Immersionsforschung in Kiel: Vom Orchideenfach zum Vorreiter eines neuen Forschungszweiges

VR Headset

Im Labor für Immersionsforschung (LINK) wird sowohl die Virtuelle Realität (VR) als auch Augmented Reality (AR, Erweiterte Realität) erforscht. Prof. Dr. Patrick Rupert-Kruse ist ein begeisterter Immersionsforscher, wie unsere Autorin Jill-Tatjana Gibson schnell feststellt. Er ist seit 2014 Professor an der FH Kiel und hat davor als Lehrbeauftragter das Labor mit aufgebaut.

Das Interview führte Jill Tatjana Gibson

Wie sehr hat sich der Studiengang Multimedia Production durch die technologische Entwicklung gewandelt?

Rupert-Kruse: Ich würde sagen sehr. Alles begann mit der Oculus Rift, die es zum ersten Mal möglich gemacht hat, sich mit einer Brille in einem 360 Grad Film zu bewegen. Als wir 2011 das Labor aufgebaut haben, haben wir uns die erste Developerversion dieser Brille geholt, um die neue Technologie zu testen.

Wie sind Sie da herangegangen?

Rupert-Kruse: Zuerst haben wir den klassischen Content getestet, also alles, was es schon gab. Zum Beispiel die Achterbahnfahrt. Wir wollten wissen, wie diese virtuelle Realität auf den Menschen wirkt, wenn er komplett, d.h., im Geschehen ist. Das Spannende dabei ist, dass die Menschen stark körperlich reagieren – ähnliche Phänomene konnten wir ja schon bei Achterbahnfahrten im Mediendom beobachten. Markus Schack (ebenfalls FH Kiel, Anm. der Red.) hat dort das berühmte Möbiusband programmiert, von dem ich ein riesen Fan bin. Denn obwohl es nicht mit realistischer Grafik programmiert ist, wird einem schlecht, wenn man über dieses Möbiusband fliegt. Und so etwas konnten wir 2012 dann auch mit der Oculus Rift erleben. Davor war das mit dieser Technologie eben nicht möglich: Wir hatten ein Jahr vor der Oculus Rift ein anderes Headmonted-Display, das aber nur wenig immersiv war, weil man in der Entfernung nur einen kleinen rechteckigen Bildschirm sah. Erst mit der Oculus Rift wurden diese Brillen richtig interessant.

Labor für Immersionsforschung an der FH Kiel

Also haben Sie die gesamte Entwicklung mit erforscht?

Rupert-Kruse: Genau. Wir hatten 2012 das erste Headset und dann hat die technische Entwicklung unglaublich große Sprünge gemacht. Wir waren quasi direkt dabei, als eine neue Technologie geboren wurde. Vorher war die Immersionsforschung noch sehr theoretisch, weil Virtual Reality nur von einer kleinen Gruppe Menschen erlebt werden konnte. Fulldome-Projektionen wie die im Mediendom gibt es in Deutschland nicht sehr viele, da war man dann eher ein Sonderling, wenn man sich mit solchen Phänomenen beschäftigt hat. Erst seit VR-Brillen aufgetaucht sind, ist auch Immersion zu einem allgemein bekannten Schlagwort geworden. Und auf einmal waren wir nicht mehr die Leute, die sich mit einem Orchideenfach beschäftigt haben, sondern diejenigen, die aktueller denn je waren. Um das nochmal zu verdeutlichen: Erst seit 2014 ist Immersion ein Begriff in den Handbüchern der Medien- und Rezeptionsforschung, vorher gab es ihn dort nicht.

Also hat das jetzt richtig an Fahrt gewonnen.

Rupert-Kruse: Ja, es ist ein super spannendes Thema und alle reden darüber. Trotzdem muss man auch sagen, dass VR noch nicht im Mainstream angekommen ist. Die Prognosen, wo es irgendwann hingehen wird, sind unterschiedlich. Technologie entwickelt sich ja häufig exponentiell, d.h. in den ersten Jahren gibt es kaum Veränderungen und dann geht es steil nach oben. Wir sind auf jeden Fall noch am Anfang und das Thema ist noch lange nicht tot. Was sich aber für uns hier verändert hat ist, dass wir anders damit umgehen können, weil die Leute jetzt wissen, wovon wir sprechen. Und wir können viel ausprobieren, da es eine unglaubliche Auswahl an Headsets gibt.

AR-Anwendung, die Bilder zum Sprechen bringt

Ist die Immersionsforschung demnach erst ab 2012 ein Teil von Multimedia Production geworden?

Rupert-Kruse: Früher haben alle Studierenden alles gemacht. Es gab die audiovisuellen Medien und die interaktiven Medien und alle haben auch mit dem Mediendom und mit 3D-Produktionen gearbeitet. Später wurde das dann aufgesplittet. Seit 2014 haben wir mehr VR und AR in das Fach integriert, weil die Technik erstmal da sein musste, damit wir damit arbeiten können. Wir machen im interaktiven Schwerpunkt viel mit Smartphones, wo diese Technik ja schon Gang und Gäbe ist, achten jedoch auch darauf, dass die Studierenden mit den Headsets arbeiten, um dafür Content zu generieren.

Wir repräsentieren das Labor für Immersionsforschung nämlich auch auf Messen und möchten dort natürlich zeigen, dass unsere Studierenden mit den neuen Technologien umgehen können und sich damit auseinandersetzen. Außerdem ist ein Smartphone nicht das Gleiche wie eine VR-Brille. Es macht ein Unterschied, ob ich auf dem Smartphone einen Knopf auf dem Display drücke, oder in der virtuellen Realität mit den Händen nach Objekten greife. Im einen Fall operiere ich auf einer Oberfläche, im anderem im Raum selbst. Ich kann in der digitalen Welt zu einer Wand gehen, einen virtuellen Gegenstand nehmen und ihn woanders hinbringen. Das funktioniert zum Beispiel über Touchcontroller, die in der virtuellen Welt meine Hände repräsentieren. In der echten Welt sind wir es ja gewohnt umherzugehen und Dinge in die Hand zu nehmen. Der Computer hat uns dann dazu gebracht, auf einer Oberfläche zu operieren – das ist die berühmte Desktop-Metapher – und jetzt gehen wir einen Schritt weiter, indem wir mit dem Computer im Raum interagieren. Das muss man erstmal lernen, sowohl als Designer als auch als Nutzer.

Hätten Sie gedacht, dass so eine Entwicklung jemals möglich ist?

Rupert-Kruse: Tatsächlich gibt es Visionen aus den 50er und 60er Jahren, vor allem in der SciFi-Literatur und im Film. Ich liebe SciFi, weil da schon früh ganz vieles möglich war. Aber auch in der Realität gab es in den 90ern auch schon Datenhandschuhe mit Vibration und Tracking. Daher war die Entwicklung u.a. in diesem Bereich schon abzusehen.

Ich habe mich allerdings diesbezüglich lange nur mit Prototypen und Konzeptstudien auseinandergesetzt, da solche Interfaces keine Massenwarewaren. Es gibt inzwischen allerdings viele Firmen, die taktile Handschuhe und sogar Anzüge auf den Markt gebracht haben, die dafür sorgen, dass man in der virtuellen Welt das Gefühl hat, wirklich etwas anzufassen. Einige arbeiten mit Vibrationen, andere sprechen einzelne Sensorfelder auf der Haut an. Es gibt Ganzkörperanzüge, die mit Elektrostimulation funktionieren und auch in der Lage sind, meinen Körper in bestimmte Positionen zu zwingen. Die können mir zum Beispiel beibringen, wie man Tennis spielt, eben durch die gezielten Stromimpulse. Oder wenn ich in der virtuellen Welt durch Wasser gehen soll, hilft der Anzug diese Schwere in der Bewegung zu simulieren. Das hilft uns, uns mehr dem anzunähern, was wir dann in der virtuellen Welt sehen.

In welche Richtung wird die Entwicklung gehen?

Rupert-Kruse: Ich wünsche mir natürlich eher eine künstlerische Richtung. Aber dafür muss man dem Zuschauer einen Zugang geben, also etwas für den Heimgebrauch oder etwas Kinoartiges. Das Kinoerlebnis ist ein soziales Erlebnis und VR ist immer ein sehr individuelles, subjektives Erlebnis, weil man eben abgeschnitten ist von allem. Daher weiß ich nicht, wie es sich da entwickeln wird.

Wir werden in der Lehre natürlich auch weiterhin künstlerische Inhalte haben, aber im Moment konzentrieren sich StartUps mehr auf die Industrie.

Wie wendet man in der Industrie VR/AR-Techniken an?

Rupert-Kruse: In der Industrie wird es vor allem in der Fertigung genutzt – hier wird auch viel AR angewendet. Lernen und Training sind ebenfalls wichtige Punkte. Man trainiert damit medizinische Operationen an Menschen und bildet Leute bei der Feuerwehr oder auf Schiffen aus. Man kann auch Bewegungen lernen, wie schon erwähnt. Archäologen machen Feldtraining mit VR. Anstatt nach Griechenland zu fahren, sieht man sich den Ort virtuell an und kann so darstellen, wie es dort früher ausgesehen hat. Momentan werden aber natürlich noch viele andere Anwendungsfelder gesucht bzw. erforscht.

Und wie kann man das künstlerisch umsetzen?

Rupert-Kruse: Ich wünsche mir eine Beschäftigung damit, wie man sich in VR filmisch ausdrücken kann, zum Beispiel, wie dort erzählt wird. In der Avantgarde-Kunst setzt man sich heute schon mehr mit dem Medium auseinander und reflektiert, wie es funktioniert und was man damit machen kann. Aber das ist eher ein reflexiver Prozess. Interessant ist für mich vor allem, wie man Filme in 360 Grad richtig produziert und in diesem Medium vernünftig erzählt. Heute ist es noch oft so, dass man die Brille aufsetzt und dann anwesend ist in einer medial vermittelten Welt. Aber das ist noch kein Erzählen, auch wenn einem das Einige so verkaufen wollen.

360 Grad Inszenierung brauchen auch 360 Grad Sound

Viele Menschen haben gegen solche Technologien Vorbehalte bzw. sie haben Angst davor, dass sie etwas ersetzen könnten.

Rupert-Kruse: VR und AR können Sachen vereinfachen, sie können viel Geld sparen, aber im Zentrum steht immer noch der Mensch. Natürlich spielt auch die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) eine Rolle. Wenn man in einer VR-Umgebung herumläuft, trifft man auf Charaktere, die mit KI laufen. Im AR brauche ich ein System, dass kontextabhängig Informationen abrufen kann. Aber eine KI ist auch nicht so intelligent, wie man sich das vorstellt. Sie kann mir einen Tisch reservieren, aber sie weiß nicht, was ein Tisch ist und sie weiß auch nicht was Essen bedeutet, weil sie dieses Konzept nicht hat und auch nicht braucht. Aber es ist schwierig momentan Prognosen zu stellen, wie sich das entwickeln wird. Jedes neue Medium bringt Hoffnungen und Ängste mit sich – das war schon immer so. Die Telegrafie zum Beispiel sollte die ganze Welt als denkendes Gehirn zusammenbringen. Doch eine Vernetzung gab es letztendlich erst später durch das Internet. Selbst das Internet ist nicht so, wie das Internet ursprünglich sein sollte, weil sich Technologie immer erst durch die konkrete Nutzung formt.

In Bezug auf neue Technologien gibt es immer Utopien und Dystopien, die damit in Verbindung gebracht werden. Ich denke nicht, dass wir irgendwann alle unser Bewusstsein auf einen Computer hochladen und nur noch als Avatare herumlaufen. Man muss diese Ängste dennoch ernst nehmen, aber auch im Auge behalten, was man mit neuer Technologie Gutes schaffen kann.

AR als Erweiterung der Realität

Aber verschwinden viele technischen Errungenschaften nicht auch wieder schnell?

Rupert-Kruse: Bei der Forschung geht es uns vor allem darum, Prinzipien herauszuarbeiten. Es geht nicht um den Inhalt oder die spezifische Technologie, sondern um die Struktur etwa von AR und VR, wie beispielsweise die Entwicklung der Interaktionsparadigmen mit dem Interface bzw. der Technologie.

Wir konnten uns eine Welt mit dem Smartphone vor 2007 nicht vorstellen. Auf einmal war es dann aber da und plötzlich ist es so wichtig für viele Menschen. Ich fand es hier persönlich sehr spannend, wie der Wechsel vom normalen Telefon zum Smartphone auch mich verändert hat. Ich wollte es gar nicht mehr loslassen. Und dann kam auch noch der Fingerprintsensor hinzu, und nun muss ich nur noch einmal Tippen, das Display leuchtet auf und alles ist bereit.

Das geht jetzt auch noch weiter, mit der Gesichtserkennung.

Rupert-Kruse: Mit solchen Kameratechnologien habe ich mich in Bezug auf AR auch beschäftigt. Es ging dabei darum, Mixed Reality – sozusagen eine Weiterentwicklung von AR – auf das Smartphone zu bringen. Eine super spannende Entwicklung war hier Googles Project Tango mit Tiefenkameras, deren Prinzip auch bei der Gesichtserkennung eine Rolle spielen. Damit wird eine ganze Bewegung abgescannt und man kann dann mit dem Smartphone in der virtuellen Umgebung sehr genau Dinge platzieren, weil eben genau erkannt wird, wie weit ein Tisch weg ist. Das wurde dann irgendwann eingestellt, dann kam aber Google mit ARCore, das auf jeder Kamera läuft und auch Oberflächen erkennt – leider nicht so gut. Da dachte ich, ok, diese Technologie ist jetzt weg. Aber das Gegenteil war der Fall. Es kommen nämlich immer mehr Kameras mit Tiefenerkennung auf den Markt. Zum Beispiel das neue iPhone X mit seiner Tiefenkamera. Die funktioniert allerdings nur für das Gesicht.

Das Wichtigste für mich daran ist allerdings, dass man durch die Tiefenerkennung wirklich mit der Welt interagieren kann. Dadurch entsteht eine Mixed Reality, wo die digitalen Objekte sich an die reale Welt anpassen und sozusagen mit den realen Objekten interagieren können. Das ist wieder spannend zu sehen, dass diese Entwicklung dann doch weiter geht. Man sollte immer im Auge behalten, dass vieles wieder aufgegriffen wird, auch wenn es irgendwo mal ‚gestorben‘ ist.

Es gab beispielweise eimal eine Firma, die LYTRO hieß, die haben 360 Grad Lichtfeldkameras gebaut. Die Kameras können Räume komplett als Echtzeitmodell erfassen. Darum braucht man dafür auch eine riesige Renderfarm. Die Firma ist irgendwann von Google gekauft worden, damit ist die Technologie dann erstmal vom Markt genommen wurden. Diesen wirtschaftlichen Faktor sollte man nicht unterschätzen. Da werden Patente und Firmen aufgekauft und dann kommt irgendwann wieder etwas Neues raus. Deshalb ist es so wichtig, dran zu bleiben und zu beobachten.

Behandeln Sie im Studiengang auch die ethische Aspekte oder nur die technische Seite?

Rupert-Kruse: Das kommt drauf an. Wir sind zunächst einmal praxisorientiert und wir wollen vordergründig erstmal verstehen, wie das Ganze funktioniert. Allerdings finde ich ethische Aspekte sehr bedeutsam. In den 1960er Jahren hat Stanislaw Lem beispielsweise ein Buch mit dem Namen „Summa Technologiae“ herausgebracht. Hier wird VR mit Gehirninterfaces usw. beschrieben – Lem nennt das Phantomatik und spricht dabei auch ethische Probleme an.

Diese Aspekte kommen allerdings erst heute so richtig auf den Tisch, u.a. in Bezug auf VR als Empathie-Maschine. Wichtig ist zu sagen, dass wir auch in der virtuellen Welt immer wir bleiben. Auch wenn ich mich in der VR in eine andere Figur transferiere, bleibe ich immer noch ich. Auf der anderen Seite kann VR aber viel mehr Empathie auslösen als ein planarer Film. Wir müssen uns also fragen, was VR mit uns macht. Wie fühlt sich zum Beispiel sexuelle Belästigung in der virtuellen Realität an und welchen tiefen Eindruck kann das hinterlassen.

Wir haben im Studium die allgemeine Medienethik, aber auch in speziellen Kursen tauchen diese Fragen immer wieder auf und werden diskutiert. Aber erstmal geht es in diesem Kontext darum neue Technologien auszuprobieren und ein Bewusstsein für deren Möglichkeiten zu schaffen. Erst dann kann man sich damit auseinandersetzen, dass man zum Beispiel in der VR Dinge nicht so extrem inszenieren darf, wie in einem Film. Ich möchte nicht von einem Axtmörder an der Tür begrüßt werden, das ist mir mit einer VR-Brille zu echt. Wir haben gerade ein Projekt, in dem es um den zweiten Weltkrieg geht. Hier muss man sehr stark die ethische Ebene einbeziehen. Man will ja den Leuten beispielsweise Eindrücke vermitteln, was es einerseits heißt Bomberpilot zu sein (und damit Täter) oder andererseits im Bunker zu sitzen (und damit Opfer zu sein). Man will nicht erreichen, dass die Nutzer Spaß haben daran, Bomben abzuwerfen, sondern sie sollen reflektieren, was das bedeutet, diesen todbringenden Knopf zu drücken. Wenn Nutzer in dieser Experience stecken, dann werden die Leute Bomben abwerfen (müssen oder wollen), ok, aber dann sollen sie auch spüren, was sie getan haben – darum der Wechsel vom Opfer zum Täter. Das ist das Spannende daran. Im Gegensatz zu einem Spiel, in dem sie etwa nur Bomberpiloten sind, werden die Nutzer direkt mit den Konsequenzen ihres Tuns konfrontiert und sie merken, „Oh mein Gott, das ist ja schrecklich!“. Hier sieht man schließlich, dass ethischen Fragen immer mitgedacht werden müssen.

Was war das prägendste Ereignis, seit Sie hier sind?

Rupert-Kruse: Da fallen mir einige ein. Wir waren mit dem Labor in Kiel unterwegs bei „Die Holtenauer meets die Nacht der Wissenschaft“. Ein relativ großer, schwerer Mann hat mit der VR-Brille die Achterbahn ausprobiert und wir mussten ihn zu zweit stützen, weil er in eine extreme Kurve gegangen ist und fast das ganze Equipment dabei runtergerissen hätte. Oder ein Masterstudiengang, mit dem ich die VR-Brillen ausprobiert habe. Man sitzt dann da und sieht, die Leute erleben etwas und sind so sehr drin, dass sie die ganze Welt um sich vergessen. Das ist Immersion. Und es ist unsere Mission, rauszugehen und den Leuten das zu zeigen.

Ist das eher was für die nachfolgende Generation?

Rupert-Kruse: Auf jeden Fall. Bis 30 findet man alles toll, was bis dahin entstanden ist, ab 30 muss man irgendwie zurechtkommen mit den Technologien, die da sind und ab 60 ist alles, was vorher da war, toll und alles, was danach kommt nicht mehr wichtig.

Ich merk das auch, ich hab zu bestimmten Sachen keinen Zugang mehr, zum Beispiel Snapchat. Ich werde die Kamera meines Smartphones niemals so benutzen, wie es Jugendliche tun.

Was würden Sie Studierenden mitgeben, die sich für diesen Studiengang interessieren?

Rupert-Kruse: Immer seiner Leidenschaft folgen, dann ist die Wahl immer richtig. Aber auch gucken, wo man später Chancen im Beruf hat. Am besten beides zusammen. Für alle, die den Interaktiven Teil nicht belegen wollen, weil man da angeblich so viel programmieren muss, kann ich nur sagen: Nicht davon beirren lassen. Letztendlich ist man hier, um Sachen zu lernen. Und vor allem sieht man sofort, was man gemacht hat.

Den gesamten Artikel „20 Jahre Multimedia Production an der Fachhochschule Kiel“ könnt ihr im Kulturmagazin Schleswig-Holstein lesen

Bild 1:  Samuel Zeller von Unsplash

Weitere Bilder: Mit freundlicher Genehmigung der FH Kiel

Ein Boot, drei Menschen, eine Geschichte – Sebastian Husak über seinen neuen Kurzfilm

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Sebastian Husak zog von Norddeutschland nach München, um an der Hochschule für Fernsehen und Film Regie zu studieren. Mit „Aus deinen Händen“ gewann er 2014 zusammen mit Hannes Lieschke den Nachwuchspreis des Jugendfilmfest Schleswig-Holstein. Nun kehrte er für ein Studienprojekt nach Neustadt in Holstein zurück.

Das Interview führte Jessica Dahlke

Hallo Sebastian, du hast gerade einen Studienfilm für die HFF München in Neustadt in Holstein abgedreht. Worum geht es bei deinem Projekt?

In meinem Film geht es um die ehemals besten Freunde Max und Jonas, die früher jeden Sommer auf dem Boot von Max’ Eltern verbracht haben. Irgendwann haben die beiden sich aus den Augen verloren und der Kontakt ist abgebrochen. Jetzt treffen sie sich mit Jonas‘ Freundin Nora auf dem alten Boot wieder und jeder kommt in dieser Dreierkonstellation mit einer anderen Erwartungshaltung an diesen Ort der Jugend und der Erinnerungen zurück – das ist die Ausgangssituation.

 

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Wie kam es dazu, dass du dich für einen Drehort in Schleswig-Holstein entschieden hast?

Gedreht haben wir auf einem Boot am Hafen ANCORA MARINA in Neustadt in Holstein, das den Eltern einer ehemaligen Schulkameradin von mir gehört. Ich komme ja selbst aus der Gegend und tatsächlich haben wir früher in der fünften oder sechsten Klasse mal einen Schulausflug zu dem Boot gemacht – damals war ich das erste Mal an diesem Ort. Irgendwann in der Oberstufenzeit war ich dann wieder dort, und seitdem ließ mich der Gedanke nicht mehr los, auf diesem Boot einen Film zu drehen. Am größten Yachthafen der Ostsee fällt der alte Kutter mit seiner hölzernen 60er Jahre Inneneinrichtung und der schweren, etwas in die Jahre gekommenen Metall-Außenhülle unter den modernen Yachten komplett heraus, was ich damals schon interessant fand. Schon für meinen ersten Film an der HFF München wollte ich ursprünglich auf diesem Boot drehen, aber damals war das für einen ersten Film viel zu groß und aufwendig und mir wurde geraten, mir die Idee für einen späteren Film aufzuheben. Das habe ich gemacht und meinen Boot-Film nun endlich realisiert.

 

Du selbst bist von Norddeutschland nach Bayern umgezogen, was bedeutet es für einen jungen Menschen alles hinter sich zu lassen?

Ich glaube damit geht jeder anders um. Für das Studium sein Umfeld komplett zu wechseln, ist ja nichts Außergewöhnliches. Ich würde auch gar nicht sagen, dass ich „alles hinter mir gelassen“ habe, denn ich bin ja hin und wieder immer noch im Norden und habe auch noch regelmäßigen Kontakt mit alten Freunden und Bekannten. Auch der Wechsel nach München ist mir nach einer kleinen Eingewöhnungsphase relativ leicht gefallen. In meinem Film geht es um eine Figur, die diesen Absprung – das Loslösen von Orten und Freunden der Jugendzeit – nicht geschafft hat und sich in die alte vergangene Zeit zurücksehnt.

 

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Du hast ein großes Talent darin, die menschlichen Katastrophen deiner Figuren in einer eindringlichen Stille zu inszenieren, die den Zuschauer ganz dicht an den Menschen heranführt. Wie gehst du bei der Inszenierung und der Arbeit mit den Schauspieler*innen vor, um diese Eindringlichkeit zu erreichen?

Ich freue mich, dass du diesen Eindruck gewonnen hast. Meistens kommen mir Ideen für Filme durch Fragen, die mich deshalb beschäftigen, weil ich selbst noch keine Antworten darauf habe. Die äußere Handlung des Films kommt dann meistens erst dazu, wenn ich eine Figur gefunden habe, die ebenfalls auf der Suche nach einer Antwort ist. Die Drehbücher – genau wie dieses, das ich zusammen mit meinem Kommilitonen Daniel Thomé entwickelt habe, entstehen dann meistens aus der Hauptfigur heraus.

Die Besonderheit bei der Inszenierung dieses Films war allerdings, dass sich im Drehbuch keine ausformulierten Dialoge finden, sondern die Schauspieler diese während des Drehs improvisiert haben. Ich habe mit den drei Schauspielern Leonard Scheicher, Mala Emde und Vincent Redetzki vor dem Dreh sehr intensiv über das Drehbuch und vor allem über die Figuren und deren Beziehung und Dynamik untereinander gesprochen und vor der Ankunft des restlichen Teams ein paar Tage mit den Schauspielern auf dem Boot verbracht, wodurch wir uns gemeinsam den Figuren angenähert und die Schauspieler sich diese ein Stück weit zu Eigen machen konnten.

 

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Was unterscheidet die Drehbedingungen auf dem Land von Schleswig-Holstein zu denen einer Großstadt wie München?

Wir haben ja an und auf der Ostsee gedreht – etwas ähnlich Passendes hätten wir in der Nähe Münchens einfach nicht finden können. Es gab in der Entwicklung des Projekts auch immer wieder Vorschläge, doch einfach an einem bayerischen See mit einem anderen Boot zu drehen, um nicht den Aufwand auf uns nehmen zu müssen, mit komplettem Team und Equipment fast 900km weit in den Norden zu fahren. Aber das wäre einfach nicht das Gleiche gewesen, und ich bin froh, dass wir uns dagegen entscheiden haben.

Die Dichte an Equipment-Verleihen ist in München natürlich höher. Als bei uns mal ein Satz Akkus den Geist aufgegeben hat, konnte unser Producer Daniel Kunz allerdings über einen Facebook-Aufruf schnell Ersatz finden. Die sehr aktive und breit aufgestellte Filmszene Schleswig-Holstein hat uns damit den Drehtag gerettet.

 

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Bilder: ©Rebecca Hoeft

„Ich bin jetzt für dich aus Glas“ – Hille Norden über ihr neues Projekt

Die junge Filmemacherin Hille Norden arbeitet zur Zeit an einem Dokumentarfilm über zwei syrische Brüder, mit Tim Butenschön an der Kamera. Der eine Journalist, der andere Maler. Gefördert wurde das Projekt von der Filmwerkstatt Kiel mit einer Projektentwicklungsförderung. Schon die ersten Gespräche mit einem der Brüder zeigen, wie wichtig der Film in der Diskussion um Grenzen und Kontingente sein könnte. Denn er verdeutlicht mit beeindruckend klaren Worten und ausdrucksvollen Bildern des Malers, warum sich die Syrer auf die Flucht begeben müssen. Ich habe mit Hille Norden über das Projekt gesprochen.

Das Interview führte 2016 Jessica Dahlke

 

Du arbeitest gerade an einem Dokumentarfilm. Kannst du uns kurz erzählen, worum es geht?

Ja, es geht um zwei Brüder, die beide aus Aleppo kommen. Der eine hat Journalistik studiert und der andere erst Jura und dann Kunst. Der Journalist war dort im Lokaljournalismus tätig und der Künstler hat an der Fakultät für Schöne Künste unterrichtet. Beide hatten ein Problem mit dem Assad-Regime. Der Journalist ist mehrere Male wegen seiner Arbeit im Gefängnis gewesen und ist mit seiner Familie – er hat zwei Kinder – geflohen. Zuerst in den Libanon, wo er auch wieder im Gefängnis war und dann über ein EU-Kontingent nach Deutschland. Er lebt jetzt etwa seit zwei Jahren in Leipzig.

Der Künstler ist da geblieben, bei seiner Familie, und hat weiter gemalt. Doch er musste irgendwann sein Haus verlassen, weil er in einer Region wohnte, in der besonders viele Bomben fielen. Auch sein Atelier wurde zerstört. Er hat seine letzten Bilder nach Deutschland schmuggeln lassen und diese wurden in Leipzig ausgestellt. Eins der Bilder wurde verkauft. Von dem Geld konnte er dann selber fliehen und ist seit 2015 in Deutschland.

 


Zeichnung von Zakwan Khello

 

Wie bist du auf das Thema gekommen? Was interessiert dich daran am meisten?

Eher auf Umwegen. Ich interessiere mich persönlich schon sehr lange für Flüchtlinge, weil es immer ein Teil meines Lebens war. Ich war selbst zweieinhalb Jahre mit einem afghanischen Flüchtling zusammen und auch meine Familie ist in dem Bereich tätig im Sinne von Deutsch-Nachhilfe, Bildungspatenschaften und Aufnahme von Transitflüchtlingen. Ich hatte darüber nachgedacht, einen Spielfilm über Flüchtlinge zu machen bzw. mit Flüchtlingen und habe darüber nachgedacht, was ich da so machen könnte. Meine Mutter war in Leipzig und hatte diese Ausstellung besucht. Sie hat mir davon erzählt und wie sehr sie die Bilder berührt hätten. Und dass diese Bilder sie auch sehr an meine eigenen Bilder erinnert hätten. Ich habe dann weiter recherchiert und hatte das Bedürfnis diese Doku zu machen. Zunächst musste ich die richtige Kontaktperson finden, da der Künstler kein Deutsch spricht. Und dann wurde ich auch von der Filmwerkstatt Kiel mit einer Projektentwicklungsförderung gefördert. Ab da gab‘s für mich kein Zurück mehr.

 

Zakwan Khello
Zeichnung von Zakwan Khello

 

Was ist die Geschichte, die du mit dem Film erzählen willst?

Was ich an den beiden sehr beeindruckend finde ist, dass es zwei sehr positiv denkende Menschen sind, die unglaublich schreckliche Sachen erlebt haben und beide aus Syrien geflohen sind, weil sie sagen: Wir wollen nicht kämpfen und wir wollen niemanden töten. Sie haben eine unglaublich große Liebe für ihr Land. Deshalb kann der Künstler auch kein Englisch, weil er nie daran gedacht hätte, sein Land zu verlassen. Aber sie mussten es doch. Eigentlich haben sie Sachen erlebt, wo man denkt, wie kann dieser Mensch noch leben? Aber sie tun es trotzdem und sie tun es mit großer Freude. Und sie tun das auf eine wunderbare Art und Weise. Ich möchte zeigen, wie es in den Ländern ist. Wie es den Leuten auf der Flucht geht und wie es ihnen hier geht. Und was für positive Energien Menschen entfalten können, wenn man ihnen die richtige Umgebung bietet. Wenn man ihnen die Chance gibt, sich weiter zu entwickeln.

 

Du hast ja im Zuge deiner Recherche schon einige Gespräche mit den beiden geführt. Gab es da etwas, was du besonders herausstellen möchtest? Wie war die Begegnung mit den beiden?

Was mich besonders beeindruckt hat? Zum Beispiel, dass der Journalist, Tarek Khello, sehr gut Deutsch kann und hier in Deutschland angefangen hat, journalistisch zu arbeiten. Er ist ein sehr energiegeladener Mensch, aber leider ist er schwer erkrankt und daher konnte ich noch nicht mit ihm sprechen. Ich weiß genug, um ein Drehbuch zu verfassen und wir werden auch mit ihm drehen können. Aber es waren noch keine Interview-Situationen mit ihm möglich. Und mit Zakwan Khello habe ich vor dem ersten Treffen nie geredet, weil er kein Deutsch und kein Englisch kann. Deshalb habe ich immer nur über seinen Sozialarbeiter und Tarek mit ihm kommuniziert, bis zum ersten Treffen. Ich habe vorher gehört, dass er ein sehr stiller Mann sein soll, ein schüchterner, einer, der einfach nicht auffällt. Und darauf hatte ich mich eingestellt. Ich hatte gedacht, dass er mir die Bilder zeigt und dass der Hauptredeanteil bei seinem Bruder liegt. Wir hatten dann das Vorgespräch und ich habe ihm gesagt: Du kannst uns alles erzählen, was du möchtest und was du nicht erzählen willst, musst du nicht erzählen. Und er sagte: Okay, ich bin jetzt für dich aus Glas. Und dann fing er an zu erzählen und erzählen und wir haben am ersten Tag etwa 12 Stunden zusammengesessen und am nächsten Tag auch nochmal drei Stunden. Inzwischen haben wir glaube ich an die 50 Stunden Interview.

 

Zakwan Khello
Zeichnung von Zakwan Khello

 

Wir haben über lange Zeit immer nur zugehört wie er Arabisch sprach, bevor es übersetzt wurde, aber es war nie langweilig. Weil man schon da verstanden hat, was er sagen wollte. Er hat eine ausdrucksvolle, bildliche Mimik. In dem einen Moment hat er geweint, in dem anderen gelacht. Er hat eine große Bandbreite an Gefühlen und war von einer Gutherzigkeit, die mich beeindruckt hat. Wie gesagt, ich kenne viele Flüchtlingsgeschichten, aber hier habe ich Sachen erfahren, die ich vorher nicht wusste. Ich glaube, was mich am meisten beeindruckt hat war, was er zu seinen Bildern gesagt hat. Ich les dir einfach mal etwas aus dem Interview vor:

Wir mussten in einem Truck transportiert werden, aber unter der Plane war keine Luft. Wir hatten kein Messer um die Plane zu durchstechen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie diese Schlepper uns in eine solche Situation bringen konnten. Wie böse sie sein könnten. Aber ich wusste, wenn wir auf der anderen Seite sind, dann wartet da das neue Leben.

Und das ist nur das Interview ohne die Bilder. Jedem, dem ich das vorlese, ist zu Tränen gerührt. Auch ich habe während des Interviews viel geweint.

 

Zakwan Khello

 

Gibt es noch etwas, was du unbedingt über diesen Film erzählen willst?

Ich glaube ich habe Sorge davor, dass ich diesen Film für die Schublade produziere, weil es mir wichtig ist, dass die Leute diesen Film sehen. Ich möchte, dass ihn nicht nur die Leute sehen, die sich ohnehin schon für Flüchtlinge mögen, sondern eben die, die dagegen sind. Weil genau für diese der Film ist.

 

Wann wird der Film deiner Einschätzung nach fertig sein?

Wir haben jetzt schon ein bisschen gedreht, aber es fehlen natürlich noch viele Aufnahmen. Derzeit sammele ich noch Geld, um den Dreh zu Ende führen zu können und meine Mitarbeiter wenigstens ausreichend zu bezahlen. Auch eine kleinere, finanzielle Hilfe kann für unser Projekt die vielleicht entscheidende Hilfe sein. Wer also jemanden kennt oder selber Lust hat, die „Khello Brüder“ zu unterstützen, der macht mir eine riesen Freude und kann mich unter der Adresse hille@norden.sh kontaktieren.

 

Vielen Dank für das Interview

Filmkultur Lounge: Ein Interview mit Veranstalter Christoph Zickler

Mit Stoff ausgekleidete Wände, Kerzen, chice Ledersofas und eine Logo-Wand, vor der sich die Besucher*innen ablichten lassen konnten. Die Filmkultur Lounge, die direkt neben dem Kinosaal eingerichtet wurde, war während des gesamten Filmfestes Schleswig-Holstein der Knotenpunkt zwischen Filmemacher*innen und Besucher*innen. Neu in diesem Jahr war das vom Offenen Kanal Kiel eingerichtete Fernsehstudio direkt in der Lounge, von dem aus alle Interviews mit den Filmer*innen live ins Internet gesendet wurden. Damit schufen die Macher Christoph Zickler, Johann Schultz und Daniel Krönke von Filmkultur SH e.V. einen deutlichen Mehrwert für das Filmfest, was von allen Seiten mit großem Lob honoriert wurde. Wir haben mit Christoph über die Philosophie und die Zukunft der Filmkultur Lounge gesprochen.

 

Du hast die Filmkultur Lounge letztes Jahr ins Leben gerufen. Kannst du einmal kurz erzählen, wie ihr angefangen habt?

Wir von Filmkultur Schleswig-Holstein sehen das Filmfest Schleswig-Holstein als Plattform, wo Filmemacher ihre Film präsentieren, Aufmerksamkeit bekommen und auch gemeinsam feiern können. Wir haben mit der Filmwerkstatt Kiel gesprochen, wie wir uns wieder stärker beim Filmfest einbringen können. Ein Vorschlag von Arne Sommer war eine Lounge einzurichten, damit die Filmemacher dort einen Ort haben, um sich zu treffen, sich zu unterhalten, über ihre Filme zu sprechen und vielleicht die nächsten Produktionen zu planen, weil man inspiriert wurde von anderen Filmen und Gesprächen. Das ist die Idee hinter dieser Lounge gewesen.

 

Ihr habt dieses Jahr eine Menge geändert. Letztes Jahr gab es ja noch Seminare in der Filmkultur Lounge. Außerdem war die Lounge in einem alten Ladengeschäft in der Einkaufsstraße eingerichtet. Was habt ihr alles neu gemacht dieses Jahr?

Letztes Jahr war das eine sehr kurzfristige Sache, deshalb mussten wir uns Räumlichkeiten in der Nähe anmieten. Diesmal sind wir direkt neben dem Kino. Das ist deutlich entspannter und viel schöner für die Filmemacher, weil sie nicht mehr rüber laufen müssen und vor allem direkt mitbekommen, dass hier die Lounge ist. Wir haben die Lounge nochmal deutlich besser eingerichtet und eine Raumgestalterin dazu genommen, die uns die Wände verkleidet hat, damit die kahlen, weißen Wände nicht zu sehen sind. Es ist wichtig, das die Lounge richtig gemütlich ist. Wir haben vom Stiftungszentrum Schleswig-Holstein eine schöne Sofa-Ecke geliehen bekommen, auf der dann auch die Interviews stattfinden und auch die Sofas für die Besucher sind dieses Jahr deutlich gemütlicher. Insgesamt ist dieses Jahr alles 100 Mal schöner und 100 Mal gemütlicher, wenn man hier reinkommt. Man fühlt sich gleich wie zu Hause.

 

Bild: Daniel Krönke

 

Ihr habt auch am Format etwas geändert. Stichwort Live-Übertragung.

Nach jedem Programm gibt es bei uns ein Q&A (Fragen und Antwort) mit den Filmemachern, das live auf Facebook übertragen wird. Wir hatten super spannende Filmgespräche.

 

Ihr habt auch eine tolle Wand, vor der man sich fotografieren lassen kann.

Genau, das hat dem Filmfest immer noch gefehlt. Jetzt haben wir eine Logowand mit den Logos der Ausrichtern. Die Leute können sich davor ablichten lassen und es kommt dann auch im Internet ein richtiges Filmfestival-Gefühl auf. Ich denke es macht einen riesen Unterschied, ob man sich vor einer Logowand oder bloß neben einem Plakat ablichten lässt. Einfach weil die Leute diese Logowände kennen und das sofort als Filmfest assoziieren.

 

Die Filmkultur Lounge wird nur exklusiv auf dem Filmfest SH stattfinden oder habt ihr da noch andere Pläne?

Das ist natürlich unser Traum, dass wir damit noch weiter gehen. Schleswig-Holstein hat ja einige Festivals und auch noch andere Filmveranstaltungen. Ich weiß noch nicht, ob wir das in diesem großen Rahmen machen, aber grundsätzlich sind wir offen dafür, das auch an anderen Orten zu machen, sofern wir die Unterstützung von den Veranstaltern bekommen.

 

Und ist bei dem Format Filmkultur Lounge Live auch noch weiteres geplant?

Ja grundsätzlich haben wir richtig Lust drauf diese Filmgespräche weiter zu führen, zum Beispiel bei Premieren.

Die Interviews können übrigens weiterhin im Internet abgerufen werden auf Facebook: Filmkultur Lounge.

Malte Blockhaus über FOLLOWING HABECK

Robert Habeck gehört 2018 zur den interessantesten Politikern in Deutschland. Malte Blockhaus verfolgt mit seinem Dokumentarfilm FOLLOWING HABECK seine Karriere von 2014 is 2017 und schafft damit einen spannenden Einblick hinter die Kulisse der Demokratie.

Ein Interview von Jessica Dahlke

 

Warum Robert Habeck und was hat dich an einem Politiker-Portrait besonders interessiert?
Malte Blockhaus: Bei der Landtagswahl 2012 in Schleswig-Holstein war ich als Videojournalist von einer Agentur beauftragt O-Töne zu sammeln. Also Kurz-Interviews mit Politikern. Dort begegnete ich Robert Habeck zum ersten Mal. Kurz darauf wird er Umweltminister. Monate später sprach ich ihn am Rande einer Veranstaltung recht unbeholfen von der Seite an. Für meine Diplomarbeit wollte ich ihn bei einem Termin mit der Kamera begleiten. Das klappte und bei den Dreharbeiten entstand recht schnell eine filmische Nähe. Für meine Diplomarbeit war das erstmal egal – es ging um das Thema Krabbenfischerei. Aber es blieb mir im Gedächtnis.

Die Wahl Robert Habecks war für mich im Jahr 2014 dann vor allem der persönliche Zugang und die filmische Nähe bei den Dreharbeiten. Diese Nähe und die daraus entstehenden Situationen und Atmosphären machen für mich den Reiz eines Dokumentarfilms aus. Inhalte rücken in den Hintergrund. Daher handelt es sich bei diesem Film nicht um ein „klassisches“ Politiker-Portrait, wenn es so etwas gibt. Der Zuschauer erfährt wenig über politische Inhalte oder die persönliche oder politische Vita Habecks. Man erhält dafür Eindrücke vom Politik-Alltag mit Ups und Downs und hier und da einen Blick hinter die Kulissen.

 

 

In welchem Zeitraum von Habecks politischer Karriere ist der Film genau entstanden?
Malte Blockhaus: Die ersten Gespräche habe ich mit Robert Habeck und dem Ministerbüro im Dezember 2014 geführt, die Dreharbeiten starteten dann im März 2014. In der Presse wurde in den folgenden Wochen immer wieder spekuliert, ob er seinen Hut in den Ring werfen würde und nach Berlin gehen will. Die Entscheidung teilt er am 05. Mai 2015 der Presse mit. Ich begleite ihn über die nächsten Monate und Jahre an etwa 40 Drehtagen. Im Kern ist es die Zeit, in der er für die Grünen-Urwahl kandidiert. Diese verliert er im Januar 2017 hauchdünn gegen Cem Özdemir. Ich drehe anschließend weiter bis nach der schleswig-holsteinischen Landtagswahl im Sommer 2017.

 

Du bist durch Robert Habeck nah an den politischen Prozessen gewesen. Hat das deinen Blick auf die Demokratie verändert?
Malte Blockhaus: Ich konnte nicht bei allen Situationen des politischen Alltags dabei sein. Die Teilnahme an einer Kabinettssitzung, Situationen echter Entscheidungsfindung oder harte innerparteiliche Diskussionen blieben mir verwehrt.

Was ich gesehen habe und was für mich in dem Maße neu war ist die enorme Anzahl unterschiedlicher „Bühnen“, auf denen Politiker, die höhere Ämter inne haben, unterwegs sind. Vom Einzelinterview mit einem Abiturienten im Ministerbüro, über die Großdemonstration aufgebrachter Bauern und Fischer bis hin zum Interview vor der versammelten Berliner Großstadt-Presse oder dem Grußwort in einer vollbesetzten Kirche.

Viele Politiker müssen überall dort die passende Ansprache finden. Wie sie dort agieren ist enorm wichtig. Ist es eher negativ, abwertend, aufhetzend. Oder bevormundend, arrogant. Vielleicht lässig oder überlässig. Ist es theoretisch und ruhig oder aber laut und engagiert. Ist man immer voll da oder liest eher vom Zettel ab. Ob man sich für die jeweiligen Menschen interessiert oder primär die Fernsehkameras im Blick hat. Ich glaube, das alles wird von den Menschen emotional registriert. Emotionen haben eine enorme Bedeutung für den politischen Erfolg und sind daher ein wichtiger Teil der Demokratie.

 

 

Wie geht es weiter mit der Dokumentation. Wo wird der Film zu sehen sein?
Malte Blockhaus: Ich freue mich jetzt erstmal auf das Filmfestival Max-Ophüls-Preis mit der Uraufführung am 23.01.2018. Dort wird der Film im Verlauf der Woche vier Mal gezeigt. Danach hoffe ich auf weitere Festivalaufführungen im Frühjahr, z.B. bei der Dokumentarfilmwoche Hamburg, dem Filmkunstfest Mecklenburg Vorpommern und natürlich dem Filmfest Schleswig-Holstein. Aufführungen soll es darüber hinaus auch im Kino in der Pumpe Kiel geben. Und falls sich in den nächsten Monaten ein Verleiher findet, kann ich mir auch gut eine kleine, deutschlandweite Kinotour vorstellen.

 

Hast du schon ein nächstes Projekt ins Auge gefasst?
Malte Blockhaus: Nein. Ein neues Thema oder Projekt ist bei mir leider nicht nur eine planbare Sache. Da spielt Zufall auch eine Rolle. Ich bleibe daher jetzt wachsam und horche etwas in mich hinein, was mich bewegt und motivieren könnte. Wenn sich dann ein interessanter Zugang zum Thema auftut, geht’s wieder los.

 

FOLLOWING HABECK
Deutschland 2018
Dokumentarfilm
75 Min.

Regie: Malte Blockhaus
Musik: Sergey Cheremisinov, Oliver Leggewie
Produktion: Blockhaus Filmproduktion
Förderung: Filmwerkstatt Kiel der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FWHSH), Stadt Kiel

„Also ist es ein Ja“ – mit diesen Worten bestätigt Robert Habeck, Umweltminister im beschaulichen Schleswig-Holstein, im Mai 2015, was viele bereits vermutet haben: Er will in die Bundespolitik und Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen bei der Bundestagswahl 2017 werden. Die Kandidatenfrage klärt die Partei in einer Urwahl, bei der es Habeck mit dem Parteivorsitzenden Cem Özdemir und dem Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter aufnimmt. Es ist ein auf den ersten Blick ungleicher Wettbewerb: Underdog gegen Parteigrößen, Nobody gegen Politprominenz. Der Film begleitet den charismatischen Politiker über mehrere Monate. Es ist eine politische und menschliche Nahaufnahme zwischen Wahlkampf und Ministeramt, Provinz und Großstadt, Sieg und Niederlage.

Malte Blockhaus ist Diplom-Geograph mit dem Schwerpunkt GeoMedien. Nach ersten Dokumentarversuche wie „Bücken für 8 Cent“ (2009) arbeitete er als Videojournalist. Seit 2010 ist er selbständig und hat zunächst längere Zeit touristische Werbeclips produziert. Seit 2014 dann die Arbeit an FOLLOWING HABECK, als ersten Langfilm.

Moritz Boll über seinen Kurzfilm ABGETAUCHT

Diesen Sommer drehte Filmemacher Moritz Boll seinen neuen Kurzfilm „Abgetaucht“ im schönen Ditmarschen. Das Projekt wurde von der Filmwerkstatt Kiel unterstützt. Wir haben mit Moritz über das Drehen mit Kindern, Teamarbeit und Lagerfeuerromantik gesprochen.

 

Hallo Moritz, ihr habt gerade die Dreharbeiten zu eurem neuen Kurzfilm abgeschlossen. Wo habt ihr gedreht?

Wir haben mit dem ganzen Team auf dem Forellenhof Riesewohld in Dithmarschen gewohnt, weil wir auf dem Gelände unser Set eingerichtet hatten. Das war besonders schön, weil nach Drehschluss das Lagerfeuer angemacht wurde und später alle Mitwirkenden gleich glücklich ins Bett fallen konnten.

 


Wie lief’s?
Super! Wir hatten eine ganz wunderbare, intensive, lustige Zeit. Unsere Hauptdarstellerin ist gerade erst 7 geworden und deshalb haben wir ihre Eltern und ihren kleinen Bruder ebenfalls auf dem Hof untergebracht. Marko Gebbert, unser Hauptdarsteller, hatte dazu Sohn und Tochter mit dabei und so gab es viele Kinder am Set, viel Trubel, witzige Situationen, „Räuber und Gendarme“-Spiele in den Pausen und – für uns – erkenntnisreiche Einblicke in den Wahnsinn der Kindeserziehung. Aber gearbeitet haben wir natürlich auch und das sehr erfolgreich! Wir haben uns alle so toll verstanden, dass wir sehr traurig waren, als die letzte Klappe geschlagen wurde.

 


Worum geht es in deiner Geschichte?
Vater und Tochter sind im Wald. Im Wohnwagen. Abenteuer-Urlaub, Idylle. Aber die kleine Marie vermisst ihre Mutter.
Wenn es uns gelingt, wird das ein spannender, berührender Kurzfilm über einen ganz besonderen Ausflug von Vater und Tochter.
Wie war das Drehen mit einem Kind?
Viel einfacher als erwartet! Unsere Ghisele ist einfach ein Wunderkind! Sie hat das ganz toll gemacht. Wir haben extra kürzere Drehzeiten eingeplant und zum ersten Mal mit zwei Kameras gleichzeitig gedreht, um Takes zu sparen. Das hat sich als eine praktische Arbeitsweise herausgestellt. „Ghighi“ und Marko hatten dadurch die Möglichkeit, in jedem Take eine andere Spielweise auszuprobieren, ohne auf Anschlüsse und Körperhaltung zu achten. Wir haben Ghighi nicht verraten, worum es im Film geht, und die Szenen chronologisch gedreht. So hatte sie die Möglichkeit, genau wie ihre Figur, überrascht auf Wendungen zu reagieren.

 


Was war anders als bei „Elise“?
Die Kürze! Während wir an „Elise“ fast zwei Jahre gearbeitet haben, war dieser Kurzfilm nach einer Woche Drehzeit im Kasten. Ein komisches Gefühl! Wir hatten ja vorher nur einen einzigen Kurzfilm gedreht und damals waren wir 12 Jahre alt. Wir haben das aber sehr genossen, weil die Planung natürlich einfacher ist und der Prozess durch die Verkürzung intensiver. Bei diesem Kurzfilm habe ich nur Regie geführt und die Kamera an Björn Kurtenbach und Konstantin Tanner abgegeben. Das war super und hat es sehr erleichtert, das Wesentliche im Blick zu behalten.

 

Ihr seid von der Filmwerkstatt Kiel gefördert worden.
Ja! Ohne die Förderung hätten wir den Film nicht drehen können. Obwohl alle Crewmitglieder nur eine kleine Gage bekommen und wir von vielen Seiten unterstützt werden, müssen die klassischen Posten einer Produktion natürlich irgendwie bezahlt werden: Fahrzeuge, Equipment, Verpflegung und später die Postproduktion. Wir haben uns deshalb riesig über die Förderung gefreut!

 


Wie hat sich das auf eure Arbeit ausgewirkt?
Für uns hieß das konkret: 2 Kameras, ein vernünftiger Regie-Monitor, der beide Kamerasignale nebeneinander anzeigt, ein besseres Tonaufnahmegerät und die Aufteilung in Tonmischer und -angler am Set, mehr Zeit, die gemeinsame Unterkunft und unsere geliebten Funkgeräte durften natürlich auch nicht fehlen – der Forellenhof Riesewohld ist nämlich über 4 Hektar groß.
Wie geht es bei dir weiter?
Ich freue mich jetzt sehr auf den Schnitt! Geplant ist die Fertigstellung für Ende des Jahres. Wir haben außerdem noch einige Aufträge, u.a. werden wir für die PSD-Bank einen Kinospot mit einem Flugzeug drehen. Sehr aufregend!
Viel Erfolg dabei!
Vielen Dank!

Mehr über Moritz Boll

Im Kino regnet’s nicht: Zum Ausklang des Dokumentarfilmsommers

Noch bis zum 6. September zeigt das Kommunale Kino in der Pumpe den Dokumentarfilmsommer. Anlass genug, um im dritten und letzten Teil unseres großen Interviews mit Dr. Eckhard Pabst und seinem Team, Kirsten Geißelbrecht und Zara Zerbe, über das Verhältnis des Kinos zu den kleinen Filmemachern zu sprechen – und über die Fähigkeit, Filme „sehen zu können“.

Das Interview führte Yorck Beese

Von Kinos und Filmemachern

Lasst uns über einen besonderen Aspekt des Kinos sprechen: Das Filmemachen. Das wirkt jetzt zunächst fehl am Platz, weil es mit der Vorführung nicht direkt etwas zu tun hat. Aber sicher stimmt ihr mir zu, wenn ich zunächst einmal sage, dass Filmemachen immer eine Gemeinschaftsarbeit, eine Kollektivkunst ist, oder?

KG: Abgesehen von den Experimentalfilmern und Eigenbrötlern, ja.

 
Ok, abgesehen von denen. Wie könnte – oder vielleicht: sollte – ein kommunales Kino eurer Ansicht nach zu dieser Gemeinschaftsarbeit beitragen?

ZZ: Wir können den Leuten das Filmemachen natürlich nicht abnehmen. Aber wir nehmen ständig Filme von kleinen Filmemachern ins Programm.
KG: Wir zeigen ständig den Nachwuchs. Jetzt im Juli zum Beispiel, da zeigen wir DÖRP MEETS ART von Elsabe Gläßel…
ZZ: Im Januar hatten wir sogar ein Helmut Schulzeck Special mit drei Premieren an einem Abend…

 
Das heißt, ihr nehmt auch gerne die „kleinen Filmemacher“ ins Programm.

EP: Ja, neben dem Filmfest Schleswig-Holstein, das einmal im Jahr stattfindet, machen wir auch einen oder zwei Premierenabende im Jahr. Die Filmemacher sind dann natürlich total aufgeregt.

 
Aber sie können aus der Vorführung auch etwas für ihr Interesse, das Filmemachen, lernen?

EP: Wenn der Film vor Publikum läuft, merken die Filmemacher dann auch, ob ihr Film funktioniert. Auf der Leinwand funktionieren Filme sowieso besser, denn den Film will ich sehen, der auf einem Monitor besser ist als auf einer Leinwand.
ZZ: Das Seherlebnis ist ein ganz anderes, denn hier sind die technischen Voraussetzungen besser: Die Anlage – der Bildschirm und das Soundsystem – wirkt ganz anders, weil sie eben so groß ist. Das heißt, der Film kann hier seine volle Wirkung entfalten. Und wir machen natürlich Werbung in unserem Programm und im Social Media-Bereich.

 

„The First Cut ist he Deepest“ – Studenten der CAU Kiel präsentieren Erstlingswerke (Foto: Zara Zerbe, Die Pumpe).

Vom Kulturerbe Film und Martin Scorcese

Zum erklärten Programm der Kommunalen Kinos gehört auch die sogenannte „Schule des Sehens“. Um kommunale-kinos.de zu zitieren: „Wir alle lernen in der Schule Lesen, Rechnen und Schreiben, aber nicht Sehen.“ Wenn man zum Lesen und Schreiben Buchstaben braucht und zum Rechnen Zahlen, was braucht man dann, um Sehen zu lernen?

ZZ: Also ich glaube man muss im Laufe seines Lebens den Umgang mit dem Medium Film lernen. Egal was „realistisch“ ist, es passieren im Film ja auch Dinge, die in der Realität nicht sein können. Zum Beispiel Zeitsprünge, bei denen etwa acht Stunden Zeit ausgeklammert werden. Ich kann mich noch erinnern, in meiner Kindheit durften die Nachbarskinder kein Fernsehen gucken, einschließlich Sesamstraße, während ich fernsehen durfte. Ich habe immer GZSZ gesehen und als wir das einmal mit den Nachbarskindern gesehen haben, wussten sie mit den plötzlichen Sprüngen von einem Handlungsort zum andern und den parallelen Handlungen gar nichts anzufangen. Sie konnten das Medium noch nicht lesen. Insofern bin ich auch der Überzeugung, es ist ok, das Sehen früh zu vermitteln.

 

Martin Scorsese hat einmal ein Konzept formuliert, sicher habt ihr davon gehört. Scorcese sagte, dass die sogenannte „visual literacy“ – frei übersetzt: die Fähigkeit, Filme sehen zu können – verlorengegangen sei. Was bedeutet so eine Aussage für euch?

EP: Man muss da differenzieren. Scorcese meinte einerseits das Kino und vor allem, dass Filme auch zu sehen sein müssen. Wenn sie einmal gedreht wurden, danach in einem Kino laufen und dann auf DVD vertrieben werden, das ist ja schön und gut. Wenn sie dann aber nur noch in einem Archiv liegen oder digitalisiert auf irgendeiner Festplatte liegen und nicht angesehen werden, dann haben sie ihren Nutzen eingebüßt.

 
Wie lässt sich das mit der Notwendigkeit vereinbaren, Filme auch deuten zu können?

EP: Ich kann in eine Kirche gehen und keine Ahnung von Kirche haben. Vielleicht stelle ich dann drinnen fest: „Wow, in der Kirche ist mehr Schatten als draußen.“ Ein Kunsthistoriker dagegen geht in dieselbe Kirche und stellt fest: „Wow, diese Kirche ist ganz anders als die, die ich heute früh gesehen habe.“ Es geht Scorcese um die Erhaltung des kulturellen Reichtums und unsere Aufgabe ist analog dazu, das filmische Erbe zu bewahren. Der Film muss auf die Leinwand. Das ist unser Anteil daran, die Kultur zu wahren.

 

Die Pumpe hält das Filmerbe lebendig: NOSFERATU mit Klavierbegleitung (Foto: Zara Zerbe, Die Pumpe)

 

Noch bis zum 6. September zeigt das Kommunale Kino in der Pumpe den Dokumentarfilmsommer 2017. Mit dabei ist auch WER WAR HITLER? (D 2016/2017), der monumentale Dreiteiler, der mit Zeitzeugendokumenten ein ungeahnt authentisches Bild der Person Hitler und ihrer Zeit zeichnet. Regisseur Hermann Pölking wird am 3.9. persönlich vor Ort sein und Fragen des Publikums beantworten.

Zur Website Kino in der Pumpe

 

 

Baltic Filmart Festival – Im Gespräch mit Kurator Dietmar Baum

Alles begann mit einem alten Industrie-Gebäude, in das sich der Künstler Dietmar Baum vor ein paar Monaten verliebte. Da, wo direkt am Hafen an der Lübecker Bucht einst der Vater von Karl Lagerfeld Dosenmilch produzierte, wurde der Neu-Schleswig-Holsteiner zu der Idee inspiriert, ein Festival für junge Kurz- und Kunstfilme zu schaffen: das Baltic Film Art Festival.

 

Herr Baum, Sie sind Initiator und Kurator des neuen Baltic Film Art Festivals in Neustadt in Holstein. Warum liegt es Ihnen am Herzen, an der Lübecker Bucht ein neues Filmfestival zu etablieren?

Wo ich bin, kann ich nicht still stehen. Ich rieche die kreativen Potentiale und Möglichkeiten in meinem Umfeld und bin ein Macher, der gerne im Team Ideen umsetzt. Es bedurfte eines Anstoßes. Eine Anfrage, einen Youtube-Abend in meinen Räumen zu veranstalten, brachte den Stein ins Rollen. Ich liebe den Film. Die Möglichkeiten eine Welt konstruiert und meisterhaft situativ in Szene gesetzt, zu genießen ist etwas großARTiges. Hier in der Lübecker Bucht in den alten Glückskleehallen bietet sich eine hierfür besondere Umgebung – Industriehallen direkt am Hafen mit der Aussicht auf die Altstadt.

 

Eine der Kategorien Ihres Festivals ist „Mehr Meer“. Was verbinden Sie mit Meer und Wasser?

Das Meer ist die Reflektion unserer Sehnsüchte und Wünsche. Ein LebensRaum der bedeutungsvoll für unsere Zukunft ist, wohlgleich ein Quell für Inspirationen und Ideen von zart bis hart.

 

Sie leben seit einem Jahr in Schleswig-Holstein. Was schätzen Sie an Land und Leuten und vor allem an der Kulturszene?

Ich erlebe die Menschen hier als sehr nett und offen. Generationsübergreifend und entspannt. Mich inspiriert die Küste und auch das Hinterland, welches für künstlerische Projekte viele Perspektiven bietet. Kulturszene klingt immer so spießig und befremdlich; das kulturelle Miteinander erschließt sich vielseitig. Schnittstellen, Motivation und Angebote sind in den ländlichen Regionen stark beschränkt, vor allem was die Jugendkultur betrifft.

Im Zeitalter der Digitalisierung muss sich über den Bereich der Kultur intensiver Gedanken gemacht werden, nicht nur hier im Norden, sondern in allen Regionen. Ich habe gerade an einem lokalen Gymnasium einen Video/Foto-Workshop gemacht. Toll, aber auch bemerkenswert war die dankbare und fruchtbare Ausarbeitung der gestellten Aufgaben. Junge Menschen müssen an kulturelle Aktivitäten und Werte herangeführt werden. Es gibt viel zu wenig Angebote, beklagen sie. Ein Plus für Facebook und Co. Aber es gibt auch Impulse aus den neuen vernetzten Bereichen, besonders im Film.

 

Schleswig-Holstein tut sich als Flächenland noch immer schwer, seine Kulturszene zu vernetzen. Ist das in anderen Bundesländern ähnlich?

Ich erinnere, dass es vor Jahren, als es das Rockbüro NRW noch gab (Vorläufer von Viva), in meiner alten Heimat NRW auch eher mau um die Kulturszene stand. Durch den Strukturwandel des Ruhrgebiets hat man jedoch viele Bereiche kommunikativ zusammengebracht. Das wünsche ich mir für SH auch. Es wird halt im Norden schnell der Eindruck vermittelt: Hamburg und der Rest. Aber ich bin auch noch nicht tief in die einzelnen Bereiche eingetaucht, sodass mein Eindruck durchaus noch unvollständig ist.

 

Was erwartet die Zuschauer und Filmemacher vom 29. September bis 01. Oktober 2017 beim Baltic Film Art Festival in Neustadt an der Lübecker Bucht?

Ich kann sagen, dass wir in den ersten Wochen schon über 100 Filme aus der ganzen Republik bekommen haben. Und ich meine echt tolle Filme! Ich bin dabei, das Programm in den drei Kategorien (Mehr Meer, Mensch zu Mensch, Kunstfilm) zusammenzustellen. Es werden an drei Tagen in drei dafür eingerichteten Programmkinos über 60 Filme gezeigt; hierbei wird das Glückscafé am Neustädter Hafen zum Festivalzentrum. Da es das erste Festival ist, sind alle Besucher eingeladen, sich die Filme kostenlos anzuschauen. Gemeinsam mit der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht, die als Veranstalter fungiert, gibt es ein buntes Programm rund um das Filmfestival.

Wir möchten das Publikum in den nächsten Jahren auch stärker in die Welt hinter die Kulissen führen. Dazu gehören Aussteller von Hard- und Software sowie Workshops und Aktionen. Aussteller und Anbieter von Workshops dürfen sich gerne unter info@balticfilm.de melden. Natürlich sollen auch gutes Essen und Partys nicht zu kurz kommen. Wir sind ganz am Anfang und hoffen, dass viele Filmemacher und Liebhaber, Schauspieler, Maske, Stylisten, Drehbuchautoren, Techniker, Kameraleute – also alle Macher der Filmszene – zusammenkommen und es zu ihrem Netzwerk und Filmfest machen.

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Vier Fragen an Thies John

Vor kurzem haben wir Thies John am Set seines dystopischen Langfilms „Wo andere Urlaub machen“ besucht, der im beschaulichen Ort Noer an der Eckernförder Bucht gedreht wurde.  Wir haben ihm vier Fragen zu seinem Film gestellt.

Du hast gerade deinen Langfilm „Wo andere Urlaub machen“ abgedreht. Wie fühlst du dich?
Ermattet. Aber auch glücklich. Obwohl der Film eben noch nicht ganz abgedreht ist. Wir benötigen nach gegenwärtiger Schätzung 2 weitere Tage!

Was waren die besonderen Herausforderungen beim Dreh?
Die besonderen Herausforderungen bestanden hauptsächlich darin, dass wir an einem abgelegenen Ort wie dem Strand von Noer weder Strom noch unsalziges Wasser oder auch Toiletten hatten. Dies führte oftmals zu Missstimmung. Dazu ist auch ein ruhiger Strand oft nicht so ruhig wie gedacht: Motorboote, in der Ferne spielende Kinder, uneinsichtige Passanten führten immer wieder zu unliebsamen Verzögerungen. Warten war häufig angesagt. Und auch das Wetter machte uns mehrmals einen Strich durch die Rechnung.

Seit unserem letzten Gespräch ist nun über ein Jahr vergangen. Wie hat sich das Projekt in dieser Zeit entwickelt? Hast du am Drehbuch weitergearbeitet?
Klar. Vor einem Jahr dürfte ungefähr Fassung 5 fertig gewesen sein. Gedreht wurde mit der finalen Drehbuchversion 11! Die Planung war oft schwierig, zumal relativ kurz vor dem Dreh mein Hauptdarsteller absagen musste und ich drei Wochen nach Ersatz suchte.

Wann wird der Film zu sehen sein?
Wenn alles klappt, feiert der Film im Mai 2018 Premiere, so zumindest die Planung.

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5% Heimat: Filmdreh in der Alten Mu

Mit 5% HEIMAT meldet sich Sascha Witt mit einem neuen Kurzfilm zurück. Der in der Alten Mu in Kiel entstandene Film wird voraussichtlich am 15. September zu sehen sein. Wir haben mit den Machern gesprochen.

 

Das Interview führte Jessica Dahlke

Sascha, du hast das Drehbuch zu 5% HEIMAT geschrieben: Worum geht es im Kurzfilm?

SW: Im Grunde ist es ein kleines SciFi – Kammerspiel. Wir finden eine junge Frau vor, die einen Bezug zum Weltraum hat, aber offensichtlich stimmt etwas nicht: Sie wird gefangen gehalten.

Gefangen im Bezug auf das äußere oder ist da noch mehr? Etwas, was in ihr selbst liegt?

SW: Sowohl als auch, würde ich sagen. Eigentlich ist unsere Protagonistin Anne auf einer Sinnsuche und hat dabei unglaubliche Distanzen überwunden, nicht nur in räumlicher Hinsicht, sondern auch emotional und gesellschaftlich.

Sie ist also aufgrund einer Sinnsuche im All. Was assoziierst du mit dem Weltall?

SW: Ich begreife das Weltall als Sinnbild für eine Vielzahl von positiven, aber auch vielen negativen Dingen. Das Weltall kann für unendliche Möglichkeiten stehen und ebenso für unendliche Einsamkeit.

Oder für lebensbedrohliche Gefahr?

SW: Das sicher auch!

Du hast bei diesem Film mit Johann Schulz, Hille Norden und Hannes Gorrissen aus Kiel zusammengearbeitet. Was verbindet dich mit der hiesigen Filmszene?

SW: Was ich sehr schätze an der Filmszene Kiels und Schleswig-Holsteins ist der Zusammenhalt untereinander und die Passion, eine gute Idee mit wenigen und dennoch effektiven Mitteln umzusetzen. Ohne Hille, Johann und Hannes wäre ich aufgeschmissen gewesen. Ohne sie wäre einfach kein Film zustande gekommen. Und sie waren es auch, die einen einfachen Raum – unser Set – mit gutem Spiel, Licht und Farbe zum Leben erweckten.

Was interessiert dich besonders am Erzählen von Geschichten?

SW: Ich mag es mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen, ihn erst in einen Irrgarten voller Möglichkeiten hineinzuführen, wo sich am Ende aber doch nur ein Weg als der richtige herausstellt.

Wobei es manchmal auch mehrere Wege gibt eine Handlung zum Abschluss zu bringen. Das ist dann aber schon hohe Kunst.

Hille Norden, wen spielst du im Film?

HN: Die junge Astronautin Anne, die auf einem ESA-Stützpunkt festsitzt und nicht weiß warum. Bei einem Verhör, das ihr alter Bekannter Tayo Grabb durchführt, stellt sich der Grund heraus. Das eigentlich banale Gespräch entwickelt sich schnell zu einer Identitätssuche. 5% Heimat ist ein Kammerspiel, das sich mit der Wahrhaftigkeit der Wirklichkeit auseinandersetzt. Besonders in Zeiten von Fakenews ein wichtiger Film.

 

Was waren die besonderen Herausforderungen beim Dreh?
HN: Uns Filmemachern hat dieses Projekt vor eine ganz neue Herausforderung gestellt, denn wir haben uns für ein sehr schlichtes Setting entschieden. Das heißt, das Schauspiel und die Auflösung musste ganz besonders gut sitzen! Eine Aufgabe, die wir aus meiner Sicht, sehr gut erfüllt haben. Möglich wurde dieses Filmvorhaben natürlich nur durch den Landesverband Jugend und Film!

 

Miguel Francisco du spielst Tayo und bist ein neues Gesicht in der Filmszene in Kiel. Wie ist es zur Zusammenarbeit gekommen?

MF: Ich bin auf verschiedenen Schauspieler-Portalen registriert. Ich bekomme auf diese Art viele Anfragen für Rollen.

Bist du ausgebildeter Schauspieler?

MF: Nein ich bin Quereinsteiger. Ich stand immer schon auf der Bühne als Sänger und Tänzer, später kamen eigene Musikvideo hinzu die auch Geschichten erzählten und 2014 fing ich mit Theater an.

Wo lebst du?

MF: In Berlin

Was reizt dich am Filmschauspiel?

MF: Ich mag es, mit kleinen Gesten den Charakter zu gestalten. Im Theater spielt man oft groß und im Film reichen manchmal auch ganz kleine Gesten, die dann aber große Bedeutung haben können. Ich finde das realistischer, weil man ja auch alles bemerkt, wenn man jemanden vor sich hat. Dann gibt es beim Film unterschiedliche Projekte, die man nicht totspielen kann. In dem Projekt bist du der und im nächsten Projekt wieder jemand anderes.

 

Und wieder ein Kurzfilm von Johan Schultz. In diesem Jahr scheinst du der Powerseller unter den Kieler Filmemachern zu sein. Was bedeutet für dich Filmemachen?

JS: Filmemachen macht süchtig. Und ich liebe das Set-Life. Teil eines guten Filmteams zu sein finde ich einfach erfüllend. Sowohl als Regieassistent, als auch Set-Runner oder einfach nur Blocker einer Fernsehfilmproduktion. Das Filmset ist einfach mein Place To Be. Allerdings geht nix über das Regieführen. Das Inszenieren macht mir die größte Freude. Das hat mir dieses Projekt auch nochmal ganz klar vor Augen geführt.

 

Was hat dir besonders gut am Drehbuch von Sascha gefallen?

JS: Der Subtext. Das Mysteriöse. Es ist ein Kammerspiel mit Science-Fiction-Setting. Allein das finde ich schon cool. Zudem gefiel mir die Herausforderung, zwei Menschen zu inszenieren, die sich im Grunde nur gegenübersitzen. Ich glaube, wir haben interessante Lösungen gefunden.

 

Wann wird der Film zu sehen sein?

Am 15. September findet in der alten Muthesius Kunsthochschule eine große Veranstaltung statt, bei der viele Künstler aus aller Welt zusammengekommen. Querbeet 2017. Ein ehrgeiziges Ziel, den Film dort erstmalig zeigen zu können.

 

5% HEIMAT mit Hille Norden und Miguel Francisco
Regie: Johann Schultz
Drehbuch: Sascha Witt
Kamera: Hannes Gorrissen
Produktion: Hille Norden

Der Film wurde gefördert vom Landesverband Jugend & Film

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