Traumkino Kiel

Kieler Woche der Kinos – Wie steht es um das Kinoland Schleswig-Holstein?

Hat das Kino eine Zukunft und welche Rolle spielt das Kino in der Kulturpolitik in Schleswig-Holstein? Diese Fragen diskutierten Ende Oktober Filmliebhaber*innen, Verleiher und Filmemacher*innen im Rahmen der „Woche der Kieler Kinos”, die in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfand.

Ein Land voller Kinos – noch?

Den Auftakt der Veranstaltung bildete der Dokumentarfilm 66 Kinos von Philipp Hartmann, der mit einem eigenen Film durch deutsche Kinos getourt war und die Kinobesitzer – vor allem kleine Programmkinos und kommunale Kinos – nach ihrer Situation befragt hat.

Ist es heute schon verrückt ein Kino zu eröffnen? „Ja ist es”, erzählt eine Kinogründerin zum Schluss des Films, aber es ist wichtig das zu tun. Ein anderer Kinobesitzer pflichtet ihr bei, denn das Kino sei „der Retter des Films”. Ohne das Kino könnten Filme nicht gesehen werden. Natürlich stimmt das nicht ganz, denn es gibt heute viele andere Wege einen Film zu zeigen. Doch die Atmosphäre, die ein Kino erreicht, und die sozialen Aspekte des Kinobesuchs werden Heimkino und Internet niemals ersetzen.

Reicht das aus, um das Kino in seiner Form zu erhalten?

Was ist Kino heute

Wie viele Aspekte das Kino von heute hat, zeigt die anschließende Diskussion, die auch nach zweieinhalb Stunden noch nicht abschließend beendet war. Auf das Podium – oder eher gesagt vor die Leinwand – hatte Andreas Steffens (Programmchef des Traumkinos) den Verleiher Eduard Barnsteiner, die Filmemacherin und Filmpolitikerin Jessica Dahlke sowie Filme- und Festivalmacher Gerald Grote geladen.

Wer das Kino beschreiben will, der muss auch die Rolle des Films in unserer Gesellschaft beschreiben. Relativ schnell wird unter den Teilnehmer*innen klar, dass der Film es als Kulturgut noch immer schwer hat. Woran kann das liegen? Daran, dass so etwas Kostenintensives wie der Film ihn schnell zum Hybriden zwischen Kultur und Wirtschaft macht? Oder weil beim Wort Kultur immer zuerst Theater, klassische Musik und bildende Kunst gemeint ist? Vielleicht ist es auch die Effekthascherei Hollywoods, die dem Film den Ruf einer Jahrmarktsattraktion einbringt, merkt Eduard Barnsteiner an. Ähnliche Probleme haben auch Videospiele, die vor allem hier im Norden einen sehr schweren Stand haben, wenn es um Förderung geht, ergänzt Jessica Dahlke.

Fakt ist, der Film ist das Kulturgut, das von der breitesten Masse von Menschen aller Schichten rezipiert wird. Ihn also kulturpolitisch zu ignorieren, wäre mehr als nur fahrlässig.

Zurück aber zum Ort des Kinos. Hier unterscheiden sich die großen Cineplexe von den Programmkinos sowie Kommunalen Kinos. „Die Cineplexe richten sich vor allem an ein Publikum bis 25 Jahre”, so Barnsteiner. Für die Kulturförderung viel wesentlicher sind die kleineren Kinos, die nicht nur Filme außerhalb der Blockbuster zeigen, sondern auch einen wesentlichen Anteil an der Kultur im ländlichen Raum, wie das Savoy in Bordesholm zeigt.

Für die Städte gilt ähnliches. „Als vor ein paar Jahren das Studio Filmtheater in Kiel aufgemacht hat, haben alle gesagt, das wird nichts. Jetzt haben wir sogar wieder mehrere Kinos hier in Kiel”, erklärt Helmut Schulzeck, einer der wichtigsten Experten, wenn es um die Kieler Kinogeschichte geht. Er hat 1994 den Film Regina Blues – Der Kampf um ein Kino produziert. Das Kino in Kiel ist also nicht tot, aber es hat sich verändert. Es findet eine enge Zusammenarbeit mit der Filmszene und den Hochschulen statt und die Kinosäle dienen inzwischen auch als Raum für Lesungen, Theater und Kabarett. Events wie die Vorführung von Kieler Kultfilmen oder die Sneakpreviewen machen den Erfolg der kleineren Kinos aus. Sie sind eng verwoben mit der Stadtgesellschaft und den Studierenden der Unistadt Kiel.

Jedoch, um so kunstvoller ein Film wird, umso schwieriger ist es die Sitzreihen voll zu bekommen. Also akzeptieren, dass nur die leichte Kost funktioniert und das sogenannte Arthouse-Kino sterben lassen? Spräche man so über das Theater oder den Konzertsaal, es würde einen Aufschrei geben.

Volle Kinosäle – Wie geht das?

Eine Regel in der Wirtschaft gilt auch für den Filmverleih. Wer keine Werbung macht verkauft auch nichts. Das Marketing-Budget eines Films muss in der Regel genauso hoch sein wie das Produktion-Budget. Bei deutschen Filmen ein großes Problem, denn die Vermarktung wird bei vielen Förderungen nicht hoch genug angesetzt.

Ein zweites Problem sind die Verträge, die die internationalen Verleiher mit den Kinos schließen. Hier werden Kinobesitzer verpflichtet, ihre großen Leinwände für einen bestimmten Zeitraum mit ein und demselben Film zu bespielen. Es kommt sogar vor, dass damit eine vertragliche Verpflichtung einhergeht, einen Film in Zukunft zu zeigen, der noch gar nicht gedreht ist. Wer sich dem verweigert, ist nicht konkurrenzfähig. Egal ob die Filme für die Kinos rentabel sind oder nicht.

„Wir haben nicht das Problem, dass wir zu wenig Leinwände haben”, sagt Eduard Barnsteiner, „sondern das zu viele Leinwände besetzt werden durch diese Verträge. Selbst wenn der Kinosaal nur von wenigen Zuschauern besucht ist, muss der Film laufen.” Das führt auch dazu, dass Filme von kleinen Produzenten nicht ins Kino kommen können.

Die Werbeetats, die große Verleiher in Blockbuster investieren, können sich kleine Kinos und kleine Produktionen nicht leisten. Die Zuschauer jedoch, gerade die jüngeren, werden jeden Tag von dieser Werbung im Internet, Zeitschriften und auf anderen Kanälen regelrecht bombardiert, erklärt Jessica Dahlke, „man erhält ständig Display-Werbung auf Webseiten und sieht Teaser auf Facebook und denkt sich irgendwann, ja gut, der Film könnte ganz gut sein.” Der Newsletter eines Kommunalen Kinos kommt bei dieser Konkurrenz nur bei denen zum Zuge, die sowieso schon Kunde sind. Für Maßnahmen darüber hinaus ist meist weder Geld noch Personal vorhanden. „Man könnte schon sagen, dass wir eine junge Generation der unkritischen Konsumenten sind”, ergänzt Johann Schulz vom Landesverband Jugend und Film.

Aber wie informieren sich die 20- bis 40-jährigen über neue Filme? „Meistens erzählt jemand auf Facebook, dass der Film gut ist und dann bekommt das so eine Eigendynamik”, erzählt er weiter. Wer die Jüngeren also zurück ins Kino holen will, muss ordentlich Marketing machen?

Das ist nicht alles. Eduard Barnsteiner fügt hinzu, dass es wichtig wäre, das Publikum da abzuholen, wo es ist. Er nennt das Beispiel der Sneak-Preview im Schauburg Filmtheater in Rendsburg, die genau deswegen so gut bei den Jüngeren ankommt, weil der Besitzer den Abend mit Witz und Charme moderiert. Ähnlich halten es auch die Inhaber des Studio Filmtheaters, die vor jeder Sneak etwas verlosen und den Abend persönlich moderieren. Man muss den Kinobesuch zu einem Happening machen, so Barnsteiner.

Holt die Schule die jungen Zuschauer*innen zurück ins Kino?

Für Gerald Grote ist die Schule der richtige Ort, um den Kinogänger von Morgen die Vorzüge des Kinos näher zu bringen. „Filmbildung ist ein Teil der Kultur. Die Kinder in der Schule sollten da herangeführt werden wie an Literatur, Theater und Kunst.” Auch Jessica Dahlke bestätigt, “viele junge Menschen kennen Filme nur als Blockbuster, in dem es ordentlich knallt und farbenprächtige Computereffekte zu sehen sind. Ich würde mir wünschen, dass Jugendlichen und Kindern auch wieder komplexere Filme gezeigt werden. Es muss ja nicht gleich Godard sein.” Das darf aber nicht zum Zwang werden, denn alles, wozu man gezwungen wird, ist „uncool”, widerspricht Johann Schulz.

Im Gegenteil muss man eher was für die Eltern tun, sagt Eduard Barnsteiner. „Erwachsene verbinden viele gute Erinnerung mit den Kinobesuchen, die sie als Kind mit ihrer Familie gemacht haben. Der Schlüssel sind also nicht unbedingt die Schulen, sondern die Eltern.” An dieser Bemerkung ist viel dran, auch wenn sie nicht die Filmbildung in der Schule ersetzt, die ebenfalls wichtig ist, um Schüler*innen Medienkompetenzen zu vermitteln. Doch für die Bindung an den Ort Kino können Eltern und Großeltern viel mehr bewirken als ein Kinobesuch nach Lehrplan.

Kinoförderung im Land Schleswig-Holstein

Mit der „Kieler Woche der Kinos” haben die Kieler Kinos metroKino im Schlosshof, Kino in der Pumpe, Studio Filmtheater am Dreiecksplatz, Traumkino, das Cinemaxx Kiel und der Hansafilmpalast gezeigt, dass die Kinolandschaft in der Landeshauptstadt lebt und ein wichtiger Teil der Stadtgesellschaft ist. Kieler Kultfilme wie „Werner Beinhart”, aber auch Dokumentationen wie „Schnee von Gestern” (Grote/Oppermann) über die Schneekatastrophe von 1978 fanden ein breites Publikum. Die Kinos haben damit bewiesen (und viele Kinos im Land tun es ihnen gleich), dass sie ihren Kulturauftrag erfüllen. Nur tut das Land genug für seine Kinos?

Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und das Land tun bereits einiges für die Kinos. Unter anderem gibt es den Kinopreis, der mit einer Gesamtsumme von 40.000 Euro dotiert ist. Das führt zu einer größeren Aufmerksamkeit für das prämierte Kino.

Jedoch – große Sprünge lassen sich damit nicht machen. Hinzu kommt eine weitere Herausforderung, die Digitalisierung. Ohne die neueste digitale Ausstattung können Filme heute nicht mehr gezeigt werden. Die erste Welle dieser Digitalisierung haben nicht alle Kinos im Land überstanden. Trauriges Beispiel ist das Kino in Eckernförde, das komplett aufgeben wurde, nachdem die Besitzer in Rente gegangen sind. Bis heute kämpft die Ratsversammlung in Eckernförde um ein neues Kino. Was weg ist, ist also vielleicht für immer weg.

Europa und sein Film

Um den kulturellen Film sowie die kleinen Kinos in der Stadt und im ländlichen Raum erhalten zu können, muss genau hingeschaut werden. Was können diese Kinos allein leisten und wo sollte durch gezielte Förderprogramme unterstützt werden, wie sie zum Beispiel in Bayern schon existieren. Dazu braucht es beim Land Experten, die diesen Transformationsprozess begleiten können. Denn die technologische sowie wirtschaftliche Entwicklung ist noch lange nicht am Ende und auch die gesellschaftliche Einordnung des Films ist eine wichtige kulturpolitische Aufgabe. Dieses Feld vorwiegend den Amerikanern und bald Chinesen zu überlassen, ist kurzsichtig. Ziel sollte es sein, einen Ort zu schaffen, mit dem sich auch Jüngere identifizieren können und so sowohl das Kino als auch den europäische Film wieder attraktiver zu machen. Denn tun wir das nicht, so bleiben uns durch Blockbuster, Netflix und Amazon nur noch Werke, in denen nichteuropäische Weltbilder transportiert werden. Für eine Wertegemeinschaft wie Europa, die in der jetzigen Zeit mehr als zuvor auch einen identitätsstiftenden gemeinsamen Wertekanon braucht, wäre diese Entfremdung eine Katastrophe.

Ein Bericht von Dorian Boyesen – Autor bei filmszene-sh.de

Mit Bildern und Ergänzungen von Jessica Dahlke – Redaktion filmszene-sh.de


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