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Das Dokumentarfilmprogramm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck

Das Dokumentarfilmprogramm der 60. Nordischen Filmtage Lübeck (30.10.-04.11.18) liefert einen Querschnitt zu den Lebensweisen der Menschen in den nordischen und baltischen Ländern sowie gelebter Geschichte in Europa im Zeitraum der letzten 100 Jahre. 16 der insgesamt 28 Dokumentarfilme des Programms gehen ins Rennen um den Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften (dotiert mit 2.500 Euro)

Bei den diesjährigen Dokumentarfilmen hat einer der renommiertesten Regisseure, Produzenten und Dokumentarfilmer Finnlands, Jörn Donner, mit seinem Film „Fuck Off 2 – Bilder aus Finnland“ (FI 2017) den Versuch unternommen, den enormen Wandel darzustellen, der seit seinem Dokumentarfilmklassiker „Fuck Off – Bilder aus Finnland“ von 1971 stattgefunden hat. Bei seinen Reisen durch das Land und Gesprächen mit unterschiedlichsten Menschen thematisiert er die extremen Einkommensunterschiede, die Landflucht sowie den Umgang mit Migranten – Themen, die auch in anderen Filmen der Sektion aufgegriffen werden. Jörn Donner, Jahrgang 1933, kommt als Gast nach Lübeck. Ebenfalls eine Fortsetzung präsentiert das 2009 mit dem NFL Dokumentarfilmpreis ausgezeichnete Ehepaar Janus Metz und Sine Plambech mit „Herzensland – Eine etwas andere Liebesgeschichte“ (DK/NL/SE 2018). Ihr anthropologisch anmutender Film über interkulturelle Ehen zwischen Dänen und Thailänderinnen gibt tiefe Einblicke in diese besonderen Beziehungen in nördlichen Teil Dänemarks.

Das Dokumentarfilmprogramm greift des Weiteren aktuelle Probleme wie die Entvölkerung abgeschiedener Gegenden Europas in „Estnische Geschichten. Kerro 40“ (EE 2017) und „690 Vopnafjörður“ (IS 2017) auf sowie die Folgen technischen Fortschritts für die Einwohner in „Der Fluss, meine Freundin“ (CH 2018) und in „Die das Licht brachten“ (FI 2017). Veränderungen der Arbeitswelt in traditionellen Betrieben wie der Fischerei spielen eine Rolle in „Liebe an Bord“ (DK/FO 2018) und „Der letzte Hummerfischer“ (SE 2018) oder auch die Geschichte moderner HighTech-Unternehmen in „Nokia Mobile – We Were Connecting People“ (FI/NO/DE 2017).

Wie wichtig ein geordnetes Leben, Bildung und Schulsystem für Kinder und Jugendliche sind, zeigen die Filme „14 Fälle“ (EE 2017) und „Fortsetzung folgt“ (LV 2018), wohingegen „Räubertochter“ (NO/SE 2018) und „Die Nacht, als uns Papa abholte“ (NO/BE/SE 2017) die Drogenabhängigkeit von Familienmitgliedern thematisieren.

Zurück in der Geschichte geht es u.a. mit den Filmen „Widrige Umstände“ (DK 2018) und „The Raven and the Seagull“ (DK/GL 2018), welche von der Eroberung Grönlands und dem Verhältnis zwischen Kolonie und Kolonialmacht berichten. Weitere historische Rückblicke liefert Jouko Aaltonens und Seppo Rustanius’ „Die Augen des Kriegs 1918“(FI 2018), der den finnischen Bürgerkrieg und die damaligen Kindersoldaten thematisiert, sowie Guðbergur Davíðssons und Konráð Gylfasons „Iceland Defense Force – Vorposten des Kalten Kriegs“ (IS 2017) über die NATO-Basis in Keflavik, Island.

Anlässlich des 100. Jahrestages der Staatengründung Estlands, Lettlands und Litauens sowie der 100-jährigen Unabhängigkeit Islands finden sich ebenfalls besondere Filme im Programm der Dokumentarfilmsektion. Beispielsweise bei Raimo Jõeran und Kiur Aarma, die rückblickend die Arbeit der ersten estnischen Regierung, als wildes „Rodeo“ (EE/FI 2018) inszenieren. Auch „Brücken der Zeit“ (LV/LT/EE 2018) weckt Erinnerungen: hierin wird die Baltic New Wave betrachtet, der Gegenentwurf zum offiziellen sowjetischen Kino der damaligen Epoche. Ein Dokumentarfilm über Dokumentarfilme, deren Regisseure in den 1960er-Jahren eine poetische Filmsprache entwickelten. Einer von ihnen ist der Lette Ivars Seleckis, Jahrgang 1934, der als Gast in Lübeck erwartet wird, wo er zusammen mit Regisseurin Kristine Briede nicht nur „Brücken der Zeit“ vorstellen wird, sondern auch seinen neuen Dokumentarfilm „Fortsetzung folgt“ (LV 2018), der lettische Kinder durch ihr erstes Schuljahr begleitet.

Eine ganz andere Beziehung wird in der diesjährigen Masterclass Dokumentarfilm zum Thema „Realität und Moral“ behandelt, in deren Mittelpunkt die aktuelle Dokumentation des norwegischen Regisseurs Erik Poppe steht, der zuletzt mit „Utøya 22. Juli“ (NO 2018 – Teil des diesjährigen Specials Programms) Aufsehen erregte. In „Per Fugelli – das letzte Rezept“ (NO 2018) begleitet er seinen gleichnamigen Freund, einen norwegischen Sozialmediziner und Denker, im Endstadium seiner Krebserkrankung. Entstanden ist ein tiefgründiger und packender Film. Erik Poppe wird persönlich die Masterclass begleiten, um mit jungen FilmemacherInnen über den Umgang mit hochsensiblen Themen und die Verantwortung des Filmemachers für seine Protagonisten zu diskutieren. Dabei wird es auch um den Einfluss von Spielfilmdramaturgie auf das dokumentarische Erzählen gehen.

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