Recap: Filmfest Schleswig-Holstein – Reduzierung über das Ziel hinausgeschossen?

Mit einem neuen Konzept ging das Filmfest Schleswig-Holstein Ende April in seine 22. Runde. Trotz einer stark wachsenden Filmemacher-Gemeinde in Kiel und Schleswig-Holstein, sowie einer qualitativ wachsenden Ausbildung durch die Studiengänge Multimedia Production, Medieninformatik, Medienwissenschaft, Geomedien und die Filmklasse der Muthesius Kunsthochschule, entschied sich die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein aus dem Filmfest ein Format zu machen, das den hiesigen Entwicklungen gar nicht mehr gerecht wird. Hier ist dringend ein Kurswechsel notwendig.

Ein Kommentar von Jessica Dahlke

„Ihr und euer Engagement für die Filmszene erinnert mich stark an uns damals”, erzählt Helmut Schulzeck – Mitgründer des Filmfestes – im Sessel der Filmkultur Lounge sitzend, eine Reihe junger Filmemacher*innen um ihn herum. Am 4. September 1993 fand das erste Filmfest Schleswig-Holstein statt, damals noch unter dem Namen Augenweide. Ziel war es, an einem Samstag Nachmittag und Abend zu zeigen, dass sich eine Investition in die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein lohnt. Der Andrang des ersten Filmfestes war so groß, dass die Zwischenwand zwischen Kino und Kneipe geöffnet werden musste. Auch 2018 sind zwei Vorstellungen komplett ausverkauft und Zuschauer müssen nach Hause geschickt werden. Auf großes Interesse stieß der Dokumentarfilm von Malte Blockhaus „Following Habeck” sowie der traditionell ausverkaufte Kurzfilmabend kurz vor der Preisverleihung.

 

Reduzierung über das Ziel hinausgeschossen?

„Ohne die Filmkultur Lounge hätte die diesjährige Ausgabe des Filmfestes Schleswig-Holstein das Wort Fest im Namen nicht verdient”, erklärt einer der Filmschaffenden und drückt damit die allgemeine Unzufriedenheit über die zu große Reduzierung der Veranstaltung aus, die den Gala-Charakter der letzten Jahre vollkommen verloren hat. „Die Konzentration auf Filme aus Schleswig-Holstein war die richtige Entscheidung, doch ohne Eröffnungsfilm mit anschließendem Buffet unterscheidet sich das Filmfest nicht von einem besseren Kinoprogramm. Das ist sehr schade und sollte wieder geändert werden”, ergänzt ein anderer Besucher. In der Tat fällt das Filmfest mit der Aufgabe des Vorführraumes im großen Saal der Pumpe sowie der Streichung des Eröffnungsabends weit hinter den ursprünglichen Charme der Gründungsjahre zurück. Grund ist eine fehlende Budgeterhöhung, die dringend erforderlich wäre, um das Filmfest auch außerhalb des Stammklientels bekannt zu machen. Dass der norddeutsche Film auf breites Interesse stößt, zeigt das Filmforum in Lübeck, aber auch dort wären die Nordischen Filmtage niemals so groß und bekannt geworden, wenn nicht entsprechend in die Vermarktung investiert worden wäre.

Hier geht es zum Bericht über die Filmkultur Lounge

 

Das unterschätzte Juwel Filmfest Schleswig-Holstein

Dabei steckt viel Potenzial im Filmfest Schleswig-Holstein. Im Gegensatz zu Lübeck sind hier die meisten filmspezifischen Studiengänge angesiedelt und der Großteil der Film- und Medienschaffenden aus dem Lande arbeitet und lebt in Kiel. Die Nachwuchsförderung in Schleswig-Holstein ist so hervorragend, dass mehr als eine Handvoll junger Filmemacher*innen zur Zeit auf renommierten Filmhochschulen studiert.

Doch noch immer gilt: Talente gehen lassen statt mit ihnen das Filmland Schleswig-Holstein zu erschließen.

Um das Profil zum Filmforum Lübeck besser abzugrenzen (das allgemein nicht alle Filmgenres abdeckt), könnten die Kieler Veranstalter die Studierenden der Stadt stärker in das Programm des Filmfestes einbinden. Zum Beispiel mit einem gut dotierten Filmpreis für Studierende der FH Kiel, der Muthesius Kunsthochschule, der FH Flensburg und den Medienstudiengängen an der CAU Kiel. Denkbar wäre eine Auswahl der zehn besten Arbeiten eines Jahres, was auch für die Studierenden ein großer Anreiz wäre. Auch die Medienkunst sowie Neuen Medien wie Virtual Reality und 360° Projektionen sollten dringend ihren Weg zurück zum Filmfest finden, um neben dem Kino dem gesamten Veranstaltungsort zum Erlebnisraum zu machen.

 

Ein kleiner Schuh für eine wachsende Filmszene

Das Filmfest im Moritz-Boll-Hype. Seine Filme liebevoll und feinfühlig inszeniert. Spannend Beiträge wie „Forsthaus”, der mit dem Perspektiven des Horrorfilm-Zuschauers spielt oder „Mein Vater, der Fisch”, der in Märchengestalt den Blick des Kindes auf die unfassbaren Ereignisse Zuhause infantil auffängt, was auch das Publikum zu würdigen weiß und den beiden Filmemacher*innen den Kurzfilm-Preis spendiert. Trotz seiner tiefen Einblicke in das Politikerleben von Robert Habeck, der die so fern scheinende Politik zurück zum Zuschauer bringt, bleibt auch dieser Film ohne Würdigung. Lobend erwähnen muss man auch die Arbeit von Aron Krause, der mit dem Musikfilm „Eure Kinder” fast jedem im Saal eine Zeitreise durch die Kindheit und Jugend beschert hat, inklusiver aller wichtiger Details aus den Kinder- und Wohnzimmern der letzten 34 Jahren. Zuletzt verbannt man die Netflix-Serie Deichbullen zusammen mit der SciFi-Serie PentaQuad auf die hinteren Spielplätze einer Spät- bis Mitternachtsvorstellung. Kein Platz für Kommerz und Genre, fragt man sich da? Zumal Filmemacher wie Lars Jessen in diesem Jahr trotz neuer Produktionen gar nicht auf dem Filmfest Schleswig-Holstein vertreten waren. Man gewinnt das Gefühl, dass sich die Filmwerkstatt Kiel den kleinen Schuh, in dem sie schon lange nicht mehr passt, einfach nicht ausziehen will.

Einzel-Rezensionen der Filme gibt es hier

 

Mit Blick in die Zukunft – Ein paar Vorschläge

Die Filmkultur Lounge zeigt, dass die junge Generation der Filmemacher*innen gewillt ist, etwas für ihre Sichtbarkeit und ihre Filmarbeit zu tun. Für das nächste Jahr wäre es daher wünschenswert, einige der zurückgefahrenen Vorzüge des Filmfestes SH wieder ins Leben zu rufen. Dazu gehört eine Hinterfragung des Raumes, in der das Fest im Moment stattfindet. Zu einem Filmfest gehört die Festival-Atmosphäre, die in den engen Räumen des Kinos in der Pumpe nicht hergestellt werden kann. Hätte es die Filmkultur Lounge nicht gegeben, so wäre das 22. Filmfest SH nichts mehr als ein besseres Sonderprogramm im Kino gewesen.

Ohne Eröffnungsfilm und ohne „Get Together” in angenehmer Atmosphäre – wie es vor zwei Jahren noch der Fall war – ist das Filmfest kein Fest mehr. Auch eine Ausweitung in die Stadt selbst könnte ein großer Zugewinn für das Filmfest sein. Warum nicht zum Beispiel die Alte Mu mit einbinden mit ihrem Fahrradkino? Warum nicht die Preisverleihung in einem der größeren Kinos in Kiel durchführen? Warum nicht einen 360°-Dom in die Innenstadt stellen, wo Zuschauer*innen in die neuen virtuellen Realitäten eintauchen können, die an der Muthesius und an der FH Kiel gelehrt und produziert werden? Oder eine Sonderausstellung zur Medienkunst? Das würde neue Zuschauergruppen außerhalb des Stammklientels generieren. Überhaupt denkt man zu sehr an der Medienbreite der Film- und Studierenden-Szene in Kiel vorbei. Durch das zu geringe Marketing-Budget bleibt das Filmfest Schleswig-Holstein für die meisten Kieler*innen leider zu unsichtbar. Und nicht einmal die Sozialen Medien weiß man zu bespielen. Dass das auch anders geht, zeigt das CineMare Internationales Meeresfilmfestival.

Die Rückbesinnung des Filmfestes SH auf Produktionen aus Schleswig-Holstein war die richtige Entscheidung von Arne Sommer, dem Leiter der Filmwerkstatt Kiel. Jetzt muss dieser Weg weitergedacht werden. Auch die Stadt Kiel würde hier von der Förderung ihrer multimedialen Kultur und Ausbildung profitieren, vorausgesetzt sie engagiert sich hier endlich stärker als nur nette Grußworte vom Oberbürgermeister in das Programmheft zu schreiben.

Wenn ihr weitere Ideen für eine Neuauflage der Filmfest Schleswig-Holstein habt, meldet euch gern bei uns unter info@filmszene-sh.de

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