Lübeck und die Oskarnominierung: Warum „Watu Wote“ den Preis verdient hat

Manche Begebenheiten wirken wie ein Märchen, andere sind so vorhersehbar logisch, dass man kaum überrascht ist, wenn sie eintreten. So erging es mir, als die Oscarnominierung für Katja Benrath und ihren Kurzfilm „Watu Wote – All of Us“ bekannt wurde. Doch spulen wir ein paar Momente in der Zeit zurück.

Kolumne von Jessica Dahlke

Keine Oscarnominierung für „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Dafür erfuhr Katja Benrath und ihr Team direkt in Kenia, wo der Film gedreht wurde, dass nun der begehrte amerikanische Preis in greifbarer Nähe gerückt war.

Gesehen habe ich den Film auf den Nordischen Filmtagen. Ich war gespannt und skeptisch, denn ihm eilte schon seit Wochen ein grandioser Festival-Ruf voraus. Eine schlechte Voraussetzung also, um beim Hype-geplagten Publikum Punkte zu sammeln. Doch bis heute lässt er mich nicht los. Warum?

Worum geht es: Der Film erzählt die wahre Geschichte über einen einheimischen Reisebus in Kenia, der an der Grenze von Somalia von einer Miliz islamischer Fundamentalisten überfallen wird, die die christlichen Insassen erschießen wollen. Doch keiner verrät wer Christ ist und wer nicht, bis schließlich Hilfe kommt.

Groß werden Filme genau in dem Moment, in dem sie nicht nur eine filmische und dramaturgische Meisterleistung vollbringen, was bei „Watu Wote“ der Fall ist. Sie werden groß, weil sie den Zeitgeist treffen. Und das ist auch der Unterschied zwischen „Aus dem Nichts“ und „Watu Wote – All of us“.  Der Kinogänger sieht sich Geschichten auf der Leinwand an, weil er sich Fragen über die Welt stellt. Und dann steht er dort zwischen den Christen und Muslimen, die von Extremisten bedroht werden und fragt sich, zählt diese Solidarität zwischen den Menschen noch? Wird jemand sein Leben riskieren, um jemand anderen zu retten? Oder gibt es nur noch Menschen, die der einen oder anderen Religion angehören bzw. der einen oder anderen Nation?

Das ist das Zeitgeistige an Katja Benraths Film. Sie entpolitisiert nicht, so wie es Fatih Akin tut, dem es um das Schicksal des Opfers geht und das Erzählen einer spannenden Geschichte, sondern traut sich den gefundenen Stoff zu nehmen und mit feinem Gespür den Menschen dort anzusprechen, wo seine Sorgen und Bedürfnisse liegen. Wo aus dem Schicksal einzelner Menschen das Schicksal der gesamten Welt wird. Sie lässt uns aufatmen und zeigt, dass diese Solidarität, die die Businsassen füreinander haben, auch für alle anderen noch gilt. Dass alle Menschen noch immer gleich sind und sich füreinander einsetzen können. Darum ist dieser Kurzfilm so wichtig. Und darum hat er einen Oscar verdient.

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