into the web. CAU Kiel zeigt Webserien

Zwei Tage nach der Projektschau der FH Kiel lud das Projektseminar des Studiengangs Medienwissenschaft ebenfalls zum großen Premierenabend ins Kino in der Pumpe ein. Für viele Studierende war es ein Sprung ins kalte Wasser, schließlich sind es an diesem Abend vor allem Fachleute im Analysieren von Medienformaten, die ihre Webserienfolgen und -trailer präsentieren. Das Fazit des Abends: Produktionstechnisch wie inhaltlich können die „Theoretiker“ von der Uni mithalten mit Fachhochschule und Muthesius, da freut man sich auf mehr! Ab sofort werden die Projekte nach und nach auf youtube gestellt.

Bericht von Anna Lena Möller

Begleitetes Schwimmen

So könnte man augenzwinkernd das Konzept des Projektmoduls des Masterstudiengangs Film- und Fernsehwissenschaft beschreiben, denn es besteht aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. In den ersten sechs Monaten wurden viele verschiedene Webserien geschaut und immer wieder gefragt, was sind Webserien überhaupt? Welche interessanten Konzepte gibt es? Welche Themen werden behandelt und sieht so die Zukunft des Fernsehens aus? So beschreibt es Prof. Dr. Markus Kuhn in seiner Anfangsrede, er hat die Studierenden ein Jahr lang begleitet. Im zweiten Semester folgte dann der Sprung ins kalte Wasser. Zwei bis drei Serienfolgen und ein Trailer sollten auf der Grundlage eines fortsetzbaren Serienkonzeptes erarbeitet werden. Das Ergebnis sind drei fiktionale und zwei dokumentarische Webserien.

Die ironische Dramatisierung einer Kommentarspalte

So könnte der Untertitel zu Tabu lauten. Ein schwules Pärchen sitzt zu Hause auf der Couch und diskutiert im typisch deutschen Beschwerdeton über die Welt und die Menschen im Besonderen. Thematisch lässt diese Serie wirklich nichts aus und spielt vor allem in seinen Mono-Dialogen. Mit überspitzten Stereotypen und polarisierenden Äußerungen zu Homophobie, Vollverschleierung und Politikverdrossenheit. Gespannt kann man sein, ob das satirische Konzept der Serie seine Doppelung in der Kommentarspalte findet und sich dadurch ein transmedialer Kommentar zum gesellschaftlichen Verhalten im Internet ergeben wird.

Krebsdiagnose mit Acrylfarbe

Das interessanteste visuelle Konzept des Abends bietet die Instagram-Webserie Insights-Inside. Bunte Acyrylwolken und flirrende Klangsphären rahmen die Interview-Sequenzen. Alleine sitzen da die Protagonisten vor einer schwarzen Leinwand und erzählen von Bestrahlungstherapien, dem Moment, wenn man nach mehreren Totgeburten endlich sein Baby in den Armen hält, von Selbstmordplänen und schlechten Perücken. Die Serie bietet Raum, stellt die Geschichten unter Begriffe wie #diagnose oder #glück nebeneinander und möchte dabei seinen Teil zur Entstigmatisierung von psychisch/physisch Erkrankten beitragen. Positiv fällt auf, wie vertraut und offen die Betroffenen ihre Geschichte teilen „das war nicht immer einfach“, sagt Filmemacherin Johanna Wiese im anschließenden Gespräch „es gab auch Momente, in denen wir alle am Set geweint haben“.

Vokuhila-Hipster trifft Indie-Afro

Mit Musikperformances und Interviews, die tonlich erstaunlich gut aufbereitet sind, beleuchtet Now You Hear Me die Vielfältigkeit der Kieler Musikszene. Verbindung zum Publikum soll dabei vor allem durch einen Moderator entstehen, der als Gesprächspartner für die Musiker zur Verfügung steht. Die im Kino gezeigte Folge stellt zwei Singer-Songwriter gegenüber, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Einen Hobbymusiker, der von sich selbst sagt, er könne nicht musizieren, er tue es aber einfach trotzdem. Und eine junge Sängerin, die dabei ist, als Profisängerin Fuß zu fassen. Die beiden kennen sich. Egal wie unterschiedlich die Menschen, Kieler Musiker halten zusammen.

Eine steinkalte Mädchenfreundschaft

Es ist die Freundschaft der Filmemacherinnen und die Nordisch Noir angehauchte Farbpalette, die diese Geschichte authentisch wirken lässt. Ein Format, das auch gut zum Angebot von #funk gehören könnte, so gut ist die Bild- und Tonqualität. Und dann ist da noch das Ende der Pilotfolge, das die vier Schulfreundinnen vor einem Kreuz am Strand zeigt. Ein gemeinsames Geheimnis, dem durch Rückblenden nachgespürt wird. Es wirft die Frage auf, wie so viel Unbeschwertheit ins Gegenteil umschlagen kann? Steinkalt, so heißt die Serie, das muss häufig auch das Gefühl beim Dreh gewesen sein. Denn „wir haben im Februar auf Fehmarn gedreht, das war schon temperaturmäßig eine Herausforderung“, verraten die Filmemacherinnen nach dem Screening.

Insiderwitze im Krimiformat

In Krüger&Hardt werden die Fälle gelöst, die Borowski im Tatort übrig lässt. Verfolgungsjagden sparen sich die gemütlichen Kommissare und fahren stattdessen Paternoster. Und hin und wieder wird jemand mit einem gezielten Faustschlag ausgeknockt. Hervor sticht diese Serie durch ihre vielen Drehorte an Kieler Wahrzeichen. Jede Folge ist eine in sich geschlossene Geschichte, ein ironischer Loop, in dem der Hauptverdächtige immer der Hauptverdächtige bleiben wird und die Leiche immer die Leiche ist, so wird während des Q&A verraten. Gewürzt wird das Ganze durch Witze, die man wohl nur versteht, wenn man die CAU Kiel kennt und durch Querverweise auf die anderen Webserien, deren Titel als Wortspiele im Dialog auftauchen.

Am Ende des Abends überrascht Prof. Dr. Kuhn seine Studierende mit einer kleinen Preisverleihung, die dem Engagement der Studierenden Anerkennung zollt und dabei wie eine kleine Vorahnung auf den Hochschultag des diesjährigen Filmfestes Schleswig-Holstein wirkt.

Von den Webserien gibt es auf jeden Fall noch zwei weitere Screenings: Am 24. April 2019 und 30. April 2019 jeweils um 19 Uhr im Kino in der Pumpe.

Weitere Termine im Kino in der Pumpe

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