denkt, wie kann dieser Mensch noch leben? Aber sie tun es trotzdem und sie tun es mit großer Freude. Und sie tun das auf eine wunderbare Art und Weise. Ich möchte zeigen, wie es in den Ländern ist. Wie es den Leuten auf der Flucht geht und wie es ihnen hier geht. Und was für positive Energien Menschen entfalten können, wenn man ihnen die richtige Umgebung bietet. Wenn man ihnen die Chance gibt, sich weiter zu entwickeln.

 

Du hast ja im Zuge deiner Recherche schon einige Gespräche mit den beiden geführt. Gab es da etwas, was du besonders herausstellen möchtest? Wie war die Begegnung mit den beiden?

Was mich besonders beeindruckt hat? Zum Beispiel, dass der Journalist, Tarek Khello, sehr gut Deutsch kann und hier in Deutschland angefangen hat, journalistisch zu arbeiten. Er ist ein sehr energiegeladener Mensch, aber leider ist er schwer erkrankt und daher konnte ich noch nicht mit ihm sprechen. Ich weiß genug, um ein Drehbuch zu verfassen und wir werden auch mit ihm drehen können. Aber es waren noch keine Interview-Situationen mit ihm möglich. Und mit Zakwan Khello habe ich vor dem ersten Treffen nie geredet, weil er kein Deutsch und kein Englisch kann. Deshalb habe ich immer nur über seinen Sozialarbeiter und Tarek mit ihm kommuniziert, bis zum ersten Treffen. Ich habe vorher gehört, dass er ein sehr stiller Mann sein soll, ein schüchterner, einer, der einfach nicht auffällt. Und darauf hatte ich mich eingestellt. Ich hatte gedacht, dass er mir die Bilder zeigt und dass der Hauptredeanteil bei seinem Bruder liegt. Wir hatten dann das Vorgespräch und ich habe ihm gesagt: Du kannst uns alles erzählen, was du möchtest und was du nicht erzählen willst, musst du nicht erzählen. Und er sagte: Okay, ich bin jetzt für dich aus Glas. Und dann fing er an zu erzählen und erzählen und wir haben am ersten Tag etwa 12 Stunden zusammengesessen und am nächsten Tag auch nochmal drei Stunden. Inzwischen haben wir glaube ich an die 50 Stunden Interview.

 

Zakwan Khello
Zeichnung von Zakwan Khello

 

Wir haben über lange Zeit immer nur zugehört wie er Arabisch sprach, bevor es übersetzt wurde, aber es war nie langweilig. Weil man schon da verstanden hat, was er sagen wollte. Er hat eine ausdrucksvolle, bildliche Mimik. In dem einen Moment hat er geweint, in dem anderen gelacht. Er hat eine große Bandbreite an Gefühlen und war von einer Gutherzigkeit, die mich beeindruckt hat. Wie gesagt, ich kenne viele Flüchtlingsgeschichten, aber hier habe ich Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ich glaube, was mich am meisten beeindruckt hat war, was er zu seinen Bildern gesagt hat. Ich les dir einfach mal etwas aus dem Interview vor:

Wir mussten in einem Truck transportiert werden, aber unter der Plane war keine Luft. Wir hatten kein Messer um die Plane zu durchstechen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie diese Schlepper uns in eine solche Situation bringen konnten. Wie böse sie sein könnten. Aber ich wusste, wenn wir auf der anderen Seite sind, dann wartet da das neue Leben.

Und das ist nur das Interview ohne die Bilder. Jedem, dem ich das vorlese, ist zu Tränen gerührt. Auch ich habe während des Interviews viel geweint.

 

Zakwan Khello

 

Gibt es noch etwas, was du unbedingt über diesen Film erzählen willst?

Ich glaube ich habe Sorge davor, dass ich diesen Film für die Schublade produziere, weil es mir wichtig ist, dass die Leute diesen Film sehen. Ich möchte, dass ihn nicht nur die Leute sehen, die sich ohnehin schon für Flüchtlinge mögen, sondern eben die, die dagegen sind. Weil genau für diese der Film ist.

 

Wann wird der Film deiner Einschätzung nach fertig sein?

Wir haben jetzt schon ein bisschen gedreht, aber es fehlen natürlich noch viele Aufnahmen. Derzeit sammele ich noch Geld, um den Dreh zu Ende führen zu können und meine Mitarbeiter wenigstens ausreichend zu bezahlen. Auch eine kleinere, finanzielle Hilfe kann für unser Projekt die vielleicht entscheidende Hilfe sein. Wer also jemanden kennt oder selber Lust hat, die „Khello Brüder“ zu unterstützen, der macht mir eine riesen Freude und kann mich unter der Adresse hille@norden.sh kontaktieren.

 

Vielen Dank für das Interview

Ein Gedanke zu „„Ich bin jetzt für dich aus Glas“ – Hille Norden über ihr neues Projekt

  1. Zu gerne würde ich wissen, wann der Film zu sehen ist. Ich kenne Zakwan persönlich und stehe mit
    ihm in Kontakt. Danke für eine kurze Mitteilung.

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