So geht Spielfilm! Wie „Jola“ in Kiel entstand

Einfach mal einen Spielfilm ohne großes Budget drehen? Das geht nur, wenn alle mit großen Enthusiasmus dabei sind. So wie die jungen Filmemacher Hille Norden und Johann Schultz, die ihren Film Jola“ als Ferienprojekt innerhalb von 14 Tagen abgedreht haben. Wir haben mit ihnen über die Drehbedingungen und die Geschichte gesprochen.

Bericht von Jessica Dahlke

 

Ihr habt gerade euren ersten Langfilm abgedreht. Wie fühlt ihr euch?

Hille: Nicht besonders außergewöhnlich, jetzt kommt der Schnitt und die nächsten Projekte. Ich glaube, dass wir es „geschafft“ haben, bewegt mich gerade am wenigsten, weil ich derzeit noch sehr damit beschäftigt bin, zu verarbeiten, was ich über Film, über mich und vor allem über Menschen gelernt habe. Ruhig werde ich wahrscheinlich eh erst bei der Premierenfeier sein.

Johann: Ich fühl mich richtig gut, denn ich war Teil eines krassen, kreativen Prozesses, hab wichtige Erfahrungen gesammelt und große Schritte Richtung Profi gemacht. Tut gut fürs Selbstbewusstsein.

 

 

War das euer erstes Filmprojekt?

Hille: Nein, aber ich habe überhaupt erst vor knapp einem Jahr angefangen, mich für Film zu interessieren. Meine ersten zwei Filme waren Dokumentarfilme, einer über Jazz (An expression of Freedom) und einer über jüdisches Leben in Kiel heute (Schalom heißt Frieden). Dann habe ich eins meiner Theaterstücke zu einem Drehbuch für einen Kurzfilm umfunktioniert und im Januar 2015 mit moinmoin movies realisiert. Der Film „der als letztes spielt“ ist allerdings noch im Schnitt.

Zeitgleich kamen die ersten Ideen für „Jola“, dann habe ich begonnen mich darauf zu konzentrieren. Damals sollte es mit einem anderen Team und Regisseur erst ein Kurzfilm werden. Dann habe ich im Mai mit Johann und Hannes (Gorrissen, Anm. d. Red.) das erste Mal zusammen gearbeitet und habe für den Nur-48h-Wettbewerb 2015 in „What the Art“ gespielt.

Johann: Es war mein erstes Filmprojekt in dieser Größenordnung. Mein Zweites, in dem ich nicht selber mitgespielt habe und mein Erstes, das ich nicht selbst geschrieben habe.

 

 

Worum geht es in Jola?

Hille: „Jola“ könnte auf den ersten Blick als klassisches Jugenddrama verstanden werden. Allerdings behandelt es nicht nur eins der großen Themen, wie Liebe, Herz-Schmerz, Familie, Selbstfindung etc., sondern die ganze Palette. Im Leben passiert einem ja auch immer alles, meistens auch noch gleichzeitig. „Jola“ ist ein Ausschnitt aus dem Leben einer jungen Frau, bzw. eines Mädchens. Es geht viel um Familie, Drogen, Sex, Freunde, ein bisschen Liebe und viel um Langeweile. Um das Gefühl, nichts mit dem Leben anfangen zu können, obwohl man so viele Möglichkeiten hat, weil man nichts damit anzufangen weiß. Um die Frage, was unsere Realität eigentlich ist, ob wir sie akzeptieren müssen, uns damit konfrontieren müssen, ob Realitätsflucht legitim ist oder nicht. Ob ein Rausch das Leben verändert oder uns von einer tatsächlichen Veränderung abhält. Ob Sex Liebe gleichzusetzen ist – oder das eine das andere ersetzten kann.

Diese Probleme werden von der Schwierigkeit zu kommunizieren, einander nicht nur akustisch, sondern wirklich zu verstehen, begleitet. Eben die eigene Stumpfheit die zur Stummheit wird, wodurch einem schnell die eigene Entscheidungskraft abgenommen wird. Und um das Aufwachen daraus.

Johann: Für mich geht es um ein Haufen ungeliebter Kinder, auf der Suche nach irgendeiner Art von Zuneigung, die sich sowohl körperlich, sexuell, rein freundschaftlich oder familiär ausdrücken kann.

 

 

Hille, Du hast das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle gespielt. Warum wolltest du diesen Film unbedingt machen?

Ich glaube, ich hatte nie einen wirklichen Grund, nur ein Bedürfnis und überhaupt keinen Schimmer. Ich habe Poetry Slam gemacht, ein Stück geschrieben und aufgeführt, gemalt und dann kam eben Film, ohne das ich wusste, wie das eigentlich geht.

Im Januar wollte ich einen Kurzfilm machen. Das Thema „Drogen“ war so gar nicht meins, aber das, was von meinen damaligen Teampartner gewünscht war. Dann habe ich aber angefangen zu recherchieren, mir Leute gesucht, die abhängig sind, waren, die mit Drogen ihr Leben definieren oder damit ihr Geld verdienen. Ich war offen und habe jedem vor den Gesprächen erzählt, worum es mir geht. Ich bin viel Offenheit und vielen interessanten Menschen und Geschichten begegnet. Dadurch habe ich zuerst festgestellt, das mein Bild von den Gründen, Drogen zu nehmen, sehr falsch war. Ich dachte, man müsse ein unglaublich schreckliches Leben haben, um sich mit Drogen trösten zu wollen. Solche Menschen habe ich auch getroffen. Aber die meisten sind einfach nur gelangweilt gewesen. Das ist es, Langeweile und eine fehlende Hemmschwelle. Und viele andere Gründe, obwohl die Konsequenz und der Verlauf oft ähnlich sind, sind Rechtfertigung und Erklärung bei jedem anders.

 

 

Was hat dich an der Figur der Jola gereizt?

Jola ist gelangweilt vom Leben. Sie sucht nach etwas, das sie fasziniert, das sie erfüllt und ausfüllt. Sie ist nicht dumm, auch wenn es manchmal so wirkt. Nur desinteressiert und naiv, dadurch fehlt ihr die Schärfe im Verstand. Ich war fasziniert von der Planlosigkeit, mit der sie ihr Leben angeht und was daraus entstehen kann. Weil sie doch ganz anders ist als ich. Es war spannend, sich in sie einzufühlen. Zu sehen, was passiert, wenn man nicht gerne denkt, aber viel fühlt. Ich bin eher ein rationaler Mensch und gut darin, mich auszudrücken. Das ist sie nun überhaupt nicht.

So wurde jedenfalls aus dem geplanten 20-Minüter schnell ein Film, der 60 Minuten lang ist und über den Prozess zu einem Film mit einer Spiellänge von 90 Minuten wurde.

Warum ich den Film letztlich machen wollte…. Weil ich Gottseidank keine Ahnung hatte. Vor allem nicht von Film. Erst habe ich das Projekt, was ich mir vorgenommen habe unterschätzt und als ich dann begriffen habe, was die Konsequenz meines kleinen, kreativen Anfalls beim Schreiben ist, war es schon zu spät um aufzugeben, weil zu viele Leute involviert und befragt worden waren. Dass ich das Projekt trotz vieler Durststrecken und Ungewissheiten durchziehen wollte, lag einmal an meiner anfänglichen Naivität, den lieben Menschen, die helfen und an meinem Stolz und der Erwartungshaltung, die ich an mich selber habe. Ich bringe Dinge, die ich beginne, äußerst gerne zu Ende.

 

 

Johann, wie bist du als Regisseur zum Projekt gekommen und was hat dich am meisten daran interessiert?

Als Regisseur bin ich dazugestoßen, nachdem auch unser Kameramann dem Projekt seine Zusage gab. Wir arbeiten schon länger zusammen, ergänzen uns sehr gut und verstehen einander immer besser. Ich glaube, dass das und auch die gute, vertraute Zusammenarbeit mit Hille maßgeblich für das Gelingen dieses 14-Tage-Projekts waren.

 

 

Wie ist der Film zustande gekommen? Hattet ihr Hilfe?

Hille: Wir hatten Menschen. Ganz viele liebe, nette, hilfsbereite, erfahrene, begabte, kritische Menschen. Als ich im Januar die erste Drehbuchfassung fertig hatte, wurde mir schnell klar, dass ich Hilfe oder zumindest Beratung brauche. Die habe ich dann auch sofort in der Filmszene Kiel gefunden. Die bestand anfangs und bis zum Ende hin, vor allem darin, mich auf alle Fehler, Schwächen, Unsicherheiten und Lücken aufmerksam zu machen. Viele haben sich die Zeit genommen, alles zu lesen, zu fragen und vor allem zu kritisieren. Kritik ist das Wichtigste, daran konnte ich wachsen, lernen, viele Fehler vermeiden, mit Lob kann man nicht arbeiten. Keine Frage, ohne diese mentale Unterstützung wäre es nichts geworden oder zumindest sehr schlecht.

Auch dass viele sich zwar gewünscht haben, dass ich mich mit dem Vorhaben nicht übernehme, aber der Glauben darin nicht allzu fest war, hat geholfen. So musste ich jede Entscheidung selbst verantworten und habe sie so viel sorgsamer getroffen. Wenn man von seinem Umfeld ehrlich eingeschätzt und kritisiert wird, hat man wenig Chancen sich selbst zu überschätzen und sich zu verrennen.

 

 

Wie habt ihr es geschafft, dieses sehr große Projekt im No-Budget-Bereich auf die Beine zu stellen?

Hille: Ganz ohne Geld wäre es natürlich nicht machbar gewesen. Der Landesverband Jugend und Film hat uns gefördert, wofür ich sehr dankbar bin, weil das letztlich auch die Basis ist, auf der ich das Projekt konkretisieren konnte. Aber die 1500 Euro hätten nicht gereicht, ein Set über 14 Tage zu unterhalten, mit einer Teamstärke von bis zu 15 Leuten täglich. Dazu kommen natürlich noch Kostüme, Make-Up, Fahrtkosten, Verschleißmaterial und Sprit.

Ich hatte das Glück noch Sponsoren finden zu können: Sky, Dela Möbelhaus, Mister D, Traum GmbH, Jacks Kitchen, Café Godot und Druckart.

Vor allem aus meiner Perspektive als Produzentin war ich überrascht und dankbar mit wie viel Bereitschaft uns unser Team mit Tat und Rat zur Seite stand. Es hilft nichts, zu planen und eine großartige Organisation zu haben, wenn da keiner ist, der diese ausfüllt, ausführt und durchführt.

Vor allem Sunna Rebecca Reinhardt, die fürs Catering zuständig war und unsere Maske und Kostümbildnerin Sina Berhardt haben großartige Arbeit geleistet. Sie waren zu jeder Zeit da und haben alles im Hintergrund geregelt und dafür gesorgt, dass alles reibungslos verläuft. Auch trotz der Langeweile, die sich manchmal nicht vermeiden lässt, hat sich nie jemand beschwert, es war immer eine großartige Stimmung. Und natürlich alle anderen, die viel ihrer freien Zeit auf unserem Set verbracht haben.

Auch wenn das ein bisschen kitschig und schmalzig klingen mag: Obwohl ich den Dreh über unter Dauerstrom stand, hat ein Teil von mir in beständiger Dankbarkeit, Staunen, Überraschung und Bewunderung gegenüber all den besonderen Menschen, die sich um uns versammelt haben, innegehalten.

 

 

Was waren die größten Herausforderungen beim Dreh?

Hille: Ich glaube, dass es das Schlafdefizit war. Das ist einmal ein Problem des Budgets gewesen, wir hätten kaum mehr Drehtage finanzieren können. Aber es liegt auch an meiner Planung. Ich selber bin mit fünf bis sechs Stunden Schlaf zufrieden und hatte gedacht, dass acht Stunden für alle reichen. Was bei dem Kraftakt und den langen Drehtagen, bei teilweise wirklich schlechten Konditionen absoluter Quatsch ist. Vor allem Sina und Sunna haben darunter gelitten, schlechtes Licht zum Schminken, schlechte Sitzgelegenheiten. Aber die beiden haben trotz Rückenschmerzen und anderen Unannehmlichkeiten mit geradezu preußischer Disziplin durchgehalten.

Das andere war, alle Leute bei Laune zu behalten, da ich als Hauptverantwortliche und Organisatorin eigentlich genau dafür zuständig bin, aber gleichzeitig ja auch noch Schauspielerin war. Aber die Atmosphäre war immer entspannt und es gab immer die Zeit miteinander zu reden, sich in den Arm zu nehmen und ein offenes Ohr zu haben.

Ein anderer wichtiger Punkt: Energy Drinks, Schokolade sowieso, aber vor allem: Zigaretten umsonst. Am besten Stopfzeug. Da kann man in Zeiten absoluter Langeweile stopfen und rauchen. Klingt banal, hat aber viel geholfen.

Johann: Ja, die größte Herausforderung war die Müdigkeit. Von 19:00 abends bis 09:00 morgens am Set zu sein ist doll. Das geht auch nur wenige Tage. Jedenfalls bei mir.

 

 

Was war für euch das Spannendste, was während des Drehs passiert ist?

Hille: Es gibt viele Kräfte, die da am Werk waren. Manchmal geht das alles nahtlos ineinander über, manchmal ist es wie ein Reißverschluss und es bleibt eine kleine Dissonanz. Zu erleben, wie sich diese Kräfte bündeln lassen und dann ein Gesamtbild ergeben, ist berauschend. Aber auch für mich als Drehbuchautorin war es faszinierend, zu erleben, wie die Figuren ein Eigenleben entwickeln und die theoretische Geschichte Form und Farbe gewinnt.

Johann: Das Spannendste war für mich die Arbeit mit den Schauspielern. Da hat jeder seine eigene Art zu spielen. Manchmal kann man es einfach passieren lassen, manchmal muss man etwas mehr inszenieren. Letzteres war tatsächlich eher eine Seltenheit, wodurch ich mir oft nur als Beobachter vorkam. Aber ich denke, auch das brauchen die Schauspieler. Dieses Minimum an Inszenierung. Frei nach dem Motto: Wenn es mir nicht gefällt, würde ich ja schon was sagen.

 

 

Wie geht es jetzt weiter und wann habt ihr Premiere?

Hille: Jetzt sind alle erst einmal froh, das wir es geschafft haben. Die meisten erholen sich, es ist sicher auch cool, nicht den ganzen Tag von mir durch die Gegend gescheucht zu werden. Außerdem sortieren wir unsere nächsten Projekte und gucken, worauf wir als nächstes Lust haben. Ab Mitte September geht es in den Schnitt und an die Postproduktion. Wir hoffen im März 2016 Premiere feiern zu können.

Johann: Was jetzt passiert ist, dass wir den Film fertig schneiden und vertonen. Um die Musik kümmere ich mich selbst. Ich habe auch schon ein Thema komponiert und viele Ideen im Kopf. Danach müssen wir alles versuchen, den Film an die Zuschauer zu bringen. Am Besten so viele wie möglich und am Besten wird er gerade so gut, dass wir beweisen können: Wir können Spielfilm ohne Budget. Aber was meint Ihr, was wir erst mit Budget schaffen!

 

 

Was werdet ihr als nächstes machen?

Hille: Hannes, Johann und ich passen sehr gut zusammen und sicher folgt in Kürze auch das nächste Projekt gemeinsam. Aber auch jeder für uns hat seine Pläne, Skripte und Projekte, die wir unbedingt umsetzten wollen.

Bilder: Jessica Dahlke

 

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