Recap: DOK Leipzig 2018 kontrovers und gegenwärtig

Das Cinestar in Leipzig ist ein Kino, in dessen roten Plüschsesseln der Zuschauer gemütlich zurücksinken und sich ganz dem Film widmen kann. Doch bei den meisten Filmen,  die auf dem diesjährigen internationalen Festival für Dokumentation- und Animationsfilm (kurz DOK) in Leipzig laufen,werden auch diese Sessel unbequem: zu viele der Filme legen nur zu genau den Finger in die Wunde,  zeichnen die schwierigen Fragen unserer Zeit erschreckend nach. Auch zwei Filme aus Schleswig-Holstein sind mit im Rennen um die goldene Taube und nach und nachsickert auch beim Publikum durch, dass auf der DOK dieses Jahr wieder der ein oder andere Skandal lauert.

Bericht von Anna Lena Möller

Einer der thematischen Schwerpunkte: Die Auswirkungen von Krieg und Bürgerkrieg

Die persönlichen Portraits sprechen dabei besonders auch die politischen und gesellschaftlichen Konflikte der Menschen in den europäischen Grenzregionen an. In „On the Water“ (HR, 2018) schwingen immer wieder die Auswirkungen des jugoslawischen Bürgerkriegs auf das Leben der Menschen im kroatischen Sisak mit, beinahe poetisch aufbereitet durch den Fokus auf das Leben, das auf den drei Flüssen stattfindet, die diese Stadt umgeben. Die Kurzdokumentation „Diorama“ (UA, 2018) zeigt die trügerische Ruhe an verminten Stränden in der Ostukraine und „Nine Month War“ (H, 2018), begleitet eine Familienmutter nach ihrer Rückkehr von der russisch-ukrainischen Front und ihrem Kampf mit PTBS.

Auch aktuelle gesellschafts-politische Diskurse werden im Programm aufgegriffen

Einige Filme haben den wachsenden Nationalismus und Extremismus zum Thema gemacht. Beispielhaft hierfür sind die beiden Filme „Der zweite Anschlag“ (D, 2018) und „Exit“ (N/ D/ S 2018), die im Freitagsprogramm direkt nacheinander gezeigt wurden. „Der Zweite Anschlag“ ist ein Film, der beschämt, auch weil er dem Zuschauer eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber den Hinterbliebenen rechtsextremistischer Gewalttaten in Deutschland aufzeigt. Bei „Exit“ wiederum kämpft man mit Übelkeit ob der teils schonungslosen, teils krassen Rhetorik seiner Protagonisten. Die sind inklusive der Filmemacherin allesamt Aussteiger aus dem rechten, linken oder religiösen Extremismus. Der persönliche Blick auf diese Menschen ist stellenweise problematisch, gerät er doch immer wieder zu einem Rechtfertigungsmechanismus des „Aber jetzt bin ich ja anders“, zeigt aber auch die mechanischen Ähnlichkeiten aller Formen von Extremismus auf.

In die gleiche Kategorie Film fällt dann auch der Film „Lord of the Toys“ (D, 2018), der Gewinner der diesjährigen goldenen Taube, der schon bei seinen Screenings kontrovers diskutiert wurde. Der Vorwurf: Der Film würde undifferenziert mit den diskriminierenden, frauenfeindlichen und rassistischen Aussagen seiner Protagonisten umgehen. In einer Pressemitteilung äußerte sich Festivalleiterin Leena Pasanen hierzu: „Wir teilen nicht die Haltung, dass dieser Film affirmativ ist. Mit seinen präzisen Beobachtungen und einer kritischen Einordnung legt er eine Jugendkultur und deren erschreckende Sprache offen, die das Internet bewusst nutzt“.

Auch bei anderen Filmen wurde – teils sehr einseitig – diskutiert. So wurde dem Regisseur von „Die Tage wie das Jahr“ (A, 2018), der über einen österreichischen Biobauernhof erzählt, nach dem Film von einer Zuschauerin geraten, sich doch selbst zur Schlachtung zu führen. Eine Aussage, die für den Film völlig unangemessen war. Für lebhafte Diskussionen sorgte auch der Film „#Female Pleasure“ (CH/ D, 2018). Er ist wohl der breitentauglichste Film des diesjährigen Festivals. In ihm wird die globalen Systematik der Misogynie gezeigt, dargestellt an seinen fünf Protagonistinnen: Einer japanischen Künstlerin, die wegen ihrer Kunst der Unzüchtigkeit angeklagt wird, einer Inderin, die das Konzept der Liebesheirat verteidigt, einer Britin afrikanischer Herkunft, die Aufklärungsarbeit im Bereich Genitalverstümmelung betreibt, einer amerikanischen Jesidin, die minderjährig zwangsverheiratet wurde und einer deutschen Nonne, die in ihrem Konvent der Vergewaltigung ausgeliefert war. Bei einem Thema, das so aktuell diskutiert wird wie dieses, bleibt es nicht aus das beim Q&A nach dem Screening miteinander diskutiert und der Film kommentiert wird. Neben einigen enttäuschten Frauen wurde schließlich auch ein Quotenmann gebeten sich zu äußern, der jedoch aufgrund der weiblichen Überzahl verschüchtert nur auf Allgemeines beschränkte. Dennoch bietet dieser Film eine echte Chance, Männern und Frauen ins Gespräch zu bringen.

Auch schleswig-holsteinische Produktionen sind dabei

 „Der Esel hieß Geronimo“ (D, 2018) ist gleichsam eine Retrospektive auf die Große Ochseninsel in der Ostsee und ein Portrait über seine ehemaligen Bewohner, welche die Insel bereits vor Jahren verlassen haben. In allen Gesprächen schwingen die noch schwelenden Konflikte mit, aber auch der Wunsch, das Geschehene zu verarbeiten.  In „Die Sinfonie der Ungewissheit“ (D, 2018) von Claudia Lehmann wird einem  Professor für theoretische Elementarteilchenphysik die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Dabei heraus kommt ein Dialog mit erstaunlich philosophischen Antworten, die immer wieder durch Musik-Performances in der Soundscape des DESY durchbrochen wird.

Alles in Allem war das Programm der diesjährigen DOK Leipzig um einiges dichter gestrickt als in den letzten Jahren. Die kleinen und größeren Skandale, die dieses Publikumsfestival mit sich bringt, zeigen immer wieder, wo der gesellschaftliche Diskurs derzeit am meisten geführt wird und welche Aufgabe, welche Verantwortung Filmemacher*innen und Kinobetreiber*innen haben.

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