Interview mit Susanna Salonen „Patong Girl“

Die Filmemacherin Susanna Salonen stellte auf dem Filmfest Schleswig-Holstein ihren ersten Spielfilm vor, den sie in Thailand gedreht hatte. Ein Interview vom Eröffnungsabend.

Arne Sommer
Zunächst muss ich fragen: Was hat der Film mit Schleswig-Holstein zu tun?

Susanna Salonen
Wenn es nicht die LAG Jugendfilm und die Kulturelle Filmförderung in Schleswig-Holstein gegeben hätte, wäre ich nicht Filmemacherin geworden. Ich bin in Lübeck aufgewachsen und meine ersten Kurzfilme sind nur möglich gewesen, weil es die Filmwerkstatt und die kulturelle Filmförderung gibt. Die Familie im Film kommt übrigens nur deshalb aus Lüneburg, weil ich dachte es sei zu peinlich, sie in Lübeck zu verorten. Denn die Lübecker wären wahrscheinlich ziemlich stinkig, wenn da stehen würde „So eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland“. Bei Lüneburg kann man das noch irgendwie machen. (Gelächter im Saal) Sind Lüneburger hier? Ja, nee, wenn ich das mit Lübeck machen würde, könnte ich mich da nirgendwo mehr sehen lassen. Hat das die Frage beantwortet?

Sommer
Ich glaube schon. Das ist ja nicht dein erster Film, aber dein erster Spielfilm, den du als Regisseurin und Drehbuchautorin verantwortest. Kann man das so sagen?

Salonen
Ja.

Sommer
Du bist einerseits Kamerafrau, aber auch Dokumentarfilmerin und ich finde, das merkt man dem Film relativ deutlich an. Wie bist du an den Stoff herangegangen? Das war ja immerhin ein neues Genre für dich oder eine neue Art von Film. Hast du mit ähnlichen Strategien wie vorher recherchiert und gerabeitet?

Salonen
Der Film spielt in Thailand, weil ich in den 90ern dort Tauchen unterrichtet habe und ich diese Urlaubswelt kannte. Deshalb war es nicht so abwegig, den ersten Film in Thailand zu machen. Ich bin hingefahren, um für den Film die Welt außerhalb dieser Urlaubswelt kennenzulernen. Außerdem habe ich mich mit unheimlichen vielen Lady-Boys getroffen und mit ihnen geredet, um eine Idee davon zu bekommen, was das bedeutet. Dann habe ich mich hingesetzt, um ein Drehbuch zu schreiben. Dokumentarfilme kann man ja auch anders anfangen, indem man sagt, ich habe eine Idee, fang einfach mal an zu drehen und sehe dann weiter. Beim Spielfilm geht das natürlich überhaupt nicht.

Sommer
Hast du alles auf Deutsch geschrieben?

Salonen
Die Figuren reden viel auf Englisch, Thai-Englisch und Deutsch-Englisch. Ich habe die Dialoge so geschrieben, wie sie sind.

Sommer
Erzähl doch mal von den Dreharbeiten in Thailand. Man hat im Abspann gesehen, dass ihr ein normales Spielfilmteam hattet.

Salonen
Wir haben den Serviceproduzenten zu Anfang etwas im Unklaren gelassen, denn wir haben gesagt, dass wir einen Dokumentarfilm drehen. Wir hatten nicht sehr viel Geld und dann war irgendwie klar, dass wir das brauchen und das brauchen. Die Liste wurde immer länger. Und schließlich war das eine ganz normale Teamgröße.

Sommer
Gibt uns doch mal einen ganz kleinen Einblick, wie ihr diese Busszenen gedreht habt?

Salonen
Die Leute im Bus mussten drei Tage lang die gleichen sein und dann macht man es so wie überall auf der Welt, man engagiert Statisten. Der Bus war ein alter Bus, den der Ausstatter gefunden hatte. Der hatte natürlich keine Klimaanlage und es war echt warm da drin. Das müssen Sie sich so vorstellen: Draußen sind 37 Grad und im Bus mussten die Fenster geschlossen bleiben für den Ton. Und dann sitzt man da ein paar Stunden im Bus. Es war so heiß, dass ich das Gefühl hatte, das es wirklich komisch ist. Ein bisschen wie in einer Sauna. Ich hatte das Gefühl, dass die Schauspieler so gut spielen, weil sie einfach nur noch da weg wollten. Das war innere Verzweiflung, die dann sozusagen alles fallen ließ.

Sommer
Kommen wir zur thailändischen Hauptdarstellerin. Oder den Hauptdarsteller? Ich weiß gar nicht. Gibt es ein Personalpronomen im Thailändischen für das Dritte Geschlecht?

Salonen
Nein, gibt es nicht. Ich sage sie, sie redet auch selber von sich in der weiblichen Form. Ja, Aimp, so heißt sie mit Spitznamen, ist tatsächlich ein Lady-Boy. Ich dachte, das wäre doof, das kann ich nicht bringen, eine normale Schauspielerin zu nehmen. Es gibt in Thailand eine Tradition von drei Geschlechtern und die ist sehr alt. Es ist ein interessantes Konzept und setzt interessante Gedanken frei. Ich habe in Bangkok eine Woche lang Lady-Boys gecastet, die schauspielaffin waren und Aimp war die, bei der ich dachte, sie ist sehr schön und sie spielt am besten von allen.

Sommer
Und das war ihr Debüt?

Salonen
Nein, sie hat schon vorher gespielt. Sie kommt aber aus einer anderen Spieltradition. Max Mauff, der den jungen Mann spielt, spielt anders: steht mit krummen Rücken da und nuschelt vor sich hin. Sie spielt ein größeres, zeigendes Spiel und da muss man aufpassen, dass das zueinander passt. Denn in dem Moment, wo du jemanden wie Max hast, wirkt das wahnsinnig schnell affektiert und wenn es affektiert ist, dann fragt man sich, warum verliebt er sich in sie? Das fällt auf beide zurück und keiner glaubt die Liebesgeschichte. In dem Fall kann man den ganzen Film in die Tonne treten.

Sommer
Ich würde gern dem Publikum die Chance geben, ein paar Fragen zu stellen.

Helmut Schulzeck
Ich hab gesehen, dass ihr auch Aufnahmen mit Drohnen gemacht habt. Warum? Ist es nicht kompliziert genug im Ausland zu drehen?

Salonen
Es gab drei kleine Flugaufnahmen. Die Kamerafrau wollte eine Drohne mitnehmen und ich habe zugestimmt. Ich finde in der Szene, in der die beiden aus dem Urlaubsort rausfahren, ist die Luftaufnahme total richtig. Die anderen zwei Drohnenaufnahmen haben wir gemacht, um zu sehen, wie es aussieht. Aber tatsächlich, das ist nicht gut gegangen mit der Drohne. Menschen, die schon mal in Thailand waren wissen, dass die Elektroleitungen etwas anders aussehen. Und diese Leitungen haben interessante Magnetfelder. Das hat den Funk der Drohne gestört und die ist immer wieder abgestürzt. Insofern, ja wir haben es halt probiert.

Zuschauerin
Wann ist das kleine Fernsehspiel mit eingestiegen?

Salonen
Das kleine Fernsehspiel ist ziemlich früh dabei gewesen. Ich hatte eine erste Drehbuchfassung geschrieben und diese eingereicht, weil ich da Kontakte hatte. Ihnen gefiel die erste Fassung. Auch wenn klar war, dass man es umarbeiten muss, weil sie zu kompliziert war. Die Figuren sind dauernd hin und her geflogen und das ist nicht wirklich interessant. Die Vorurteile der Eltern waren zuerst auch viel stärker im Vordergrund. Die Mutter tut sich im Film immer noch ganz schön schwer. Ich habe totale Sympathien für diese Mutter. Wenn ich einen Sohn hätte, der sich in einem fernen Land eine Frau verknallt, würde ich mir auch Gedanken machen. Als Mutter hat man immer die Arschkarte. Mütter sind die, die sagen „Vergiss deinen Schal nicht“. Das ist alles sehr uncool. Die Mutter im Film schafft es, sich zu befreien. Zu sagen, er ist jetzt 18 und muss seine eigenen Fehler machen. Aber sobald er erwachsen ist, muss auch sie überlegen, was mache ich mit dem Rest meines Lebens und so lange das nicht so ist, muss sie sich keine Gedanken darüber machen. Also wird er besser nicht erwachsen. Das bedingt sich dann gegenseitig.

Helmut Schulzeck
Hast du den Film in Thailand schon gezeigt?

Salonen
Das Team hat ihn gesehen und das Goethe-Institut in Bangkok will ihn gerne Ende des Jahres zeigen. Worüber ich mich freue.

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