Wendepunkte | Doku von Christoph Cordes

Der Mensch als Produktionsfaktor zählt in der Welt nicht mehr. Das bekommt niemand mehr zu spüren als Hans Werner, Arbeiter in einer Zuckerfabrik. Die Schließung seiner Fabrik zwingt ihn Frau, Kind und Haus für den neuen Arbeitsplatz zurückzulassen und in eine 1-Zimmer-Wohnung vor Ort zu ziehen. Aber nicht nur er ist von den globalen Umwälzungen betroffen, sondern auch sein Chef der Vorstandsvorsitzende Ulrich Nöbel. Ein neutraler Blick auf ein zutiefst linkes Thema.

Inhalt

Hans Werner ist Arbeiter in der Zuckerfabrik Schleswig des Nordzucker-Konzerns. Als der Konzern 2003 die Fabrik schließt, beginnt für ihn eine Odyssee. Ulrich Nöbel ist der Vorstandsvorsitzende von Nordzucker (Braunschweig). Als Nordzucker immer tiefer in die Krise gerät, kommt auch sein Leben an einen unerwarteten Wendepunkt. Der Film verfolgt die Lebenswege der beiden Protagonisten über die Jahre 2003 bis 2010.

Der kleine Mann

Hans Werner muss nach der Schließung seiner Fabrik nach Güstrow ziehen. Zurück lässt er seine Frau, seine Tochter und sein Eigenheim, eingetauscht gegen eine möblierte Ein-Zimmer-Wohnung im Plattenbau. Ab nun beginnt ein regelrechter Seelenstriptease des Endfünfzigers. Gefangen in der Tristess seines Arbeitslebens, das aus der Überwachung von Maschinen besteht, die übermächtig über ihm ragen und der klaustrophobischen Enge seiner Wohnung bleibt nur die Sehnsucht nach Freiheit, die erst im Rentenalter erreichbar scheint. Die Melancholie des Mannes steigt von der Leinwand bis zum Zuschauer herab und mit Schrecken beobachtet man ein Leben, das aus Leblosigkeit besteht. Doch es gibt ein Happy End. Nur wenige Jahre später begegnet man Hans Werner auf seinem Motorboot wieder, auf dem er endlich die Freiheit leben kann, von der er sein Leben lang geträumt hat. Er ist dieser Maschine aus Produktion und Kapital entkommen, tritt aus der Rolle des Human Resource heraus und darf endlich wieder Mensch sein. Aber eben erst im Alter.


Arne Sommer im Gespräch mit Christoph Corves

Der Entscheider

Nicht anders geht es seinem Chef, dem Vorstandsvorsitzenden Ulrich Nöbel. Der Film macht an dieser Stelle alles richtig und verzichtet auf die Stilisierung des „bösen Managers“, der sich ausschließlich dem Zahlenspiel widmet und den Menschen vergisst. Im Gegenteil: Ulrich Nöbel leidet ebenso unter dem Diktat des Marktes und dessen Liberalisierung wie Werner, nur das er derjenige ist, der die Fabriken schließen muss. Es geht um das Überleben des Konzerns, das nur durch Wachstum und Abstoßen unrentabler Sektoren gesichert werden kann. Ausgleich findet Nöbel mit handwerklichen Tätigkeiten. Was für den einen überlebensnotwendige Arbeit ist, wird für den anderen eine Notwendigkeit, um die Bodenhaftung zu behalten. Auch bei Nöbel spielt am Ende ein Schiff eine Rolle. Während sich der kleine Mann das Motorboot, ein Symbol des Wohlstandes, leistet, verlässt Nöbel den Film mit einem alten Kutter. Nostalgie, die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, das die Arbeit mit dem Imaginären (den Zahlen) loswerden will.

02
Christoph Corves, Ulrich Nöbel, Markus Brüggemann und Arne Sommer

Fazit

„Wendepunkte“ zeigt in teilweise drastischen Bildern die depressive Wirklichkeit von Menschen, die nur noch Teil einer Maschine sind. Die Tristesse ist allgegenwärtig, egal ob es sich um die Fabrikhalle oder die altbacken eingerichtete Halle ohne Fenster handelt, in der missmutig blickende Männer eine Konferenz nach der anderen absitzen. Es wird deutlich, wie sehr sich die Menschen von ihrem selbst geschaffenen System beherrschen lassen. Die Konsequenzen des kollektiven Handelns bzw. Wirtschaftens lassen keinen Platz für Humanität. Zeitweise hätte der Film gekürzt werden können, doch insgesamt ist er sehenswert.

Wendepunkte
D 2003-13, 88 Minuten
Regie: Christoph Corves
Kamera: Christoph Corves
Ton: Markus Brüggemann
Schnitt: Christoph Corves
Musik: Titus Vollmer

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