Postkinematografie – Der Film im digitalen Zeitalter (Seeßlen/ Sucher)

Film, das ist für die Kinos schon lange kein exklusives Gut mehr. Schon mit der Erfindung des Fernsehens wurde den Kinos der Untergang prophezeit. Mit dem Aufkommen des Internets verstärkten sich diese apokalyptischen Visionen von einer kinofreien Welt. Doch der Film ist seinem ursprünglichen Raum nicht untreu geworden. Er hat sich nur weitere Kanäle gesucht und damit sowohl sich selbst als auch seine Geschichten verändert. Postkinematografie, erzählt in 13 Essays.

Der Inhalt

Der Film und das Kino, dieses alte Paar, sie leben in Scheidung. Ästhetisch hat der Film längst mit Computerspielen angebandelt, sein Publikum findet er zunehmend im Netz, erzählerisch innovative Fernsehserien sind zu einer großen Konkurrenz für das Kino herangewachsen. Und dennoch erscheint das nicht denkbar: der Film ohne das Kino. Was der Verlust der Exklusivität dieser lange so gedeihlichen Symbiose bedeutet – welche Risiken er mit sich bringt, für das Kino ebenso wie für den Film, damit befassen sich die Aufsätze in diesem Buch. Aber ebenso damit, welche Kräfte diese Entwicklung andererseits freisetzt. Denn es ist durchaus auch so, dass der Film offener geworden ist für die Einflüsse anderer Künste. Und es geht immer auch darum, was Filme und das Filmemachen – ästhetisch, inhaltlich, wirtschaftlich – mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Die Autoren und Autorinnen sind allesamt junge Kulturjournalisten und Absolventen des Ergänzungsstudiengangs Theater-, Film- und Fernsehkritik an der Bayerischen Theaterakademie in Kooperation mit der Hochschule für Fernsehen und Film München.

Die Kritik

Hollywood-Blockbuster in 3D. CGI-Orgien, flache Geschichten und B-Movie-Stars. Dagegen kopfschwere Arthouse-Filme. Der Kinofilm in der Krise? Oder sucht er nach einem Weg, um gegen illegale Streaming-Portale im Internet anzukommen? Die Antwort der Produzenten ist klar: Auf Bewährtes setzen und bloß nichts Neues wagen. Anspruchsvolle, komplexe und innovative Erzählungen übernehmen stattdessen Serien, die mit Hollywood-Star-Besetzung wie Claire Danes (Homeland) oder Kevin Spacey (House of Cards) Fernsehen und vor allem Internet erobern. Serien wie „Games of Thrones“ bieten Schlachten, die zuvor nur auf großer Leinwand denkbar gewesen wären. Wozu also noch Kino? Welchen Stellenwert hat der Veranstaltungsort in einer Welt, in der alles sofort verfügbar und kostenlos sein soll?

Das Kino ist im Begriff, sich aus dem Loch herauszuarbeiten. Es fand in den 60er und 70er Jahren einen Weg und es findet auch heute einen Weg. Kinofilm wird zum Mysterium, zum Jahres-Highlight. Schon vor dem Kinostart werden Gerüchte und Videos im Internet gestreut. Der neue Star Wars-Film kommt erst Ende 2015 ins Kino und trotzdem ist er seit Monaten in aller Munde. Fanartikel bevölkern die Verkaufsregale. Spin-Offs für die Großen und Kleinen machen Hunger nach mehr.

Die Autoren von „Postkinematografie“ finden weitere Phänomene und geben einen interessanten Einblick in die ältere und jüngere Film- und Kinogeschichte. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs, sind die Texte einfach zu lesen. Empfehlenswert.

Das Buch ist bei Bertz + Fischer erschienen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ein Artikel des ehemaligen Kulturblogs kult-literaten.de

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