Wilder, lauter und freier – Vom Aufbau einer Webserien-Szene in Deutschland

Im November waren Dennis Albrecht (Filmstadt) und Michael Söth (Deichbullen) von der Initiative UnsereSerien zu Gast beim Kieler Filmemacher Stammtisch. Dort sprachen wir über die Potenziale des noch jungen Marktes für Filmemacher und die Förderungen einer deutsche Szene, die sich UnsereSerien auf die Fahnen geschrieben hat. Das ganze Interview lest ihr hier.

 

Bericht Jessica Dahlke

Jessica: Wo veröffentlicht ihr Webserien?

Dennis: Youtube kam für uns nicht in Frage. Stattdessen wollen wie eine eigene Plattform aufbauen. Man muss da technisch viel ausprobieren und das machen wir gerade. Filmstadt ist ganz unkommerziell produziert worden und die Gelder, die wir da reingesteckt haben, kommen nicht wieder zurück. Aber wir konnten dadurch sehr viel Freiheit gewinnen. Gerade in der Filmsprache und in der Länge konnte sich keiner einmischen. Filmstadt ist auf vielen Kanälen zu sehen, u.a. auf unsereserien.de.

 

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Michael: Meine Serie Deichbullen ist aktuell bei Watchever. Sie läuft demnächst in Frankreich, Spanien und England. Wir haben auf dem Webfest in Berlin einen Distributionsvertrag gewonnen und irgendwie scheinen die Franzosen auf norddeutschen Humor zu stehen.

Einige Filmkritiker haben geschrieben, Deichbullen wäre einer der wenigen Serien, wo nix passiert. Das war das Alleinstellungsmerkmal. Überall anders liefen Zombies herum, sind Köpfe geflogen, Sexszenen und politische Szenen. Meine Serie war die einzige, wo nix passiert ist. Die Deichbullen sind einfach Leute, die auf dem Land von rechts nach links laufen. Das scheint anzukommen.

Bevor wir den Vertrag gewonnen haben, liefen waren wir drei Monate auf Youtube online, das lief auch sehr gut. Da keiner die Serie auf Watchever kaufen würde, wenn sie zeitgleich kostenlos auf Youtube läuft, mussten wir uns entscheiden. Also entweder alles für alle oder lieber wieder ein bisschen Geld verdienen, um die zweite Staffel zu produzieren. Und trotz Leidenschaft sollte es das Ziel des Filmemachers sein, irgendwann auch ein bisschen Geld dafür zu bekommen.

Ich spreche da aus Erfahrung. Mein erster Film „Deichking“ aus 2007 hat jetzt erst die Kosten eingespielt, obwohl er acht Mal auf NDR und ARD einsfestival gesendet wurde. Der DVD-Verkauf läuft nach wie vor gut. Komischerweise vor allem in Bayern.

 

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Jessica: Kannst du kurz erklären, was das Webfest in Berlin ist?

Dennis: Das Webfest ist ein weltweites Festival-Netz. Es gibt das Webfest Sydney, das Webfest Rio, Bilbao und so weiter. Man kann sich auf dem ganzen Globus dafür bewerben. Das Webfest Berlin wurde dieses Jahr zum ersten Mal veranstaltet, mit dem Fokus auf Webserien. Die Filmemacher können da Distributionsverträge oder die Teilnahme an einem anderen Webfest gewinnen. Die Serie Kumbaya hat eine Teilnahme in Rio gewonnen und einer von denen fliegt jetzt dorthin. Das ist eigentlich eine ganz schöne Sache. Inzwischen kooperieren wir auch mit dem Webfest und haben zusammen ein Netzwerk aufgebaut.

Michael: Ich würde gerne mal eine Lanze für das Webfest und Webserien brechen. Ich hatte am Anfang auch nicht daran gedacht, eine Webserie zu machen. Deichbullen war eigentlich als Langfilm konzipiert und ich hatte das Drehbuch auch so geschrieben. Aber da mal wieder kein Sender und kein Geldgeber angebissen hatte, war ich kurz davor, die Idee in die Mülltonne zu werfen. Kurzfilm ist nicht so mein Ding, weil ich da den Markt nicht sehe. Mein Anspruch als Filmemacher ist es, die breite Masse zu unterhalten und möglichst vielen Leuten meine Werke zu zeigen. Und dann kam jemand und meinte: Macht doch eine Serie daraus. Die ersten zwei Folgen, die ihr gesehen habt, waren praktisch die ersten zwei Szenen im Drehbuch. Die Arbeit an einer Serie ist eine ganz andere als an einem Langfilm oder einem Kurzfilm. Ich finde aber, es ist ein guter Markt. Ein absolut interessanter Markt, weil er neu ist und die ganzen Global Player wie Amazon, Youtube und Google gerade wie blöd die ganzen Konzepte aufkaufen. Auch die Fernsehsender haben Budgets für genau solche Formate.

 

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Dennis: Man muss aber sagen, auch wenn die Sender solche kleinen Serien suchen und annehmen, es sind trotzdem immer dieselben Gesichter, die inszenieren oder vor der Kamera stehen. Das wollen wir so ein bisschen durchbrechen. Mit jungen Schauspieler und andersartigen Konzepten. Bei Deichbullen zum Beispiel wird der Mystery-Anteil immer größer, was ich bis zur achten Folge immer interessanter fand. Vielleicht haben die großen Sender deshalb nicht angebissen, weil das nicht zu den üblichen Formaten gehört, die gerade produziert werden. Wir versuchen diese Sparte auszufüllen. Das muss sich aber auch finanziell lohnen, denn immer für lau und zur eigenen Selbstausbeutung, das kann es nicht sein.

 

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Jessica: In der Folge, die wir gesehen haben, wirfst du einen sehr kritischen Blick auf die Filmbranche. Sind das eigene Erfahrungen?

Dennis: Ja, vor allem am Anfang sind viele autobiografische Bezüge eingeflossen. Angefangen hat es eigentlich in der ersten Episode mit einer Schauspielerin aus Hamburg, die nach Berlin ziehen will, weil sie sich dort größere Chancen erhofft. Ich habe damals auch meinen halben Freundeskreis nach Berlin verloren und mich gefragt, was macht die Filmstadt Hamburg so unattraktiv? Das war die erste Geschichte mit Figuren, die Sachen erlebt haben, die ich eben auch so ein bisschen durchgemacht habe. Zum Beispiel nachts in der Videothek zu arbeiten. Damals gab es noch 24 Stunden Videotheken und ich war die Nachtschicht. Ein tolles Erlebnis. Das fließt alles mit ein. Außerdem Anekdoten, die mir Kameraleute erzählt haben. Auch von Schauspielern haben wir sehr viel aufgenommen, weil bei ihnen so viele Problematiken vorhanden sind, die man unterhaltsam verpacken kann. So ist das alles entstanden.

 

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Jessica: Und bei dir?

Michael: Keine Ahnung. Sowas entsteht, wenn man auf dem Land aufwächst. Ich kenn die ja alle. Das ist das Schöne an den Deichbullen. Wir hatten als Set ein kleines Ferienhaus im Dorf. Am ersten Tag haben wir natürlich unser Equipment ausgepackt, mit den Lampen und all dem anderen Zeug. Da kam der erste Bauer vorbei: „Moin, moin.“ Dann fuhr er wieder weg. Zehn Minuten später war das komplette Dorf da. Mit Kinderwagen, Trecker, Polizeiwagen, Bus, zu Fuß… also alle wollten mal gucken, was ist da los. Das Geile ist, dass uns die Leute alles angeboten haben. Braucht ihr meine Kühe? Braucht ihr meine Schafe? Ich hab ’nen alten Deutz. Ich hab ’ne alte Mofa.

 

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Dennis: Im Gegensatz zu Hamburg, von man vom Hof gejagt wird.

Michael: Ja genau.

Dennis: Das ist ein Filmteam, die machen eh alles kaputt, sofort weg damit.

Michael: Ja, das ist aber auch für uns eine Warnung gewesen. Da ich in dieser Gegend groß geworden bin, kenne ich die Leute. Wenn du da jemanden auf die Füße trittst, hast du gleich das ganze Dorf gegen dich. Wir haben da auch die Premiere gefeiert. Die sind komplett begeistert, die reißen dir alles von der Wand. Mittlerweile schicken sie mir auch Ideen, also Sachen, die sie erlebt haben. Wir können damit noch 40 Jahre diese Serie fortführen.

Dennis: Gerade auf dem Lande bekommt man noch viel Zuspruch und Hilfe. Da müssen wir Filmteams Verantwortung übernehmen, keine verbrannte Erde zu hinterlassen. Gerade in Hamburg ist das problematisch, weil Filmteams sich hier und da nicht benommen haben. Wenn man aber nach MeckPomm oder Schleswig-Holstein rausfährt, bekommt man tolle Locations. Da gibt es noch viel zu entdecken. Deshalb sollte man sich so benehmen, dass man wiederkommen darf.

 

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Jessica: Das heißt es ist schon eine zweite Staffel in Planung?

Michael: Ich schreib gerade an der zweiten Staffel. Die Finanzierung steht fast. Die Folgen werden diesmal länger, denn die Hauptkritik an der ersten Staffel war, dass die Folgen zu kurz waren. Da fehlte uns einfach die Erfahrung mit dem Internet. Zwanzig Minuten hält heute keiner mehr aus, so was zumindest unsere Erkenntnis, weil die jungen Leute nur noch nebenbei gucken. Darum hatten wir uns für fünf Minuten entschieden. Das ist bei Youtube wichtig, weil Klicks erst ab einer bestimmten Prozentzahl im Verhältnis zur Gesamtspieldauer zählen. Also haben wir uns gesagt, ok wenn die Leute nach einer Minute abspringen, zählt immerhin der Klick. Das war für uns wichtig bei der Akquise von den Investoren, denn die gucken nur auf die Zahlen.

Dennis: Dazu muss ich sagen, dass die Filmstadt zum Beispiel mit ganz anderen Budgets arbeitet. Ich bin der Meinung, dass man auch mit kleinen Mitteln etwas auf die Beine stellen kann. Das ist auch ein Aufruf an euch hier als Filmemacher, dass gerade diese Miniserien und seien es nur dreimal eine Minute, ein schönes neues Medium sind. Ich glaube, wir sind alle ein bisschen Seriengucker geworden, gerade durch die Formate aus den USA und Großbritannien. In Deutschland haben wir ein bisschen das serielle Erzählen verlernt. Ich bin mit Großstadtrevier in der fünften Wiederholung aufgewachsen und das kann es irgendwie nicht sein. Wir sollten viel mehr experimentieren und einfach drauf los erzählen, mit den Ressourcen, die wir haben. Dazu möchte ich hier aufrufen. UnsereSerien-Tour ist für alles offen.

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Johann Schulz (Filmemacher): Kannst du uns nochmal mehr über UnsereSerien erzählen? Was bedeutet das Label?

Dennis: Zur Zeit ist es nur eine lockere Initiative, eine Vereinigung von deutschsprachigen Serienmachern. Das erste Ziel war es, sich kennen zu lernen und sich auszutauschen. Wir treffen uns immer wieder. Wir haben auch ein eigenes Festival in Hessen auf die Beine gestellt, das auch gefördert wird. UnsereSerien ist dafür da, damit wir besser entdeckt werden und man sieht, dass es diese Art von Serien gibt. Wie eine Art Wegweiser. Denn das große Problem ist, man weiß nicht, auf welcher Plattform diese Serien hinterlegt sind. Ich könnte mir vorstellen, dass es irgendwann so eine Art Agentur wird. Wir wollen ab 2016 Tipps geben, welche Fallstricke oder welche Festivals es gibt. Das Programm soll soweit ausgebaut werden, dass wir unter den Sendern als Talentpool wahrgenommen werden. In den USA sind die Webserien sehr groß und sehr geil. Hier wollen wir eine ähnliche Szene aufbauen.

Michael: Wir haben einen Distributionsvertrag mit Rockzeline. Das ist ein Vertrieb, der sich hauptsächlich auf Webserien spezialisiert hat. Die sind sehr sehr umtriebig und kaufen Serien auf. Das läuft wie bei einer Plattenfirma. Rockzeline verdient nur, wenn sie die Serien weiter verkaufen. Sprich Watchever zahlt nicht nach Klicks, sondern sie kaufen die Serie und Rockzeline verdient am Verkaufspreis mit. Die Konditionen sind sogar besser als beim Kinoverleih.

 

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Dennis: Bei Youtube gilt die Faustregel: Eine Millionen Klicks bedeuten 1.000 Euro Verdienst. Youtube-Millionär können wir mit unseren Formaten nicht werden, denn dafür sind sie nicht gemacht.

Michael: Was ich auf jeden Fall merke, ist die größer werdende Resonanz der Zuschauer, obwohl die Deichbullen nicht mehr auf Youtube laufen.

Dennis: Vielleicht weil sie nicht mehr auf Youtube sind?

Michael: Ja das stimmt, das weckt natürlich eine gewisse Begehrlichkeit. Auf Watchever hat man ein Abo und die Zuschauer klicken dann mal rein, um zu gucken, ob es ihnen gefällt. Das ist ein großer Vorteil. Und wenn die Serie erstmal in Frankreich, Spanien und England läuft, dann hat man natürlich noch eine größere Reichweite. Und damit kann man auch Crowdfunding machen. Denn es reicht, wenn von 20.000 Zuschauern nur 2.000 Leute mitmachen.

Dennis: Und diese Richtung finde ich auch besser. Natürlich hätten wir auch auf englisch produzieren können, um die Serie bis nach Japan zu verkaufen.

Michael: Finde ich sehr skurril, die Deichbullen auf Englisch.

Dennis: Wir halten hier ein bisschen die kulturelle, deutschsprachige Fahne hoch. Das ist eben auch die Zukunft. Wo wollen wir mit unseren Kurzfilmen hin? Wo wollen wir mit unserem Dokumentarfilm hin? Den DVD-Markt kann man vergessen, Fernsehen hat keine Sendeplätze, deswegen glaube ich, dass der einzige Weg Video on Demand ist. Man muss nur dafür einen Wegweiser bauen, weil man nie weiß, auf welche Plattform man gehen muss, um einen schönen Kurzfilm oder eine Dokumentation zu finden, die in Kiel gedreht worden ist. Wir müssen auch mehr in die Presse, sonst wird wieder nur alles hochgeladen und versackt dann da.

Wir müssen also wilder, lauter und bekannter werden. Ich kann also nur den Aufruf starten, es im großen und kleinen Maße nachzumachen.

 

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