Whatever Happens Next

Husumer Filmtage 2018: Die Lust des Sich-treiben-Lassens

Ein Mann öffnet die Haustür, nimmt die Zeitung aus dem Briefkasten und radelt zur Arbeit los. Doch dann lässt er sein Fahrrad einfach an einer Pferdekoppel stehen und steigt von einer Sekunde zur anderen aus seinem Leben aus. So beginnt der Eröffnungsfilm der diesjährigen 33. Husumer Filmtage. Anna Lena Möller hat ihn sich angeschaut.

Ein Bericht von Anna Lena Möller

1986 ins Leben gerufen, gehören die Husumer Filmtage zu den ältesten Filmfestivals in Norddeutschland. Über die Jahre konnten sie ihren Charakter als Filmschau ohne Wettbewerbscharakter erhalten und sich alljährlich einem Schriftsteller oder Künstler widmen. In diesem Jahr wird Schauspieler Bjarne Mädel geehrt. Zu den weiteren Programmschwerpunkten gehören Filmdiven des 20. Jahrhunderts, Neuer Deutscher Film und Schleswig-Holstein im Film.

„Whatever Happens Next“ (Debutfilm von Julian Pörksen)

Eine gesunde Mischung aus absurden trocken-humorischen Situationen und Genreanspielungen. Das macht den Film aus. Getragen wird das von Protagonist Paul Zeise (Sebastian Rudolf), der es versteht gekonnt auf dem feinen Grad zwischen Unverschämtheit und Charme zu wandeln, dass man ihm fast alles verzeiht. Er hört zu, ist die Projektionsfläche für die Menschen um ihn herum. Zum Beispiel als eine leicht demente Grauhaarige ihm voller Überzeugung erzählt, ein Japaner hätte sie mit HIV angesteckt, mithilfe von präparierten Rosendornen.

Bist du Tramper? So ähnlich

Er fährt mit: Bei dem Friedhofsgärtner, bei der Familie, die gerade von einer Trauerfeier kommt zu der sich Paul selber eingeladen hat. Bei dem Studenten auf dem Weg ins Erasmus-Semester in Polen. Autor und Regisseur Julian Pörksen verarbeitet in Bild und Ton viele Elemente eines Roadmovie: Angefangen mit der während der Fahrt aus dem Fenster gehaltenen Hand, die sich mit dem Fahrwind bewegt, über das bübische Brettern auf den Landstraßen mit einem Auto älteren Jahrgangs. Die T-Shirt Aufschrift des Protagonisten: „Just do it.“. Der erste Akt des Films dabei geprägt vom jazzig-folkigen Gitarrensound. Später kommt sogar ein, von den Bildern genretypisch aufgelöster, Western-Showdown hinzu. Doch diese Genremerkmale werden ironisch verkehrt: Das Auto landet im Graben, die demente Frau hat die Einladung zum spontanen Kino-Besuch einfach vergessen und der Showdown-Gegner kippt aus heiterem Himmel um.

Whatever Happens Next

Immer auf der Suche

Paul hat keinen Lebensentwurf, keine Sicherheiten. Er bindet sich nur kurze Zeit an seine Zufallsbekanntschaften. Immer auf seinen Fersen der Privatdetektiv Ulrich Klinger (Peter René Lüdicke), der ihn im Auftrag seiner Frau sucht. Er warnt die Menschen, Paul sei ein Schnorrer, ein Hochstapler, der sich nimmt, was er braucht und dann weiter zieht. Aber ist da nicht mehr? Ausgeraubt und ohne Schuhe übernimmt Paul in Polen die Verantwortung für einen im Koma liegenden Mann, den er bis zu dessen Tod begleitet. Es folgt eine der beeindruckendsten Szenen des Films: Paul begegnet im Krankenhaus den in schwarz gekleideten Angehörigen des Komapatienten. Sie ziehen an ihm vorbei ohne zu wissen, das der Mann, der die letzten Momente des Patienten miterlebt hat, ihnen gegenüber steht.

Eigentlich könnte Paul nun in sein altes Leben zurückkehren, der Detektiv könnte ihn ausfindig machen (tatsächlich verpasst er ihn in Polen nur knapp). Doch Paul geht seinen Weg weiter, sein nächstes Etappenziel: Kiel.

Whatever Happens Next

Und dann kommt er nach Kiel

Dort lernt er die liebevoll konfuse, borderline nervige Nele (Lilith Stangenberg) kennen, die Paul in vieler Hinsicht ähnlich ist. Auch sie lebt im Moment, ist verträumt, lässt sich von ihren Emotionen treiben: Vielleicht ist die Katze, die sie hüten soll schon tot, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht will sie baden gehen, vielleicht aber auch nicht. In diesem letzten Akt zeigt der Film Längen, das Katz-Maus-Spiel, das sich zwischen Paul und Nele, und dem inzwischen ebenfalls in Kiel angekommenen Privatdetektiv und Pauls Ehefrau Luise (Christine Hoppe) entwickelt, kommt nicht in Fahrt. Der Moment einer möglichen Rückkehr, einer Konfrontation mit seiner Ehefrau, tritt nie ein.

Und doch scheinen die Begegnung mit Paul in seinen Mitmenschen etwas ausgelöst zu haben. Der Friedhofsgärtner wird zum Tramper, die demente alte Frau geht auf eine Zugreise und der Privatdetektiv wünscht Paul schlussendlich viel Glück, als er ihn zufällig auf einem Spielplatz trifft. Und Paul? Der zieht natürlich weiter. Wohin: Völlig egal. An einer Bushaltestelle in den Schottischen Highlands verlassen wir ihn, mit ihm zusammen wartet: ein Japaner mit einem Strauß roter Rosen in der Hand.

Whatever Happens Next

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