Schnee von gestern | Doku von Yael Reuveny

Schleswig-Holstein heißt heute auch Israel. Unter diesem Motto eröffnete gestern Abend das 18. Filmfest SH (vormals Augenweide) mit dem Dokumentarfilm „Schnee von gestern“ („Farewell, Herr Schwarz“) von Yael Reuvenyi. Die aus Israel stammende Wahl-Berlinerin erzählt darin die Geschichte ihrer jüdischen Familie. Mit einem ausgezeichneten Fingerspitzengefühl zeigt sie, wie das Schicksal zweier Menschen die Lebenswege der Nachfahren bis in die dritte Generation beeinflusst.

Eine Entscheidung, drei Generation

Die Geschwister Michla und Feiv’ke Schwarz haben den Holocaust überlebt. Doch anstatt sich nach Kriegsende im polnischen Lodz zu treffen, schlagen sie getrennte Lebenswege ein. Michla geht nach Palästina und Feiv’ke bleibt in Deutschland, ändert seine Identität und heiratet eine deutsche Frau. Was treibt einen Mann dazu, sich genau an dem Ort niederzulassen, an dem er zuvor gefangen gehalten wurde? Und warum lässt er seine Schwester im Glauben, dass er tot ist? Sowohl zweite als auch dritte Generation der beiden Familien versuchen herauszufinden, warum es nie zu einem Treffen zwischen den Geschwistern kam.

Eine Familiengeschichte zwischen Israel und Deutschland

Yael Reuvenys Eltern leben in Israel und die Vorbehalte sind groß, als ihre Tochter nach Berlin geht. In das Land, das die gesamte Familie der Großmutter umgebracht hat. Der Unort. Doch Filmemacherin Yael Reuveny begibt sich ganz unverstellt auf die Spur ihres Großonkels Feiv’ke und findet sein Grab schließlich im ostdeutschen Schlieben, einer ehemaligen KZ-Stätte, in der Feiv’ke, nun Peter Schwarz, während des Krieges als Gefangener und danach als Familienvater gelebt hat. Ab nun beginnt ein, für den Zuschauer 96 Minuten dauernder, Heilungsprozess zwischen der israelischen Familie von Michla und der deutschen Familie ihres Bruders Feiv’ke. Die beiden Protagonisten selbst können zwar nicht mehr daran teilnehmen, doch ihre Gräber werden zum Ort der Auseinandersetzung und Versöhnung zwischen ihren deutschen und israelischen Nachfahren.

Die Deutschen gemütlich eingerichtet

Schon die ersten Minuten des Films sind mit bitterer Ironie gefüllt. Denn fassungslos hört der Zuschauer einem der Dörfler zu, wie er unfreiwillig komisch von den Umbaumaßnahmen seiner ehemaligen KZ-Baracke erzählt, aus der er ein deutsches Mittelstandhäuschen wie aus dem Bilderbuch gemacht hat. Noch sarkastischer wird es, als Filmemacherin Yael Reuveny die Schwägerin von Peter Schwarz fragt, wie ihr Mann, ein Wehrmachtssoldat, und Peter befreundet sein konnten, wenn sie doch ein paar Jahre zuvor noch Feinde waren. Die alte Dame gerät ins Stottern. Mit jeder Minute dieses skurrilen Schauspiels offenbart sich mehr, wie erfolgreich die Menschen von Schlieben die Vergangenheit des Ortes verdrängt haben. Ein besseres Porträt der deutschen Kriegsgeneration hätte nicht gezeichnet werden können.

An diesem SonntagFilmemacherin Yael Reuveny zu Besuch beim Filmfest SH

Der Kreis schließt sich in der dritten Generation

Die Überwindung der Kluft zwischen den beiden Familie gelingt schließlich mit Stephan, dem Enkel von Peter Schwarz. Er ist es, der sich, inspiriert durch seinen Großvater, Israel zuwendet und somit zum Austausch-Partner von Yael wird, die in Deutschland ein Zuhause gefunden hat.

Filmemacherin Yael Reuveny zeichnet nicht nur ein Porträt einer auseinandergerissenen Familie, sondern auch das zweier Nationen, die sich nach drei Generationen wieder aufeinander zubewegen. Es ist eine Geschichte der Aufarbeitung und Versöhnung mit der Vergangenheit und zeigt, wie Familienbindung zur friedensstiftenden Institution werden kann. Einen so runden und vielschichtigen Dokumentarfilm sieht man selten. Daher sehr zu empfehlen.

„Schnee von gestern“ („Farewell, Herr Schwarz“), Deutschland, Israel 2013, 96 Min., Farbe. Buch und Regie: Yael Reuvenyi, Kamera: Andreas Köhler, Schnitt: Nicole Kortlüke, Assaf Lapid, Musik: Volker Bertelmann.

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