Wir müssen laut sein – Ein Kommentar

zu Gerald Grotes „Einfach so tun, als ob”

Ich freue mich, dass meine Rede vom 8. Juli 2017 beim Sommerfest der Filmbranche nicht unbeantwortet blieb. Denn Worte, die keine Gegenrede bekommen, sind auch nichts weiter als eine Predigt leerer Worthülsen.

Hier zunächst das Kommentar von Gerald Grote

 

Warum eine Motivationsrede?

Ich habe lange darüber nachgedacht, welche Art von Rede ich zur Eröffnung halten soll. Dabei erinnerte ich mich an die sehr gut besuchte Podiumsdiskussion „Unsere Filme auf großer Leinwand” vom 31.01.2017 zurück, wo wir uns zur Aufgabe gemacht haben, unsere Filme gemeinsam besser zu vermarkten. Doch leider gab es dazu bisher nur eine kläglich besuchte Arbeitsgruppe. Leute! Das, was wir da versuchen zu stemmen ist eine große Sache, das schaffen wir nicht allein. Ihr wollt, dass eure Filme erfolgreich sind, also wartet nicht darauf, dass irgendjemand mal was gegen die aktuelle Situation tut.

Wir haben ein Problem und das lässt sich nicht wegdiskutieren.

 

Ducken wir uns weg?

Eine sehr junge Filmemacherin hat vor zwei Jahren eine Aussage eines älteren Herren abgewehrt, der meinte, die richtigen Filme werden von den anderen gemacht. „Soll das heißen, nur weil ich aus Schleswig-Holstein komme, kann ich keine Filme machen?” Natürlich war das von dem älteren Herren unglücklich formuliert, denn er wollte darauf hinaus, dass das Filmemachen an anderen Standorten nun mal leichter wäre als im beschaulichen Flächenland Schleswig-Holstein. Dennoch zeigte dieser Versprecher eine gewisse Kapitulation vor den gegebenen Strukturen der deutschen Film- und Fernsehlandschaft – die sich im übrigen selbst in der Krise befindet.

Haben wir also aufgegeben? Lassen wir es uns gefallen, dass im Filmforum der Nordischen Filmtage Lübeck nur noch um die 20 Prozent Filme aus unserem Bundesland laufen? Dass Filme aus Schleswig-Holstein dort abgelehnt werden, die auf anderen Festivals Preise gewonnen haben? Haben wir vielleicht sogar schon das Filmforum selbst aufgegeben, weil wir einfach keine Filme mehr dort einreichen? Bringt ja sowieso nix, höre ich immer wieder.

Und warum schrumpft das Filmfest Schleswig-Holstein immer weiter zusammen. Es tut einem in der Seele weh, es so eingezwängt im ersten Stock der Pumpe wiederzufinden. So wird es seinem Namen gar nicht gerecht. Bis heute weiß ich nicht, warum das Filmfest nicht auch in anderen Kinos in Kiel oder sogar außerhalb stattfindet. Die Antworten darauf sind stets schwammig.

 

Der Partner der keiner sein will

Als die Filmförderungen Schleswig-Holstein und Hamburg vor zehn Jahren zusammengeschlossen wurden, gab es viele Versprechungen, die suggerierten, dass wir von der hohen Professionalität der dortigen Filmbranche profitieren würden.

Die Bilanz heute: Die Fusion mit Hamburg war ein Fehler. Wer große Kinofilme fördert, dem fehlt naturgemäß der Blick für das, was auf einem anderen Niveau gefördert werden muss, damit es prosperieren kann. Hamburg hat ein eigenes, gut funktionierendes System, mit dem der Filmnachwuchs in der Stadt rekrutiert und etabliert wird. Auch nach zehn Jahren hat Hamburg es nicht geschafft, Schleswig-Holstein dort mit einzubinden.

Warum zum Beispiel gibt es noch keine Kooperation mit der dortigen Film- und Kunsthochschule mit unseren Hochschulen?

Warum scheint es so, dass der zweite Namensteil der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein nur als Wort begriffen wird? Das wird besonders deutlich, wenn in einem Trailer – der beim Berlinale Empfang in der Landesvertretung SH vorgestellt wurde – fast nur Hamburg gezeigt wird. Das ist nicht nur den Filmemachern übel aufgestoßen, das ist auch in den höheren politischen Etagen schlecht angekommen.

Warum enthält die Aufblende – das offizielle Magazin der Filmförderung – kaum Berichte und Interviews von Filmemachern, die von der Filmwerkstatt Kiel gefördert werden? Von der Berichterstattung ihrer Veranstaltungen wie dem Berlinale Empfang mal ganz abgesehen.

Warum erscheint Schleswig-Holstein aus Sicht der Filmförderung nur als als purer Drehort?

Und warum gab es bisher nur ein Produzententreffen zwischen Hamburgern und dänischen Produzenten, wenn die entsprechenden Fördergelder auch für Schleswig-Holsteiner gedacht waren?

Darum müssen wir laut sein! Darum müssen wir gemeinsam die Anerkennung unserer Filmszene einfordern.

Was also tun, damit unsere Filmbranche prosperieren kann?

 

Entweder irgendwas oder in ernsthaft

Nehmen wir zum Beispiel unsere Hochschulen. An der FH Kiel und Flensburg und der Muthesius Kunsthochschule kann man Filmarbeit studieren. Die Stärke einer künstlerischen Ausbildung hängt von der Güte ihrer Dozenten bzw. Gastdozenten und ihrer Ausstattung ab. Wie soll man sich allen ernstes dem Material Film nähern, wenn nicht einmal eine ordentliche Licht- und Tonausstattung da ist, von den verschiedenen Kameratypen ganz zu schweigen. Wo keine technischen Grundlagen sind, da wird der Jobeinstieg nach dem Abschluss schwer.

Wer im Film weiterkommen will, braucht Kontakte und ein Netzwerk. Auch davon hängt die Güte einer Hochschule ab. Wie also weiterkommen, wenn die Anzahl renommierter Gastdozenten an nur einer Hand abzuzählen ist?

Und warum werden Abschlussfilme in Hamburg gefördert und bei uns nicht? Immerhin ist der Abschlussfilm die Visitenkarte jedes Filmschaffenden, der in den Beruf einsteigen will.

Wollen wir Menschen ausbilden oder wollen wir Studiengänge als Verlegenheitshandlung anbieten?

Zumal die aktuelle Standortstudie der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein feststellt, dass fehlendes Filmpersonal einen Standortnachteil für Schleswig-Holstein darstellt und damit den Bedarf an weiteren Ausbildungsmöglichkeiten offenlegt.

Nehmen wir das Filmforum in Lübeck. Wie kann es sein, dass hier höher budgetierte Filme aus Hamburg mit den unterbudgetierten aus Schleswig-Holstein verglichen werden? Die Konsequenz ist, dass unsere Filme langsam aber sicher von ihrer eigenen Plattform verdrängt werden. Erst Filme mit zu wenig Geld ausstatten und dann behaupten, da käme ja nix ordentliches, ist ein bisschen zu einfach gedacht. Vielleicht sollte man hier tatsächlich einmal über eine Quote nachdenken.

Nehmen wir das Beispiel Förderprogramme. Film zu machen hat viel mit Lebenserfahrung zu tun, denn nur so kann man Geschichten erzählen. Warum sind viele Filmemacher über 30 von Fortbildungs- und Vernetzungsprogrammen ausgeschlossen, die sie wirklich weiterbringen würden? Auch Europaweit?

Nehmen wir die Vernetzung. Auch außerhalb der Hochschule müssen Filmemacher stetig Menschen kennen lernen, um weiter zu kommen oder an etwas zu kommen: Zum Beispiel an einen guten Stoff. Was nützt es für seine Filmprojekte gefördert zu werden, aber darüber hinaus kaum Möglichkeiten zu haben, andere Filmschaffende, Produzenten oder Autoren kennenzulernen, auch solche, die schon einiges geschafft haben. Hier könnte man auch ohne viel Geld viel bewerkstelligen. Stattdessen versauern wir bei unseren wenigen Netzwerkveranstaltungen im eigenen Sud (sogar in Berlin).

Wer gute Filme möchte, der muss auch den entsprechenden fruchtbaren Boden dafür schaffen, sonst bleibt der Förderwille nichts weiter als ein bloßes Lippenbekenntnis.

Und ja, gute Filme brauchen ein bestimmtes Mindestbudget. Nicht nur in der Produktion, sondern vor allem auch in der Stoffentwicklung und besonders im Vertrieb.

 

Warum wir laut sein sollten?

… weil unsere Szene nicht tot ist, sondern im Gegenteil an allen Enden und Ecken wächst und blüht.

… weil wir uns gegenseitig besser auffindbar machen müssen. Netzwerk und so.

… weil nicht Einzelne für unsere Interessen eintreten können, sondern nur wir alle zusammen. Wir sollten uns treffen, Strategien umsetzen, protestieren. Denn wenn wir erstmal ins Hintertreffen geraten sind und nicht mehr agieren können, dann ist es für die andere Seite leicht zu sagen: „Da kommt ja nichts aus der Filmszene.”

… weil in der Presse nicht mehr stehen soll, dass hier nur Pferdemädchen und der Tatort Filme machen.

… weil wir klar machen müssen, dass Film kein Luxus ist, sondern ein Wirtschaftsgut. Kein Politiker wird abstreiten, dass ein erfolgreicher schleswig-holsteinischer Film positive Auswirkungen auf den Tourismus und den Wirtschaftsstandort haben. Nicht ohne Grund kommt die neue Filmcommisionerin aus der Tourismusbranche.

.. weil wir diejenigen sind, die das Bild von Schleswig-Holstein und seinen Menschen in die Welt tragen.

… weil wir etwas zu erzählen haben.

 

All das können wir nicht alleine erreichen.
Wir brauchen euch.
Eure Filme brauchen das.
Es lohnt sich also.

Daher seid laut und organisiert euch mit uns.

 

Jessica Dahlke, Vorsitzende Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.

 


Jetzt mitreden

Schreibt uns eure Gedanken zum Thema in die Kommentare oder längere Texte an jd@filmkultur.sh. Wenn ihr wollt können wir längere Texte dazu auch hier auf filmszene-sh veröffentlichen.

Einen weiteren Kommentar dazu hat Helmut Schulzeck verfasst.

 


Die Rede vom Sommerfest

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Filmemacher und Filmemacherinnen, liebe Förderer liebe Mitglieder,

Im Namen des Vereins Filmkultur Schleswig-Holstein freue ich mich, euch auf dem diesjährigen Sommerfest begrüßen zu dürfen.

Zunächst möchte ich mich bei Arne Sommer und seinem Team aus der Filmwerkstatt Kiel bedanken, ohne deren Unterstützung diese Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre. Außerdem bedanken wir uns bei Herrn Ahlers, der uns auch in diesem Jahr die Landesbibliothek für unser Sommerfest zur Verfügung gestellt hat.

In Schleswig-Holstein Filme zu machen bedeutet, Teil einer zwar kleinen, aber hochmotivierten Filmszene zu sein. Ich freue mich immer wieder zu sehen, wie jedes Jahr kleine wie große, ernste wie verrückte Projekte zwischen Ost- und Westküste entstehen. Dazu kommen internationale Filmfestivals, die ein eindeutiges Signal senden: Hinter Hamburg ist keine Provinz, auch hier werden Filme gemacht, die in Skandinavien, Frankreich, Taiwan, den USA und sogar auf den Bahamas zu sehen sind.

Trotzdem senkt man hier gerne den Kopf und tut so, als wären wir niemand. Als hätten wir nichts, was wir den Zuschauern dort draußen erzählen könnten. Als lohne es sich nicht uns Möglichkeiten zu schaffen, an denen wir wachsen können.

Ich erinnere mich an unseren letzten Filmemacher Stammtisch vor einer Woche. Dort wurde einer unserer Kollegen gefragt, wie er es immer wieder schafft, dass über ihn berichtet wird,  Promis bei ihm mitspielen und seine Filme im Fernsehen laufen.

“Ihr müsst laut sein”, war seine Antwort und erklärte weiter: “Manchmal habe ich das Gefühl, die Filmemacher entschuldigen sich dafür, dass sie einen Film gemacht haben.”

Laut sein. Können wir das? Laut sein? Mal ganz ehrlich. Wir sind ja hier unter uns. Natürlich können wir das! Wir können nicht darauf warten, dass irgendwann jemand für uns laut ist, wir müssen es selbst sein.

Martin Scorsese sagte einmal, dass ein Film, der nicht gesehen wird, seinen Nutzen verliert. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Energie nicht nur in die Produktion unserer Filme, sondern auch in ihre Vermarktung stecken. Und dafür brauchen wir Selbstbewusstsein! Denn Fakt ist: Das Norddeutsche macht unsere Filme einzigartig und kommt an. Egal ob in Form des Tatortreinigers, den Deichbullen, Werner, Büttenwarder oder Fraktus. Ebenso wird der einzigartige Flair unserer Dokumentarfilme hochgeschätzt. Und genau das sollten wir uns zu Nutze machen.

Daher kann ich euch nur sagen: Seid laut! Sprengt die Filmfestivals und reicht eure Filme ein. Macht den Verein Filmkultur Schleswig-Holstein zu eurem Projekt und setzt mit uns eure Ideen für eine gemeinsame Vermarktung eurer Filme um. Entwickelt mit uns und euren Kollegen geile Stoffe, die einfach auf die Leinwand gehören. Lasst uns gemeinsam laut sein!

 

Bild: Steve Halama (unsplash.com)

4 Gedanken zu „Wir müssen laut sein – Ein Kommentar

  1. Ein paar Gedanken zu der Rede von Jessica Dahlke auf dem Sommerfest der FilmCommunity in Schleswig-Holstein.

    Was soll ich da als Hamburger Filmemacher sagen? Wie soll ich auf die besagte Rede und den Kommentaren reagieren? Soll ich sagen, dass es uns hier in der Metropole und Tor zur Welt nicht besser geht? Also ich gehe mal von den „kleinen Filmemachern“ aus, die ebenfalls nichts mit den hiesigen Tatorten zu tun haben. Wir sind ebenfalls jene, denen immer suggeriert wird, dass „die richtigen Filme andere machen“. Wir fallen immer wieder hinten runter- auch was die Festivals angeht. Wir haben in der Hansestadt leider nur „the one and only“. Das Filmfest Hamburg hatte in den letzten 10 Jahren immer wieder einen norddeutschen Film aus dem LowBudget Bereich im Programm zugelassen. Darunter gehörte auch mein Film „FILMSTADT“, für dessen Aufführung ich immer noch sehr dankbar bin. Doch vor ein paar Jahren wurde selbst die Sektion „Nordlichter“ eingestampft und die Projekte, die noch irgendeinen Norddeutsche Bezug hatten wurden als Coproduktionen in die Europa-Abteilung verfrachtet. Damit waren Hamburger und Norddeutsche Filmemacher auch gerade in Richtung Unabhängigkeit vollkommen ausgeladen. Ich machte mir Luft bei der Filmfestführungsetage und ich weiss nicht, ob ich und vielleicht auch andere erhört wurden, aber im nächsten Jahr gab es endlich das „Hamburger Fenster“ – eine Sektion, mit dem das Filmfest auch in den 60er Jahren begonnen hatte. Zwar beherrschen immer noch viele TV-Produktionen diesen Programmpunkt, doch es war ein kleiner Erfolg.
    Das Filmfest ist wie erwähnt das einzige Event mit Strahlkraft. Es gibt sonst kein Festival in der Stadt, welches für hiesige Filmemacher etwas tun könnte.
    Auch die Trägheit, diese Zustände zu ändern, gemeinschaftliche Aktionen und Arbeitsgruppen zu gründen, ist auch hier ein Problem und ein natürlicher Vorgang in der kreativen Szene. Aber es gibt auch Hoffnung. Die Macher vom „Obsessive Underground Filmfestival“ machen da ein eigenes Ding, das „Wendie Webfest Hamburg“ zeigt jetzt im jeden Jahr norddeutsche Online-Serien und viele andere Gruppen stellen immer wieder etwas auf die Beine. Zum Glück gibt es nämlich immer wieder aktive Menschen, die den Zustand nicht so hinnehmen möchten und etwas tun. Diese Leute zu unterstützen, sei es finanziell oder mit bloßer Anwesenheit bei den Events ist das höchste Ziel. Aber insbesondere die finanzielle Unterstützung ist wichtig, weil diese Aktivisten mit ihren Events und Einnahmen nicht über ein Taschengeld hinauskommen. Sie müssten lauter werden und mit Geld kann man lauter werden. Es kann Werbung geschaltet werden, interessante Gäste angekarrt werden, somit die Presse aus ihren Mainstreamnebel geholt werden und so weiter. Ich möchte dafür appellieren, jene Menschen, die kulturell etwas auf die Beine stellen wollen, wieder mehr zu unterstützen. Schaut mal wieder beim Crowdfunding vorbei, schaut mal auf nordstarter und startnext, was da so rumwuselt. Geht mal wieder auf ein Underground-Festival. Schaut einen Independentfilm auf einer VoD-Plattform wie realeyz.de netfall, Behind the Tree oder Kinoflimmern. Denn nur so baut sich mehr Qualität und Vielfalt auf. Nur so sind wir nicht auf die großen und etablierten Institutionen und Förderer angewiesen.
    Ihr müsst also nicht selber jetzt einen Tango vollführen, sondern setzt euch schön hin, schaut wie die anderen den Tanz zelebrieren und entlohnt die Künstler anständig für ihr Engagement, Performance und Ideenvielfalt.
    Dennis Albrecht

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