Zeit für Schritt Zwei – Ein Kommentar

Dankenswerterweise hat Ruth Bender unsere kleine Debatte aus dem Juli aufgenommen und so das Thema in eine breitere Öffentlichkeit gebracht. Ein bisschen Wehmut kommt auf, wenn der Kern meines Kommentars „Wir müssen laut sein“ nicht wieder gegeben wird, sondern nur ein eher nebensächliches Zitat, das provozierend eine darauffolgende These einleitet. Daher möchte ich hier nochmal kurz auf die Bestandsaufnahme „10 Jahre Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein“ eingehen. Mein Text bezieht sich dabei nicht nur auf die Filmförderung, die meines Erachtens nicht alles leisten kann. Die Beschreibungen und Vorschläge sind als ganzheitliches Projekt zu sehen, das Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik zugleich betrifft.

Artikel in den Kieler Nachrichten 

Das nordische Doppel: Raus dem Gründungsmythos

Arne Sommer lobt im Interview mit der KN, dass die Fusion der Filmförderungen Hamburg und Schleswig-Holstein eine Art „Bestandsschutz“ für die Filmwerkstatt darstellt, die 2007 quasi vor dem Aus stand. Nach 10 Jahren muss diese Fusion jedoch mehr sein als ein finanzielles Schutzschild. Schleswig-Holstein muss den nächsten Schritt gehen, denn vor allem im strukturellen Aufbau hapert es gewaltig. Die Konsequenz: Viele Talente müssen das Bundesland verlassen und gehen als mögliche Filmarbeiter und Firmengründer verloren.

Genau hier sehe ich den großen Unterschied zwischen den Förderbedürfnissen Schleswig-Holsteins zu denen von Hamburg. Denn in der Metropole bestehen bereits die Strukturen, die in SH erst ausgebaut werden müssen. Wo an der Elbe die Profis schon auf dem internationalen Filmmarkt agieren können, müssen die Profis im Norden erst einmal die Chance bekommen, sich dorthin zu entwickeln. Ein guter Film entsteht mit gutem Personal, Geld, Erfahrung und harter Arbeit. Er fällt nicht einfach vom Himmel. Man will den Film in Schleswig-Holstein, doch so richtig durchdacht ist das Ganze noch nicht. Statt konsequent Strukturen aufzubauen, werden im Gießkannenprinzip einzelne Projekte gefördert. Hier ist dringend Nachbesserung geboten.

Der fruchtbare Boden für die Filmbranche

An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf die Hamburger Filmbranche. Hier pflegen die Hochschulen und Ausbildungsstätten ein aktives Netzwerk zu den Medienunternehmen in der Stadt sowie der Filmförderung und den Festivals. Diese enge Interaktion zwischen Ausbildung und Filmwirtschaft zusammen mit einem hohen Anspruch an die Qualität der Filme zahlt sich aus. So hat die Hamburg Media School (siehe Kameramann Ausgabe 01/2017) trotz ihrer bescheidenden Größe einige Gewinner des Studenten-Oskars zu verzeichnen. Maren Ade war und Fatih Akin ist für den Oskar nominiert.

Zudem zieht es große Film- und Fernsehproduktionen in die Stadt, denn wo Fachkräfte und ein gutes Netzwerk von Dienstleistern zu finden ist, da lassen sich auch Projekte mit Millionenbudgets drehen. Sich zu wünschen, dass die schönen Landschaften reichen, damit Filmproduktionen Arbeitsplätze auch in Schleswig-Holstein schaffen, ist zu kurz gedacht. Und ebenfalls ist trotz des Zusammenschlusses der Filmförderungen Hamburg und Schleswig-Holstein nicht zu erwarten, dass Hamburg die Filmwirtschaft aus dem Norden in ihre Strukturen einbindet, wenn aus Schleswig-Holstein keine entsprechende Maßnahmen zur weiteren Professionalisierung und Ausbildung der Filmarbeiter ergriffen werden.

Eine weitere Konsequenz: Trotz professioneller Dienstleister und Filmschaffender auch in Schleswig-Holstein wird in der Öffentlichkeit nur der Amateurfilm wahrgenommen. Hier werden künstlerische, kulturelle und auch ökonomische Potenziale schlichtweg verschenkt und dem Nachwuchs bleibt nix anderes übrig, als zu gehen.

Dass pittoreske Landschaften und eine gute Förderstruktur zusammenpassen, ist in Südtirol zu beobachten. Durch den Umbau der Filmförderung (IDM) ist die italienische Region zu einem beliebten Drehort geworden und konnte so eine florierende Filmwirtschaft ansiedeln.

Hinzufügen muss man an dieser Stelle, dass die FH Kiel den Kontakt zur Wirtschaft aufgenommen hat und Ansätze zur besseren Vernetzung mit Medienunternehmen da sind. Hier ist ein Schritt in die richtigen Richtung getan worden.

Strukturelle Förderung in Schleswig-Holstein bedeutet

  • mehr spezialisierte Ausbildungen (Aufnahmeleiter, Licht, Ton, VFX etc.)
  • eine bessere (technische) Grundausbildung an den Hochschulen statt irgendwas mit Medien
  • einen leichteren Zugang zu Ausrüstung
  • gute Weiterbildungsmöglichkeiten und Praktikantennetzwerk
  • ein weiterer Ausbau des Netzwerkes, auch über SH hinaus, denn das ist das A und O in der Filmbranche
  • ein Branchennetzwerk zum Auffinden von Filmarbeitern und Schauspielern
  • aktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Stoffentwicklung – Bezahlbar für SH

Auch über eine direkte Förderung aus der Filmwerkstatt an Drehbuchautoren sollte nachgedacht werden. Immerhin haben wir mit Arne Sommer einen fähigen Drehbuchautor dort sitzen. Dazu gehört nicht nur das Vertrauen an das noch zu produzierende Buch, sondern auch eine stetige Betreuung durch einen Drehbuch-Doktor sowie die Weiterempfehlung an interessierte Produzenten. Denn richtigerweise steht der Fokus der Filmwerkstatt Kiel heute beim Nachwuchs und den Quereinsteigern. Denn ohne sie ist kein Aufbau einer professionalisierten Filmbranche möglich.

Daher sollten wir aufhören zu meckern und anfangen einen Plan zu entwickeln.

Bild: Ethan Sykes (Unsplash.com)

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