Krugsterben | Doku von Lars Jessen

Hennstedt – Dithmarschen. Über ein Dutzend Landgasthöfe, alle bis auf einen dicht. Lars Jessen zeigt ein groteskes Trauerspiel in drei Akten.

Turnhalle statt Festsaal

Die 15-minütige Dokumentation versucht ein deutschlandweites Phänomen zu ergründen, das in Schleswig Holstein jedoch besonders ausgeprägt zu sein scheint: das Aussterben der traditionellen Landgasthöfe. Rolf Gosau, 89-jähriger Besitzer des Kaisersaals in Hennstedt und einer derjenigen, die im Laufe der Jahre ihr Gewerbe aufgeben mussten, erzählt im Film seine Geschichte.

Die Kurzfilm-Doku „Krugsterben“ ist im Rahmen des ARD-Gemeinschaftsprojekts „16 x Deutschland“ (2013) entstanden. „In den letzten 30 Jahren wurden in Schleswig-Holstein mehr als die Hälfte der Landgasthöfe für immer geschlossen.“ Jessen führt uns nach Hennstedt, einer rund 2000 Einwohner umfassenden Gemeinde in Dithmarschen und zeigt uns mit seinem typisch unterschwelligen Humor ein Dorf, das trotz verfügbarer Säle sein Schützenfest in einer umfunktionierten Turnhalle feiern muss.

Wenn Gemeinderatsmitglieder rechnen…

Gasthofbesitzer Rolf Gosau führt uns durch seinen „Kaisersaal“, eine Gaststätte mit großem Saal, die er jahrzehntelang betrieben hatte. Mit strahlenden Augen erzählt er von der Zeit, als sein Gasthof noch Mittelpunkt der Gemeinde war. Damals hatte man nach den Filmvorstellungen einfach die Bestühlung weggeräumt und war zum Tanzvergnügen übergegangen. Die Kriegsgeneration hatte ein hohes Nachholbedürfnis nach Vergnügen, erzählt Gosau. Doch die Zeiten sind längst vorbei. Seit 2006 ist sein Lokal geschlossen und seither versucht er einen Nachfolger zu finden. Der braucht eigentlich nur einzuziehen, denn die Räumlichkeiten sind sauber und pikobello aufgeräumt.

Natürlich hatte er den „Kaisersaal“ auch der Gemeinde zum Kauf angeboten, doch die lehnte ab, denn Kauf und Instandsetzung hätten summa summarum eine halbe Millionen Euro gekostet. Stattdessen entschied man sich, „Tetens Gasthof“ zu kaufen, der – vollkommen heruntergekommen und zu klein – eigentlich gar nicht in Frage kommt. Doch die Dorfvorsteher sind plitsch. „Tetens Gasthof“ soll abgerissen und für 1,8 Millionen ein futuristischer Neubau gebaut werden, der so gar nicht in die idyllische Dorflandschaft passt. 50 Prozent werden durch Landeszuschüsse finanziert, eine Millionen muss Hennstedt selbst bezahlen. Schnell wird klar, dass Rechnen nicht zu den Stärken der Gemeinderatsmitglieder gehört.

Jessen hat eine tragische Realsatire geschaffen, die wirklich sehenswert ist.

KRUGSTERBEN,
Deutschland 2012
15 min
Buch und Regie: Lars Jessen
Co-Regie: Rocko Schamoni
Kamera: Timo Moritz
Ton: Ulrich Fengler
Schnitt: Sebastian Schultz

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