Die Arbeit im Writers Room – Zu kollektiv für Deutschland?

Am vergangenen Samstag war Arne Sommer, Drehbuchautor und Leiter der Filmwerkstatt, zu Gast bei der 1. Erzählwerkstatt Kiel, die noch bis zum 12. Mai in der Alten Mu zahlreiche Workshops für Autoren anbietet. In “Der Writer’s Room” stellte Arne Sommer das Konzept des kollektiven Schreibens vor, das vor allem bei amerikanischen Serien beliebt geworden ist. Dabei warf er auch einen kritischen Blick auf das deutsche Redakteur-System.

Ein Bericht von Jessica Dahlke

Filmgeschichte: Der Autor als angestellter Storyproduzent

Schon zu Beginn der Filmgeschichte gehörte der Drehbuchautor zu den Zuarbeitern der Filmproduktion. Das Studiosystem gab ihm nur wenig Spielraum und war der Stoff nicht nach dem Gusto des Produzenten, so landete das Buch auch nicht auf der Leinwand. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der Krise des Studiosystems versuchte der europäische Autorenfilm einen ersten Befreiungsschlag, durch den der Regisseur mit dem Autor eine Personalunion einging – der Neue Deutsche Film zeichnet hierfür sicherlich mitverantwortlich, denn die Fassbinders, Herzogs und Wenders dieser Ära waren allesamt auch Autoren. Fast Forward ins Jahr 2010: Die Bewerber von Drehbuchstudiengängen an Deutschen Filmhochschulen werden noch während der Vorstellungsgespräche ermahnt, sich nicht mit den Mitbewerbern auszutauschen – die Autoren sind weder Regisseure noch frei. Doch die boomende Serienindustrie der letzten Jahre hat zumindest einigen angelsächsischen Autoren so etwas wie Souveränität verschafft und das hatte viel mit der Gründung von Writer’s Rooms zu tun.

Durch den Filter des Redakteurs

In Deutschland werden Serien nach einem einfachen Prinzip produziert. Ein Redakteur ist dafür verantwortlich sich Autoren zu suchen, die Folgen für seine Serie schreiben. Er wacht darüber, dass das Stilkonzept der Serie in die Drehbücher einfließt, die Figuren keine Brüche haben und über Folgen hinausgehende Handlungsstränge weitergeschrieben werden. Dieses System hat große Vorteile, denn es ist effizient. Doch auf der Kehrseite steht, dass alle Eingebungen und Ideen der Autoren durch den Filter des Redakteurs gehen müssen und so die Gefahr entsteht, dass am Ende ein glattgebügelter Stoff herauskommt. Zudem haben die Autoren keinen Kontakt zueinander und können so auch keine neuen, kreativen Impulse miteinander austauschen.

Der Showrunner und sein Team

Immer wieder kommt daher die Idee auf, sich auch in Deutschland am angelsächischen Modell der Writer’s Rooms zu versuchen. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe Autoren, die zusammen an einem Stoff arbeiten, ohne dass ein Redakteur oder ein Produzent Einfluss auf den Entstehungsprozess hat. Geleitet wird das Team ebenfalls von einem Autor, dem sogenannte Showrunner. Dieser wacht u.a. über die Kontinuität des Serienstoffs, ist aber auch Moderator des Teams. Die Stoffe werden in der Regel nicht von allen gleichzeitig geschrieben, was wahrscheinlich relativ ineffizient wäre. Wer welche Aufgaben bekommt und ob diese rotieren oder nicht entscheidet jeder Writer’s Room selbst. Denkbar sind Modelle wie das abwechselnde Schreiben der Serienfolgen. Hier schreibt zwar lediglich ein Autor zurzeit, doch alle reflektieren die Ergebnisse gemeinsam. Ein anderes Modell ist die Aufgabenverteilung nach Fähigkeiten, sodass ein Autor für Dialoge verantwortlich ist, ein anderer Autor die Ideen eingibt und so weiter. Entscheidend für diese Art von Arbeit ist die Einstellung der Autoren, gemeinsam das Bestmögliche zu produzieren.

Wir sind nicht Goethe

Gäbe es einen Satz, den unser Innenminister von sich geben könnte, um einen urdeutschen Irrglauben endlich über den Deich zu schmeißen, dann ist es der Glaube an das Einzelgenie: “Wir sind nicht Goethe!” Nur ganz wenige Menschen vermögen es, geniale Geschichten im Alleingang zu schreiben. Und warum sollte man dieses Ideal überhaupt verfolgen, wenn es in der Gruppe besser und schneller klappt? Doch genau dieser Grundsatz scheint noch tief in der deutschen Seele verwurzelt, weswegen es Writer’s Room bisher noch immer schwer in Deutschland haben. Dieses Bewusstsein könnte sich jedoch mit einer neuen Generation, die mit der Crowdmentalität des Internets aufgewachsen ist, langsam ändern.

Nicht-Autoren im Writer’s Room

Dänemark geht sogar noch einen Schritt weiter. Hier finden sich Pilotprojekte, bei denen in den Writer’s Room auch Nicht-Autoren eingebunden werden, um neue, kreative Impulse in die Gruppe zu bringen und die Autoren vor dem Tunnelblick zu bewahren. Auch die Einbeziehung von Vertretern der Zielgruppe vor der Produktion des Drehbuches kann hilfreich sein, um von Anfang an Fehleinschätzungen und Irrwege zu vermeiden.

Wie erfolgreich ein Writer’s Room sein kann, zeigen Beispiele wie die Erfolgsserien BREAKING BAD (Showrunner: Vince Gilligan), DOCTOR WHO (BBC Showrunner: Steven Moffat) und die deutschen Serie DEUTSCHLAND 83, bei der auf das klassische Redakteur-System verzichtet wurde und die Hauptautoren den Einfluss auf alle Phasen der Produktion behalten haben.

Arne Sommer, der selbst einmal in den Writer’s Room der Erfolgsserie 24 schnuppern durfte, überzeugte seine Zuhörer mit seinem anschaulichen Vortrag und sorgte so für eine rege Diskussion unter den Teilnehmern.

Zum Programm der 1. Kieler Erzählwerkstatt

Bild: Corinne Kutz (unsplash.com)

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