Im Kino regnet’s nicht: Zum Ausklang des Dokumentarfilmsommers

Noch bis zum 6. September zeigt das Kommunale Kino in der Pumpe den Dokumentarfilmsommer. Anlass genug, um im dritten und letzten Teil unseres großen Interviews mit Dr. Eckhard Pabst und seinem Team, Kirsten Geißelbrecht und Zara Zerbe, über das Verhältnis des Kinos zu den kleinen Filmemachern zu sprechen – und über die Fähigkeit, Filme „sehen zu können“.

Das Interview führte Yorck Beese

Von Kinos und Filmemachern

Lasst uns über einen besonderen Aspekt des Kinos sprechen: Das Filmemachen. Das wirkt jetzt zunächst fehl am Platz, weil es mit der Vorführung nicht direkt etwas zu tun hat. Aber sicher stimmt ihr mir zu, wenn ich zunächst einmal sage, dass Filmemachen immer eine Gemeinschaftsarbeit, eine Kollektivkunst ist, oder?

KG: Abgesehen von den Experimentalfilmern und Eigenbrötlern, ja.

 
Ok, abgesehen von denen. Wie könnte – oder vielleicht: sollte – ein kommunales Kino eurer Ansicht nach zu dieser Gemeinschaftsarbeit beitragen?

ZZ: Wir können den Leuten das Filmemachen natürlich nicht abnehmen. Aber wir nehmen ständig Filme von kleinen Filmemachern ins Programm.
KG: Wir zeigen ständig den Nachwuchs. Jetzt im Juli zum Beispiel, da zeigen wir DÖRP MEETS ART von Elsabe Gläßel…
ZZ: Im Januar hatten wir sogar ein Helmut Schulzeck Special mit drei Premieren an einem Abend…

 
Das heißt, ihr nehmt auch gerne die „kleinen Filmemacher“ ins Programm.

EP: Ja, neben dem Filmfest Schleswig-Holstein, das einmal im Jahr stattfindet, machen wir auch einen oder zwei Premierenabende im Jahr. Die Filmemacher sind dann natürlich total aufgeregt.

 
Aber sie können aus der Vorführung auch etwas für ihr Interesse, das Filmemachen, lernen?

EP: Wenn der Film vor Publikum läuft, merken die Filmemacher dann auch, ob ihr Film funktioniert. Auf der Leinwand funktionieren Filme sowieso besser, denn den Film will ich sehen, der auf einem Monitor besser ist als auf einer Leinwand.
ZZ: Das Seherlebnis ist ein ganz anderes, denn hier sind die technischen Voraussetzungen besser: Die Anlage – der Bildschirm und das Soundsystem – wirkt ganz anders, weil sie eben so groß ist. Das heißt, der Film kann hier seine volle Wirkung entfalten. Und wir machen natürlich Werbung in unserem Programm und im Social Media-Bereich.

 

„The First Cut ist he Deepest“ – Studenten der CAU Kiel präsentieren Erstlingswerke (Foto: Zara Zerbe, Die Pumpe).

Vom Kulturerbe Film und Martin Scorcese

Zum erklärten Programm der Kommunalen Kinos gehört auch die sogenannte „Schule des Sehens“. Um kommunale-kinos.de zu zitieren: „Wir alle lernen in der Schule Lesen, Rechnen und Schreiben, aber nicht Sehen.“ Wenn man zum Lesen und Schreiben Buchstaben braucht und zum Rechnen Zahlen, was braucht man dann, um Sehen zu lernen?

ZZ: Also ich glaube man muss im Laufe seines Lebens den Umgang mit dem Medium Film lernen. Egal was „realistisch“ ist, es passieren im Film ja auch Dinge, die in der Realität nicht sein können. Zum Beispiel Zeitsprünge, bei denen etwa acht Stunden Zeit ausgeklammert werden. Ich kann mich noch erinnern, in meiner Kindheit durften die Nachbarskinder kein Fernsehen gucken, einschließlich Sesamstraße, während ich fernsehen durfte. Ich habe immer GZSZ gesehen und als wir das einmal mit den Nachbarskindern gesehen haben, wussten sie mit den plötzlichen Sprüngen von einem Handlungsort zum andern und den parallelen Handlungen gar nichts anzufangen. Sie konnten das Medium noch nicht lesen. Insofern bin ich auch der Überzeugung, es ist ok, das Sehen früh zu vermitteln.

 

Martin Scorsese hat einmal ein Konzept formuliert, sicher habt ihr davon gehört. Scorcese sagte, dass die sogenannte „visual literacy“ – frei übersetzt: die Fähigkeit, Filme sehen zu können – verlorengegangen sei. Was bedeutet so eine Aussage für euch?

EP: Man muss da differenzieren. Scorcese meinte einerseits das Kino und vor allem, dass Filme auch zu sehen sein müssen. Wenn sie einmal gedreht wurden, danach in einem Kino laufen und dann auf DVD vertrieben werden, das ist ja schön und gut. Wenn sie dann aber nur noch in einem Archiv liegen oder digitalisiert auf irgendeiner Festplatte liegen und nicht angesehen werden, dann haben sie ihren Nutzen eingebüßt.

 
Wie lässt sich das mit der Notwendigkeit vereinbaren, Filme auch deuten zu können?

EP: Ich kann in eine Kirche gehen und keine Ahnung von Kirche haben. Vielleicht stelle ich dann drinnen fest: „Wow, in der Kirche ist mehr Schatten als draußen.“ Ein Kunsthistoriker dagegen geht in dieselbe Kirche und stellt fest: „Wow, diese Kirche ist ganz anders als die, die ich heute früh gesehen habe.“ Es geht Scorcese um die Erhaltung des kulturellen Reichtums und unsere Aufgabe ist analog dazu, das filmische Erbe zu bewahren. Der Film muss auf die Leinwand. Das ist unser Anteil daran, die Kultur zu wahren.

 

Die Pumpe hält das Filmerbe lebendig: NOSFERATU mit Klavierbegleitung (Foto: Zara Zerbe, Die Pumpe)

 

Noch bis zum 6. September zeigt das Kommunale Kino in der Pumpe den Dokumentarfilmsommer 2017. Mit dabei ist auch WER WAR HITLER? (D 2016/2017), der monumentale Dreiteiler, der mit Zeitzeugendokumenten ein ungeahnt authentisches Bild der Person Hitler und ihrer Zeit zeichnet. Regisseur Hermann Pölking wird am 3.9. persönlich vor Ort sein und Fragen des Publikums beantworten.

Zur Website Kino in der Pumpe

 

 

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