MEINE LIEBEN ZUHAUSE (D 2014, Urte Alfs)

Alles begann mit 80 Postkarten, die die Filmemacherin Urte Alfs in einem Berliner Trödelladen fand. Sie machte sich auf die Reise und sammelte Bilder von den Ferienorten, in denen sich die Absender aufgehalten hatten. Die Zuschauer auf dem Filmfest Schleswig-Holstein erwartete eine überraschende Interpretation des Materials.

 

Bericht von Jessica Dahlke

Inhalt von MEINE LIEBEN ZUHAUSE

Auf den Spuren der Familie Matzat reiste die Filmemacherin Urte Alfs im Sommer 2013 durch die Ferien- und Kurorte der ehemaligen DDR. Geleitet von 80 Postkarten, geschrieben von vier Generationen in der Zeit von 1953 bis 1990. Aus den Fragmenten entstand das Portrait einer Reise, einer Familie und eines Landes im Verschwinden.

Die Kunst der Banalität

Was tut man, wenn man die Postkarten einer linientreuen DDR-Familie findet? Richtig, man macht einen Film daraus. Oder besser nicht? Es würde Sinn machen, wenn das Leben dieser Familie ihre Höhen und Tiefen hätte. Oder die Reihe der Nachrichten ein überraschendes Ende. Wenn es etwas gäbe, was die Zuschauer aus dem Film mitnehmen würden. Wenn es Witz hätte.

Widerspricht der Filmemacher gängigen Konventionen des Geschichtenerzählens, dann ist das für gewöhnlich avantgardistisch. Das gilt natürlich nur dann, wenn die Regeln der Dramaturgie bekannt sind und der Künstler sie gewitzt umspielen kann. Der Grad ist schmal zum peinlichen Dilettantismus. Und so strotzt der Film „Meine lieben Zuhause“ so voller Banalität, dass er für den Zuschauer spätestens nach 10 Minuten zur Folter wird. Aber immerhin hatte die Filmemacherin ja schon in ihrem Kurztext davor gewarnt: „Der Film ‘Meine Lieben zu Hause’ erzählt nicht. Er zeigt die Orte, von denen sich eine Familie Ansichtskarten schrieb … Er lässt Raum zum Abschweifen – und Zeit zum…“ Wegträumen. Äh, nein „Träumen.“ Und so wartet man vergeblich auf die Pointe, den Höhepunkt, ein Geheimnis, irgendwas. Doch da ist absolut nix.

40 Minuten Durchhalten

Der Film „Meine lieben Zuhause“ funktioniert wie ein Ausstellungsfilm, den man teilweise noch heute in den Museen finden kann. Der einzige Unterschied ist nur, dass man eben nicht mit einem wissenden Nicken auf die Stopptaste drücken kann, wenn man davon genug hat. Man ist gefesselt von seinem Anstand oder von zu vielen Sitznachbarn, die man nicht um Entschuldigung fürs Vorbeidrängeln bitten will.

Wie dieser Film es auf das Filmfest Schleswig-Holstein geschafft hat und am Ende auch noch einen Preis gewinnt, bleibt schleierhaft und hat bei vielen Zuschauern für Unverständnis gesorgt. Vielleicht ist es der bleiernden Schwere des Films geschuldet, die die Jury in einen traumartigen Zustand versetzt hat, der dann mit einem Film verwechselt wurde. Man weiß es nicht. Filmfeste mit Skandalen sind gut … ja eigentlich … aber muss es ein Postkartenfilm sein?

Die DDR war nur romantisch und schön?

Interessant ist zudem die Naivität, mit der Urte Alfs dieses geschichtsvergessene Machwerk geschaffen hat. Auch im Interview kann sie sich eine gewisse Geschichtsromantik über den Unrechtsstaat DDR nicht verkneifen. Immerhin sei, sagt sie, die Wiedervereinigung „eine merkwürdige Annektion durch den Westen“ gewesen. So wundert es auch nicht, dass jegliche politische Distanzierung oder sogar Kritik an der Familie, die immerhin das Unrecht an Andersdenkenden geduldet hat, fehlt.

So versuchen die Zuschauer vergeblich auf einer der Postkarten, auf der der Verfasser eine Lücke im Text mit drei Punkten markiert hat, so etwas wie eine Rebellion, eine Geheimbotschaft zu finden. Einen Sinn hinter diesem Film, der nichts tut, als einfach nur zu existieren. Dafür sollte das Filmfest SH keine Plattform sein.

MEINE LIEBEN ZUHAUSE
Urte Alfs
Deutschland 2014
40 Minuten

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