Denn Loch ist immer gut

Kurzfilme von Helmut Schulzeck und Jörg Meyer

Am 25. November luden Filmemacher Helmut Schulzeck und Filmlyriker Jörg Meyer zu einer Werkschau im Kommunalen Kino Kiel ein. Mit ihrer liebenswerten, selbstironischen Art verzauberten die beiden Kieler nicht nur mit ihren Filmen das Publikum. Gezeigt wurde u.a. der Schulzeck-Klassiker www.betreuteloecher.de – der es immerhin zu einem Wikipedia-Eintrag geschafft hat – sowie zum Nachgrübeln anregende video.poems von Jörg Meyer (ögyr). Ein Bericht.

 

„www.betreuteloecher.de“ und „Löcher im Kopf“

Bevor das für echt genommen wird. Nein, diese Filme sind keine Dokumentationen sondern Mockumentarys. Mockumentary? Hä? Genau: Fiktionale Dokumentationen, die das Genre parodieren. Dabei werden die Szenen inszeniert oder echte Filmdokumente mit erfundenen zusammenmontiert.
„Angefangen hat es damit, dass ich jeden Tag an dieser Dauerbaustelle Kieler Hauptbahnhof vorbei ging“, erklärt Helmut Schulzeck, der mit Maria-Debora Wolf vor etwa 10 Jahren vor dem Gebäude stand und den ersten Teil von www.betreuteloecher.de drehte. „Wir Menschen sind vielleicht stammesgeschichtlich an einem Punkt … ja, wo Löcher produziert werden. Und es ist sinnlos, sich darüber aufzuregen. Viel mehr ist es sinnvoll, sich damit zu beschäftigen. Für mich ist es das Schlimmste, wenn ein Loch sich nicht weiterentwickelt“, so die Lochforscherin.
Wer eine Mockumentary nicht kennt, der kann kaum über das lachen, was da vor der Kamera passiert. Denn die scheinbar geisteskranke Frau meint zu glauben, Löcher erforschen zu müssen. Es raunt ein verschämtes Kichern durch die Reihen, gemischt von Betretenheit und vielen Fragezeichen im Gesicht. Ändern tut sich das erst bei „Löcher im Kopf“ (die Neuauflage 2014), denn nun darf der inzwischen von Schulzeck aufgeklärte Zuschauer herzhaft aus der Brust lachen, wenn gestandene Philosophie-Doktoren ein ernsthaftes, wissenschaftliches Gespräch mit der jungen Lochforscherin führen wollen. Nirgendwo zeigt sich besser diese herrliche Selbstironie, für die Helmut Schulzeck bekannt ist. Und immerhin schaffte es www.betreuteloecher.de zum besten archäologischen Kurzfilm 2004.

www. betreuteLoecher .de (D 2002):
www.onlinefilm.org/de_DE/film/15249 http://de.wikipedia.org/wiki/Www.betreuteLoecher.de

Löcher im Kopf oder www. betreuteloecher .de reloaded (D 2014):
www.onlinefilm.org/de_DE/film/60857

 

video.poems: Kürzestwerke von ögyr

Um die Schaffung von Leerstellen geht es auch bei den Kürzestwerken von Jörg Meyer. Der Dichter verbindet die Assoziationskraft von Worten mit denen der Bilder und schafft so eine Schnittstelle zwischen der Literatur und dem Film. Denn die Assoziation ist die Gemeinsamkeit, die sprechender und bildschaffender Künstler verbindet. Das verwendete found footage-Material wird aus dem Zusammenhang gerissen und potenziert sich in seinem neuen Kontext. Wer – von den neuen Medien verwöhnt – sofort eine Antwort in dem Gezeigten sucht, ist zum Scheitern verurteilt. So graben sich die Filmchen in die Gehirnwindungen und erzwingen ein immer neues Grübel darüber. Denn nicht die schnell gegoogelte Antwort, sondern der Weg zu dieser Antwort ist das Ziel, die bei jedem anders ausfallen wird.

roisland (2’14’’)

schneewehfernseh’n (4’25’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=2870

wie die lilien (1’57’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=3925

papaögeno (2’26’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=2633

cape carnaval (3’19’’)
www.schwungkunst.de/wordpress/?p=4316

pathé_bibliothèque (5’00’’)
www.youtube.com/watch?v=uImog0Ke6XI

 

„Wo ist Erkan Deriduk?“ und „Kinderspiel“

Ebenfalls im Geiste des Mockumentarys sind auch diese Filme, die an diesem Abend gezeigt wurden. Auf der Suche nach Berd Fiedlers Abschlussfilm entdeckte Schulzeck den Keller – vollgestopft mit Zelluloidrollen – der Deutschen Akademie für Film und Fernsehen Berlin (DFFB) als Location für sich. Peter Fitz, unterstützt durch die Stimme von Otto Sander, begibt sich in „Wo ist Erkan Deriduk?“ auf die Suche nach einem tadschikischen Filmemacher. Alle weiteren Protagonisten des Films waren nicht in das Konzept eingeweiht. So ergaben sich absurde Szene von ganz allein. Unterstützt wird der Film von Musikerin Lydia Kavina, die auf ihrem Theremin den Sound für diese unwirkliche Welt beisteuert, die irgendwo zwischen dem Hier und Jetzt zu verorten ist.

„Kinderspiel“ sollte ursprünglich ein Spielfilm werden. „Doch während des Drehs ist irgendwie alles außer Kontrolle geraten“, erklärt Helmut Schulzeck lachend. So ergeben sich auch hier absurde Szenen zwischen zwei Frauen vor der Kamera. Ein Film der seit 1998 in der Schublade gelegen hatte.

Wo ist Erkan Deriduk? (10’00’’)
www.onlinefilm.org/de_DE/film/15253

Kinderspiel (8’00’’)
www.onlinefilm.org/de_DE/film/25269

Denn Loch ist immer gut (Kurt Tucholsky).

Bericht und Bild 2: Jessica Dahlke

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