Der Fährmann und seine Frau (D 2015, Johanna Huth)

Von Hobbits und Generation Maybe

Zwei Hähne krähen um die Wette, erst der eine, dann der andere, dann wieder… ach, ein schier endloses Hin und Her. Gut, es sind zwei Hähne und nicht Hahn und Henne, aber dennoch versinnbildlichen sie in dieser Szene aus Johanna Huths Dokumentarfilm „Der Fährmann und seine Frau“, der auf dem Filmfest Schleswig-Holstein seine Premiere feierte, ganz wunderbar die Protagonisten des Films. Denn ja, auch der Fährmann Günther und seine Frau, beide Ende 70 und rund 40 Jahre verheiratet, zanken sich gern und oft. Na, zumindest oft, geradezu fortwährend, tagein, tagaus. Und doch bilden sie eine liebevolle Einheit, die nichts auseinanderbringt.

Ein minimalistisches Leben

Irgendwie abseits von allem leben die beiden in ihrem kleinen Häuschen am Ufer der Elde (nein, nicht der „Elbe“) inmitten der Felder und Wälder des südwestlichen Mecklenburg-Vorpommerns. Bis zur anderen Seite des Flusses ist es kaum mehr als ein Steinwurf. Seit 70 Jahren bringt Günther mit einem kleinen Boot seine „Reisegäste“ hinüber, wie zuvor sein Großvater. Das ist es, was er tut, schlicht und einfach. Seine Frau kümmert sich um den Haushalt. Ansonsten gibt es für die beiden noch den sehr überschaubaren Hof zu bewirtschaften. Mahlzeiten vorbereiten, das Schwein und die Hühner und Katzen versorgen – ihr Alltag ist von gnadenloser Beschaulichkeit. Ein für uns extremer Minimalismus, eine Lebensführung, auf die das Leben da draußen – das Leben, wie wir es kennen – keinerlei Einfluss zu haben scheint. Die Kamera ist bei all dem im Grunde einfach dabei, fängt dieses Leben ein – kommentarlos, was gut funktioniert. Denn was wir sehen, spricht wunderbar für sich.

 

 

Eine fremde Welt – und Tommy das Schwein

Apropos „das Schwein“. Im Stall der beiden haust das Schwein Tommy, von der Frau geliebt, als wäre es ihr Kind. Tommy ist gleichermaßen überaus niedlich und überaus hässlich. Er macht die sonderbarsten Grunzgeräusche. Die Kamera muss nur draufhalten, und wir lachen uns bezaubert kaputt, nach dem Motto: Wie cool ist das denn?!

Voller solcher kleiner, skurriler Wunder scheint hier alles. Irgendwie haben wir eine andere Welt als unsere eigene vor uns, eine andere Interpretation des Lebens. Und doch wissen wir, natürlich ist diese Welt irgendwie doch Teil unserer Welt. Nur fehlt hier vieles, ist alles so anders, so reduziert. Ursprünglich? Nun, zumindest finden wir hier viel Schönheit in einfachen Dingen. Wir können abgleichen – oder einfach nur genießen. Denn zurückkehren in unsere Welt werden wir ja ohnehin. So schön hier vieles auch ist, diese Reduzierung und extreme Entschleunigung ist eben doch nicht ganz die Welt, die wir als die unsrige kennen und uns auf Dauer wünschen. In der Welt des Fährmanns und seiner Frau sind wir – wie das Filmteam – in der Tat nur zu Besuch.

 

 

Ein Gegenpol zu Generation Maybe

Hier am Flussufer ist alles und bleibt alles, wie es ist, seit Jahrzehnten. Günther und seine Frau bilden eine untrennbare und unwandelbare Einheit. Der absolute Gegenentwurf zu Generation Maybe. Entsprechend regt die Konfrontation mit dieser kleinen Welt der totalen Beständigkeit zum Hinterfragen des Lebens in unserer sich stetig wandelnden Welt der tausend Möglichkeiten an. Sicher, wir sehen hier einen Extremfall, ein Leben, das nur eine einzige Möglichkeit kennt. Aber gerade darin findet sich wiederum ein anregender Gegenpol.

Wie Hobbits im Auenland

Ein großes Plus dieser Dokumentation ist der Humor, der sich automatisch aus ihren Protagonisten ergibt. Allein schon der Umgang der beiden mit Günthers Schwerhörigkeit führt immer und immer wieder zu herrlich kauzigen Wortgefechten, die kein Drehbuchautor hätte besser niederschreiben können, als dieses Paar sie einfach automatisch „produziert“. Die beiden lustigen Streithähne sind einfach, wie sie sind, kennen es nicht anders. Vor allem kennen sie eben nicht „unsere“ Welt, aus ihrer Sicht die Welt da draußen. Sie leben wie zwei Hobbits in ihrem kleinen Auenland am Flussufer, ohne sich um andere Dinge als ihre immer gleichen, schlichten Alltäglichkeiten zu kümmern.

 

 

Winterschatten

Der Film begleitet sie durch alle Jahreszeiten und schließt im Winter – wehmütig. Symbolisiert wird hier nicht nur der Winter des Lebens des Fährmanns und seiner Frau, sondern darüber hinaus auch der Winter, das nahende Ende, einer eigenen kleinen Welt und Lebensweise an diesem kleinen Fleckchen Erde in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Sinnbild auch für das nahende Ende aller Beständigkeit in unserer Vielleicht-Welt? Passt sie einfach nicht in unsere Welt und muss daher vergehen? „Maybe“?

Fazit

Johanna Huth und ihre Mitstreiterinnen nehmen uns mit auf eine höchst amüsante Reise in eine fremde Welt der Schlichtheit und unwandelbaren Beständigkeit kurz vor ihrem Untergang – und sie lassen uns über unsere eigene Welt nachdenken.

DER FÄHRMANN UND SEINE FRAU
Deutschland 2015
Buch und Regie: Johanna Huth
Produktion: Johanna Huth, Julia Gechter
Ton: Julia Gechter
Kamera: Miriam Tröscher, Julia Gechter
37 Min.

Bericht: Benjamin Bräuer

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