Und dann kommt das Leben

Teampräsentationen des 5. Semesters MLP der FH Kiel
Studierende des 5. Semesters im Studiengang Multimedia Production der Fachhochschule Kiel präsentierten am 24. April im Kommunalen Kino der Pumpe neun im Rahmen des neuen Studienmoduls Kurzfilm erstellte Kurzfilme.

Bericht Benjamin Bräuer

SHERLOCK HOLMES

Ja, Kiel hat seinen eigenen – zugegebenermaßen selbsternannten – Sherlock Holmes. Und jetzt hat er sogar seinen eigenen Film – einen Quasi-Spielfilm, der am ehesten vielleicht an Helge-Schneider-Filme erinnert.
Die Story: Das abendliche Glas Milch in der Stammkneipe ist Sherlocks wiederkehrendes Ritual. Dann eines Tages der Schock: Die Milch ist sauer! Wie kann das nur sein? Holmes nimmt die Ermittlungen auf.
Technisch beginnt der Film solide, wird dann holprig. Immer wieder sekundenlange Überbrückungen mit einfach nur schwarzem Bild. Sherlocks News-Clips sind eine witzige Idee, bleiben aber letztlich eher unausgegoren. Ähnliches gilt für eine Animation, bei der wir sehen, wie der schlafwandelnde Milchbauer, bei dem Sherlock „ermittelt“, des Nachts seine eigene Kuh umstößt. Bei den Darstellern wird auf offenkundig Laienhaftes von Laien gesetzt.
Nun ja, Freunden des skurrilen Nonsens könnte der Film trotz seiner Schwächen durchaus gefallen.

 

ULTIMA CALIGO

Zwei beste Kumpels und Outdoor-Rollenspiel-Nerds buhlen um dasselbe Mädchen, eine neue Mitspielerin. Beim aus einem Missverständnis heraus entstandenen gemeinsamen Date mit ihr zeigt sich, was die mittelalterliche Rollenspielkluft zuvor verbarg: es ist keine Sie, es ist ein Er.
So richtig professionell sieht der Film allenfalls in Teilen aus, insbesondere verglichen mit anderen Beiträgen des Abends. Der Frau-ist-Mann-Twist ist ganz witzig, nicht mehr. Ganz okay, der Film.

 

SOFAGEFLÜSTER

Fünf junge Frauen und Männer erzählen jeweils auf einem Sofa sitzend in die Kamera, wie sie etwas das erste Mal im Leben getan oder wieder getan haben. Dabei setzen die Filmemacher immer wieder auf Nahaufnahme von den Händen und Handbewegungen der jeweils erzählenden Person. Kann man machen. Bei den ersten Malen geht es um Ballett, um das Helfen bei der Essensausgabe für Bedürftige, um ersten Sex mit neuer Freundin nach gescheiterter Ehe und zu guter Letzt darum, wie zum ersten Mal nicht mit Angst und Verschüchterung, sondern mit selbstbewusstem Lachen auf die Schläge des Vaters reagiert wurde.
Diese letzte Episode wertet den ganzen Film immens auf. Denn wie hier ein Mann von einem Wendepunkt in seinem Leben erzählt, bei dem er entschieden hat, dass mit ihm die Gewalt in seiner Familie ein Ende hat und sie nicht an seine Kinder weitergegeben wird, ist wirklich bewegend. Dieses Moment wird wunderbar im Abspann aufgegriffen, wo wir diesen Mann seinem Kind vom kleinen Wind erzählen hören, der sich gegen den Sturm behauptet.
Der Film verfolgt ein einfaches Konzept, das vor allem aufgrund dieses einen ganz besonderen Berichts letztlich aufgeht – bzw. „rettet“ diese Abschlussepisode den Film vielmehr. Denn das Highlight am Ende zeigt auch, dass es den anderen Erlebnisberichten im Vergleich an Substanz fehlt. So wirkt der Film irgendwie ungewollt asymmetrisch.

 

PRINZ WILLY

Der Dokumentarfilm gibt einen Einblick in das Leben von Willy, der mit seinem kleinen Live-Club „Prinz Willy“ ein Stück Musikkultur in der Stadt Kiel wahren will.
Der Film sieht richtig gut aus. Tolle Bildgestaltung, tolles Zusammenspiel von Bild und Ton. Klug werden Details wie Willys Kater Lucy in Szene gesetzt. Hervorragend funktioniert auch der Kniff, Willys Interview-Ausführungen vor allem als Kommentar über den Bildern zu verwenden. Alles wirkt sympathisch und authentisch. Wenn man im Prinz Willy noch nicht war, möchte man es spätestens jetzt mal besuchen. Einfach ein sehr guter kleiner Dokumentarfilm.

 

MEIN HAFEN

Rauschebart, (wenige) schlechte Zähne – Martin ist ein Aussteiger. Aufgrund eines Burnout hat er seinen Beruf als Pädagoge an den Nagel gehängt und lebt jetzt auf einem Hausboot, das in einem kleinen Hafen vor Anker liegt. Und er ist hier nicht der einzige. „Mein Hafen“ stellt eine kleine verschworene Gemeinschaft von Bootsbewohnern und ihr einfaches, zurückgezogenes Leben vor.
Ein auch in technischen Belangen gelungener Dokumentarfilm, der auf einen eigenen Kommentar verzichtet und einfach Martin und die anderen Hafenbewohner erzählen lässt.

 

FICTITIOUS LOVE

Eine junge Frau in einem Lokal beim Speed-Dating. Ohne dass sie ihre Namen nennen, stellen sich die Date-Partner aufgrund ihrer Ausführungen und Aufmachungen allesamt als Hauptfiguren bekannter Kinofilme heraus: Bruce Wayne/Batman, James Bond, Jack Sparrow (Fluch der Karibik), Jack Dawson (Titanic), Forrest Gump. Das treibt die junge Frau zusehends zur Weißglut. Doch dann wartet noch eine besondere Überraschung auf sie…
Witzige Idee, witzig umgesetzt. Die Schauspieler machen ihre Sache insgesamt wirklich gut, ganz besonders die Hauptdarstellerin. Die zwar farbenfrohe, doch stimmige Beleuchtung des klug als Drehort ausgesuchten Lokals spielt den Filmemachern zusätzlich in die Karten. Diesen Kurzfilm kann man sich wirklich gut mal geben.

 

ZUGZWANG

Der einzige in schwarz-weiß gedrehte Film des Abends. Mehrere dialogfreie Handlungsstränge steuern parallel auf ihre Auflösung zu. Verknüpft sind sie mit einem Schachspiel zweier Herren in einem herrschaftlichen Saal – sepiafarben gehalten. Während bei allen Handlungssträngen schließlich jemand zu Tode kommt, fällt auch einer der Könige in der Schachpartie. Schachmatt.
Sehr gelungen sind die Matchcuts an dieser Stelle: die Position und Haltung der jeweiligen toten Person stimmt jeweils mit der Positionierung einer umgefallenen Schachfigur überein. Positiv fällt auch die elegante Endtitelsequenz auf einem Schachbrett auf. Offen bleibt, was genau die einzelnen Parallelereignisse zu bedeuten haben. Hier bleibt der Film abstrakt, was manchen gefallen mag, anderen weniger.

 

FLORA

Flora war definitiv ein Höhepunkt des Abends. Drei junge Männer rauchen in der freien Natur eine Droge namens Silvercrush. Einer von ihnen entfernt sich ein gutes Stück von den anderen beiden und fährt unter dem Einfluss der Droge buchstäblich einen Film. Wo eigentlich nur ein Baum steht, sieht er eine wunderschöne junge Frau, die er vor (für uns in Zeitlupe) nahenden dunklen Reitern verteidigen muss. Die Auflösung wartet schließlich mit einer schönen Portion nordisch-trockenem Humor auf.
Besonders auch filmtechnisch haben die Macher hier wirklich abgeliefert: tolle Herr-der-Ringe-Ästhetik, stimmige epische Musik, gelungene Bildführung. Das Timing stimmt auch. Hut ab!
Sascha Witt, Thies John

 

VATERKOMPLEX

In unserem am 25. Februar hier veröffentlichen Interview erzählte uns Sascha Witt, einer der Macher des Films, worum es in „Vaterkomplex“ geht: „Es geht im Kern um den Konflikt zwischen einem jungen Mann und seinem Vater. Der Sohn erlebt durch das Aufsuchen des ehemaligen Hauses seines Vaters Teile seiner Vergangenheit erneut und stellt sich diesen, indem er das Haus betritt. Ein Dialog zwischen Vater und Sohn findet zum zweiten Mal statt. Letztendlich löst sich der Konflikt auf, indem der Sohn erwacht und durch die Anregungen des Vaters einen anderen, emotionalen Weg einschlägt.“
Schöne Kameraperspektiven, insgesamt ein guter Look, effektiver Einsatz von Musik und gute darstellerische Leistungen – ein gut gemachter Kurzfilm. Hier und da noch ein Tick weniger Klischee in den Dialogen, und die emotionale Durchschlagskraft und Glaubwürdigkeit wäre gleich eine noch größere. Alles in allem aber gelungen.

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