Kai Göhring | Film- und Theaterdarsteller

Kai Göhring ist vom Komparsen zum Film- und Serienschauspieler aufgestiegen und war auch international auf verschiedenen Theaterbühnen zu sehen. Kim hat ihn ein paar Fragen gestellt.

Das Interview führte Kim Weinbach

Wann und wie bist du zum Film gekommen?

Als erstes einmal: Vielen herzlichen Dank für deine Interview-Anfrage. Die Bezeichnung Schauspieler ist schon fast zu viel der Ehre, ich bezeichne mich eher als Darsteller für TV, Film und Theater. Ich sehe mich selber auch eher als interdisziplinären Künstler, denn ich liebe alles, was mit Kunst zu tun hat. Nun zur Frage: Durch einen Freund von mir, der selber schon seit einigen Jahren als Komparse beim Großstadtrevier und bei anderen Hamburger Komparsen-Agenturen tätig ist, erhielt ich die Internetadresse der Agentur „extraFaces“ in Hamburg. Dort habe ich im Frühjahr 2013 ein Profil erstellt. Mein erster Einsatz als Komparse ließ dann auch nicht lange auf sich warten.

Du hast eine Menge Erfahrung als Komparse sammeln können. Wie ist es dazu gekommen, dass du auch Sprechrollen im Film bekommen hast?

So mittlerweile sind es wohl so an die 100 verschiedene Einsätze als Komparse auf die ich zurückblicken kann. Meine erste Rolle mit Text habe ich beim Fan-Movie „Bond:reloaded“ von Ingo Frenzel spielen dürfen. Ich kann mich noch gut an all die Ohrfeigen von dir erinnern. An die Rolle bin ich über Facebook herangekommen. Genauso auch an meine zweite kleine Textrolle als Polizeibeamter, in dem von dir coproduzierten Film „Die Tote im Unterholz“ von Kai-Uwe Wedel.

Oh ja Die Ohrfeigen bleiben mir auf ewig in Erinnerung, aber wenn es im Drehbuch steht, dann setzen wir es auch so um.

Der Weg vom Schauspieler im TV und Film zum Theater schien dann nicht weit. Wo hattest du deine internationalen Auftritte und welche Rolle hast du genau in welchem
Stück gespielt?

Im Frühjahr 2014 fragte mich eine Bekannte, ob ich nicht am Theater „Dittchenbühne“ in Elmshorn in dem Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ mitspielen möchte. Mit diesem Stück waren wir im Herbst 2014 auch auf Ostsee-Tournee durch die baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Russland und Finnland, um nur einige Stationen zu nennen. Wir spielten unter anderem in St. Petersburg, Tallinn, Danzig und Murmansk. Die „Dittchenbühne“ ist übrigens das erste deutsche Theater, das in Murmansk, der nördlichsten Stadt Europas, aufgetreten ist. Im „Hauptmann“ habe ich den Schneidermeister Wormser gespielt. Einen Charakter, der nach oben hin buckelt und nach unten tritt. In dem Stück „Ich liebe Euch doch alle…“, eine Tragik-Komödie über den Zerfall der DDR, inszeniert von Maria von Bismarck, spielte ich drei Rollen, den Egon Krenz, einen Stasi-Schergen und einen NVA-Offizier an der Grenze. Letztes Jahr im Herbst waren wir dann mit „Der Revisor“ erneut auf Tournee. Darin durfte ich den Stadthauptmann Anton Antonowitsch zum besten geben. Anfang dieses Jahres hatten wir „Der Katzensteg“, inszeniert von Klaus Falkhausen, im Programm. Ich spielte dort die sehr emotionale Rolle des Antihelden Gevatter Hackelberg, einem menschlichen Wrack, der am Ende sogar seine Tochter erschießt.

War der Wechsel vom Film zur Bühne schwer für dich?

Als Darsteller ist es mir wichtig, immer authentisch und ehrlich zu agieren. Denn wenn man eine Rolle nur „vorspielt“, merkt es der Zuschauer. Egal ob in der Flimmerkiste, auf der großen Leinwand oder auf der Bühne. Auf der Bühne muss man seinen Part allerdings sehr genau und wiederholbar auf den Punkt spielen. Das muss man beim Film selbstverständlich auch, jedoch kann man beim Film jede Szene so oft wiederholen, bis man das beste Ergebnis erzielt hat. Im Theater kann man bei einem Patzer nicht so einfach sagen: „Liebes Publikum, ich hatte einen Texthänger, wir fangen nochmal von vorne an.“ Man ist es außerdem dem Publikum schuldig, bei jeder einzelnen Aufführung die gleiche Leistung abzurufen, von der ersten bis zur letzten Aufführung. Aber dafür probt man dann ja auch entsprechend lange im Vorwege.

Was macht dir mehr Spaß? Vor der Kamera zu stehen oder auf der Bühne, wo du den direkten Kontakt zum Publikum hast?

Beides ist immer wieder sehr aufregend, aber dieses Lampenfieber vor einer Premiere oder Aufführung ist mit nichts zu vergleichen.

Vor einem Jahr standest du ja auch in meinem Kurzfilm „Der Letzte Drink“ vor der Kamera. Einen Film über die Alkoholkrankheit und seine Auswirkungen, wenn ich es so ausdrücken darf. Es war und ist mir eine riesen Ehre, dass ich mit dir zusammenarbeiten durfte. Du hast so grandios gespielt, dass nicht nur ich, sondern das ganze Team bei deinem Spiel Gänsehaut hatte. Was hat dich überzeugt eine solche Rolle zu spielen?

Vielen lieben Dank für Dein Lob. Mir war das Mitwirken in diesem Film deshalb so wichtig, weil die Geschichte/das Drehbuch aufzeigt, dass Sucht auch immer alle Angehörigen des Erkrankten mit einbezieht. Das Thema Alkoholismus bzw. stoffgebundene Abhängigkeits- Erkrankung, ist ja in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Sucht ist immer eine Familienkrankheit und sehr oft entwickeln sich Co-Abhängigkeiten an denen die Betroffenen (also die Co-Abhängigen) auch zugrunde gehen, mit teilweise dramatischen Entscheidungen, wie es in dem Film thematisiert wurde. Ich fand es wichtig, diese kleine Geschichte mit erzählen zu dürfen und es war mir eine Ehre, dass Du mich als Darsteller dafür auserkoren hast.

Du lebst in Elmshorn, bei uns im wunderschönen Schleswig-Holstein und pendelst viel nach Hamburg, Itzehoe und Kiel für Dreharbeiten. Was ist das für ein Gefühl inzwischen ein so gut gebuchter Schauspieler zu sein?

Deine Worte in Gottes Gehörgang… Es wäre schön, wenn ich ein gut gebuchter Schauspieler wäre. Wenn ich so gut gebucht wäre, dass ich von den Gagen meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Ich freue mich selbstverständlich über jede Buchung als Komparse und Darsteller, um mit meinem Talent meine Mitmenschen zu unterhalten.

Warum lebst du ausgerechnet in Elmshorn und nicht Hamburg? Hast du eine besondere Beziehung zu unserem wunderschönen Bundesland?

Im Jahre 1996 suchten wir für unsere Familie eine bezahlbare Wohnung und sind in Elmshorn fündig geworden. Oft habe ich mit dem Gedanken gespielt, wieder zurück nach Hamburg zu ziehen. Da ich aber in den Sommermonaten auf Deutschlands kleinster Fähre, der Fähre Kronsnest, eine Betätigung gefunden habe, die mich auch mit Stolz erfüllt, bin ich Elmshorner Bürger geblieben. Und als gebürtiger Flensburger bin ich ja auch ein Ur-Schleswig-Holsteiner.

Du stehst ja auch gerne bei Studentenfilmen und guten Amateur/Independent Produktionen kostenlos vor der Kamera. Ist es dir wichtig den Nachwuchs so zu fördern mit deinem Talent oder gibt es andere Gründe?

Bei Studentenfilmen wäscht ja eine Hand die andere. Die Studenten können sich keine teuren Schauspieler leisten und ich bekomme im Gegenzug die Gelegenheit mein Talent zu beweisen. Jede Betätigung als Darsteller gibt mir außerdem die Möglichkeit mich weiter zu entwickeln.

In welchen Filmen und Serien konnten wir dich schon in kleinen und großen Rollen bewundern?

Die meisten Einsätze als Komparse hatte ich beim NOTRUF HAFENKANTE, wo ich auch schon oft prominent im Bild war und auch eine Kleindarstellerrolle als Hausmeister spielen durfte. Dann bin ich beim GROSSSTADTREVIER gewesen. Auch da durfte ich vor kurzem einen lustigen Part spielen, der etwas prominenter war. Aber ob eine Rolle groß oder klein ist, möchte ich gerne dem Zuschauer überlassen. Denn da liegen die Wahrnehmungen weit auseinander. Speziell was die Diskrepanz zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung betrifft. Rollen die ich für mich als toll oder schön betrachte, werden vom Zuschauer durchaus anders gesehen und umgekehrt.

Wo können wir dich demnächst sehen?

Ab dem 1. Juli geht die Web-Serie FRISCH GESTRICHEN – DIE SERIE im wöchentlichem Rhythmus bei Youtube auf Sendung. Die erste Maler-Comedy aus der Feder von Leo Leiser. Diese Serie haben wir ab Mitte Januar bis Ende Februar in Itzehoe gedreht. In der Serie spiele ich den Nachbarn von der Chefin der Malerfirma Fuscher, die von Rahel Leschnik gespielt wird. Die weiteren Hauptrollen bestreiten Tom Wald und Leo Leiser. In Gastauftritten sind auch Prominente wie Michaela Schaffrath, Bernd Panzer, Monty Arnold und, last but not least Big Harry mit dabei. Ich war bei diesem Projekt als Set-Aufnahmeleiter auch hinter der Kamera aktiv. Ab dem 2. September bin ich in zwei Rollen bei dem Theaterstück „Der Fluch des Bernsteinzimmers“ auf der Dittchenbühne in Elmshorn zu sehen.

Das hört sich spannend an und ich wünsche euch viel Erfolg mit der Serie und bin gespannt auf die erste Folge.

Was bedeutet es dir diesen Beruf auszuleben?

Beruf kommt ja von Berufung… Ich war sehr lange Zeit meines Lebens immer irgendwie unglücklich. Auch meine gesellschaftlichen Erfolge, wie z.B. das Bestehen der Gesellenprüfung zum Feinmechaniker oder die Anstellung als Abteilungsleiter in einer Kunststoffproduzierenden Firma, haben mir nie das Gefühl gegeben, etwas Wertvolles oder Nachhaltiges zu tun. Erst als die Pflanze Künstler, die in mir ruht, wieder Nahrung bekam, habe ich den Zustand der inneren Zufriedenheit für mich erlangt. Denn ich darf und kann jetzt Dinge tun, die meine Mitmenschen erfreuen. Ich möchte nämlich den Menschen lieber als Künstler/Entertainer in Erinnerung bleiben, als wie jemand der dafür gesorgt hat, dass eine Firma wirtschaftlichen Erfolg auf dem Rücken der (ausgebeuteten) Angestellten erzielte. Deshalb habe ich z.B. auch aufgehört in einer Firma zu arbeiten, in der Zubehörteile für die Kriegsindustrie hergestellt hat. Das konnte und werde ich niemals mit meinem Gewissen vereinbaren können!

Nun hast du noch das Schlusswort und ich danke dir für dieses informative Interview.

Ich möchte Dir danken, dass Du mich als wichtig genug erachtest als dass Du denkst, dass es von Wert ist, dass man mir zuhört bzw. dass man diese Zeilen von mir hier liest. Was mir wichtig ist, habe ich ja schon in der letzten Frage beantwortet: Meine innere Zufriedenheit, die ich u.a. auch durch die Tätigkeit als darstellender Künstler erfahren darf. Ich möchte alle Menschen ermuntern, auf ihre innere Stimme zu hören, die ihnen sagt, was gut für sie ist. Es ist niemals zu spät, einen Neuanfang zu machen, in ein zufriedenes Leben zu starten. Ich werde zwar nicht reich an materiellen Gütern, aber reich beschenkt mit positiver Energie. Denn die Freude, die ich gebe kommt zu mir zurück.

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